Literarische Welthungerhilfe für den Pott


Rainer Osnowski von der lit.COLOGNE wies neulich  in der Vorankündigung zur lit.RUHR zu Recht auf die prekäre Lage der Alphabetisierung im Ballungsraum Ruhrgebiet mit rund fünfeinhalb Millionen Einwohnern hin und malte seine Vision, dass dort „erstmals Autoren auftauchen, die bislang daran vorbeigegangen sind.“ Das interessiere auch jene Verlage, „für die das Ruhrgebiet bislang noch Diaspora ist.“

Literatur und Alphabetisierung im Ruhrgebiet

Sucht man nach den Gründen für die Situation des Ruhrgebiets als Diaspora der Literatur, fällt zunächst ins Auge, dass diese Ansammlung von Steinkohletagebausiedlungen von Beginn an stark migrantisch geprägt war, was den Pütt in der Alphabetisierungsquote generell an das untere Ende der Pisa-Skala zurückwarf, sogar bereits, als es die Pisa-Studie noch gar nicht gab. Der polnische Zechenarbeiter liest nämlich am liebsten die Bibel (AT), spätere Generationen haben sich auf reich bebilderte  Bedienungsanleitungen zum Kurzschließen von deutschen Personenkraftwagen im Hochpreissegment verlegt. Spätere Wellen von Gastarbeitern wie Italiener, Jugoslawen und Türken bereicherten zwar ebenfalls die hiesige Küche, leisteten jedoch – abgesehen von italienschen Schlagertexten und den gesammelten Schriften von Mustafa Kemal Atatürk – ebenfalls keinen nennenswerten Beitrag zur Literarisierung. Was die eigeborenen Ruhrstädter angeht, so lässt sich festhalten, dass diese aufgrund ihres Soziolekts „Ruhrpott“[i] sehr in der Rezeption von Texten des Hochdeutschen behindert sind. Hinzu kommt erschwerend, dass die zunehmende Durchdringung der Luft durch den feinen Zechenkohlensteinstaub im Ruhrgebiet dem ungestörten Lesevorgang insbesondere von Brillenträgern diametral entgegensteht. Diese Situation führte seit den 60er Jahren des 20. Jh. Mit der Zeit zu einer Ausgrenzung elitärer Schichten; wer die allgemeine Hochschulreife erlangt hatte, zog meist schnellstmöglich in eine Universitätsstadt wie beispielsweise Köln. 1965 wurde zwar in Bochum mit der Ruhr-Universität die erste Hochschule im Ruhrgebiet gebaut – diese ist jedoch bis heute nicht ganz fertig geworden; die Bauarbeiten dazu dauern seit nunmehr über 50 Jahren immer noch an.

Die Baustelle der Ruhr-Universität Bochum im Juni 2017 (Foto: D. Kasselmann)

Die Universitätsbibliothek ist zwar inzwischen bereits fertiggestellt, jedoch sind die Regale größtenteils leer.

Im nahen Düsseldorf hat die Politik inzwischen mittels Versorgung aller Erstleser[ii] mit  Martin Baltscheits „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben  konnte“ bewiesen, dass flächendeckende Alphabetisierung durch die systematische Förderung der kindlichen Lust am Lesen durchaus möglich ist. Was nun passieren würde, wenn ein für die Alphabetisierung so wichtiger Autor wie Martin Baltscheit nicht mehr am Ruhrgebiet vorbeigehen würde, kann man sich ja selbst ausmalen und bereits hier wird deutlich, was die lit:RUHR schon alleine für die Alphabetisierungsquote im Ruhrgebiet für eine unglaubliche Chance bedeuten würde.

