Leopoldina: Empfehlungen für ein anderes Land

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Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften hat eine Stellungnahme zum Umgang mit der Corona-Krise veröffentlicht. Die Akademie empfiehlt eine allmähliche und kontrollierte Rücknahme der in den vergangen Wochen beschlossenen Einschränkungen. In einem Land, das technologisch nicht so Rückständig ist wie der Bundesrepublik, ließen sich viele der Empfehlungen schnell umsetzen.

Die Leopoldina-Akademie spricht sich in einer heute veröffentlichten 19 Seiten langen Stellungnahme für eine langsame Rücknahme der Corona-Einschränkungen aus. Schulen sollen zumindest für kleiner Kinder wieder geöffnet werden, Kindertagesstätten allerdings nur in einem sehr begrenzen Umfang: Kleine Kinder würden sich nicht an Abstandsregeln halten. Ältere Schüler und Studenten auch weiterhin vor allem sollen verstärkt Fernunterricht erhalten. Auch Einzelhandel und Gastgewerbe sollen wieder öffnen, private Reisen möglich werden.

Doch Akademie hat für diese Schritte Bedingungen genannt:

  1. Der Schutz jedes einzelnen Menschen und die Ermöglichung eines menschenwürdigen Lebens stehen im Mittelpunkt allen staatlichen Handelns.

Erst dann folgen zwei weitere Punkte:

  1. Dazu gehört neben dem Schutz von Gesundheit und Leben die möglichst zeitnahe, wenngleich nur stufenweise zu realisierende Wiederherstellung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Handlungsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger. Optimaler Gesundheitsschutz und die alsbaldige Wiederaufnahme des gegenwärtig weitgehend stillgelegten gesellschaftlichen Lebens stehen nicht prinzipiell in Spannung zueinander, sondern bedingen einander wechselseitig.
  2. Die zu ergreifenden Maßnahmen sollten entlang der Leitkonzepte von Nachhaltigkeit und Resilienz entwickelt werden.

Alles was die Leopoldine vorschlägt hängt davon ab, das Daten in Echtzeit erhoben werden, das in den Behörden und Krankenhäusern nicht nur die entsprechenden Geräte vorhanden sind, sondern ihre Benutzung Alltag ist – und es die Software gibt, die Daten schnell zu verarbeiten, zu analysieren und zur Verfügung zu stellen. Kurzum, all das, vor dem die Menschen von Technologiefeinden und politischen Angstunternehmern über Jahrzehnten gewarnt wurden, so dass eine Atmosphäre entstand, in der Technologieskepsis und -Verweigerung zum Teil als schick gelten und Investitionen in die nun dringend benötigte Infrastruktur unterblieben:

„Maßnahmen für die schrittweise Rückführung in einen gesellschaftlichen „Normalzustand“ müssen neben dem Istzustand der Pandemie deren zu erwartenden Verlauf berücksichtigen. Statistische oder mechanistische, dynamische computergestützte Modelle können hierfür auf Basis valider Fallzahlen und anderer relevanter Datenquellen (Mobilität, Demographie, etc.) verlässlichere Kurzzeitprognosen (mit entsprechenden Fehlerbereichen) ermöglichen. So können potentielle Szenarien für längere Zeiträume verglichen werden. Um die Wirkung politischer Maßnahmen und populationsweiter Verhaltensänderungen regional hochaufgelöst (z. B. auf Landkreis oder Bezirksebene) zu berechnen, ist es erforderlich, relevante Daten in Echtzeit in die Modelle einfließen zu lassen. Hierzu gehören nicht nur die epidemiologischen Daten, sondern auch populationsaggregierte Daten bezüglich Mobilität und Kontaktnetzwerken. Um tagesaktuell und regional hochaufgelöste Vorhersagen zu berechnen, muss der Prozess der Datenerfassung, Datenaufbereitung, Standardisierung und Integration in prognostische Modelle substantiell beschleunigt werden.“

„Die Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus hat inzwischen auf alle Bereiche unserer Gesellschaft massive Auswirkungen. Angesichts der daraus resultierenden enormen Unsicherheit kommt der Wissenschaft eine große Verantwortung zu. Sie muss auf der Basis aller verfügbaren Erkenntnisse und der ständig aktualisierten Datenlage eine hochdynamische Situation analysieren und Handlungsempfehlungen geben.“

