„Christian Klar war für uns ein Symbol des Widerstandes“

Als vor 26 Jahren Christian Klar verhaftet wurde, verübte der damals 16jährige Michael* einen Anschlag auf ein Amtsgericht im Ruhrgebiet. Wir sprachen über ihn über seine damalige Solidarität mit dem Terrorismus und die baldige Freilassung von Christian Klar.

Noch Klars Wohnort: JVA Bruchsal Foto: Wikipedia

Ruhrbarone: Als Christian Klar im November 1982 verhaftet wurde verübten Sie einen Brandanschlag auf ein Amtsgericht im Ruhrgebiet.

Michael: Ja und das auf sehr dilletantische Art und Weise: Wir warfen eine Mollotovcocktail gegen die Hintertür eines Gerichtes – die kokelte ein wenig an. Das war es. Wir waren Schüler, es war eher so etwas wie ein Streich – wobei wir uns damals schon sehr wichtig und gefährlich vorkamen.

Ruhrbarone: Warum überhaupt eine solcher Anschlag?

Michael: Da kam vieles zusammen. Politisch war ich zwar damals extrem links eingestellt, aber nicht auf Seiten der RAF, die ja Marxisten-Leninisten waren. Ich sah mit eher bei den Autonomen – und die hatten mit der RAF ideologisch nicht so viel zu tun. Aber Klar war für uns damals ein Symbol des Widerstandes – nicht der Typ selbst, von dem wusste man ja kaum etwas, aber allein dass alle ihn jagten, machte ihn dazu.

Ruhrbarone: Trotz aller ideologischen Differenzen?

Michael: Wir fanden damals, dass die hinten an zu stehen hatten. Die RAF-Leute wurden für ihre Konsequenz bewundert, für das, was Ulrike Meinhof einen klaren Trennungsstrich zwischen sich und dem Feind ziehen nannte. Daher kam die Solidarität. Auf uns als pubertierende linksradikale Teenager machte das schon Eindruck.

Ruhrbarone: Die Taten der RAF hielten Sie nicht von einer solchen Solidarität ab?

Michael: Nein, nicht wirklich. Schleyer sahen wir als einen SS-Mann an, der einfach seine gerechte Strafe bekommen hatte und wenn es einen US-Soldaten erwischte dachte man sich: Das ist sein Job – töten und getötet werden. Was all das für die einzelnen Menschen und ihre Familien bedeutete, bedachten wir nicht. Wir waren eben auch sehr naiv.

Ruhrbarone: Und jetzt kommt Klar frei…

Michael: Er saß ja auch lange genug. Alle Nazi-Mörder bis auf Hess waren früher raus…

Ruhrbarone: Wie sehen Sie die RAF heute?

Michael: Das was die gemacht haben war sinnloser Wahnsinn – die Opfer auf beiden Seiten waren vollkommen umsonst. Da wurden viele Menschenleben sinnlos geopfert – das ist nicht zu rechtfertigen.

Ruhrbarone: Und ihre eigene Tat?

Michael: Pubertärer Schwachsinn – ich bin nur froh, dass dabei nicht viel Schaden angerichtet wurde – und niemand sich verletzte. Aber wir waren nicht die Einzigen, die damals so dachten. In der Nacht nach Klars Verhaftung gab es zahlreiche Anschläge – ich glaube den meisten Tätern ist das heute peinlich.
*Name geändert

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4 Kommentare

  1. #1 | Jens Kobler sagt am 24. November 2008 um 18:41 Uhr

    „Wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat.“ – („Blue Yodel für) Herbert Wehner („- F.S.K.)

  2. #2 | Dirk E. Haas sagt am 24. November 2008 um 20:17 Uhr

    Erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die mit dem Distanzieren von der RAF an ihrer Biografie basteln; da ist die RAF ja doch noch für was gut. Dass die RAF die meiste Zeit auch unter Linken eh nur als Objekt und nicht (revolutionäres) Subjekt firmierte (und entsprechend instrumentalisiert wurde), hat Georg Fülberth vor ein paar Jahren mal aufgeschrieben:
    https://www.konkret-literatur-verlag.de/kvv/txt.php?text=objektraf&jahr=2002&mon=05

    Fülberth selbst hat Klar ein paar Jahre lang im Knast besucht ? bis Christian Klar die Fülberthsche Illusionslosigkeit auf den Wecker ging. Denn es ist natürlich schwer zu ertragen, wenn ein Vierteljahrhundert Knast politisch so dermaßen sinnlos sind.

  3. #3 | Arnold Voß sagt am 25. November 2008 um 08:15 Uhr

    Mir ging diese Truppe schon damals schwer auf den Sack. Wenn der deutsche Kleinbürger aus gutem Hause zusammen mit ein paar Möchtegerndesperados zu den Waffen greift, dann hat das zuallerletzt mit realer Politik zu tun. Diese Leute haben, neben absolut unnötigem Leid für die durch ihre Aktionen Betroffenen, mir und vielen anderen nicht nur den deutschen Herbst sondern auch noch – als politischen Kolateralschaden – 16 lange Jahre Kohl beschert. Und die, die noch übrig sind, spucken heute noch große Töne und/oder müssen dem Rest der Welt mit großkotzig-bereuenden Memoiren auf die Nerven gehn. Warum können diese Leute nicht wenigstens jetzt die Klappe halten!?

  4. #4 | Dirk E. Haas sagt am 25. November 2008 um 11:31 Uhr

    @ Arnold: Soweit ich es wahrgenommen habe, hat einzig Boock großspurig und wichtigtuerisch bereut. Die heutige mediale Präsenz der Ex-RAF haben wir eher denen zu verdanken, die sie für ihre eigenen Zwecke benutzen (zum Vorführen, Abgrenzen, als Popidole, Sündenböcke ?).

    Und zum historischen ?Verdienst? der RAF: Natürlich hat uns spätestens der deutsche Herbst ein paar unliebsame Gesetze beschert, aber an den 16 Jahren Kohl sind wir, die wir in den 1980er und 90er Jahren nicht im Knast saßen, selber schuld.

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