Die Literaturgeschichte des Ruhrgebiets in der Forschung

In dem Buch „Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets“[iii], stellt der Autor Dirk Hallenberger erstmalig Schriftsteller und deren Werke systematisch vor, die in literarischer Form das Ruhrgebiet zum Thema und Gegenstand von Literatur gemacht haben. Der zeitliche Schwerpunkt liegt auf der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis etwa 1960 und behandelt damit den Zeitraum von der Industriealisierung bis zum Beginn des Strukturwandels infolge der Bergbaukrise. Die Studie widmet sich ebenso den bekannten wie unbekannten SchriftstellerInnen und analysiert die Literatur im Ruhrgebiet in ihrem Spannungsfeld von „Arbeit“ und „Industrie“ einerseits und dem Topos der „Heimat“ andererseits. Von den Heimatbeschreibungen über die Heimatliteratur und die Bergarbeiterliteratur reicht das Spektrum der behandelten Literatur bis zum Ruhrkampf und Ruhrbesetzung und die Nachkriegsliteratur. In seiner Rezension über „Indurstrie und Heimat“ schreibt Hans-Jürgen Hofmann:

„Neben Reisebeschreibungen, Heimatliteratur und Literatur der Arbeitswelt in ihren verschiedenen Facetten tritt in Hallenbergers „Literaturgeschichte des Ruhrgebiets“ die durch Ereignisse der Zeitgeschichte initiierte Dichtung: Ruhrkampf und vor allem Ruhrbesetzung riefen zahlreiche literarische Reaktionen hervor.
Das historische Ereignis des Ruhrkampfes führte auf der einen Seite zu literarischen Produktionen (vor allem: Romane) mit einer dezidiert klassenkämpferischen Position von Autoren aus dem Umfeld der KPD und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) und auf der anderen Seite – mit dem Übergang in den Nationalsozialismus – zu völkisch-nationalen Reaktionen. Letztere sind zumeist autobiographisch angelegt und stammen überwiegend von ehemaligen Freikorps-Kämpfern. Von diesen Schriften aus führt ein gerader Weg zum Thema „Ruhrbesetzung“, das nun nicht mehr überwiegend durch Romane, wohl aber so gut wie vollständig von der nationalistischen Seite literarisch repräsentiert wird.
Die Textsorte Roman mit ihrer relativen ‚Geschlossenheit‘ hat schließlich eine besondere Bedeutung in der Literaturgeschichte des Ruhrgebiets. Seit dem Ende der 20er Jahre, nachdem sich das Ruhrgebiet als literarisches Thema endgültig konsolidiert hat, beginnt die Stadt Essen einen Literaturpreis auszuschreiben und sorgt so sowohl für eine lebhafte Diskussion um den Ruhrgebietsroman als auch für dessen verstärktes Entstehen. Ähnlich wie bei der Literatur zum Ruhrkampf erscheinen in der Folgezeit Romane der verschiedensten inhaltlichen und politischen Ausrichtungen, wobei auch der Heimatroman bzw. das Thema „Heimat“ vorübergehend wieder an Bedeutung gewinnen.
Hallenbergers Systematik, die primär vom Ruhrgebiet als industriell geprägten Raum ausgeht, betont konsequent den Beginn des Strukturwandels als wesentlichen Einschnitt in die Entwicklung (wichtiger z. B. als das Kriegsende) und führt den Leser mit dem Ausblick auf einen Neuanfang zu Beginn der 60er Jahre zum (vorläufigen) Schluss.“[iv]

Was hier irritiert, ist die Tatsache, dass es dem Autor gelingt, eine 300-seitige Arbeit allein über Literatur aus dem und über das Ruhrgebiet zu verfassen, obwohl wir es hier ja angeblich – wie bereits oben erwähnt – nach Osnowski mit einer literarischen Diaspora zu tun haben.

Wo Hallenbergers Geschichte der Ruhrgebietsliteratur endet, setzt das DFG-Forschungsprojekt „Literaturgeschichte des Ruhrgebiets seit 1960“ (Projekttitel) an der Universität Duisburg-Essen an. Die Verantwortlichen skizzieren das seit 2015 laufende Projekt wie folgt:

„Kaum etwas ist schwieriger, als die Literaturgeschichte einer Region zu schreiben“, sagt Prof. Dr. Rolf Parr, der mit Prof. Dr. Werner Jung, Dr. Britta Caspers und Dr. Dirk Hallenberger die große Aufgabe angeht. „Es fängt bereits damit an: Was eigentlich ist das Ruhrgebiet? Geht es um Literatur aus dem, für das oder über das Revier? Was ist mit einem Autor wie Ralf Rothmann, dessen Bücher immer wieder hier spielen, der aber in Berlin lebt und sich selbst gar nicht als Ruhrgebietsautor versteht? Und mit Blick auf den multikulturellen Ballungsraum: Lässt sich das Regionale vom Globalen heute überhaupt noch trennen?“[v]