„Zum Beispiel können bundesweite Umfragen per Smartphone-App Daten des aktuellen Gesundheitszustands der Bevölkerung liefern. Zudem könnten Apps zur freiwilligen Mitteilung von Symptomen und Informationen zum eigenen Krankheitsverlauf nützliche Daten liefern. Fitness-Tracker und sog. Wearables zeichnen Daten zum Ruhepuls und zu Schlafrhythmen auf, deren Analyse das Auftreten von Fieber und grippeähnlichen Symptomen anzeigen kann.“

„Die bisher stark symptomgeleiteten Datenerhebungen führen zu einer verzerrten Wahrnehmung des Infektionsgeschehens. Es ist daher wichtig, die Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung substantiell zu verbessern, insbesondere durch repräsentative und regionale Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus. Die so gewonnenen Daten sollen in Echtzeit in die laufenden Anpassungen dynamischer Modelle einfließen und so verlässlichere Kurzzeitprognosen ermöglichen. Diese können zur Entscheidungsunterstützung herangezogen werden und die Wirksamkeit politischer Maßnahmen überprüfbar machen. Dabei sollte die Nutzung von freiwillig bereitgestellten GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing, wie dies beispielsweise in Südkorea der Fall ist, möglich sein. Dies würde die Präzision heute verfügbarer Modelle steigern, um insbesondere eine kontextabhängige, örtliche Auflösung und damit eine differenzierte Vorhersage des Pandemieverlaufs zu erlaube“

„Um effektive und differenzierte Maßnahmen zielgerichtet umzusetzen, sollte eine unverzerrte, möglichst umfassende Datenbasis durch longitudinale Testung regional unterschiedlicher Kohorten bezüglich ihres Infektions- und Immunitätsstatus sowie der psychischen Resilienz und der Bereitschaft der Bevölkerung zur aktiven Mitarbeit angestrebt werden. Der Zuschnitt einer repräsentativen Stichprobe, etwa eines Mikrozensus, kann das erforderliche Datenaufkommen deutlich verringern. Durch repräsentative Testungen geeigneter Kohorten kann somit der reale Anteil Infizierter, Erkrankter, Verstorbener und immuner Personen ermittelt werden. Gleichzeitig sollten alle Verdachtsfälle in die Testung einbezogen werden, um Infizierte gezielt unter Quarantäne zu stellen. Dies erfordert eine weitere Erhöhung der Testkapazitäten, wobei derzeit insbesondere die knappe Verfügbarkeit von Reagenzien zu Verzögerungen führt.“

Was dieses Land nun können müsste, kann es technisch nicht.

Wenn die Leopoldina in diesem Zusammenhang fordert „Die digitalen Datenspenden müssen in partizipatorische Projekte eingebettet sein, in denen Bürgerinnen und Bürger zum Allgemeinwohl und gemeinschaftlich zur Eindämmung der Pandemie beitragen können.“ klingt das für mich nach der Forderung einer Schutzgeldzahlung an die vielen NGOs genannten Angstunternehmen, die schon darauf warten, Panik zu verbreiten, aber mit ein paar Steuermillionen vielleicht ruhig zu bekommen sind. Wer eine solche Mafia in seinem Land hat groß werden lassen, muss in Momenten wie diesen nun einmal zahlen.

Praktisch kann es nur heißen: Nutzt die Tracking-Software an der Google und Apple gerade zusammenarbeiten. Den etwas Besseres oder auch nur halbwegs Vergleichbares wird man in Europa nicht schnell hinbekommen.

Und Fernunterricht? Eine gute Idee, aber in der Bundesrepublik längst kein Standard. Hier wird improvisiert und das rächt sich nun. Eine ganze Generation zahlt den Preis dafür, dass Generationen lieber gegen Technik demonstrierten als Technik zu entwickeln und einzusetzen.

Wenn die Krise vorbei ist, sollten wir sehr viel Geld in HighTech investieren: Künstliche Intelligenz, Big Data, Gentechnik, 5G und schnelle Internetleitungen.

 

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ke
ke
2 Jahre zuvor

Doch, das Land kann das.
In den Unternehmen ist es in vielen Bereichen Standard.
Führungskräfte entscheiden auf Basis von Daten, die nahezu in Echtzeit erhoben werden.
Politiker navigieren auf Gefühl! Daten zum Corona-Geschehen interessieren nicht.

