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Offener Brief an der TU Dortmund

TU Dortmund Foto: Tuxyso Lizenz: CC

TU Dortmund Foto: Tuxyso Lizenz: CC

Die Fachschaftsräte Deutsch und Englisch der Technischen Universität Dortmund äußern öffentlich Kritik an der Hochschulleitung. In ihrem gemeinsamen Offenen  Brief bemängeln die Studierenden, dass die Hochschulleitung berechtigt geübte  Kritik über die Jahre ignoriert hat.

Sehr geehrte Damen und Herren der Hochschulleitung der TU Dortmund,
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
seit einiger Zeit findet eine Entwicklung an unserer Universität statt, die uns zum einen mehr als missfällt und über die zum anderen dringend öffentlich diskutiert werden muss. Wir sehen uns als Fachschaftsräte in der Pflicht, die Missstände und fragwürdigen Entwicklungen hiermit offen und öffentlich anzusprechen. Wir glauben, dass die Studierenden bisher nicht ausreichend informiert und in den Entscheidungsprozess
involviert wurden.

In der Vergangenheit gab es bereits einen Austausch zwischen studentischen Gremien und der Universitätsleitung. Die bisherigen Treffen zeichneten sich unserer Meinung nach allerdings weder durch einen Erkenntnisgewinn für die Studierenden aus, noch fiel die berechtigte Kritik auf fruchtbaren Boden. Grundsätzlich verschließen wir uns keinem Meinungsaustausch auf Augenhöhe. Wir begrüßen diesen sogar ausdrücklich. Unter den
jetzigen Umständen sehen wir uns bedauernswerterweise gezwungen, den Weg über die breite Öffentlichkeit zu gehen, da jegliche Kritik, die in den letzten Jahren durch studentische Gremien geäußert wurde, seitens der Hochschulleitung nicht angenommen oder schlichtweg ignoriert wurde.

Wir werfen der Hochschulleitung hiermit vor, mangelhafte Qualität der Lehre billigend in Kauf zu nehmen, Benachteiligung von Studierenden zu ignorieren, die Studierfreiheit einzuschränken, die essentielle Fachkultur einzelner Fachbereiche zu zerstören, und die traditionsreiche Lehramtsbildung der Universität auf ein ungesundes wie unvernünftiges Maß zu reduzieren.

Diese Entwicklung zeigt sich konkret in folgenden Punkten:
1. Lehramts-NC
Durch die Zulassungsbeschränkung wird eine Mangelfinanzierung kompensiert. Die erhöhten Anforderungen an das „Nadelöhr“ Erziehungswissenschaften dürfen nicht durch einen NC beschränkt, sondern müssen dem Bedarf entsprechend finanziert werden. Hier steht nicht allein die Lehrerausbildung an der TU Dortmund auf dem Spiel. Insbesondere „kleinere“ Fächer wie Informatik (Im Vergleich zum Vorjahr nur noch 7% der Neueinschreibungen) leiden unter dem NC. Wir sehen die Gefahr, dass das Rektorat die Abschaffung der traditionellen Fächervielfalt sowie der Lehrerausbildung an der TU Dortmund billigend in Kauf nimmt. Die Mangelfinanzierung wird mithilfe von „Kollateralschäden“ verwaltet.

Wir fordern das Rektorat auf, sich zur Lehrerausbildung und zur Existenz von „kleineren“ Fächern, als integralen Bestandteil der Hochschule zu bekennen.

Wir fordern: Keine Lippenbekenntnisse mehr, die offenkundig der konkreten Vorgehensweise widersprechen.

2. Vom Versuchskaninchen zur Karteileiche oder: Der Modellversuch BaMaLa2005 Bis einschließlich des SoSe 2015 werden die Studierenden gezwungen, den Bachelor im Modellversuch abzuschließen. Diese unflexible Handhabung wird allerdings der individuellen Planungen der Studierenden nicht gerecht. Mehrarbeit und Engagement werden bestraft.

Des Weiteren lehnen wir die fehlende Finanzierung des Modellversuchs entschieden ab. Die Bezeichnung „Karteileichen“ für Studierende seitens des Rektorats wird der Situation nicht gerecht. So müssen nach wie vor Seminare für BA-Modellversuch Studierende angeboten und durch die entsprechenden Mittel finanziert werden. Die Argumentation, dass die Studierenden nicht mehr in der Regelstudienzeit sind und deswegen nicht finanziert werden, verkennt die Realität.

Wir fordern: Die Finanzierung der Bachelorstudierenden im Modellversuch muss durch das Land NRW und durch die Universität gesichert sein.