Was neben der Tatsache, dass die DFG-Forschungsgemeinschaft das Projekt mit 400.000 € fördert, hier bemerkenswert erscheint: „Es dürften einige hundert Romane, Erzählungen, Gedichtbände, Theaterstücke und Dokumentartexte sein, die mit dem Ruhrgebiet zu tun haben. Darunter finden sich Krimis ebenso wie Geschichten über Arbeitskämpfe, das Erwachsenwerden oder das Leben zwischen Fußball und Schrebergarten; geschrieben von Autoren, die hier zuhause waren, es noch sind oder die das Revier aus der Ferne in den Blick genommen haben.“

Die DFG fördert mit 400.000 € ein Projekt, welches das „Nichts“ in der Literaturdiaspora Ruhrgebiet erforscht, das wiederum aus „einigen hundert“ literarischen Texten des „Nichts“ besteht. Damit ist klar, dass wir es beim Phänomen der Ruhrgebietsliteratur nach Sartres „L’Être et le néant“[vi] mit einem höchst existentialistischen Phänomen zu tun haben, wobei noch das Verhältnis der Bestandteile von „Sein“ und „Nichts“ dieser sehr speziellen Ruhrgebietsliteratur zu klären sind.

Literaturkarte Ruhr

Die Lteraturkarte Ruhr wurde im Rahmen eines „Forschenden Lernen“-Projekts an der Ruhr-Universität Bochum erstellt. Im Oktober 2015 fand sich ein Seminar in den Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaften zusammen und setzte sich das Ziel, die vielseitige Literaturszene des Ruhrgebiets übersichtlich organisiert und für jeden zugänglich zu präsentieren. Nach fünf Monaten der Recherche und der Erstellung von über 200 Markern stellte das Wissenschaftsteam die Karte online[vii]. Seitdem kann diese ständig ergänzt werden und das Team der Literaturkarte Ruhr ruft dazu auf, weitere literarische Schauplätze, Institutionen oder Autoren des Ruhrgebiets zu ergänzen[viii].

Die Wissenschaftler der Literaturkarte Ruhr haben nicht nur über 200 Marker an Orten auf der Karte gesetzt, wo sich Literatur entweder institutionell konstituiert, das Ruhrgebiet als Schauplatz von Literatur dient oder Wohnort von Autoren ist, sie versteigen sich auch zu der Behauptung:

„Die Kulturszene des Ruhrgebiets ist schon längst eine überregionale Größe, die durch eine immense Vielfältigkeit und das Nebeneinander etablierter Formate und junger Experimentkultur besticht. Die Literatur des Ruhrgebiets ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung, denn hier werden Geschichten vom strukturellen Wandel, von Aufbau und Umstrukturierung der Städte erzählt, die nicht zuletzt in vielen Fällen auch durch die Mehrsprachigkeit und die Interkulturalität von MigrantInnen gewinnen.“[ix]

Ist ein Kulturimport besser, als das Konzept aus dem Revier?    