Die Politik, die Schulen, die öffentliche Verwaltung können es nicht. Hier geht es nicht um moderne Prozesse, wie sie bspw. in allen Banken und Versicherungen Standard sind, sondern um Beschäftigung und Macht.
Warum schaffen die Schulen keinen Fernunterricht? In den Unternehmen klappt das. Die Kids sind täglich mit Videos und Chats unterwegs.
Fehlt Hardware? Ich bin sicher, dass die Lücken ohne Probleme durch Spenden etc. in kürzester Zeit gefüllt werden könnten.

Man muss es nur wollen.
Die Industrie kann es! Die IT kann es!
Ein RKI hätte schon lange zeitgemäße Strukturen durchsetzen müssen, statt mit Fax-Geräten zu operieren. Dass die politischen Verantwortlichen sich nicht für solche Strukturen interessierten, ist ein anderes Neuland und Milchkannen-Thema. Aber wir wählen solche Politiker und vor ein paar Tagen war Herr Habeck, der nicht in der Lage ist, einen Facebook Account zu managen, noch ein heißer Kanzler-Kandidat.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-01/robert-habeck-twitter-facebook-account-loeschen-datenschutz-angriff

Björn Wilmsmann
Björn Wilmsmann
2 Jahre zuvor

Ja, Deutschland hat es in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgrund von Überheblichkeit und Bequemlichkeit verpasst, in neue Technologien, Infrastruktur, Digitalisierung und allgemein Verbesserung von Prozessen zu investieren.

Deswegen wurde dieses Land nun in den letzten Wochen auch in dieser Hinsicht ins kalte Wasser geworfen. Jetzt muss, was jahrelang nicht durfte, angeblich nicht ging oder arrogant belächelt wurde.

Digitalisierung, insbesondere Remote Work, ist jetzt für viele Unternehmen kein vermeintlicher Luxus mehr, sondern schlicht eine Frage des Überlebens. Dies war vorher natürlich auf längere Sicht auch vorher schon absehbar, wurde aber in der jetzigen Dringlichkeit leider nur von wenigen so wahr genommen.

Unternehmen, Behörden und Gesellschaft insgesamt sind jetzt gefordert, diese Veränderungen mitzugehen und mitzugestalten.

Dies wird einen enormen Aufwand bedeuten, ist aber machbar. Eine Krise kann eben auch eine Chance sein. Und Pandemien haben seit jeher auch dafür gesorgt, dass Innovation beschleunigt oder eben teilweise auch erzwungen wurde.

Bochumer
Bochumer
2 Jahre zuvor

Genau. Die NGOs sind an allem Schuld. Und die Grünen. Aber auf keinen Fall die Auswüchse des Kapitalismus wie etwa die CumEx-Geschäfte, durch die dem Staat eben die Milliarden fehlen, die es für digitale Schulen und Gesundheitsämter brauchen.

Und retten können uns nur Konzerne, deren fehlerhafte Software für grandiose Sicherheitslücken verantwortlich sind – erkenntlich für alle, die ein wenig Code lesen können.

Recht schlichtes Weltbild.

Björn Wilmsmann
Björn Wilmsmann
2 Jahre zuvor

> Und retten können uns nur Konzerne, deren fehlerhafte Software für grandiose Sicherheitslücken verantwortlich sind – erkenntlich für alle, die ein wenig Code lesen können.

Reichlich überhebliche Einstellung. Komischerweise machen es diejenigen, die sich im Netz gerne über über angeblich so leicht erkennbare Fehler in Software von "Konzernen" mockieren, dann selber nicht besser. Wenn das alles so einfach wäre, wäre es doch ein Leichtes, mal eben ein sicheres Betriebssystem oder einen neuen Browser zu entwickeln (und damit nebenbei auf "einfache" Weise viel Geld zu verdienen …). Ist es aber eben nicht.

Robert Müser
Robert Müser
2 Jahre zuvor

Wenn Elfenbeinturm auf Realität trifft …

… beim Lesen der 19 Seiten der Leopoldina-Stellungnahme habe ich mich an manchen Stellen gefragt ob der versammelte Sachverstand dieses Landes manche Dinge schon mal im aktuellen Originalzustand gesehen hat.

