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L’Arc de Triomphe, WRAPPED und der erweiterte Kunstbegriff

Eine Verpackung bezeichnet im Allgemeinen die Hülle eines Objektes, insbesondere zu dessen Schutz oder zur besseren Handhabung. Zugleich bezeichnet der Begriff auch den Vorgang des Verpackens bzw. den des Verpacktwerdens. Im Kontext von Handel und Produktion wird der Begriff auf die Verpackung von Produkten bezogen. Hier ist eine Verpackung (in der Kaufmannssprache auch Emballage genannt) die gezielt angebrachte, wieder möglichst ohne größeren Aufwand lösbare Umhüllung eines Produktes. Tuben, Eimer, Flaschen und Dosen sind die gängigsten Verpackungsbehälter.

Transportfähigkeit und Sicherheit geben der klassischen Verpackung also zunächst einmal einen Sinn und Zweck. Relativ abstrakter erscheint dagegen die Geschenkverpackung, die keinen anderen Zweck verfolgt, als das verpackte Geschenk zu umhüllen und zu verstecken, um dem Vorgang des Schenkens und Beschenktwerdens einmal ein Spannungsmoment zu verleihen; der Beschenkte weiß nicht, was sich in der Geschenkverpackung befindet und ist gespannt darauf, es zu erfahren. Ist das Geschenk ausgepackt, folgt das Überraschungsmoment des Beschenkten, der idealerweise dahingehend vom Geschenk überrascht ist, dass er vorher nicht wusste, wie die Idee hinter dem Geschenk für ihn gewählt ist, das Geschenk passend ist und dass sich der Schenker also dafür vorher in einer geistigen Art und Weise mit den Bedürfnissen des zu Beschenkenden, seinen Wünschen auseinandergesetzt hat. Geschenkverpackungen geben dem Prozess des Schenkens und Beschenktwerdens eine wichtige Dramaturgie. Eine Ausnahme hierbei ist das Blumengeschenk, das entweder in Folie verpackt oder unverpackt überreicht wird. Da bereits die auffällige Verpackungsform klar erkennen lassen würde, um was für ein Geschenk es sich in diesem Fall handelt, fallen Spannungsmoment und Überraschungsmoment weg und werden zugunsten der Inszenierung des künstlerisch gebundenen Blumenstraußes aufgegeben, bei dem die Dramaturgie des Floristen mit dem künstlerischen Farbzusammenspiel des floralen Mosaiks im Vordergrund steht.

Zweckfreie Verpackung und zweckfreie Architektur

Verpackt jemand einen Gegenstand ohne Schutz-. Transport, oder sonstige Funktion, so kann man von einer zweckfreien Verpackung sprechen. Als solche zweckfreien Verpackungen erscheinen diejenigen, des Künstlerpaares Christo und Jeanne-Claude. Und es ist sehr bezeichnend, dass ihr letztes Werk, der „Wrapped Arc D’Triomphe“ nach ihrem Tod nun in Paris vollendet wurde. Hat die Stadt doch mit dem Eiffelturm eines der wenigen Gebäude der Welt, das in seiner Architektur einzigartig ist und in seiner Funktionalität vollständig sinnfrei erscheint. Roland Barthes schreibt in seinem Essay über das Wahrzeichen von Paris:

„Die erste Bedingung für eine solche siegreiche Flucht (aus der Vernunft) besteht darin, ein ganz und gar nutzloses Monument zu sein. Die Nutzlosigkeit des Eiffelturms ist immer dunkel als ein Skandal empfunden worden, das heißt, als eine kostbare, doch nicht gestehbare Wahrheit. Noch bevor er gebaut wurde, warf man ihm vor, er sein nutzlos, was, wie man damals glaubte, genügen würde, ihn zu verdammen. Es lag nicht im Geiste einer der Rationalität und der Empirie der großen bürgerlichen Unternehmungen verpflichteten Epoche, die Idee eines nutzlosen Objekts zu ertragen.“ (Barthes, Paris 1965, Berlin 2015)

Die erklärte Nutzlosigkeit des Eiffelturms, der niemals etwas anderes sein sollte, als die reine Konstruktion führt nun dazu, dass der diese architektonisch signifikante Leerstelle unendlich anderweitig aufgeladen werden kann:

