12

Proskriptionslisten – für die Freiheit? Ahoy!

Disclaimer: nicht alles, was ich heute gehört habe, habe ich technisch verstanden. Und politisch sowieso nicht. Dies liegt am Thema. Es geht um die Piratenpartei.

Gestern abend sitze ich  auf der Couch, und verfolge das bisher schlechteste WM-Spiel. Parallel twittere ich. Meine Frau missbilligt das meist, aber gestern war das Spiel so einschläfernd, das irgendwie alles OK war, was vorm Sekundenschlaf schützte.
Und da stoße ich auf den Hinweis zu einem #listengate. Hm, „gate“ spricht stets dafür, dass irgendein Mitglied der Piratenpartei irgendetwas Dummes getan hat, sei es das Hissen einer Flagge, die das Grundgesetz verhöhnt (#flaggengate), oder das Präsentieren von Brüsten, um irgendwie irgendwas zum zweiten Weltkrieg zu machen (#bombergate), das am Ende niemand mehr verstand. Also: eigentlich garantiertes Popcorn-Kino – und eine gute Ablenkung vom Hollandspiel. Ich lese genauer. Von Listen ist da die Rede, auf denen linksradikale Piratentweets gesammelt würden, und dann archiviert, um, ja, was eigentlich? Naja, irgendwas. IRGENDWAS!

Und das mit unseren öffentlichen Tweets. Ich lasse mir den Link zu der entsprechenden Seite geben und schmunzel – zuerst – als ich eine lange Auflistung von Twitter-Accounts sehe.
Bis ich dann plötzlich genauer hinschaue, und meinen eigenen Account entdecke – und nicht nur den, sondern auch den eines meiner Podcasts. Plötzlich fühlt sich das Ganze doof an. Ich – ein Linker? Und was soll ich denn da Linksradikales getwittert haben.

Ach, seht selbst.Screenshot 2014-07-10 at 06.22.18 nachm.

 

Das fand ich im März wohl lustig. Naja, da ging es wieder um die Dame, deren vornehmste Argumente wohl ihre Brüste waren. Gut, muss man nicht lustig finden, was ich da geschrieben habe. Klar. Aber ist das linksradikal? Und was soll das Ganze.
Ich schaue weiter und stelle fest, dass in der List der Account auch wir Ruhrbarone gelistet sind. (Diese explizite Liste ist übrigens seit heute off – nun muss man detailiert nach Tweets und Personen suchen.)

Ein kleiner Ausschnitt aus der Proskriptionsliste.

Findet ihr uns?

 

Und hier mal ein kleiner Ausschnitt der Ruhrbarone-Tweets, die von dem Crawler (so nennt man dieses Programm, das automatisiert Daten durchkämmt und speichert) gesammelt wurden.

Auch wir Ruhrbarone werden gelistet.

Was ist an diesen Tweets auffällig?

Aber nicht nur die Ruhrbarone sind von der Sammlung betroffen, auch andere Medienkollegen hat es erwischt – so Elke Wittich von Jungle World, oder die Kollegen von BILD Saarland.

Simon Lange (Quelle: Piratenwiki)

Simon Lange (Quelle: Piratenwiki) – Proskriptionslistenschreiber?

Und sowas soll ein Pirat machen?
Ein Pirat, die waren doch gegen das verdachtsunabhängige Abspeichern von Daten?
Oder war alles ganz Anderes?

Schnell stieß ich, dem Twitterschwarm sei gedankt, auf den Blog von Simon Lange, der hinter dem Abgreifen der Tweets von mehr als 4000 Personen steckt – und dort seine Hintergründe erklärt.
Allerdings wollte ich nicht einen ellenlagen Text lesen – und ließ mir deswegen von Lange selbst erklären, was hinter „Tsearch“ (ja, Internetsprech für „Twitter Search“) steht.