Der Leiter des Literaturbüros Ruhr in Gladbeck, Gerd Herholz,  wirbt bereits seit Jahren intensiv für ein Literaturhaus Ruhr, um dem Ruhrgebiet einen Mittelpunkt literarischen Lebens zu geben[x]. Anstatt Konzepte der Literaturförderung aufzugreifen, die aus dem Revier kommen, greift man hierzulande jedoch  anscheinend lieber auf den Import des Konzeptes der lit.Cologne zurück. Dass das, was in Köln funktioniert, im Revier mitnichten funktioniert, fällt den fördernden Stiftungen im Traum nicht ein. An derlei Kulturimporte hat sich das Ruhrgebiet indes bereits gewöhnt; erklärt doch alle paar Jahre wieder und wieder ein neuer künstlerischer Leiter der RuhrTriennale der Welt und dem Revier, was es mit seinen inzwischen nutzlos gewordenen Industriekathedralen noch großartig an kreativem Potential ausschöpfen kann. Daher wird das Ruhrgebiet demnächst mit einem Festivalkonzept beglückt, das in einer Stadt entwickelt wurde, deren größte Kirche zwei Türme hat und in der ein Bier gebraut wird, durch das man hindurchschauen kann. Wir wünschen eine angenehme literarische Mahlzeit der gesammelten jecken Kulturimportscheiße  und wünschen uns, dass die Kulturpolitiker  endlich mal begreifen, dass das Ruhrgebiet eine Literaturförderung und Literaturfestivals, die von Innen her arbeiten und wirken, nötig und aufgrund ihrer zahlreichen hier beheimateten Literaten und tätigen Literaturinstitutionen daher auch vollständig verdient hat!

[i] Redaktion Langenscheidt: Ruhrpott-Deutsch-Hochdeutsch/Hochdeutsch-Ruhrpott-Deutsch. München 2017.

[ii] Das Düsseldorfer Projekt Leselöwen: Jedes Düsseldorfer Kind soll vor dem ersten Schultag eine Bücherei kennen lernen. Wir haben insbesondere die Kinder im Blick, die am unteren Ende der Sozialskala stehen. Jedes der rund 5.000 Düsseldorfer Vorschulkinder, das künftig mit seiner Kindergartengruppe an einer Führung durch die Stadtbücherei teilnimmt, soll das Buch „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ von Martin Baltscheit als Geschenk erhalten. (Beschreibung der Düsseldorfer Bürgerstiftung auf http://www.buergerstiftung-duesseldorf.de/upload/655388_HandoutLeselwen.pdf

[iii] Hallenberger, Dirk: Industrie und Heimat. Eine Literaturgeschichte des Ruhrgebiets. Essen 1999.

[iv] Hofmann, Hans-Jürgen: Dirk Hallenberger. Heimat und Industrie. Zur Literaturgeschichte des Ruhrgebiets. In: geografische Revue, 3. Jahrgang 2001, Heft 1, S. 66-69.

[v] In: Informationsdienst Wissenschaft. https://idw-online.de/de/news641435

[vi] Sartre, Jean-Paul: L’Être et le néant. Paris 1943.

[vii] http://www.literaturkarte.ruhr

[viii] http://www.literaturkarte.ruhr/aktuelles/

[ix] http://www.literaturkarte.ruhr/about.php

[x] Herholz, Gerd: Für ein Literaturhaus Ruhr – Dem Ruhrgebiet fehlt ein Mittelpunkt literarischen Lebens.  In: Revierpassagen.de, 14.5.2014, http://www.revierpassagen.de/24808/fuer-ein-europaeisches-literaturhaus-ruhr-dem-ruhrgebiet-fehlt-ein-mittelpunkt-urbanen-literarischen-lebens/20140514_2232

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14 Kommentare

  1. #1 | Helmut Junge sagt am 29. August 2017 um 19:52 Uhr

    Ich weiß nicht, was die Leute im Revier annehmen werden, ob das durchsichtige Bier aus der Stadt mit der Kirche mit zwei Türmen importiert wird, oder ob sie sich dem Kulturimport widersetzen, wie sie sich auch mal der Übernahme der lateinischen Sprache und Kultur widersetzt haben. Ich bin selbst Literaturbanause, was Gerd Herholz vielleicht bestätigen würde, aber Freunde von mir, hochinteressiert an literarischen Themen, werden die antwort finden. Gehen sie weiterhin zum Literaturbüro, oder wandern sie ab? Das sind treue Schluffen, und deshalb ist die Frage schon beantwortet. Was ich aber nicht weiß, ist die Antwort auf die Frage, wie Leute wie ich, also Banausen, diese Frage für sich entscheiden werden. Ich habe mit Kölsch kein Problem, bin sowieso in all den Bereichen, die mich interessieren eher jemand, der eine Gesamtsicht sucht. Falls es mir gefallen sollte, also mehr gefallen sollte, als das, was der Herholz-Gerd anbietet, werde ich dann anfangen Belletristik zu lesen? Anderes lese ich ja schon immer, und das ist hier ja nicht in der Diskussion. Ich laß das auf mich zukommen.

