
Heute ist der 22. Juni. Heute vor 85 Jahren begann an den Ufern des Bug, an der Eisenbahnbrücke, die von Terespol nach Brest führt und über die der letzte sowjetische Zug mit Gütern für die deutsche Kriegswirtschaft noch wenige Stunden zuvor gefahren war, um 03:15 Uhr am Morgen – und nicht nur dort, sondern auf einer gewaltigen Frontlänge, die tatsächlich von Finnland bis zum Schwarzen Meer reichte, wie eines der Propagandamarschlieder der Nationalsozialisten es beschrieb – die Umsetzung der Weisung 21, Fall Barbarossa. Von unserem Gastautor Manfred Albers.
Der Überfall auf die Sowjetunion war nicht einfach ein Angriffskrieg. Es war die Umwandlung von Krieg in einen Abgrund des Bösen, für den das Wort Vernichtungskrieg geprägt wurde. Vernichtungskrieg bedeutete das massenhafte Ermorden der als minderwertig klassifizierten Völker der Sowjetunion zur Erleichterung der Übernahme des Bodens und zur Entspannung der Ernährungslage – völlig unabhängig davon, ob diese die Deutschen sogar als Befreier von den unermesslichen Schrecken der Herrschaft des Bolschewisten Stalin begrüßten – sowie die Versklavung derjenigen, die als noch nützlich für die Deutschen angesehen wurden. Die Planung dazu hieß Generalplan Ost und sah 30 Millionen Ermordete durch Hunger und Kälte nach ihrer Deportation in den russischen Norden vor. Der Vernichtungskrieg kannte kein Soldatentum mehr, sondern lieferte die Gefangenen dem bewussten Verhungern aus. Von 3,5 Millionen kriegsgefangenen Rotarmisten des Jahres 1941 lebte im Frühjahr 1942 nur noch eine Million. Nach der Shoa war dies das zweitgrößte Verbrechen der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Die Verwaltung der Kriegsgefangenenlager oblag der Wehrmacht.
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann die Shoa, die systematische Ermordung der Juden. Zuerst hier und zunächst experimentell. Keine Ghettos sollte es mehr geben. Heydrich schuf die Einsatzgruppen der SS, zusammengesetzt aus Gestapo und Polizei, geführt von hochrangigen Akademikern aus dem Reichssicherheitshauptamt, meist Juristen. Auch ein Theologe, ein Architekt, ein Opernsänger und der oberste deutsche Kriminalpolizist waren unter ihnen. Ihre Aufgabe war es, hinter der Wehrmacht ins Land vorzudringen und die Juden zu erschießen, um Erfahrungen zu sammeln. Zunächst erschossen sie nur die männlichen Juden ab 15 Jahren und erklärten zuvor, dies sei notwendig, um kampffähige Feinde zu liquidieren. Als klar wurde, dass keine Proteste anderer Dienststellen kommen würden, begannen sie ab August unterschiedslos alle zu ermorden: Frauen, Kinder und Alte ebenso wie Männer. Sie verzichteten auf jede Begründung; es interessierte ohnehin niemanden. Sie merkten, dass Erschießen in diesem Ausmaß zu langsam war, die Nerven der Täter belastete und erheblich Munition verbrauchte. Zur „Verbesserung“ gab es die ersten Experimente mit Gas, Gaswagen und Gaskammern. Ab Dezember begann mit dem Bau von Belzec als erstem Vernichtungslager das, was heute den meisten Menschen bei der Shoa einfällt.
Der 22. Juni 1941 ist ein Einschnitt in die Geschichte der modernen Zivilisation, weit über den kriegerischen Akt hinaus.
Heute hat sich in meinen Gedanken an diese Orte etwas seltsam verändert. Die Orte Ostpolens – denn entlang des Bug wurden nur ein Jahr später die Vernichtungslager Treblinka, Sobibor und Belzec gebaut – waren für mich zu einer zutiefst unheimlichen Vorstellung geworden: Boden, getränkt mit unendlichem Blut aus Judenmord und Krieg. Rund 2,1 Millionen Juden Polens wurden hier ermordet, die jiddische Kultur vernichtet, weitere Millionen Polen fielen der unmenschlichen deutschen Besatzung zum Opfer, und der Krieg gegen die Sowjetunion begann hier, mit seinen 27 Millionen Toten. Jedes Dorf, jedes Gebäude hat eine Geschichte, die damit zusammenhängt.
Nun war ich dort. Nicht in Terespol und Treblinka – dafür reichte die Zeit nicht. Aber nahe daran. Und die Landschaft sah tatsächlich so aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte; Claude Lanzmanns einzigartiges Filmwerk Shoah hatte sie mir gezeigt.
Aber ich war dort, um den Mitarbeitern eines großen polnischen Filialisten Teppiche aus China zu präsentieren, und es war alles so unglaublich normal. Nicht einmal die Tatsache, dass das, was Militärs als Suwałki-Korridor bezeichnen, nur etwa 100 Kilometer entfernt liegt, änderte daran etwas. Eine wunderbare Ferienanlage, gutes Essen, eine gemeinsame Feier.
Und diese Landschaft voller alten Blutes, die in meiner Vorstellung so unheimlich gewesen war, sah plötzlich doch so aus, wie Landschaften eben aussehen – nicht viel anders als Schleswig-Holstein.
Im Schloss Łochów, wo wir feierten und ich wohnte, befand sich im Krieg ein deutscher Stab. Im Ort lebten vor dem Krieg 800 Juden. Durch das dort eingerichtete Ghetto erhöhte sich ihre Zahl auf 1.700, als weitere Menschen dorthin verschleppt wurden. Alle wurden im Herbst 1942 im nur 40 Kilometer entfernten Treblinka ermordet.
Aber heute leben die Menschen dort nicht anders als wir. Sie feiern und lachen mit uns, alles ist wie bei uns. Natürlich weiß ich intellektuell, dass das selbstverständlich ist – nach mehr als 80 Jahren, nach anderen Generationen und unter völlig anderen politischen Bedingungen. So habe ich dieses Bauchgefühl einer Scheu vor der Landschaft verloren. Der unheimliche Zwiespalt aber, den ich fühlte, als ich im Liegestuhl in der Sonne auf der Anlage saß, neben spielenden Kindern, mit Blick über den Froschteich und die Ziegenweide auf den Wald, hinter dem irgendwo Treblinka liegt – dieser Zwiespalt bleibt.