S4-Bündnis: „Dortmund hatte schon immer ein massives Naziproblem!“

Das S4-Bündnis will gegen die für das Wochenende geplanten Nazi-Demonstrationen protestieren. Die Dortmunder Polizei tut alles, um dieses Protest zu erschweren. Wir sprachen mit Sonja Brünzel, der Presseprecherin des S4-Bündnisses.

Ruhrbarone: Die Polizei hat dem S4-Bündnis den Protest gegen die Nazis sowohl
 am Freitag als auch am Samstag in deren Nähe
untersagt. Was waren die Gründe für das Verbot?

Sonja Brünzel: Die Gründe waren ähnlich wie die im letzten Jahr: Der wichtigste Punkt ist der, dass wir eine „Gefahrenprognose“ bekommen haben. Dort heißt es, wir gelten als militant und gerade unser Publikum würde mit „Molotowcocktails und Pflastersteinen“ auf Polizeibeamte losgehen. Dabei versucht die Polizei uns alles, was letztes Jahr an Straftaten gelaufen ist, unterzuschieben. Dies ist jedoch fernab jeder Realität, da wir bereits letztes Jahr weitab der Neo-Nazis starten mussten. Fakt ist: Aus unserer Versammlung heraus ging keinerlei Gewalt aus! 
Zusätzlich behauptet die Polizei, es wäre unmöglich uns am Hauptbahnhof starten zu lassen, weil dort Konflikte mit einer weiteren linken Demo zu befürchten wären und beruft sich dabei auf angebliche Aussagen des Anmelders der anderen Demo.
Das dritte und wahnwitzigste Argument ist, dass wir mit einer Demonstration in der Innenstadt dem Einzelhandel schaden würden. Die Polizei befürchtet, dass durch eine Demo in der Innenstadt mögliche Konsumentinnen und Konsumenten abgeschreckt werden.

Noch im vergangenem Jahr ist die Dortmunder Polizei mit einem
Verbot der Nazi-Demo gescheitert. Dieses Mal wurde dieser Weg nicht
beschritten. Ein Fehler?

Die Klage im letzten Jahr war insofern effektiv, dass die Neo-Nazis demobilisiert wurden. Trotzdem kamen noch ungefähr 800 zu der Kundgebung im Hafen. Natürlich ist es in gewisser Form immer schön, wenn es ein vorläufiges Verbot einer Nazidemo gibt. Selten hat dies jedoch rechtlich “Hand und Fuss”. Der Polizei ist dies bewusst. Durch die Klage, welche die Nazis im Zuge des Verbotes geführt und schlussendlich gewonnen haben, wurde rechtlich geklärt, wie die Lage aussieht und somit war ein Verbot in diesem Jahr nicht möglich. 
Stattdessen versucht die Polizei nun jeglichen Protest gegen die Nazis zu verbieten. Dabei ähneln sich die Verbote in gewissen Punkten, was einer Gleichstellung nahe kommt, und allein deswegen schon ein Skandal ist.
Dazu kommt, dass man das Naziproblem nicht mit Verboten beenden kann. Dabei geht es meist ausschließlich um die Darstellung der Stadt und deren Bekundungen etwas gegen Nazis zu machen. Wirklich etwas erreichen wird man nur, wenn eine große Anzahl von Menschen deutlich macht, dass sie die Nazis nicht wollen. Da gibt es zahlreiche Protestformen. Verbote helfen leider nur in den wenigsten Fällen, zumal sich die Nazis dadurch nur in ihrem Kampf um eine vermeintlich “freie Welt” bestärkt fühlen.

Wenn die Polizei effektive Protestformen gegen die Nazis untersagt,
was sind Eure Alternativen?

