
Ach, Kevin Großkreutz. Kaum ein ehemaliger Profi schafft es so zuverlässig, sich selbst in die Schlagzeilen zu bugsieren wie der Dortmunder Weltmeister ohne Einsatzminute von 2014. Zwischen Dönerwurf-Anekdoten und nostalgischen BVB-Bekenntnissen war eigentlich alles dabei. Und doch: Diesmal liegt er erstaunlich richtig. Ja, wirklich. Es tut fast weh, das zu schreiben – aber wenn Großkreutz dem VfL Wolfsburg den Abstieg wünscht, dann trifft er einen Nerv, den viele Fußballfans schon lange spüren.
Wolfsburg – Bundesliga ohne Seele
Natürlich kann man jetzt reflexartig auf die Historie verweisen: Fast 30 Jahre Bundesliga, solide Infrastruktur, ein Meistertitel 2009. Alles korrekt. Und dennoch bleibt beim VfL dieses schwer greifbare Gefühl: Da fehlt etwas. Leidenschaft? Identität? Relevanz? Es ist, als würde man ein Fußballspiel sehen, bei dem alles stimmt – außer der Grund, warum man überhaupt einschalten sollte.
Während Traditionsklubs in der 2. Liga Stadien zum Beben bringen, wirkt Wolfsburg oft wie ein Pflichttermin im Kalender der Bundesliga. Kein echtes Feindbild, keine große Liebe, kaum Emotion. Selbst neutrale Zuschauer schalten bei Spielen der „Wölfe“ eher gelangweilt weg. Genau das ist das Problem: Gleichgültigkeit ist im Fußball schlimmer als Hass.
Hecking kontert – aber trifft er den Punkt?
Dieter Hecking, der aktuelle Coach des VfL, ließ sich die Kritik erwartungsgemäß nicht gefallen. Großkreutz solle „vor seiner eigenen Tür kehren“, seine Aussagen seien „despektierlich“. Und klar, aus Trainersicht ist das absolut nachvollziehbar. Wer mitten im Abstiegskampf steckt, braucht keine Häme von außen.
Doch Heckings Verweis auf die lange Bundesliga-Zugehörigkeit greift zu kurz. Denn Zugehörigkeit allein ist kein Argument für Bedeutung. Fußball lebt nicht von bloßer Existenz, sondern von Emotionen, Geschichten und Reibung. Und genau da hat Wolfsburg seit Jahren ein Problem – trotz aller sportlichen Legitimation.
Die unbequeme Wahrheit der Fans
Großkreutz hat es ungewohnt trefflich auf den Punkt gebracht. Sein sarkastisches „Stadion immer voll, geile Stimmung“ ist eben kein bloßer Spruch, sondern eine bittere Bestandsaufnahme. Der moderne Fußball hat viele solcher Projekte hervorgebracht: funktional, durchfinanziert, aber austauschbar.
Dass sich immer mehr Fans lieber die 2. Liga anschauen, ist kein Zufall. Dort gibt es noch das, was im Oberhaus zunehmend verloren geht: echte Rivalitäten, volle Kurven, emotionale Wucht. Vereine mit Ecken und Kanten statt Hochglanzfassade.
Ein Abstieg des VfL Wolfsburg wäre sportlich für die Beteiligten bitter – keine Frage. Aber er wäre auch ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass Fußball mehr ist als Tabellenplätze und Etats. Und vielleicht, ganz vielleicht, würde er die Bundesliga daran erinnern, was sie einmal so besonders gemacht hat.
Und so absurd es klingt: Ausgerechnet Kevin Großkreutz liefert dafür den passenden Denkanstoß. Wer hätte das gedacht.