Lange: „Der Crawler läuft bereits seit März diesen Jahres. Hintergrund ist, dass es Personen gibt, die gezielt und miteinander abgestimmt andere Personen bei Twitter mobben und danach ihre Tweets löschen, um ihre Spuren zu verwischen. Deswegen archiviere ich Sachen nach bestimmten Stichworten, sog. Hashtags, damit man im Bedarfsfall darauf zurück greifen kann.“
Ich weise darauf hin, dass ich in den Tweets der Ruhrbarone nichts derartiges entdecken könne. Lange erwiedert: „Es geht aber eben nicht nur um den Mobbingaspekt, sondern um viel mehr. Ich habe ein Archiv erschaffen, in dem alle Tweets ungewichtet liegen, die für die Recherche interessant sein könnten.“ So ganz habe ich das immer noch nicht verstanden. Aber irgendwie muss ich daran denken, dass es doch gegen das Selbstbild der Piraten sein müßte, Daten zu sammeln, zu speichen, und das einfach nur so. Ist das nicht vergleichbar dem, was Nachrichtendienste tun? Das sieht Lange nicht so: „Der entscheidende Unterschied ist doch, dass ich mich nur öffentlicher Quellen bediene – anders als ein Nachrichtendienst.“ Hinter dem Aufkochen der ganzen Thematik vermutet Lange diejenigen Piraten, die auf dem letzten Parteitag inhaltlich und personell unterlegen waren (dem Leser wird an dieser Stelle nicht auch noch zugemutet hier in einem weiteren Erzählstrang den Ablauf des letzten Parteitages der Piratenpartei wieder zu geben).

Also alles kein Problem? Alles ganz easy? Alles im Dienst der guten Sache? Ich hätte gerne eine Gegenstimme – und natürlich auch gerne gewußt, was der neue Bundesvorsitzende Stefan Körner zu all dem sagt.  Während ich die Bundespressestelle anfrage, suche ich parallel auf Twitter – wo sonst? – nach einem Funktionsträger, der die Sachen ein wenig anders sieht.

 

Und werde bei Daniel Schwerd fündig. (Zwischendurch beschimpft mich ein augenscheinlich im Umgang mit Medien überforderter Landesvorsitzender der Piratenpartei aus Berlin – aber das ist eine andere Geschichte, und soll ein anderes Mal erzählt werden.) Schwerd ist auch auf Twitter, darüber hinaus aber zudem Mitglied des Landtags in Düsseldorf. Er betont, nicht für die Fraktion zu sprechen, will aber Farbe bekennen.

Daniel Schwerd, MdL (Quelle: http://www.daniel-schwerd.de/person/)

Daniel Schwerd, MdL (Quelle: http://www.daniel-schwerd.de/person/)

Und er ist entsetzt, wußte über die Liste schon länge, hatte aber gehofft, dass man dies intern klären könne. Mit klaren Worten benennt er, dass er das Ganze „zum Kotzen“ finde. Mit dem Einsatz dieses Crawlers habe sich Lange von all dem entfernt, was Piratenideale gewesen sein: „Wir kämpfen für den Schutz der Privatsphäre, dafür, dass man auch nicht alles machen darf, was man machen kann. Es ist doch so: man haut schonmal Tweets raus, die man dann später zurück nimmt, sich entschuldigt, und dann vielleicht auch löscht. In dieser Tweetsammlung wird aber genau das verhindert – und zudem Gesagtes aus dem Zusammenhang gerissen.“ „Aber was ist denn nun mit dem Mobbing,“ frage ich, „ist das nicht ein hehres Ziel, das Lange da verfolgt?“ Schwerd: „Da werden Aussagen anlassunabhängig gespeichert. Es geht eben doch nicht darum, einem konkreten Fall nachzugehen. Lange macht da Sachen, die wir rundweg ablehnen müssen. Und dann stilisiert er sich noch selbst zum Opfer – nur weil es jetzt heisst: das geht so nicht!“ Abschließend wünschte sich Schwerd ein klares Wort in ähnlicher Richtung vom Bundesvorstand.

Und das kam dann auch. Unmißverständlich stellte man fest:

Insbesondere möchte die Piratenpartei nicht mit einer Seite in Verbindung gebracht werden, die den Eindruck der Vorratsdatenspeicherung erweckt. Weiterhin wollen wir klarstellen, dass wir Formen von Gesinnungsdatenbanken, Onlinepranger und Cybermobbing strikt ablehnen. Wir befinden uns derzeit in der juristischen Prüfung, ob und wenn ja wie, rechtlich gegen die genannte Tweetsammlung vorgegangen werden kann. Wir bitten um Geduld, bis die rechtliche Prüfung abgeschlossen ist.