3. Zweckentfremdung der „Qualitätsverbesserungsmittel“
Die Budgetkürzungen treffen die Fakultäten unterschiedlich. In vielen Fakultäten werden die Qualitätsverbesserungsmittel gezwungenermaßen zweckentfremdet und zur Aufrechterhaltung der „Basislehre“ eingesetzt. Das Rektorat hat sicherzustellen, dass die Qualitätsverbesserungsmittel ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden können, ohne die Finanzierung der „Basislehre“ zu gefährden. Die korrekte Verwendung der Mittel ist für viele Fakultäten im Moment nicht möglich.

Wir fordern: Die Universität muss den unterschiedlichen Finanzierungsbedarf der Fakultäten anerkennen. Das Land NRW hat zu gewährleisten, dass die Fakultäten nicht zu einer Zweckentfremdung gezwungen werden können.

4. Vorlesungen als finanzielles Allheilmittel
Grundsätzlich machen Vorlesungen Sinn bei der Vermittlung von faktischem Wissen.Allerdings muss genau und kritisch abgewogen werden, in welchen Bereichen der Wissensinhalt in dieser Form vermittelt werden kann. Insbesondere in Fächern, in der der Lehrgegenstand aktiv im Miteinander und in der Diskussion erarbeitet wird, können Vorlesungen keine Lösung sein. Darüber hinaus werden praktische lehrerspezifische Fähigkeiten nicht in Vorlesungen erworben, sondern in Seminaren.

Wir fordern: Die Universität darf Mangelfinanzierungen nicht durch Vorlesungen kompensieren. Sie muss die individuellen Bedürfnisse der Fächer und der Lehrerausbildung anerkennen. Wer zur Lehrerausbildung „Ja!“ sagt, muss auch zu Seminaren „Ja!“ sagen und die spezifischen Fachkulturen respektieren.

Die Hochschulleitung trägt eine Verantwortung für die gesamte Universität und nicht nur für einzelne prestigeträchtige Zweige. Dieser Pflicht kommt die Hochschulleitung nicht nach. Stattdessen verdichtet sich der Eindruck, dass die Universität ihrem gesellschaftlichen Auftrag hinsichtlich Wissenschaft und Bildung zugunsten ökonomischer
Interessen nicht nachkommt. Dass wir uns zu diesem Brief gezwungen sehen, zeugt von der Ignoranz seitens der gesamten Hochschulleitung gegenüber uns und der in den Einzelgesprächen mit dem Prorektor Studium geübten Kritik.

Wir sehen die Interessen der Studierenden nicht mehr in der Hochschulleitung vertreten. Fachschaftsrat Englisch Fachschaftsrat Deutsch

Bis zum heutigen Tag (12.08.2014) unterstützen 1211 Studierende mit Ihrer persönlichen
Unterschrift diesen Brief.

Folgende Gremien erklären sich solidarisch mit den in diesem Brief ausgedrückten
Problemen:
Die Fachschaftsrätekonferenz und das Studierendenparlament der TU Dortmund,
sowie die Fachschaftsräte
Chemie, Informatik, Katholische Theologie, Kunst, Lehramt, Sprachkultur, Sport.

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16 Kommentare zu “Offener Brief an der TU Dortmund

  • #1
  • #2
    Kathi

    Gut, dass die Situation nun endlich an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Bin gespannt auf die Reaktionen und hoffe, dass der Brief einigen die Augen öffnet!

  • #3
    Simon N. Taalbach

    Seit der Umbenennung in eine „TU“ handelt es sich bei der Dortmunder Universität um eine besonders radikale Variante des Modells „Unternehmerische Hochschule“. Insofern passt diese mehr als berechtigte Kritik auch in die hochschulpolitische Großwetterlage Nordrhein-Westfalens (Stichwort „Hochschulzukunftsgesetz“). Vgl. exemplarisch: http://www.gew-nrw.de/index.php?id=2927.

  • #4
  • #5
    Katrin

    Ich bedanke mich bei den beteiligten Fachschaften fuer ihr ausserordentliches Engagement!!!

  • #6
    Emanuel

    Gibt es die Möglichkeit, dass Anfang Oktober noch weitere Fachschaftsräte den offenen Brief unterschreiben, d.h. wird er dann wiederveröffentlicht.

    Beste Grüße
    Emanuel (FSR Raumplanung)

  • #7
    FS Germanistik

    @Emanuel: Wir freuen uns über eurer Interesse! Wir planen, den Brief Anfang Oktober erneut zu veröffentlichen, um weiteren interessierten Greminen und Einzelpersonen die Möglichkeit zu bieten, den Brief zu unterstützen. Wir informieren euch aber rechtzeitig, sobald es diese Möglichkeit gibt. Für weitere Infos schaut am besten regelmäßig auch auf unsere Studiger-Seite oder auch auf unserer Facebook-Seite.