Bochumer
Bochumer
2 Jahre zuvor

@Autor: Das ist durchaus ein guter Punkt. Nur ist "der Staat" nicht nur der Bundeshaushalt. Rechnet man die Schulden der unteren Ebene dazu, war die Lage schon vor der Krise dramatisch. Das fiel/fällt nur aufgrund der niedrigen Zinsen nicht auf.
An den mangelnden Investionen sind aber sicher nicht die NGOs Schuld. Zumal es da dann doch eine große Vielfalt gibt. Bessere Internetversorgung in abgelegenen Gebieten braucht es: Da versagt "der Markt" oder genauer die Führungen von Unternehmen.
Ansonsten ein guter Artikel. Die Aussage stimmt. Es müsste aber nicht alle Punkte aus dem eigenen Weltbild zusammengemischt werden. Dann wird es nicht so krude.

Schneider
Schneider
2 Jahre zuvor

Interessanter Artikel:

Drei kleine Anmerkungen

Die Probleme in der öffentlichen Verwaltung in der IT liegen meines Wissens nicht an fehlendem Geld oder Willen, sondern am Problem der Standardisierung. Kein Konzern hätte eine performante IT, wenn jeder Standort seine Strategie selbst entscheiden könnte/würde.

Einer der wesentlichen Punkte der Empfehlung der Akademie ist die Erfassung von repräsentativen Daten zur Ausbreitung des Virus. Das ist heute doch – sorry to say – blanker Bullshit. Eine Zahl, die offensichtlich getrieben wird von der Zahl der durchgeführten Test und der Methodik, wer getestet wird, als Maßstab für die Ausbreitung und die Sterblichkeitsrate zu nehmen, ist doch wahlweise pure Dummheit oder böse Methode/Verarschung.

Ja vielleicht ist die Verwendung der Google/Apple App die einzige Möglichkeit – aber bitte bitte denen ganz genau auf die Finger schauen.

Ke
Ke
2 Jahre zuvor

#8 S Laurin
Damals war das Anschließen des Telefons nur durch Beamte möglich, da es sonst das Telefonnetz gefährdet war.
Heute macht es Oma Müller selber in ein paar Minuten.

Die damaligen Postbeamten hätte diese Prozesse auch nie aus der Organisation vereinfacht.

Das trifft jetzt für viele Verwaltungen zu ,die alle das Rad neu erfinden wollen, obwohl die Verwaltungsaufgaben sich im Kern nicht großartig unterscheiden sollten.

Aktuell kosten diese Defizite Leben, da die Seuche nicht effizient bekämpft werden kann.

Gerd
Gerd
2 Jahre zuvor

@7:

"Bessere Internetversorgung in abgelegenen Gebieten braucht es: Da versagt "der Markt" oder genauer die Führungen von Unternehmen."

Nein, weder Markt noch Unternehmen versagen, sondern die Politik. Die hätte z.B. bei der Vergabe der Mobilfunk Frequenzen entsprechende Vorgaben machen können. In Frankreich und anderen Ländern hat sie das.

Maluski
Maluski
2 Jahre zuvor

#Stefan Laurin

#4
Der Staat hat nicht genug Einnahmen!
Hätten wir keine die privaten Sparer und Pensionskassen vernichtende Nullzinspolitik der EZB, dann wäre der Bundeshaushalt trotz Rekordeinnahmen wegen massiver Ausdehnung der Transferleistungen schin heute jährlich deutlich negativ.

Auf Wunsch liefere ich gerne die Quellen und Rechenwege, aber es ist ohnehin fraglich, ob fundierte, aber durchaus gepfefferte Meinungen von den Baronen verarbeitet und hingenommen werden. Ich bezweifele dies mittlerweile nach der Nichtfreischaltung einiger Kommentare.

#8
Ob Bochumer oder Du, beide seid Ihr typisch deutsch und alt. Starlink ist die Zukunft! Zwar ist es dann mit romantischen Sternenhimmel-Lovenights vorbei, aber dafür hat auch Sibirien oder die Bahnlinie Münster-Bremen schnelles Internet. Einfach mal googlen, sich fragen warum Deutschland nun ganz schnell einen eigenen "Weltraumbahnhof" haben will und eigene Sichtweise überprüfen.

Weiterhin bleibe ich dabei:
Überall steht mehr Überwachung drauf!