Im persönlichen Gespräch ergänzte der neue Vorsitzende Stefan Körner dann, dass man derzeit schlicht nicht sicher sein könne, ob Lange überhaupt wirklich Mitglied der Piratenpartei sei. Aha. Das überrascht mich. Obwohl – bei den Piraten dann doch nicht wirklich. Körner kann auch keine konzertierte Aktion gegen Lange erkennen: „Wir Piraten hängen leider zu oft Verschwörungstheorien an; eine gezielte Kampagne eines unterlegenen Flügels vom letzten Parteitag kann ich nicht erkennen. Mir persönlich wäre es am liebsten, wenn Lange auf seinen Crawler verzichten würde.“ Körner stellt klar: „Was Lange da tut, hat nichts mit der Partei zu tun.“ Eine Aussage, die im Übrigen auch Lange genau so tätigt – und sogar explizit darstellt.

Sowas wie ein Disclaimer. Auf sowas wie einer Datenkralle.

Sowas wie ein Disclaimer. Auf sowas wie einer Datenkralle.

Am Ende des Tages bleibt mir wieder eins. Kopfschütteln. Über eine Partei, die viel Gutes will, aber immer noch vor allem im eigenen Saft kocht.

Mir aber immerhin über die Minuten der Tristesse des Hollandspiels geholfen hat.

RuhrBarone-Logo

12 Kommentare zu “Proskriptionslisten – für die Freiheit? Ahoy!

  • #1
    Klaus

    Was ist an einem Bot, der Tweets speichert und öffentlich verfügbar macht, schlimmer als an einer Suchmaschine (bzw. einem Webarchiv) die Webseiten speichert und öffentlich verfügbar macht?

  • #2
    BerndF

    Ähm.

    „Körner stellt klar: “Was Lange da tut, hat nichts mit der Partei zu tun.” Eine Aussage, die im Übrigen auch Lange genau so tätigt – und sogar explizit darstellt.“

    Dann du:

    „Am Ende des Tages bleibt bei mir wieder eins. Ein Kopfschütteln. Über ein Partei, die viel Gutes will, aber immer noch vor allem im eigenen Saft kocht.“

    Alles klar.

  • #3
    Ernst Müller-Traufstein

    Diese automatisch erstellten Listen sind nur ein Abgreifen von Daten anhand Hashtags und Schlagwörtern, keine Pranger oder gar schwarzen Listen.

    Pranger mit systematisch abgegriffenen Daten aus Twitter und anderen sozialen Netzwerken gibt es allerdings bei den Piraten schon seit längerer Zeit, etwa diese hier:

    http://einzelfaelle.tumblr.com/
    http://deutschevolksseele.tumblr.com/

    Letzterer wurde in jüngerer Zeit umgebaut, so dass jetzt oben einige wirklich üble Sachen stehen. Weiter unten ist aber die ursprüngliche Absicht erkennbar, alle, die sich mit dem Bomber-Harris-Striptease jener Piratenpolitikerin nicht einverstanden erklärten (auch in absolut vernünftigen Beiträgen), mit Hashtags wie #geschichtsrevisionismus, #sexismus usw. und mit Namen anzuprangern und ihnen klarzumachen, dass sie als Feinde registriert werden.