„Der Eiffelturm zieht Bedeutung an, wie der Blitzableiter den Blitz. Für alle Bedeutungsliebhaber spielt er die verführerische Rolle eines rein Bedeutenden, das heißt, einer Form, die die Menschen unablässig mit Bedeutung erfüllen, die sie ihrem Wissen, ihren Träumen, ihrer Geschichte nach Belieben entnehmen, ohne dass doch diese Bedeutung jemals endgültig festgelegt wäre.“ (Barthes, ebenda)

Der Arc de Triomphe

Der Arc de Triomphe de L’Étoile ist ein von 1806-1836 errichtetes Denkmal im Zentrum des Place Charles-de Gaulle in Paris. Er gehört zu den Wahrzeichen der Stadt. Er wurde von Kaiser Napoleon I nach der Schlacht von Austerlitz zur Verherrlichung seiner Siege 1806 in Auftrag gegeben und diente dem Ruhm der kaiserlichen Armeen. Mit seinen 49,54 m Höhe, 44, 82 Breite und 22 m Tiefe ist der Triumphbogen von monumentalen Ausmaßen. Der große Gewölbebogen misst 28,19 m in der Höhe und 14,62 m in der Breite, der Entwurf ist im Stil der antiken römischen Architektur gehalten. Die vier Figurengruppen an dem Bogensockel zeigen Der Triumpf von 1810, Widerstand, Frieden und La Marseillaise oder Auszug der Freiwilligen von 1792. Oben sind auf den Flächen rund um den Bogen Flachreliefs mit Nachbildungen von wichtigen revolutionären und napoleonischen Siegen eingelassen. Die Innenwände des Triumphbogens führen die Namen von 660 französischen Militärs und 158 siegreichen Schlachten auf. Berühmt ist er insbesondere aufgrund der bedeutenden Reliefs, die er trägt. Kurz, der Triumphbogen ist ein in Stein gemeißeltes Monument der ruhmreichen Taten der napoleonischen Armeen und nicht zuletzt damit knallharte Werbung für die Profession des Berufsmörders in militärischen Diensten. Was passiert nun mit diesem Monument der systematischen Friedlosigkeit, wenn es verhüllt wird?
Um diese Frage zu beantworten, machte ich mich auf den Weg zum Ort des Geschehens und besuchte am 28. September 2021 den „L’Arcc de Triomphe, Wrapped. Paris 2961-2021“, wie das Verhüllungsprojekt offiziell heißt.

 

Live und in Falten: Der Wrapped Arc D‘Triomphe

Betrachtet man den Wrapped Arc de Triomphe, so fällt sofort ins Auge, dass die Struktur des Monuments durch die Verhüllung verändert wurde; statt der Reliefs bestimmen nun die silbernen Stoffbahnen mit dem dominanten, vertikalen Faltenwurf und den wenigen horizontalen Schnürungen das Bild. Der silberne Stoff schimmert im Sonnenlicht, was dem Monumentalbau eine Leichtigkeit und eine beinahe sakrale Aura verleiht, der Faltenwurf verstärkt durch die Lichtschattenbildung den Eindruck der Vertikalen als dem dominierenden Sichtfokus. Die mit Gerüsten geschützten Skulpturen im unteren Bereich führen zu Ausbuchtungen der Verhüllungsplanen, die das Darunter weiterhin vermuten lassen. Was fehlt, sind die Geschichten der Schlachten, sie sind verhüllt. Die Menschen besuchen den Triumphbogen normalerweise, um von diesen Geschichten mitgerissen, gebannt, beeindruckt, erhoben, entsetzt, ergriffen, gespannt, befreit, zerstreut, erlöst, in Schwung gebracht, aus ihrer eigenen Zeit entführt, mit Illusionen versehen zu werden. Um es mit Brecht zu sagen, sie fühlen sich in das Kunstwerk ein.