Angelika
Angelika
2 Jahre zuvor

"…Schulen sollen zumindest für kleiner Kinder wieder geöffnet werden, Kindertagesstätten allerdings nur in einem sehr begrenzen Umfang: Kleine Kinder würden sich nicht an Abstandsregeln halten. Ältere Schüler und Studenten auch weiterhin vor allem sollen verstärkt Fernunterricht erhalten…"

Seltsame Gedanken. Also ob sich Erst- und Zweitklässler als disziplinierte Mundschutzträger mehr eigneten als Fünfjährige in einer Kita. Als ob Handhygiene in Grundschulen effizient zu leisten wäre. Waren diese Wissenschaftler schon mal in Grundschulen. Sahen Sie die Waschbecken mit Kaltwasser (nur mit Kaltwasser, keine Seife, keine Papierhandtücher)? Sind diese Wissenschafter (oder wenigstens einige von ihnen) mal an Schulhöfen von Grundschulen in Pausenzeiten vorbei gegangen? Sahen Sie Streitigkeiten unter Schülern? Gerangel auf dem Boden usw. (Abstand halten …). Gehen die Kinder dieser Wissenschafter nur auf Privatschulen, die nichts mit dem allgemeinen Standard zu tun haben?

C. Karpus
C. Karpus
2 Jahre zuvor

#13 Angelika

Da gehen sicher einige Kinder der Wissenschaftler auf Privatschulen. Und im Zweifel wird es auch einige geben, die nur beim Tag der offenen Tür oder bei Schulaufführungen in die Schule gehen und sonst seit 40 Jahren keine Schule mehr von innen gesehen haben.

Das Problem eines solchen Pandemie ist, dass sie global und lokal wirkt. Derzeit rufen alle nach zumindest bundeseinheitlichen Regelungen, die Geschichte hat aber gezeigt, dass jede Gesellschaft, jede Gemeinde, jede kulturelle oder religiöse oder soziale Gruppe bzw. Lage unterschiedliche Lösungsansätze erfordert. Bei der spanischen Grippe z. B. machte es z. B. in New York Sinn, Schulen gerade in sozial benachteiligten Gegenden offen zu halten, da die hygienischen Verhältnisse in den Schulen besser waren als in den überbelegten Immigrantenhaushalten in Little Italy, der Bronx etc.

In Deutschland ist die Lage derzeit anders. Zum einen ist COVID-19 hinsichtlich der Ansteckung bei Kinder scheinbar besonders tückisch. So wie ich Herrn Prof. Drosten verstanden habe, stecken sich Kinder ähnlich häufig an wie Erwachsene und haben milde bis gar keine Symptome. Sie stecken aber ähnlich häufig andere Menschen an, so dass man sie so wie ich es verstanden habe, als "epidemiologische Schläfer" ansehen könnte. Das heißt, sie können sich anstecken und das Virus weitergeben, ohne dass man dies durch irgendwelche Symptome erkennen könnte. Erst wenn dann der Papa oder die Mama mit dem Husten anfängt, weiß man genaueres. Und wenn ich Herrn Drosten richtig verstanden habe, kann es dann auch sein, dass die Eltern schon seit einigen Tagen ohne Symptome infektiös waren und die Viren mit zu ihrer Arbeitsstätte getragen haben. Die Öffnung der Schulen halte ich daher in der aktuellen Situation für "Nordrhein-Westfälisches Roulette".

Was häufig auch unterschätzt wird, ist die Anzahl Haushalte, in denen Menschen mit Vorerkrankungen leben. Allein was den Bluthochdruck angeht, leidet ca. jeder Dritte in Deutschland unter Bluthochdruck. Geht man davon aus, dass in der Durchschnittsfamilie immer noch 2 Elternteile aus dieser Altersgruppe vorhanden sind, beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Abiturient aus einem Haushalt mit Bluthochdruckpatienten kommt, ca. 50 Prozent.

(Mathematische Erklärung – wenn ich falsch liege, bitte ich um Hinweise – :

Die Wahrscheinlichkeit, dass kein Elternteil Bluthochdruckpatient ist, beträgt:

0,7 * 0,7 = 0,49

die Wahrscheinlichkeit, dass also kein Elternteil Bluthochdruckpatient ist, beträgt ca. 50 Prozent. Im Umkehrschluss gibt es also in jedem 2. Haushalt eine Person, die unter Bluthochdruck leidet.)

Wenn ich Herrn Professor Drosten weiter richtig verstanden habe, ist es ohne massive Schutzmaßnahmen so gut wie unmöglich mit einer an COVID-19 infizierten Person in einem Haushalt zu leben, ohne sich anzustecken. Das heißt, dass es äußerst wahrscheinlich ist, dass Kinder, die sich symptomlos in der Schule anstecken, ihre Eltern und Geschwister auch anstecken werden.

Wenn man sich jetzt die Gedanken des NRW-Schulministeriums für das Abitur 2020 anschaut, fragt man sich, ob man dort einen COVID-19-Großversuch unter Idealbedingungen plant.