Die Polizei ist an diesem Tag für den Schutz aller Bürger verantwortlich, auch für die Nazis. Wenn die Polizei nun aber meint, alle Gegenveranstaltungen fernab der Nazis stattfinden zu lassen und somit Grundrechte beschneidet, muss sie sich bewusst sein, dass eine Vielzahl von Menschen auf ihr Grundrecht beharren werden. Somit muss auf andere Protestformen zurückgegriffen werden. Wenn die Polizei einen Protest nicht ermöglicht, werden die Menschen, die an diesem Tag in Dortmund auf den Straßen sind, dafür sorgen.
 Am Freitag und Samstag wird es auf dem WAP-Ticker, der unter ticker.nadir.org erreichbar ist, stets aktuelle Informationen zum Geschehen in Dortmund geben. Der Ticker kann mit nahezu jedem handelsüblichen Handy mit Internetfunktion abgerufen werden.
 Zusätzlich wird es zwei Tage lang auf radio.nadir.org ein Antifaradio aus Dortmund geben. Am 3.9. ab 15h und am 4.9. ab 10h werden jeweils Hintergrundberichte, Liveberichterstattung, Lesungen, Interviews und DJ-Sets gesendet.
Als Anlaufpunkt vor Ort gibt es neben mehreren Kundgebungen auch ein sogenanntes “Convergence Center”. Dort gibt es neben Verpflegung und aktuellen Infos auch einen Ort, um sich von allzu heftigen Szenen in der Stadt zurückzuziehen.
Infos über all das findet ihr auf unsere Homepage: s4.blogsport.de

Dortmund ist, unabhängig von der jährlichen Anti-Kriegstag Demo,
eine Nazi-Hochburg. Was sind Eurer Ansicht nach die Gründe und was
kann getan werden damit sich das ändert?

Dortmund hatte schon immer ein massives Naziproblem, nicht erst seit dem Aufkommen der selbsternannten “Autonomen Nationalisten”. Auch in den 80/90ern konnten Neo-Nazis in Dortmund ungestört agieren und Menschen angreifen. Das Problem ist hausgemacht. Die Stadt hat sich zu lange von einem Naziproblem distanziert. Nur durch antifaschistische Arbeit konnte genug Druck aufgebaut werden, dass nun auch die Stadtprominenz Stellung beziehen muss. Jedoch wäre es zu einfach, nur der Stadt oder der Polizei die Schuld zu geben. Sicherlich sind diese Akteure massgeblich. Aber genauso kommt es auf jeden und jede in Dortmund an. Die Nazis sind schließlich nicht nur am ersten September-Wochenende in Dortmund aktiv, sondern das ganze Jahr über. Sei es durch Flyern an Schulen, Aufkleber-Verkleben in Stadtteilen oder offensives Auftreten am Wochenende in der Innenstadt. Solange die Nazis nicht merken, dass alle sie verachten und ihnen entgegentreten, werden diese weiter selbstbewusst und aktionistisch auftreten. 
In Dortmund fehlt in unseren Augen eine Opferberatung für Opfer rechter Gewalt, denn diese gibt es fast täglich. Zudem muss ein Freiraum her, in dem sich Jugendliche selbst und frei entfalten können. Politisches Verständnis entwickeln und sich gegen Neo-Nazis engagieren und organisieren können. In jeder größeren Stadt gibt es ein Linkes/Alternatives Jugendzentrum, was sich um solche Probleme kümmert, nur in Dortmund scheint von Seiten der Stadt kein Interesse daran zu bestehen. Leute, die sich für so etwas stark machen, werden genau wie Antifaschisten kriminalisiert. Das letzte Beispiel hierfür gab es am 13. August als Alternative, Linke und Künstler ein Haus besetzen wollten, um darin Kultur zu schaffen, und dieser Versuch von der Polizei umgehend beendet wurde.

Die EstNische (3): Bärentöter

2010, Ruhrgebiet ist so gut wie vorüber. Das nächste Ding heißt Tallinn 2011, Geschichten von der See. Und ich bin dabei. Mit Geschichten von der See, der Stadt und diesem überhaupt ziemlich seltsamen Land am nordöstlichen Rande Europas.

Achtung jetzt wird’s schmutzig: Auswandern ist kein Zuckerschlecken.

Estland, sagte mir Vannu, Estland sei nicht Tallinn, nicht nur irgendeine Hauptstadt am Meer, Estland sei das Land außerhalb der Metropole, die Wälder. Draußen im Westen hat Vannu selbst etwas Land und Wald. Gerade sei ein Bär dort erschossen worden. Vannu bringt das jede Menge Ärger: 20 Formulare, Papierkrieg, 30 Kronen Gebühren, schimpft er. Besser wenn der Bär beim Nachbarn gelegen hätte. Was es koste, in Estland einen Bären zu erlegen? Vannu versteht die Frage nicht. „Sagte ich doch“, murmelt der selbst ziemlich bärtige Este: „30 Kronen und zwanzig Formblätter.“

War aber sicherlich nur so dahin gesagt beim Bier in der Kellerbar. Einen Bären zu töten, ist auch in Estland teuer. Jedes Jahr werden nur drei zum Abschuss freigegeben. Ein Braunbär wird ein paar tausend Euro kosten, für einen Luchs muss ein Jäger 1.600 Euro hinlegen, für einen ausgewachsenen Elch 4.000 Euro. Preisbewusstere Jäger können aber auch auf Biber (80 Euro) und Füchse (10) anlegen in diesem Land, das eigentlich ein Wald ist.