Verfremdungseffekt nach Bertolt Brecht

„Was konnte an die Stelle von Furcht und Mitleid gesetzt werden, des klassischen Zweigespanns zur Herbeiführung der aristotelischen Katharsis? Wenn man auf die Hypnose verzichtet, an was konnte man appellieren? Welche Haltung sollte der Zuschauer einnehmen? Er sollte nicht mehr aus seiner Welt in die Welt der Kunst entführt, nicht mehr gekidnappt werden; im Gegenteil sollte er in seine reale Welt eingeführt werden, mit wachen Sinnen. (…)
Das Prinzip besteht darin, anstelle der Einfühlung die Verfremdung herbeizuführen.
Was ist Verfremdung?
Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einmal, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen.“ (Brecht, Bertolt: Stockholm 1939)

Brecht beantwortet in dem Vortrag auch die Frage, was die Verfremdung für einen Effekt auf den Zuschauer hat:

„Verfremden heißt also Historisieren, heißt, Vorgänge und Personen als historisch, also auch vergänglich darstellen. Was ist damit gewonnen? Damit ist gewonnen, dass der Zuschauer, die Menschen auf der Bühne nicht mehr als ganz unänderbare, unbeeinflussbare, ihrem Schicksal hilflos ausgelieferte dargestellt sieht. Er sieht: dieser Mensch ist so und so, weil die Verhältnisse so und so sind. Und die Verhältnisse sind so und so, weil der Mensch so und so ist. Er ist also nicht nur so vorstellbar, wie er ist, sondern auch anders, so wie er sein könnte und auch die Verhältnisse sind anders vorstellbar, als sie sind. Damit ist gewonnen, dass der Zuschauer im Theater eine neue Haltung bekommt. (…) Das Theater legt ihm nunmehr die Welt vor zum Zugriff.“ (Brecht, ebenda)

Die neue Perspektive

Christo und Jeanne-Claude schärfen also mit der Verpackung des Arc de Triomphe den Blick des Zuschauers auf den historischen Aspekt des Schlachtenmonuments, die Fokussierung auf die Vergänglichkeit des Geschehenen versetzt die Betrachter in die Haltung, für sich souverän zu entscheiden, das Monument entweder als klassisches Denkmal zu betrachten oder als Mahnmal wider die Kriege der Welt.

In der Denkmalstürze-Debatte hat der Autor Michael Thumann darauf hingewiesen, dass der Sturz von Denkmälern die Gefahr birgt, die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen. (Thumann: Gegen die Statuen und das ganze System. In: Die Zeit, 12. Juni 2020) Thumanns Gegenvorschlag ist:

„Besser wäre es, nicht gleich alles abzuräumen und die Vergangenheit einfach wegzusperren. Einige der vielen grimmigen Bronze-Lenins hätte man Anfang der Neunzigerjahre auch stehen lassen können. Es droht nämlich auch die Gefahr, dass man die Schrecken und Verbrechen jener Zeit vergisst, dass man ohne Denkmal gar nicht mehr weiß, wer der Mann eigentlich war. Man kann Denkmäler manchmal auch einrahmen, erklären, vielleicht auch verfremden.“ (Thumann ebenda)

Abschließend gibt der Autor das Beispiel eines seiner Lieblingsdenkmäler, dass an einer südlichen Ausfallstraße von Berlin steht: Wo zu Mauerzeiten auf einem Sockel ein ausgedienter sowjetischer T-34 Panzer stand, „thront“ nun ein sowjetischer Schnelladepanzer, der allerdings von einem Künstler rosarot angestrichen wurde, der bei Thumann jedes Mal Heiterkeit hervorruft.

Wind und Licht

In der Filmdokumentation: „Christo und Jeanne-Claude. Die Kunst des Verhüllens“ gibt es eine Szene, die während der Arbeiten zur Verhüllung des Berliner Reichstags aufgenommen wurde: Es wird windig und die Arbeiten müssen vorerst eingestellt werden. In diesem Moment gibt Jeanne-Claude das Statement in die Kamera:

„Der Wind ist sowohl unser Freund als auch unser Feind. Unser Freund, weil er alles in Bewegung setzt und lebendig macht. Unser Feind, weil natürlich zu viel Wind auch nicht gut ist.“