  2. #2 | Ke sagt am 29. August 2017 um 20:51 Uhr

    Was findet sich in den Wohnzimmern im Bereich Buch/Heft aus meiner Heimatstadt Do?

    Die aktualisierten Werke des Herrn Brockhaus aus Do sind sicherlich noch in vielen Haushalten. Der ebenfalls in DO geborene Autor Helmut Rellergerd dürfte im Bereich der verkauften Exemplare in D auch weit vorne liegen.
    Max von der Grün fällt mir noch ein, und das war es dann auch.

  3. #3 | Reinhard Matern sagt am 30. August 2017 um 09:57 Uhr

    Es ist aus empirischer Sicht Unsinn, dem Ruhrgebiet eine mangelhafte Alphabetisierung vorzuwerfen. Eventuelle Mängel in der Alphabetsierung sähen in Berlin nicht anders aus. Und in Bezug auf Literatur: Das Literaturbüro Ruhr in Gladbeck (Gerd Herholz) veranstaltet seit Jahren regional literarische Vernstaltungsreihen, und des gibt weitere Instituionen, die in dem Segment tätig sind. Aber viele Autoren aus dem Ruhrgebiet sind abgewandert (z.B. Ralf Rothmann, aufgewachsen in Oberhausen; Brigitte Kronauer, geboren in Essen). Eine Abwanderung von 'Kreativen' in Zentren ist allerdings nicht selten. Es gibt die renommierte Zeitschrift "Schreibheft", die von Norbert Wehr (Essen) aus betreut wird, Norbert Wehr ist auch im Veranstaltungssegment aktiv. Und es gibt einige kleine Verlage, z.B. meinen in Duisburg. Der Autor Daniel Kasselmann ist auf das Kölner Marketing hereingefallen, aber wie relativ häufig, zählen die einheimischen Anstrengungen wenig, wenn von außen laut und überheblich gelästert wird. Die Universitätslandschaft im Ruhrgebiet ist übrigens eine der größten und dichtesten in ganz Europa.

  4. #4 | Gerd Herholz sagt am 30. August 2017 um 10:52 Uhr

    Widerspruch! Um was es auf keinen Fall gehen sollte: Die Kontroverse um Literaturpolitik an der Ruhr zu verengen auf einen Scheingegensatz zwischen lit.Ruhr bzw. lit.COLOGNE vs. Literaturbüro Ruhr (das nun wirklich mehr und anderes ist als 'Gerd Herholz'). Und dass Osnowski übers Ruhrgebiet schlicht Kokolores erzählt, ist einfach zu durchschauen, siehe Link unten.
    Über die ungeheure Vielfalt der Literaturförderer hierzulande hatte ich bereits geschrieben (s.u.).

    Es geht nicht 'gegen' die lit.RUHR, es sollte gehen gegen fehlende unterstützende Literaturpolitik an der Ruhr selbst (z.B. beim RVR!). Infrage steht ideenlose Regionalpolitik, die Erfolge nicht erzeugen kann, also nur noch einkauft. Infrage steht auch die Selbstherrlichkeit der reichen Ruhr-Stiftungen, die allein zu wissen wähnen, was dem Ruhrgebiet guttut, infrage steht diese eitle Förderung nach Gutsherrenart usw., die sich nur noch dem Standort- und Eventmarketing, der Wirtschaftsförderung und der Politikrepräsentation verschreibt.
    Es fehlt schlicht jede Balance zwischen den 500.000 € der Stiftungen für die lit.RUHR-COLOGNE und den Support/ der Entwicklung der Literaturförderung vor Ort.
    In dieser ganzen Diskussion verschleißt man sich nur und ich bin ihrer überdrüssig.
    Man sollte nach lit.RUHR und Stadtschreiber Ruhr vielleicht die gesamte Literaturförderung des Ruhrgebiets in die Kölner Hände geben? Es lebe die Ruhrmetropole Köln!
    Worum es mir geht (jedenfalls um anderes als es hier in Kommentaren aufscheint), habe ich in zwei Beiträgen bei den Revierpassagen zu sagen versucht:
    https://www.revierpassagen.de/39883/et-haett-noch-immer-jot-jejange-die-lit-cologne-gmbh-bespielt-mit-dem-festival-ableger-lit-ruhr-das-revier-ruhrstiftungen-sponsern-koelner-mit-einer-halben-million-euro/20170128_0034
    https://www.revierpassagen.de/41149/trotz-des-diaspora-geredes-aus-koeln-das-ruhrgebiet-hat-ein-reiches-literarisches-leben/20170308_1340