In Tallinn merkt man den Wald nur an dem vielen Brennholz, das vor jeder Tankstelle aufgestapelt ist.

Als ich in meiner neuen Zweitheimat ankam, habe ich selbst wie eine Tanke gerochen. Oder wie der Golf von Mexiko. Hatte mir Zugsalbe auf die Backe geschmiert gegen einen eitrigen Pickel, fühlte mich wie ein Hering im Ölteppich. Tatsächlich ist schwarze Salbe wie der schwarze Schleim, mit dem sich nordamerikanische Ölbarone johlend von oben bis unten einsauen, wenn die Bohrung erfolgreich war. In Texas werden sie wenig Probleme mit Furunkeln haben.

Hergestellt wird Schwarze Salbe aus Ölschiefer, dem einzigen Bodenschatz Estlands – neben Wald und Jagdtrophäen. Und manchmal liegt hier ein Geruch nach Sprit in der Luft, dass ich denke, es könnte sich lohnen zu bohren. Um dann im Ölregen zu tanzen. Problem: Ölschiefer ist erstmal nicht flüssig, eine Art Sand, lockeres Gestein, mehr oder weniger bedeckt von anderen Gesteinsschichten.

In Estland kann man Ölschiefer im Tagebau abbauen oder unter Tage, auch mit Bohrlöchern. In das erste wird heißer Dampf gepustet, um Bitumen aus dem Sand zu lösen, in dem anderen steigt es dann als schwarzes dickflüssiges Erdöl zu Tage. Von Duschen ist mir nichts bekannt, wohl aber dass die Ölschieferindustrie eine ziemlich schmutzige Angelegenheit ist. Es wird Landschaft verbraucht im Nordosten Estlands. Sand und andere Überreste müssen nach der energieintensiven Dampfattacke deponiert werden. Und natürlich ist der CO2-Ausstoss der zwei estnischen Kraftwerke erheblich. Trotzdem setzt Estland – erst Recht angesichts „peak oil“ – voll auf sein Ölschiefer, und ich mit: Ohne Strom und andere Netze wäre es doch ziemlich anders hier. Wald eben.

Zwischenraum: Probeliegen in Dortmund

Und wieder Dortmund. Heute präsentiert unser Gastautor Christian Werthschulte eine historische Immobilie in Top-Lage.

Ein Touristenmagnet ist das Dortmunder Dortberghaus schon jetzt. Wer die Westfalenmetropole über ihre Freitreppe am Hauptbahnhof betritt, kann gar nicht anders, als den Bauzaun vor dem ehemaligen Bau- und Katasteramt der Stadt Dortmund zu bewundern. Hinter der Fassage herrscht allerdings gähnende Leere – das Haus ist für den Umbau zu einem Hotel entkernt worden. Die bisherige Erfolgsgeschichte des Bauherren KPE deutet allerdings darauf hin, dass dies auch nach dem Umbau so bleibt. Die Zeit dafür ist denkbar knapp, die Baugenehmigung erlischt 2012. Trotzdem wird im Dortberghaus im Moment wird dort jedenfalls nicht gehämmert.

Beste Voraussetzungen also für alternative Nutzungsformen als Kletterhalle, Konzertraum oder Kinosaal. Selbst einen Herkules könnte man hier problemlos montieren. Und auch um die Akzeptanz bei der breiten Bevölkerung sollte man sich keine Sorgen machen: Das Dortberghaus hat für alle etwas zu bieten. Familien mit Kindern finden eine autofreie Zone vor der Haustür und einen Spielplatz in direkter Nachbarschaft auf dem Boulevard. Kunstliebhaber schauen aus dem Fenster auf die Winkelmann-Videos am U und wer es in Dortmund nicht mehr aushält, ist in fünf Minuten am Bahnhof.