Was im Falle eines Projekts wie „The Gates. Central Park NYC“ naheliegt. Bei dem Projekt im Jahre 2005 wurden auf einer Länge von 37 km auf Wegen im New Yorker Central Park 7503 Vinyl-Gates aufgestellt, an deren Horizontalstangen jeweils eine Platte aus safranfarbenem Nylongewebe befestigt war, die dort herunterhingen. Da sie frei hingen, waren sie Windspiele, die durch die Luftbewegungen bewegt wurden. Im Falle von Reichstagsverhüllung und dem Wrapped Arc ist es allerdings bemerkenswert, dass der Wind ganz offensichtlich elementarer Bestandteil des künstlerischen Kalküls von Christo und Jeanne-Claude war. Die unbeweglichen monumentalen Fassaden des Bauwerks werden durch das Zerren des Windes an der Verhüllung beweglich und lebendig, das Gebäude bekommt eine neue Dynamik, die seiner eigentlichen Statik als Gemäuer  entgegensteht.

Ein weiterer interessanter Moment in der Filmdokumentation zeigt die beiden Künstler auf dem Dach des Reichstags während der Verhüllungsarbeiten. In dem Moment kommt die Sonne durch die Wolkendecke und taucht das mit Planen verhüllte Dach in ein gleißendes Licht:

Christo: „Wunderschön, das Licht kommt.“
Jeanne-Claude: „Großartig, das Licht.“
Christo: „Magisch.“

Das ist der Moment, in dem sich zeigt, dass ihr künstlerisches Kalkül mit der Entscheidung für die silberne Planenfarbe aufgegangen ist. Dieses magische Moment, das in diesem Fall durch die Reflektion des Sonnenlichts auf der silbrigen Plane hervorgerufen wird, ist in jedem Moment neu und dabei vollständig abhängig von Tageszeit und Wetterlage. Es ist insofern unkalkulierbar. Für den Zuschauer bedeutet es, dass – je nachdem, zu welcher Tageszeit oder an welchem Tag man den Wrapped Arc besichtigt – die Wetterlage bestimmen wird, welches Kunstwerk der Betrachter sieht und die Windstärke entscheidet darüber, wie dynamisch das Kunstwerk wirkt. Wind, Licht und Zuschauer werden damit ein Stück weit zu Koautoren, der den Wrapped Arc in der jeweiligen Perspektive und Zeit für sich jedes Mal wieder neu definieren.

Entwicklung des Projekts „L‘Arc de Triomphe, WRAPPED“

„It will be like a living object that will move in the wind and reflect the light. With its moving folds, the monument‘s surface will becom sensual. People will want to touch the Arc de Triomphe.“ Christo

In Paris schuf Christo seine ersten verhüllten Objekte und Skulpturen aus Ölfässern. Dort begann auch das gemeinsame Leben und Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude. 1962 realisierten sie dort mit „The Iron Curtain“ in der Rue Visconti ihr erstes gemeinsames Projekt. Im Jahr 1985 verhüllten sie den Pont Neuf.

Während der Vorbereitungen zur Ausstellung „Christo und Jeanne-Claude. Paris!“, das im Juli 2020 eröffnet wurde, begann Christo im Jahr 2017 das Projekt voranzutreiben. Gemeinsam mit dem Centre Pompidou legte Christo das Kunstvorhaben schließlich offiziell dem Centre des Monuments Nationaux vor, das im März 2019 dafür die Genehmigung erteilte. Erst 60 Jahre nach dem ersten Entwurf wird Christos und Jeanne-Claudes Idee im September 2021 Realität. Über die Geschichte des „Wrapped Arc“ von der ersten Projektidee bis hin zur Realisierung ist im Kölner Taschen-Verlag eine sehr lesenswerte und ausführliche Dokumentation erschienen, in der sich zahlreiche von Christos Projektskizzen ebenso finden wie eine Chronik der Planungs- und Genehmigungsfortschritte bis hin zu den konkreten Aufbauarbeiten und dem fertigen Projekt:
Christo and Jeanne-Claude: L’Arc de Triomphe, Wrapped. Taschen Verlag Köln, 2. Oktober 2021, 128 Seiten, ISBN 13 978-3836579520, 25 €.  