  • Pingback: Langer Realitätsabgleich | Antilogica

  • #5
    jemand

    Da immer wieder der doofe Vergleich mit Suchmaschinen kommt:
    1. Es gibt eine allgemein akzeptierte und beachtete Möglichkeit, die Nichtaufnahme kund zu tun. Bei Twitter nicht.
    2. Eine Suchmaschine indexiert. Das Ding vom Lange kopiert (der Unterschied ist klar?) den kompletten Inhalt.
    3. Außerdem packt er mal eben ein CC-BY-NC drunter. Urheberrecht? Piraten? Da war mal was. Jeder Tweet dort wird also unter CC-Lizenz gestellt, ob der Autor das will oder nicht und vor allem ob er das weiß oder nicht.
    4. Er hat exakt Null Rechte, dies zu tun. Nur weil etwas öffentlich einsehbar ist, heißt das noch lange nicht, dass jede und jeder damit alles machen kann. Man räumt in den TOC (quasi die AGB) Twitter(!) und seinen Partnern die Nutzung der Tweets ein. Twitter selber schreibt dann aber (für den letzten der es nicht selber rafft), dass die Rechte an den Inhalten beim Accounteigentümer verbleiben. Protipp, wem die Analogwelt mehr liegt: Gespräche auf dem Marktplatz und alle Bücher sind auch in der Öffentlichkeit öffentlich einsehbar…
    5. Dort werden im Übrigen nicht nur die Texte gespeichert und neu unter eigenem Kabel mit neuer Lizenz veröffentlicht, sondern da werden Screenshots anlasslos(!) dauerhaft(!) veröffentlicht. Inklusive Name und Bild. Der relevante Teil des Rechtsstaates heißt Kunsturhebergesetz…
    6. Die Auswahl ist interessant. Er gibt ja zu, dass die Datensammlung aus politischen und persönlichen Gründen erfolgt. Datenspeicherung gegen politische Gegner…Naja, nichts neues.
    (BTW gibts einen Screenshot vom Beginn der Seite. Da sind die Gründe andere und die Ordner aufm Webspace heißen „bombergate“, „orgastreik“,… Aber hey, wen interessiert die Wahrheit?)

    Und jetzt nochmal zur Verdeutlichung: Bei einer Suchmaschine kann ich das Veröffentlichen der Inhalte verhindern – Texte und Inhalte! Eine Suchmaschine labelt nicht die Lizenz um. Eine Suchmaschine veröffentlicht nicht Inhalte von Dritten unter eigenem Namen. Eine Suchmaschine würde das nicht nur von politisch misslebigen Personen machen.

    Und jetzt kommen wir zur Glaubwürdigkeit dieser Partei. Der Vorsitzende weiß nichts über den Mitgliederstatus? Mitglieder, denen gerade in den letzten parteiintern erhebliche Aufmerksamkeit eingeräumt wurden, sind plötzlich „privat“? Wie war das mit Dresden und der Piratin noch gleich? Anlasslose Überwachung von politisch nicht gewollten? Anlasslose Überwachung auch von Journalisten?

    Joa, ne…

  • #6
    Ralf

    Die Behauptung, dass die Liste nichts mit der Piraten-Partei zu tun habe, ist interessant, denn vor ein paar Stunden stand am unteren Ende der Seite bei der Lizenzangabe noch, dass sie durch die Zuse-Crew lizensiert sei – einem Organ der Piratenpartei. Das wurde mittlerweile geändert.

  • Pingback: Links anne Ruhr (11.07.2014) » Pottblog

  • #8
    @BerndF

    Das ist doch einfach zu erklären. Über die Partei schüttelt man den Kopf, nachdem man einige Tweets auf der Seite einmal durchgelesen hat.

  • #9
    JayPee

    Befindlichkeitspolemiker wie Lange sind der Kindergarten, der erwachsene Linke davon abhält mehr als ein wenig Sympathie für einige wenige Mitglieder dieser Partei zu empfinden. Wahrscheinlich ist dieser Kindergarten aber auch notwendig um eben diese wenigen Piraten an sinnvollere Orte der politischen Betätigung zu treiben. Und davon gibt es viele.

  • Pingback: Christopher Lauer(t) nicht mehr | Ruhrbarone

  • Pingback: “Solidarität mit Rotkäppchen und der Großmutter” | Ruhrbarone

  • #12
    Rainer Möller

    Jeder Journalist sammelt Daten. Wenn er ein politischer Journalist ist, sammelt er besonders gerne Daten über Leute, die ihm politisch missfallen.
    (Nein – Sebastian Bartoschek, der würde sowas natürlich nie tun …)
    Lange stellt lediglich eine Maschine zur Verfügung, die den Journalisten das bietet, was sie haben möchten.
    Oder geht es in Wirklichkeit darum, dass Langes Maschine Daten über die „falschen“ Leute bietet – diejenigen, die uns nicht missfallen sollen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.