Nach dem Pogrom. Das Rabbinerhaus in Essen und ein Gedicht

Israel Defense Forces 2012 cc 3.0

„Der Mob wurde von Priestern angeführt und der allgemeine Ruf ‚Tötet die Juden‘ wurde in der ganzen Stadt vernommen.” Vor 100 Jahren berichtete die New York Times aus Kischinjow, dem heutigen Chișinău, Hauptstadt der moldauischen Republik: “Das Grauen, das sich bei diesem Massaker abspielte, ist unbeschreiblich. Säuglinge wurden von dem rasenden und blutrünstigen Mob buchstäblich in Stücke gerissen. Bei Sonnenuntergang waren die Straßen mit Leichen und Verwundeten übersät.“

Drei Tage dauerte das Morden an, niemand hatte die Juden verteidigt. Wenig später hat Chaim Bialik, jüdischer Dichter, Kischinjow aufgesucht und eine “Stadt des Schlachtens / Be Ir HaHaregah” beschrieben. Sein Epos  –  Bialik geht darin mit dem jüdischen Pazifismus, diesem aberwitzigen Vertrauen darauf, dass man dem Blutrausch mit Vernunft begegnen könne, hart ins Gericht  –  hat großen Einfluss gewonnen auf die Idee, dass Juden nichts anderes bleibt, als sich selber zu verteidigen, die zionistische Idee. An Bialiks Poem hat jetzt, nach dem Pogrom der Hamas, das Salomon Ludwig Steinheim-Institut in Essen erinnert. Das Institut, angesiedelt an der Uni Duisburg-Essen, hat seine Räume im ehemaligen Rabbinerhaus der Alten Synagoge Essen, auf das Gebäude wurde im November des vergangenen Jahres ein Terror-Anschlag verübt   –  offenbar im Auftrag staatlich-iranischer Stellen, (…) wie das OLG Düsseldorf jetzt im Urteil gegen Babak J. festgestellt hat: Der Deutsch-Iraner hatte parallel zu dem Anschlag auf das Steinheim-Institut die Synagoge in Bochum mit einem Brandsatz angegriffen. Auf die Eingangstür des Steinheim-Instituts in Essen waren mehrere scharfe Schüsse auf Brusthöhe abgefeuert worden, jeder einzelne hätte tödlich sein können.

“Menschen mit herausgerissenen Zungen wurden auf der Straße tot aufgefunden, Kinder entzwei gerissen, anderen wurden die Eingeweide aus dem Bauch gerissen und über die Gasse geschleift. Ein Morden, wie es wohl noch nie und nirgends vorgekommen sein mag.” So berichtete es ein Augenzeuge im April 1903 dem Cernowitzer Tageblatt, es liest sich wie aus dem Kibbuz Holit berichtet oder aus Kfar Aza oder aus einem der anderen jüdischen Städtchen, die Hamas am 7. Oktober heimgesucht hat. Zivilisationsbruch? Es sind Brüche, sie sind vergleichbar, sie ergeben Geschichte. Blutrausch, staatlich choreografiert. Arye Sharuz Shalicar, Sprecher der IDF, hat die Hamas-Barbarei jetzt einen “Mini-Holocaust” genannt. Um zu verstehen, was er damit meint, hier ein Auszug aus Bialiks Gedicht, an das “Kalonymos” erinnert hat, die Quartalszeitschrift des Steinheim-Instituts, in das geschossen worden ist wie in den Schutzraum eines Häuschens in Kfar Aza:

IN DER STADT DES MORDENS

Auf! Geh’ in die Stadt des Mordens und komm’ in die Höfe!

Und deine Augen werden sehen und tasten die Hände auf Zäunen,

auf Hölzern und Steinen und Mörtel der Wände

verdichtetes Blut und vertrocknetes Hirn Erschlag’ner.

Kommst zu Ruinen und steigst über Breschen,

gehst an durchstoßenen Wänden vorbei und zertrümmerten Herden,

wo tiefgewühlt die Axt und breite, große Löcher geschlagen,

bloßgelegt den rauchschwarzen Stein und die Ziegel, zerbrannte,

daß sie da gleichen geöffneten, brandigen Wunden, die nie werden heilen.

Dir versinken die Füße in Federn und stoßen an vielerlei Haufen

zermalmter Scherben, zersplitterter Splitter,

Pergamente und Bücher, zerwühlt und zertreten – –

Trümmer unendlicher Müh’ und der Früchte tiefschwerer Arbeit. – –

Doch bleibst du nicht stehen am Ort der Verwüstung ud kehrst dich zur Straße –

ach! da blühen Akazien, es strömt ihr Duft dir entgegen,

die Hälfte der Blüten geöffnet – doch riechen wie Blut sie !

Und magst du wüten und magst du dich sträuben: es trägt ihr buhlender Duft

des Frühlings Wollust in deine Brust – und dich überfällt kein Abscheu.

Mit tausend goldenen Pfeilen durchbohrt die Sonne dein Herz und

vervielfacht frohlocken die Strahlen aus jedem Glassplitter über dein Elend.

Denn der HERR entbot sich in einem beiden: Frühling und Morden;

die Sonne leuchtete – die Akazie blühte – und der Würger würgte …

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