Künstlerischer Prozess

Zur generellen Herangehensweise äußert sich Christo in einem Vortrag:

„Alle Projekte, die ich mit Jeanne-Claude anpacke, übersteigen unsere Vorstellungskraft. Oft benutze ich ein Foto als Hintergrund und nehme dann aber richtigen Stoff und Bindfaden. Oben in unserem Atelier mache ich Zeichnungen und Skizzen von den Projekten, bevor sie verwirklicht werden. Alle Zeichnungen dienen der Vorbereitung. Sie zeigen auch die ästhetische Entwicklung eines Projekts. Diese Kunstwerke benutzen wir auch bei öffentlichen Anhörungen, um die Erlaubnis von Regierungsstellen oder Eigentümern zu bekommen. Und außerdem kann so ein Objekt an die Wand gehängt werden. So finanzieren wir unsere Projekte. Jeanne-Claude verkauft die Bilder an Sammler, Händler und Museen in aller Welt. Alle Projekte zahlen wir mit unserem eigenen Geld. Kein Geld von der Industrie, keine Schenkungen, keine Stipendien. Das Projekt kristallisiert sich in dem Entstehungsprozess. Jetzt erst werden wir mit der Landschaft, dem Fluss, der Umgebung vertraut, erfahren mehr über den Wind, das Licht, die Sonne und natürlich ästhetische Fragen. Welche Form das Gebäude durch den Stoff erhält, wo das Seil geführt wird und wie diese neuen Volumina entstehen.“

Soziale Interaktion in der Vorbereitungsphase

Der zeitintensive Vorlauf der Projekte hängt mit den genehmigungsintensiven Verfahren im Bereich der Landschaftskunst zusammen. Da haben alle Anrainer ein gewaltiges Wörtchen mitzureden. Es gibt 37 Projekte, die nach mehrheitlichem Widerstand aus der Bevölkerung oder anderen Gründen von Christo und Jeanne-Claude aufgegeben wurde. Wie sehr sich im Bereich der Kunst auch Berufspolitiker verirren können, zeigt die Aussage des Abgeordneten Wolfgang Schäuble, der bei der Beratung des Antrags zur Verhüllung des Reichstagsgebäudes am 23. Februar 1994 mit seiner Aussage bei komplett selbstsicherem Auftreten totale inhaltliche Ahnungslosigkeit bewies:

„Sämtliche Symbole sollen einen, sie sollen zusammenführen. Eine Verhüllung des Reichstags würde aber nicht einen, sie würde nicht zusammenführen, sie würde polarisieren.“

Heute wissen wir, dass der verhüllte Reichstag ein Symbol für die Wiedervereinigung Deutschlands geworden ist, gemeinsam mit den Besuchern entstand eine Soziale Plastik. Aber wenn man Kunst nicht auf der Leinwand im heimischen Atelier macht, sondern Landschaft dafür temporär okkupiert, dann muss man sich als Künstler eben auch damit abfinden, dass es eine nicht unerhebliche Menge X an Menschen gibt, die zwar gut im Bewirtschaften von Ackerboden, Finanzen oder Bundestagspräsidentschaft sind, für die der Bereich der Gegenwartskunst sich jedoch im Thema Malen-nach-Zahlen erschöpft.

“The Wall” und “Big Air Package” im Gasometer Oberhausen

In diesem Zusammenhang seien die Künstlerischen Leiter und   Kuratoren des Oberhausener Gasometers sehr lobend erwähnt, die mit „The Wall“ anlässlich der Abschlusspräsentation der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA) im Jahre 1999 im Gasometer eine Installation von Christo und Jeanne-Claude ermöglichten, die aus 13.000 übereinander gestapelten Ölfässern in sieben Farben und einem Gewicht von 234 Tonnen bestand, 26 Meter hoch, 68 Meter breit und sieben Meter tief war. 390.000 Besucher sahen die Installation innerhalb von sechs Monaten. Das Projekt rekurrierte dabei auf ein Frühwerk der Pariser Zeit: Am 27. Juni 1962 baut das Künstlerpaar eine Barrikade aus 89 leeren Ölfässern in einer kleinen Nebenstraße in Paris.

„Ich wollte ein Projekt machen, das auf die Berliner Mauer Bezug nahm. Diese Mauer aus Ölfässern wurde auch „Eiserner Vorhang“ genannt. Für wenige Stunden eine poetische Barrikade im Quartier Latin. Ein kleines Projekt aus meiner Jugend.“ so Christo. Das Projekt „Iron Curtain“ erregte in der Öffentlichkeit Aufsehen. Zum einen, weil es illegal war und den Leuten den Weg versperrte und zum anderen an der offensichtlichen Kritik an der damals ein Jahr alten Berliner Mauer.