Wenn ich es richtig verstanden habe, denkt man darüber nach, dass die 88.000 Abiturienten jeder 3 Klausuren schreiben soll von der zwei 255 + 30 Minuten dauern soll und eine 180 + 20 Minuten.

Es gibt also insgesamt 264.000 Versuchsräume, in denen, wenn ich es richtig verstanden habe, jeweils 6 Versuchspersonen (5 Schüler plus 1 Lehrer) für eine klar definierte Zeit miteinander in Kontakt gebracht werden sollen. An diesem Großversuch sollen also 88.000 Abiturienten und ich schätze mal 10.000 Lehrer teilnehmen, wenn man davon ausgeht, dass man durch organisatorische Maßnahmen und Schonung der älteren und vorerkrankten Lehrer das Betreuungsverhältnis auf über 1:5 erhöhen kann. Insgesamt sind damit ca. 100.000 Haushalte von diesem Versuch betroffen, in denen ca. 100.000 Personen allein mit Bluthochdruck leben.

Von den betroffenen Abiturienten leiden nach meinen Recherchen ca. 2-2,5 Prozent allein an Asthma. Das heißt, ca. 2.000 SchülerInnen. Haben diese eigentlich die Möglichkeit, sich von diesem Großversuch befreien zu lassen?

Und wie ist es mit gesunden Kindern, die in Haushalten leben, in denen Eltern, Geschwister oder Großeltern leben, die an einer Vorerkrankung leiden? Müssen die ihre Verwandten im Zweifel in Gefahr bringen, da Frau Gebauer ansonsten die Kinder durchs Abitur fallen läßt?

Das kann und darf alles nicht sein!

Gibt es eigentlich Daten im Schulministerium, der Kultusministerkonferenz oder in den Regierungspräsidien, die valide belegen, dass die letztlich im Abitur erzielten Endnoten im Durchschnitt signifikant von den Vornoten aus der Qualifizierungsphase abweichen? Und falls es da eine Abweichung gibt, unterscheidet diese sich signifikant von den ohnehin vorhandenen jährlichen Abweichungen von Abiturjahrgang zu Abiturjahrgang? Wenn es da keine signifikanten Unterschiede gibt, sehe ich aus epidemiologischer Sicht keinerlei Rechtfertigung, wieso solch ein Großversuch an unseren Kindern und ihren Familien durchgeführt werden dürfte. Die Durchführung eines zentralen Zwangsabiturs in der jetzigen Situation ist nach meiner Auffassung weder ethisch vertretbar, wissenschaftlich validiert notwendig noch in irgendeiner Weise "fair". Frau Gebauer muss endlich einsehen, dass sie ihr Versprechen, ein "faires Abitur" zu garantieren, im derzeitigen Zeitpunkt nicht einhalten kann.

Mein Vorschlag wäre es, den Abiturienten anzubieten, eine Abiturzeugnis auszustellen, das anhand der bisher erreichten Vornoten berechnet wird. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die Kinder sich in besonders schweren Zeiten auf das Abitur vorbereitet haben und sich ein großer Teil möglicherweise durch die schriftliche Abiturnote verbessert hätten. Ich fände es also "fair", wenn diese Durchschnittsabiturnote sich aus der Vornote zusammensetzten würde und einem Aufschlag, der in etwa der Hälfte des Durchschnitts des Wertes betragen sollte, um den sich die Abiturnote bei Schülern, die sich normalerweise pro Abiturjahrgang verbessern, erhöht.

Wer damit nicht leben will oder kann, weil er viel gelernt hat und z. B. unbedingt einen besseren Notenschnitt benötigt, weil er z. B. Medizin studieren will, sollte die Möglichkeit geboten bekommen, sich auf der Grundlage seiner bisherigen Vornote (d.h. ohne Aufschlag), im Sommer, Herbst oder wann immer sich die Situation gebessert hat, den regulären Abiturprüfungen zu stellen, d. h. mit allen schriftlichen und mündlichen Prüfungen.

Ich denke, dass sich die überwiegende Mehrheit für das Durchschnittsabitur entscheiden wird, und sofort im Herbst anfangen kann zu studieren bzw. eine andere Ausbildung starten kann.

Bei einem Zwangsabitur wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Tote geben, auch wenn man das nachher natürlich nicht juristisch nachweisen kann, statistisch allerdings schon.

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