Aber auch wer meint, dass Dortmund etwas hanseatischen Flair vertragen könnte, wird am Dortberghaus seine Freude haben. Im Hamburger Gängeviertel war es ebenfalls die Unfähigkeit eines Investors, die breite Teile der Bevölkerung dazu brachte, die Besetzung gutzuheißen.

Fragen zum aktuellen Stand der Dinge nehmen der Bauherr KPE und die Stadt Dortmund entgegen.

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Gibt es WLAN im Himmel?

Hat Jesus eine Website? Muß ich mich im Himmel einloggen, wenn ich mich hier auf Erden final auslogge?

Der Countrymusiker Robert Earl Keen stellt sich Fragen, die alle Internetsüchtigen brennend interessieren dürften…

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Schalke kauft bankdrückenden Abwehrfranzosen

Der Erwerb von Nicolas Plestan als Abwehrrecken geschah in der letzten Minute. Schalke will mit der Neuverpflichtung vom französischen Lille OSC die eklatante Abwehrschwäche kaschieren. Ich halte die Verpflichtung für einen Bluff, die Aktivität signalisieren soll. Mehr nicht. Hinter der Verpflichtung kann kein langer Plan stecken.

Warum? Nun: Plestan wird als Abwehrspieler per Pressemitteilung verkauft, der 109 Erstligaspiele für den „zweimaligen Meister“ Lille OSC gemacht hat.

Nun, davon hat Plestan – 29 Jahre alt – in der vergangenen Saison gerade fünf bestritten. Und fast hat er die Spiele durchgespielt. Seine Einsatzzeit lag gerade bei 395 Minuten. Den Rest der Saison hat er sich auf der Bank rumgedrückt und so. Wen sollte Schalke auch jetzt noch kurzfristig kriegen für die Abwehr? Wer nicht früh genug sucht, kriegt halt was übrig bleibt – Bankdrücker eben.

Naja, wünschen wir Plestan trotzdem auf Schalke viel Glück. Möge er dort besser einschlagen als der Ex-Bankdrücker Christoph Metzelder. Der Franzose hat einen Vertrag auf Schalke bis zum 30. Juni 2013.

Davon ab Lille war dreimal Meister 1933, 1946 und 1954. Damit auch eher prähistorisch erfolgreich.

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Tauss – rechtskräftig verurteilter Kinderpornographiebesitzer

Das Urteil gegen Jörg Tauss ist rechtkräftig. Der Bundesgerichtshof (BGH) verwarf die Revision des früheren SPD-Politikers als offensichtlich unbegründet. Er hat sich Bilder von Kinderschändungen beschafft und besessen. Die Entscheidung des 1. Strafsenats wurde gerade in Karlsruhe bekanntgegeben.

Das Landgericht Karlsruhe hatte zuvor Tauss zu 15 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er sich in 95 Fällen „Schriften“ von Kinder- und Jugendvergewaltigungen besorgt hatte. Auf seinem Mobiltelefon beschlagnahmte die Polizei zahlreiche Bild- und Videodateien von Kinderschändungen. Bei der Durchsuchung seiner Abgeordnetenwohnung in Berlin wurden zudem drei DVDs mit Material über Vergewaltigungen von Kindern und Jugendlichen sichergestellt.

Damit ist das juristische Kapitel Tauss zumindest in diesem Fall betreffend der Onaniervorlagen abgeschlossen.

Den Schurken verstummen lassen

Der Bundesbanker

Keine Frage: Es lohnt sich keine Diskussion über Sarrazins „Thesen“. Es sind nämlich keine Thesen, sondern populärwissenschaftlich verbrämte Beleidigungen. Was sich lohnt, ist eine Diskussion über die deutschen Medien.

Warum darf sich der Buchautor mit seinem Machwerk in der Bundespressekonferenz inszenieren? Warum gibt der Springer-Verlag, der sich immer seiner Nähe zum Staat Israel rühmt, antisemitischer Dummheit ein Forum mit fetten Vorabdrucken? Warum stoppt die ARD nicht ihren eitlen Talker Beckmann, der Thilo S. in seine Sendung holte? Dass in Deutschland die Armut und Hoffnungslosigkeit bei nichtdeutschen und deutschen Menschen wächst, interessiert in Wahrheit die großen Meinungsmacher nicht. Das ist so bekannt wie vernachlässigt.