Im Jahr 2013 präsentierte Christo mit „Big Air Package“ ebendort die größte bisher geschaffene Innenraumskulptur der Welt. Die Skulptur im Inneren des Gasometers wurde aus 20.350 Quadratmetern lichtdurchlässigem Gewebe und 4.500 Metern Seil gefertigt. Im aufgeblasenen Zustand erreicht sie bei einem Gewicht von 5,3 Tonnen eine Höhe von mehr als 90 Metern, einen Durchmesser von 50 Metern und ein Volumen von 177.000 Kubikmetern.

Kunststudenten mit Zeichenblöcken 

Doch zurück zum Place Charles de Gaulle. Pariser und Touristen mischen sich hier, staunen, fotografieren um die Wette und die Fotografen versuchen, einen Moment abzupassen, den Wrapped Arc ohne Autos vor die Linse zu kriegen, was nicht einfach ist, denn der Verkehr ist wie immer und überall in Paris dicht. An einer Seite des Platzes hat sich eine Gruppe Kunststudenten der ENSBA an einem Mauersims eingerichtet und nun sitzen sie eifrig vor ihren Zeichenblöcken. Ich frage sie, was sie besonders am Wrapped Arc interessiert.

„La structure est merveilleuse, monsieur.“

„C‘est un excellent paquet cadeau.“

„La réflexion de la lumière.“

„Rien. C’est un devoir de merde.“

“The Floating Piers” Projekt Iseosee, Italien 2016

Etwas weiter ein Buchhändler, der auch Drucke von Christo-Projekten feilbietet. Darunter eines von „The Floating Piers“. Es war das eines der letzten Großprojekte von Christo und Jeanne-Claude im Juni 2016 in Europa: Ein Schwimmdocksystem aus 220.000 hochverdichteten Polyethylenwürfeln, über die 70.000 Quadratmeter glitzernder dahliengelber Stoff gelegt waren, um vorübergehend einen drei Kilometer langen Steg über die Oberfläche des Iseosees zu bilden, der das Festland mit den Inseln Monte Isola und San Paolo verbindet. Um das Spiel von Licht, Farbe und Oberfläche zu verstärken, entschloss sich Christo, 20 Prozent mehr Stoff zu verwenden, als die Gesamtlänge der Stege verlangt. Er legte das Projekt auch zeitlich in die Wochen um die Sommersonnenwende, also mit dem meisten Tageslicht, um die sich verändernde optische Wirkung zu maximieren. ‚Der See besitzt eine konstante Feuchte, und die Farbe reagiert und verändert sich ständig. Er glüht am Morgen rot und durchläuft im Laufe des Tages Gold- und Gelbtöne.

Staunen und Fragen

So verschieden „The Floating Piers“ von „Wrapped Arc“ zu sein scheint, beiden ist das Spiel mit dem Sonnenlicht zu eigen. Der ungewöhnliche Anblick des sonst gewohnten Sujets durch die Verpackung macht den Zuschauer staunen. Das Erstaunen ist seit der Antike der Ursprung der Philosophie, aus der die philosophischen Fragen erwachsen, im Falle des Arc de Triomphe sind das vielleicht Fragen wie: Was ist das eigentlich für ein Bauwerk unter der Verpackung? Was spielte es für eine Rolle, wenn es den Arc de Triomphe gar nicht gäbe, wenn er von heute auf morgen verschwinden würde? Was bedeuten die darauf abgebildeten Geschichten für uns Menschen in der Gegenwart? Und jeder Betrachter findet zu dem temporär entfremdeten Monument seine eigenen Fragen, die von seiner Persönlichkeit als denkendem Menschen und seinem individuellen Charakter, seine Biografie und seiner Sicht auf die Welt wie in dem Moment auf den verhüllten Arc de Triomphe inspiriert sind.