    Beste Grüße,
    FS Germanistik

  • #8
    ruhri

    @ Simon N. Taalbach
    Wenn man hier schon voelligen Unsinn ueber die TU schreibt, dann sollte man wenigstens mit seinem Namen dazu stehen und sich nicht irgendeinen Decknamen zulegen. Das ist genauso feige und verlogen wie diese ganze Kampagne gegen die TU Dortmund, die hier offenbar gefahren wird.

  • #9
    Simon N. Taalbach

    Aus meiner Sicht ist das keine Kampagne sondern eine an vier exemplarischen Punkten präzise formulierte Kritik der Fachschaften an hochschulpolitischen und -strategischen Entscheidungen, die auch anders hätten gefällt werden können. Zudem steht diese Kritik nicht isoliert da. Vielmehr fügt sie sich ein in eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die sich – auf NRW bezogen – unter anderem auch an den Diskussionen um das Hochschulzukunftsgesetz (bei der Presseoffensive von LRK und IHK (!) könnte man vielleicht von einer „Kampagne“ sprechen), dem Appell „Für eine demokratische Hochschulverfassung und eine Hochschule in gesellschaftlicher Verantwortung“, dem „Templiner Manifest“ oder dem Kodex „Gute Arbeit in der Wissenschaft“ festmachen ließe. Und um sich von der Relevanz des Modells der unternehmerischen Hochschule für die Profilierung der TU Dortmund zu überzeugen, würde ein Blick in die Besetzung des Hochschulrats wohl ebenso genügen wie eine Konsultation jener Liste mit den RektorInnengehältern (http://www.nachdenkseiten.de/?p=20753), die ein relativ klares Bild davon vermittelt, dass die Implementierung von Management-Strukturen im Bereich des Hochschulmanagements eben auch dazu führt, dass sich Rektoratsmitglieder Manager-Gehälter genehmigen können. Vielleicht arbeiten Sie sich einfach einmal ein bisschen in die Materie ein (Beginnen Sie doch einfach hier: http://www.amazon.de/sind-doch-nicht-bl%C3%B6d-unternehmerische/dp/3896917900/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1408637177&sr=8-1&keywords=knobloch+unternehmerische+hochschule).

  • #10
    ruhri

    Mannomann, habe selten so einen ideologisch eingefaerbten Stuss gelesen. Kein Wunder, dass man das nur mit einem Pseudonym machen kann.

  • #11
    Arnold Voss

    Wie wäre es mal mit einem Sachargument, Ruhri? Das sind wir hier so gewohnt. 🙂

  • #12
    ruhri

    Dann folgt mal ein Sachargunent: Ich studiere Deutsch und Englisch an der TU im 2. Semester und habe diese Listen auch unterschrieben. Allerdings war der Text damals ein ganz anderer! Ich fuehle mich nun wirklich getäuscht. Sowas macht man nur, wenn man damit jemandem Schaden will. Dass die Sache an die Presse gehen soll hat mir auch niemand gesagt. Das sind die Fakten. Und so wie ich denken viele Unterzeichner aus dem 2. Semester …

  • #13
    Nicole

    Der Brief wurde inhaltlich zu keiner Zeit verändert! Es wurde lediglich auf formale Kritiken eingegangen.
    Und das ein offener Brief kein Geheimnis ist und durchaus veröffentlicht werden kann, sollte jedem Studenten klar sein!

  • #14
    ruhri

    Das ist schon wieder gelogen. Ich weiss doch, was ich unterschrieben habe. Wie gesagt: Mir kommt es im Nachhinein so vor, als ob es nur darum geht, die TU öffentlich bloß zu stellen. Mir ging es aber nur um die Studienbedingungen. Mehr kann ich bisher auch gar nicht beurteilen.

  • #15
    Nicole

    @Ruhri
    Was du hier schreibst ist absoluter Schwachsinn! Komm doch mal aus der Anonymität des Internets heraus zu einem Fachschaftstreffen und sag, das was du hier geschrieben hast den Leuten ins Gesicht! Dort kannst du dir auch ansehen, was geändert wurde und du wirst sehen, dass ich nicht gelogen habe.

  • #16
    Benny

    Was hat sich denn deiner Meinung nach geändert? Die Kritikpunkte sind der Lehramts NC, der Modellversuch, die Zweckentfremdung der OVM und Vorlesungen als finanzielles Allheilmittel. Was für Kritikpunkte standen in dem Brief, den du unterschrieben hast?

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