Thilo Sarrazin galt bislang als spleeniger Ex-Hauptstadtpolitiker mit Kaiserreich-Schnauzer und leicht glasigem Blick. Jetzt hat er es dank Unterstützung wichtiger Meinungs-Medien leider in die erste Liga der Hetzer gebracht: Sarrazin steht mit seinem unappetitlichen Sabber-Ausfällen gegen Juden und Migranten ab sofort in einer Reihe mit Jürgen Möllemann, Geert Wilders, Jörg Haider und jenem Neonazi, der einst in bepinkelten Jogginghosen seinem Arm zum Hitlergruß reckte.

Die Rechtspopulisten von Pro NRW sind begeistert. Die NPD klatscht Beifall. Hätte ein Funktionär dieser Rechtsradikalen ein Thesenpapier wie das Sarrazins geschrieben, hätten die Medien zum Glück keine Silbe darüber verloren. Nun aber redet der Bundesbanker und leider werden sich voraussehbar die Stimmen mehren, die ihn entschuldigen, er habe sich nur ungeschickt ausgedrückt und sein Buch ja gar nicht richtig gelesen oder andere irreführende Mär. Dabei sollte seine großbürgerliche Tirade auf alles was nicht deutsch und universitär gebildet ist eine Notiz in künftigen Chroniken sein. Heute aber sollten wir nicht die Medientrommel für das Buch eines Irrläufers rühren. Fernsehsender und Zeitungen sollten Sarrazin keine Interviews mehr schenken. So wie es auch das ungeschriebene Gesetz über die NPD vorsieht.

Rettet die Städte – Carepakete über Castrop

NRW Innenminister Ralf Jäger
NRW Innenminister Ralf Jäger

Senioren in Duisburg und Bochum sollten Ralf Jäger danken, ihr Warmbadetag im städtischen Hallenbad scheint gesichert. Der NRW-Innenminister versprach den Kommunen jetzt einen warmen Geldregen. Sagenhafte 300 Millionen Euro Soforthilfe sollen in diesem Jahr die Kommunen retten.

Das ist ein gewaltiger Fortschritt, ging man doch bislang im Ruhrgebiet davon aus, dass spätestens im Winter die Regierung Carepakete über Castrop-Rauxel abwirft und „Brot für die Welt“ ein Büro in Wattenscheid eröffnet. 300 Millionen, das ist viel Geld, wenn man in Herne in einer Zweizimmerwohnung lebt, einen alten Opel fährt und seit Jahren knietief im Dispo watet. Das ist nicht ganz so viel, wenn die Kohle auf 17.872.763 Einwohner des schönsten Bundeslands der Erde aufgeteilt wird. Dann bleiben schlanke 17 Euro pro Nase bei einer kommunalen Pro-Kopf-Verschuldung von 3.089 €  in Herne oder 7.586 € in Oberhausen

Das Geld langt gerade, um die mit eisernem Sparwillen gesenkte Wassertemperatur im Hallenbad wieder anzuheben, Kindergartenbeiträge um ein paar Groschen zu senken oder ein paar Deckel im Ratskeller zu begleichen. Der kluge Kämmerer aber wird jeden Cent in den Kassenkredit genannten Dispo stecken. Vielleicht gibt es dafür als Anerkennung  zum Weltspartag von der Hausbank einen Schlüsselanhänger, ein Nagelpflegeset oder einen hübschen Eiskratzer, ein Präsent, das der Kämmerer umgehend in die Bilanz seiner Stadt einpflegen sollte.

Machen wir uns nix vor: Ändern wird sich nichts. Den Städten im Revier geht es weiter schlecht. Vorbei die goldenen Zeiten, in denen Geld für alles da war. Ich habe in den 80-er Jahren Zivildienst im Jugendzentrum gemacht. Wenn es da durchs Dach geregnet hat, ein Anruf bei der Stadt, am nächsten Tag wurde es einfach dicht gemacht, das Dach. Heute solltest du nicht mehr anrufen. Dicht gemacht wird immer noch- diesmal allerdings gleich das ganze Jugendzentrum.