Impressionismus und erweiterter Kunstbegriff

Christo selbst bringt den gemeinsamen künstlerischen Ansatz in einem Vortrag auf den Punkt:

„Schon immer waren Künstler von Architektur angezogen. Angefangen mit Piranesi und Raffael bis hin zu Claude Monet, der die Kathedrale von Rouen in verschiedenen Farben malte. Er sagte nie, die gotische Kathedrale sei nicht gut, sondern; ich sehe sie auf meine Weise, ich male sie in blau, gelb und rosa. Warum nicht? Anstatt es wie Monet zu machen, nehmen wir das wirkliche Gebäude und verwandeln es für kurze Zeit. Jeanne-Claude und ich realisieren all diese Projekte, weil wir den Kunstbegriff hinterfragen und erweitern wollen.“

Christos und Jeanne-Claudes Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur das Publikum braucht, wie jede Kunst, sondern dass sie eine Öffentlichkeit braucht. Publikum findet man in jedem Museum. Und dann gibt es eben noch diejenige Kunst, die nach Claes Oldenbourg etwas Besseres zu tun hat, als in einem Museum auf ihrem Arsch zu sitzen. Der Begriff der Eventisierung von Kunst und Kultur ist in den letzten Jahren sehr strapaziert worden und in Misskredit geraten. Das ficht die Kunst Christos und Jeanne-Claudes nicht an, denn mit „The Iron Curtain – Wall of Oil! Barrels““ schufen die beiden bereits zu einem Zeitpunkt die ersten politischen Landschaftskunstaktionen, als in der Landeshauptstadt Düsseldorf Joseph Beuys artig in der Aula der Kunstakademie Düsseldorf sein erstes FESTUM FLUXORUM FLUXUS veranstaltete und vom erweiterten Kunstbegriff noch nicht die Rede war. Mit „Wrapped Kunsthalle Bern“ folgte 1967-68 die erste Verhüllung eines öffentlichen Gebäudes, im selben Zeitraum entstand mit der „5600 Cubicmeter Package“ auf der documenta IV in Kassel die größte jemals aufgeblasene Struktur ohne Skelett. Die Kunst Christos und Jeanne-Claudes fordert die nachhaltige Reflexion der Öffentlichkeit bereits im Entstehungsprozess, da die Anrainer und das Publikum sich bereits in der Planungsphase kritisch in Anhörungen mit dem jeweiligen Projekt beschäftigt und mit den Plänen und Konzepten der Künstler konfrontiert. Dass zahlreiche Projekte in der Planungsphase am Widerstand der betroffenen Bevölkerung scheiterten und daher aufgegeben wurden, ist ein weiterer sozialer Aspekt der Landschaftskunst, der ebenfalls von dem Künstlerpaar künstlerisch einkalkuliert wurde.

Ich umrunde den „Wrapped Arc“. Von der westlichen Abendsonnenseite über den Süden des Platzes zur Schattenseite im Osten. Von hier aus wirkt der Verpackungsstoff eher gräulich und durch den großen Innenbogen glitzern die von der westlichen Seite beschienenen Innenseiten silbern. Die Oberflächen des „Wrapped Arc“ oszillieren im Herbstlicht zwischen Halbdunkel und Funkeln. Ich nehme die Kamera herunter und genieße den Anblick. Ich will jetzt nichts mehr, außer nur zu schauen. Später kommt eine Hostess lächelnd auf mich zu, sie drückt mir ein Stück des Verpackungsstoffs in die Hand und ich bedanke mich: „Merci Madame.“. Ich schaue mir das Stück Stoff an, es ist von außen silbern und von innen blau, es fühlt sich rau an. Ich habe mich jetzt ein wenig entfernt und sehe den „Wrapped Arc“ gebrochen durch das Blätterdach eines Laubbaumes. Bald werden die Blätter fallen und bald wird auch der Arc de Triomphe wieder ohne Verpackung schutzlos im Herbstregen stehen.

Einer der Besonderheiten der Kunst des Wrappings ist ihre Vergänglichkeit, diese hat sie mit dem Theater gemein. Sie entsteht, ist präsent und verschwindet flüchtig anschließend wieder aus der Welt und hinterlässt nichts. Was bleibt sind ein paar Fotos, ein Stück Stoff und die Erinnerungen all jener Menschen, die es erlebt haben, die daran teilhatten. Nichts ist für die Ewigkeit, aber vieles für den Moment. Kunst kann solche besonderen Momente erzeugen.

