Kraft for Kanzlerin?

Karriere ohne Bierzelt: Kraft

NRW erlebt den Wechsel. Nach nur fünf Jahren an der Macht muss die Regierung von Jürgen Rüttgers am Mittwoch einpacken. NRW wird wieder Rot-Grün. Was noch vor einem halben Jahr als undenkbar galt, tritt ein: Hannelore Kraft wird die erste Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen. Und viele Unken, Machomänner und Möchtegern-Genossenbosse müssen nun verstummen. Ich bin Wechselwählerin und sicherlich keine SPD-Hauspflanze. Aber würde ich die Partei beraten, sollte Kraft die Berliner SPD aufmischen.

Die SPD-Landeschefin hat Rüttgers im Stil einer strategischen Judoka auf die Matte geworfen. Er hatte sich verzockt und an seine Macht geklammert. Kraft ist eine Ausnahme im Männerwahlverein SPD, die sich immer noch an die durch diverse bierselige Kneipenabende hoch getrunkenen Genossen klammert. Kraft hatte keinen Bock auf die bündlerische Ochsentour und ist von jetzt auf gleich die vielleicht größte Hoffnungsträgerin der SPD. Wenn ihr rot-grünes Minderheitsexperiment funktioniert, wird Kraft auch in Berlin gebraucht. Vielleicht schon 2013 als erste Kanzlerkandidatin der deutschen SozialdemokratInnen. Schließlich ist hoffnungsfroher Nachwuchs bei den GenossInnen rar.

Es klingt undramatisch, aber Kraft ist tatsächlich durch die Dörfer getingelt und hat den bis dahin autokratisch regierten Genossen zugehört. Und wurde besser. Wirkte sie anfangs noch völlig übercoacht und hatte sich vor den Heckenschützen der eigenen Partei in den immer selben Sprech eingemauert, ist sie jetzt lockerer. Die Zeiten, als jeder Provinz-Bürgermeister sich als fähigeren Spitzenkandidaten einschätzte sind vorbei.

Schnell baute sie wieder gute Kontakte zu den Gewerkschaften auf, konzentrierte sich auf SPD-Kernforderungen (faire Arbeitsbedingungen, gebührenfreies Bildungssystem) und entkrampfte das jahrzehntelang verspannte und überhebliche SPD-Verhältnis zu den Grünen. Eine rot-rot-grüne Regierung hat sie zwar verhindert, ihre wenig großkotzige Art lässte es aber zu, dass die Linken sie nun trotzdem Ministerpräsidentin werden lassen. Nun muss sie beweisen, dass ihre Politik genaus ambitioniert sozial ist wie das Programm der Linken.

Was kann die Bundes-SPD nun von Kraft lernen?

1. Die große Koalition ist keine Alternative. Das hat Kraft durchdacht und selbst die anbiedernde CDU vor die Wand fahren lassen. Denn in einem Fünf-Parteien-System ist die CDU angesichts von drei Links- oder zumindest drei Mitte/Linksparteien strukturell fast immer die stärkste Partei. Als Juniorpartner aber bleibt die SPD blass und wird abgewählt.

2. Das Fünf-Parteien-System benötigt neue kreative Modelle, Politik zu machen. Wenn in NRW eine rot-grüne Minderheitsregierung versucht wird, ist das auch ein Test für den Bund. Zugleich justiert Kraft gemeinsam mit ihrer Vize-Ministerpräsidentin Sylvia Löhrmann von den Grünen auch das inner-rot-grüne Verhältnis neu. Voraussetzung dafür ist aber, dass Kraft ihre vollmundigen Wahlversprechen zügig umsetzt. Nie wieder darf die SPD nur im Wahlkampf die rote Fahne schwingen. Versprechungen wie ein gerechtes, menschenfreundliches und kostenloses Bildungssystem müssen verwirklichkt werden oder Kraft ist nicht besser als Egomanen wie ihr Vorgänger Wolfgang Clement.

3. Nie wieder darf sich die SPD als „neue Mitte“ (a la Bodo Hombach) für die Interessen der Kapitalbesitzer- und verwalter verdingen. Die Lehren aus dem Scheitern der Agenda 2010 und der industriefreundlichen alten NRW-SPD müssen unumkehrbar gezogen werden. Als linke Volkspartei muss die SPD in ihrem eigenen Interesse all jene für sich begeistern, die für gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Fortschritt sind.

Hannelore Kraft sagt, dass sie „Strukturen verändern“ will. Was für Bildung, Umwelt und Soziales gilt, muss auch für die SPD gelten. Parteichef Sigmar Gabriel mag ja ein immerzu sonnengebräunter guter Redner zu sein. Als Kanzlerkandidatin hätte Kraft in drei Jahren aber die besseren Chancen.

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
15 Comments
Oldest
Newest
Inline Feedbacks
View all comments
Christian S.
14 Jahre zuvor

Kraft ist ausgezeichnet, ja. Wir werden sehen, wie sie sich als Ministerpräsidentin schlägt. Wenn das klappt, wäre eine Kanzlerkandidatur absolut möglich. Man soll nie nie sagen. 😉

Jens
14 Jahre zuvor

Sie soll jetzt erstmal eine gute Ministerpräsidentin werden!

Ollenaua
Ollenaua
14 Jahre zuvor

Yes, we mülheim. Kraft 2013. Gegen merkelekel dürfte sie chancen haben. Aber wer wird dann ministerpräsi? Norbert ‚knebel‘ römer?