Haushaltslöcher wird Jägers Soforthilfe nicht stopfen. Aber Schlaglöcher vielleicht. Wobei es völlig falsch wäre, marode Straßen auszubessern. Man muss die Schlaglöcher zum Alleinstellungsmerkmal machen. Wenn die Straßen erst mal richtig kaputt sind, stellt der kluge Bürgermeister einfach ein Schild auf am Ortseingang auf: „Herne – Offroad Total“. Dann widmet er die Straßen um zu Geländewagen-Teststrecken. Dazu erlässt  er die passende Gebührensatzung, mit Anschluss- und Benutzungszwang für jedermann.

Solch innovative Ideen, fürchte ich, scheitern an der Beratungsresistenz der Kommunen. Dort herrscht noch immer völlig veraltetes Denken.  Zwar hat man sich verabschieden müssen von dem alten Leitsatz: Wenn die öffentliche Hand pleite ist, muss sie diese einfach nur aufhalten. Jetzt haben die Städte NKF- Neues Kommunales Finanzmanagement.  Da gibt es einen Produkthaushalt, so was wie den städtischen Quelle-Katalog. Das passt, auch wegen der Insolvenz. Jedes Amt ist heute ein Fachbereich, jeder Fachbereich ein Profit Center. Da wird alles gegeneinander verrechnet. Ohne Rechnung hält keiner mehr gratis dem Kollegen die Tür auf. Fahrstuhlfahrten werden organisiert getrennt nach Fachbereichen. Und manch ein Beamter wechselt zum Pinkeln in die nächste Etage. Sollen die Kollegen dort für Wasser, Papier und Seife aufkommen.

Aber konsequent modern ist man in den Rathäusern nicht. Mein Vorschlag: Der Bürger muss merken, dass es Verwaltung nicht für lau gibt. Er soll Bürokratie als Erlebnis erfahren. Unter 20 € kommt keiner mehr raus aus dem „City Hall Event Center“, wo schon im Empfang der muffelige Schwerbeschädigte in seinem Kabuff ersetzt wird durch einen coolen Infopoint mit einer attraktiven Hostess (gendergerecht gern auch mit einem attraktiven Hosteur). Auf der Einnahmeseite lässt sich einiges verbessern, mit der Einführung der Rathauscard, Motto: zehnmal beschweren, nur neunmal zahlen, eine Bewilligung gibt’s gratis oben drauf.  Wer mehr investiert, bekommt die Golden Rathaus Card: Ihre Anträge werden jetzt garantiert gelesen – vor der Ablehnung. Oder die Platin Card: Ihre Anträge werden garantiert nicht gelesen – sondern blind bewilligt. Gerüchte besagen, dass diese Karte in Duisburg unlängst schon eingeführt wurde.

Gut, das sind nur Peanuts. Fürs große Geld müssen wir unsere Schwäche in Stärke verwandeln. Bekanntlich sterben die Menschen im Ruhrgebiet früher als die Einwohner der übrigen Landesteile von NRW. Das sollte man vorab positiv sehen. Man nehme im Vergleich nur einmal einen Bielefelder. Der wohnt erstens in einer Scheißgegend und muss es zweitens auch noch länger dort aushalten. Unser kollektives sozialverträgliches Frühableben sollte man für Verhandlungen mit den Sozialversicherern nutzen. Wir Ruhris sparen der Rentenversicherung Milliarden. Eine kleine Rückvergütung ist da längst überfällig.

Dazu ist dringend Bürgerschaftliches Engagement gefragt. Vor Jahren bin ich in der städtischen Kämmerei mit meinem Anliegen gescheitert, meinen Pro-Kopf-Anteil an der Verschuldung zu tilgen. Ich knallte einem verblüfften Beamten mein Erspartes auf den Tisch verbunden mit der Bitte künftig nur noch zu sagen: „Die Stadt Recklinghausen ist pro Kopf, außer dem von Martin Kaysh, verschuldet mit…“. Der Mann verweigerte standhaft die Annahme des Geldes mit dem Hinweis, er könne von mir nur etwas kassieren, was der Kasse als Forderung bekannt sei. Seither habe ich meine Strategie umgestellt. Hin und wieder, wenn ich in die Innenstadt schlendere, halte ich vor einem Parkscheinautomaten, werfe ein paar Münzen ein und den Parkschein umgehend in den Müll. Das mag lächerlich klingen, ist aber auch nicht schlechter als Jägers Soforthilfe.