Auf dem Place Charles de Gaulle de L‘Etoile fahren plötzlich Dutzende Polizeifahrzeuge mit Musik auf und die Insel am Arc wird menschenleer. Die Metrostation ist geschlossen.

Ich vermute mal, eine Bombendrohung. Ich nehme zu Fuß die Avenue Marceau Richtung Seine. Es dämmert und als ich mich noch einmal umschaue, funkelt der „Wrapped Arc“ rötlich in der Abendsonne. Von den Bäumen des Boulevards fällt das erste Herbstlaub herab. Am Abendhimmel Wolken. Ich frage mich, wie sie wohl als „Big Air Packages. Sky Project 2022“ aussehen würden.

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6 Kommentare zu “L’Arc de Triomphe, WRAPPED und der erweiterte Kunstbegriff

  • #1
    Angelika, die usw.

    Ein wunderbarer Artikel! Vielen Dank!

    (Bitte den Tippfehler in dem Satz "…Bald werden die Blätter fallen und bald wird auch der Arc de…" verbessern.)

  • #2
    Georg Hofrichter

    Soviele Worte über eine Idee, die banaler nicht sein kann. Irgendwas Bekanntes wird in Geschenkpapier verpackt. Dabei sind diese Verhüllungsaktionen klimatechnisch der reine Wahnsinn. 25.000 qm Stoff aus Propylen, die allein für die Aktion in Partis hegestellt wurden. Heiligt der Zweck die Mittel?

    Übriges: Schon seit 1962 trug sich Christo mit dem Gedanken, den Arc zu verhüllen. So wurde der Kunstbegriff mit einer banalen Idee über ein halbes Jahrhundert hin konserviert und über die Jahre in kleine Happen präsentiert. Ist es auch Kunst, wenn ein Leben lang nur eine einzige Idee meistbietend vermarktet wird?

    Das sind ganz nette, plakative Events, aber mit Sicherheit keine wirklich große Kunst – so aus dem Auge des Betrachters subjektiv festgestellt. 😉

    Eine glatte 10 auf der nach oben offenen Blähfaktorskala

  • #3
    Angelika, die usw.

    @Georg Hofrichter

    Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie im Gasometer OB Big Air Package (Christo) gesehen/erlebt haben. Sonst könnten Sie ggf. nachvollziehen, was der Autor meint.

    Vielleicht mögen Sie dies:
    Tate Modern
    https://twitter.com/Tate/status/1448000564768485377?s=20

  • #4
    Tolduso

    Nachdem Kunst zur völligen Bedeutungslosigkeit durch-demokratisiert wurde, bleibt als einzig Positives zu vermerken, daß ich sowohl dem Künsztler als auch seinem Werk den Anspruch Künstler zu sein und Kunst zu machen legitim absprechen kann, ohne mich mit Begründungen abmühen zu müssen.

  • #5
    Walter Stach

    -1-
    Angelika

    Zustimmung und zugleich "Lob" an die Ruhrbarone, dass Daniel Kasselmann hier seine "Beitrag" veröffentlichen durfte.

    Dass in diesem Zusammenhang wieder einmal gefragt wird, "Ist das Kunst" und/oder "Was ist Kunst", ist naheliegend und und freut mich, denn das läßt erkennen, daß Kunst in den Köpfen, in den Herzen vieler Menschen existent ist , sehr viele Menschen interessiert und bewegt und sie zu Reflektionen über das "jeweilige Kunst-Produkt" und zu Diskussionen darüber veranlaßt. Dem Kunstwerk, dem Künstler , der Kunst in Gänze kann doch nichts Besseres passieren.

  • #6
    Georg Hofrichter

    Angelika, habe ich mir natürlich angeschaut, fand es aber nicht so beeindruckend und kann es auch nicht so bedeutungsschwanger interpretieren, wie es im Artikel geschehen ist. In meinen Augen bleiben es aufgeblähte, plakativ-banale Objekte / Installationen.

    Jedes Werk von den Beiden wurde Jahrzehnte zuvor schon als Projektidee rumgereicht, Als Illustrationen war es jedem Kunstinteressierten bereits bekannt, bevor die Projekt umgesetzt wurden.
    Schnee von gestern, so oft aufgewärmt, dass sich obendrauf schon eine unansehnliche Kruste gebildet hat.

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