Torti
Torti
14 Jahre zuvor

Frau Joeres hätte nicht gedacht, das ich das mal sagen würde: Schöner Artikel und ich bin da ganz Ihrer Meinung zur Strategie der SPD.

Paul Havers
14 Jahre zuvor

Will hier nicht unter die Jubelperser verfallen. Beachtlich ist der Wandel von Kraft aber sicherlich. Gestartet als Leichtgewicht hat sie sich durchgeboxt. Ein Parteioberer meinte letzten im Gespräch, dass er große Zweifel am Anfang hatten. Diese sind inzwischen verflogen.
Bin mal gespannt, ob Kraft auch ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit im Internet geändert hat. Hat sie sich eigentlich noch mal zum Streit mit den Baronen geäußert?

Jens W.
Jens W.
14 Jahre zuvor

Es tut mir leid, aber ich kann mich weder dem Artikel, noch den ersten vier (4)
Kommentaren anschließen.
Mag sich Kraft auch geändert haben, sie ist immer noch die schwache Kandidatin,
die sie auch zu Beginn des Wahlkampfs war.
Keine klaren Konzepte, keine klaren Stellungnahmen und wie lange wird wohl
eine „stabile Minderheiten-Regierung“ existieren???
Nicht Rüttgers hat sich „verzockt“, sondern „Kraftylanti“! Schließlich musste sie ja dazu gezwungen werden, sich jetzt zur Wahl zu stellen. Wenn man ihren Eiertanz
während der „Sondierungsgespräche“ betrachtet, kann man nur zu einem Schluss
kommen: „ICH BIN JETZT DRAN, DER PAPA HAT’S GESAGT!“

HansEgon
HansEgon
14 Jahre zuvor

Ööhmm, war da nicht noch was?
Kraft ./. Ruhrbarone
Schon vergessen? Oder doch wg. aktuellem Hype plattgebügelt?

Das Internet vergisst nix.
Manche pol. Interessierten auch nicht.

Jens
14 Jahre zuvor

@Jens W. (6):
Was ist denn gegen meinen Kommentar zu sagen?

Jens W.
Jens W.
14 Jahre zuvor

Hallo Namensvetter!

Im Prinzip nichts, wenn er ironisch gemeint war! (War nur ein Scherz!!!)
Ich denke, es gilt jetzt abzuwarten, was die tolle NRW-SPD und die
Gutmenschen von den Grünen noch ausser höheren Schulden, einer
seltsamen von niemandem gebrauchten Gemeinschaftsschule, der
Abschaffung der Studiengebühren, dem Rettungsschirms für die
verschuldeten Kommunen und der seltsamen Ablösung zweier
Regierungspräsideneten (Arnsberg – Köln) ausknobeln wird.

Gruß an HansEgon: SUPER!

Jens
14 Jahre zuvor

@Namensvetter (09):
Nein, ich meine das ernst. Und eigentlich ist das eine Position, die jeder verantwortungsvolle Bürger haben sollte – schließlich ist davon auszugehen, dass Hannelore Kraft am Mittwoch zur neuen Ministerpräsidentin gewählt wird und danach die Geschicke des Landes steuert. Und das sollte sie – in unser aller Interesse – gut machen, egal ob man sie mag oder nicht.

Zu den von Dir genannten Punkten sei Dir gesagt, dass die bisherige Dreiteilung des Schulsystems gerade in ländlicheren Regionen inzwischen auch von CDU-Kommunalpolitikern vor Ort für nicht mehr zeitgemäß gehalten wird und diese litten am meisten an der starren Haltung Düsseldorfs. Zu den anderen Punkten könnte ich jetzt auch was sagen, aber es ist ja spät, also lasse ich es.

Manfred Michael Schwirske
Manfred Michael Schwirske
14 Jahre zuvor

Und wie viel, bitte, vom Lorbeer haben Kraft und die SPD hier der Vorarbeit und der Dramaturgie der Grünen zu verdanken?

trackback

[…] Kraft for Kanzlerin? (Ruhrbarone) – Noch ist Hannelore Kraft (SPD) nicht einmal zur nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin gewählt worden, da soll sie schon Kanzlerkandidatin werden. Mir würde es erstmal reichen, wenn sie jetzt eine gute Ministerpräsidentin für unser Land wird. […]

Ulla
Ulla
14 Jahre zuvor

Wenn man bedenkt, was Kraft jetzt mit den Gymnasien vorhat, hätte ich wohl lieber CDU gewählt.

🙁

Stefan Laurin
Admin
14 Jahre zuvor

@Ulla: Das war vorher bekannt.

Jinglebell
Jinglebell
14 Jahre zuvor

Annika Joeres schreibt: “ Ich bin Wechselwählerin und sicherlich keine SPD-Hauspflanze. Aber würde ich die Partei beraten, sollte Kraft die Berliner SPD aufmischen. “

Die Hoffnung ist eben das Letzte, was der Mensch verliert. Ich kenne welche, die der Kraft bald sehr viel Druck machen werden, wenn sie unbedingt nötige Vernunft nicht zeigen sollte.

Annika Joeres zeigt einige Dinge auf, die in die richtige Richtung weisen, und sie ist sicherlich nicht die Einzige, die nun auf Kraft hofft: Kraft KÖNNTE in die richtige Richtung verändern, die Frage ist nur, ob sie es will.

Werbung