  5. #5 | Gerd Herholz sagt am 30. August 2017 um 11:04 Uhr

    … muss oben "dem Support" heißen

  6. #6 | thomas weigle sagt am 30. August 2017 um 11:37 Uhr

    Franz-Josef Degenhardt, der nicht nur sang und "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" bitte nicht vergessen. Letztere war mit Sicherheit durch die DDR-Kampagne "Greif zur Feder, Kumpel" inspiriert und hat schöne Ergebnisse hervorgebracht. Ich habe diese und auch Degenhardts ZÜNDSCHNÜRE, 73/74 verfilmt und von der ARD im Hauptabendprogramm 74 gesendet, mehrfach im Unterricht eingesetzt.

  7. #7 | Helmut Junge sagt am 30. August 2017 um 12:21 Uhr

    Ja, @Thomas, das ist genau die Frage, die sich mir auch stellt. Geht es um Literatur, die im Ruhrgebiet entsteht, so wie damals vom "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", der von dir erwähnt wird, oder geht es um Importware. Das habe ich tatsächlich nicht genau kapiert. FJ Degenhardt hatte ich früher immer als Einheimischen empfunden, aber der stammt aus Schwelm und das ist so weit weg wie Köln.
    @Reinhard Matern trifft m.E. den Nagel auf den Kopf, wenn er bedauernd feststellt, daß viele Autoren aus dem Ruhrgebiet abgewandert sind. Ich habe den Eindruck, daß die kleingeistige, auf den Spaßgewinn orientierte Atmosphäre im "Revier" zur Abwanderung guter Leute führt. Und jetzt kann der Karneval munter Einzug halten. Und Gerd Herholz verstehe ich so, daß er vergeblich um Geldquellen wirbt, diese aber dann doch eher an den marketingorientierten Kölner Verein geleistet werden. Das wird wohl so sein, aber ich weiß nicht, ob zusätzliche Geldmittel genügen würden, die die provinziellen behäbigen Denkmuster anzutriggern. Ich bin ja selber viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, so daß diese Art von Literatur, die Gerd Herholz meint, wenn er über Literatur spricht, nur ganz selten für mich wichtig wird. Hat es aber auch schon gegeben. Und da gab es in meiner persönlichen Erinnerung zwischen mir und Gerd durchaus Differenzen, was die Bewertung der Lieratur des Werkkreises betraf. Das liegt allerdings ein paar Jahre zurück.

  8. #8 | ruhrreisen sagt am 30. August 2017 um 12:56 Uhr

    Tja. Diaspora…Wer wie ich seit Jahren aus purer Neugier auch die Stellenmärkte schreibender Zünfte (Redaktion, Text..PResse, etc.) verfolgt, wird feststellen: das Ruhrgebiet braucht nix – jedenfalls keine bezahlten Schreiber…da muss man leider auswandern, in große Städte, nach Österreich, in die Schweiz…oder arbeitet im Minijob und schreibt daneben aus Spaß an der Freude.
    Vielleicht hängt das Eine mit dem Anderen zusammen. Schade eigentlich, bei sovielen Menschen auf einem Fleck ohne Metropole.

  9. #9 | Johannes Brackmann sagt am 30. August 2017 um 13:37 Uhr

    Der eigentliche Slandal ist: Die Struktur des Ruhrgebiets in den Grenzen des RVR mit seinen 53 Kommunen schafft es einfach nicht, eine abgestimmte Kulturpolitik geschweige denn Wirtschaftspolitik hinzubekommen. Das Ergebnis : jedem dahergelaufenen Veranstalter/Investor wird der rote Teppich ausgerollt und mit Kniefällen begrüßt, ohne die schon vorhandenen Potentiale in der Region zu berücksichtigen und sie bei ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Lit-Cologne-Ableger bei ihren ersten Anfragen in Hamburg, Berlin und München einen Laufpass abgeholt hat: brauchen wir hier nicht! Und daß der Ankerpunkt für die Lit-Ruhr diesmal die Stadt Essen war, ist warscheinlich zufällig; es hätte auch eine andere Stadt treffen können. Zu diskutieren ist in diesem Zusammenhang sicher auch die Rolle privater Stiftungen, die mit ihrem reichlich vorhandenen Mitteln (während die Kommunen im Ruhrgebiet unter der Finanzlast des Strukturwandels weiterhin enorm leiden) mühelos anscheinend ein 500.000,-€Budget für ein Hochglanzfestival zur Verfügung stellen können, dass nun – und zumal mit hanebüchener Legitimation – in knallharte Konkurrenz zu den hier bestehenden Festivals und Veranstaltungen treten wird. Es war und ist wohl immer noch das Problem der regionalen Politik/Verwaltung und ihrer Akteure, ihr mangelhaftes Selbstbewustsein mit Hochglanz- und Importprodukten zu kompensieren. Daran konnte die Kulturhauptstadt 2010 anscheinend auch nicht viel ändern. Doch wie hieß es so schön in 2011: Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben! Schauen wir mal…

    Johannes Brackmann, Geschäftsführer des GREND/Essen, Träger des Festivals "Literatürk"

  10. #10 | thomas weigle sagt am 30. August 2017 um 14:38 Uhr

    @ Helmut Ich habe Degenhardt immer als Ruhrgebietler empfunden, habe aber vorhin vorsichtshalber nachgeschaut und da wurde Schwelm als "am südlichen Rand des Ruhrgebietes liegend" bezeichnet. Da ich mich nicht so genau in der Geografie des Ruhrgebietes auskenne, war ich froh, dass sich mein Empfinden scheinbar nicht getäuscht hat und habe ihn deshalb erwähnt.

  11. #11 | Helmut Junge sagt am 30. August 2017 um 15:48 Uhr

    @Thomas, das Ruhrgebiet ist eben größer als ich dachte. Vielleicht liegt ja Köln auch irgendwie am Rande des Ruhrgebiets. Wir müßten mal fragen, ob sie sich anschließen, wenn wir die Düsseldorfer nicht mitmachen lassen. Hat ja noch keiner versucht! Und wenn es klappt, schwupps haben wir auch eine lebendige kulturelle Szene.

  12. #12 | Gerd Herholz sagt am 30. August 2017 um 22:26 Uhr

    Gut gegeben, Johannes.

  13. #13 | Anja Hünecke sagt am 31. August 2017 um 09:25 Uhr

    @ Reinhard Matern:
    Ich halte es für offensichtlich, dass die mangelnde Alphabetisierung sowie die komplette Einleitung des Textes von Herrn Kasselmann auf Sarkasmus basieren, mit der Absicht darauf hinzuführen, dass es im Ruhrgebiet selbstverständlich ein literarisches Potential gibt – und das nicht erst seit gestern -, welches es aufzugreifen gilt, ohne sich dabei eines Plagiats aus der "großen" Nachbarstadt zu bedienen.

  14. #14 | thomas weigle sagt am 31. August 2017 um 11:09 Uhr

    Da gab es doch diverse Krimis, die in, "Bierstadt" spielten oder die mit dem "Ekel von Datteln." Ist zwar schon länger her, aber ich habe die gerne gelesen. Oder gelten Krimis bei den hochliterarischen Ruhrbaronen nicht als Literatur? Beide Reihen bildeten doch durchaus ein Teil der Ruhrgebietswirklichkeit ab. Jedenfalls bestätigten mir das um 1990 Fraktionskollegen in der LWL-Fraktion, die aus diesen Städten kamen.

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