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Radika(h)lschläge an der Ruhr oder über die Fabrikation von Dumpfheit

Foto: Herholz

Die Lese- und Literaturförderung der öffentlichen Hand wird Schritt für Schritt abgewickelt und ersetzt durch Event-Kulissen und Modernisierungsgeschwätz. Eine lebendige literarische Szene hält sich aber dennoch. Vorerst.

Vorbemerkung
Literatur stellt sie eindringlich dar, die inhumanen Folgen unfreier und ungerechter Verhältnisse mit ihren Denk-, Sprach- und Verhaltensmustern. Der Münsteraner Autor Burkhard Spinnen hat es einmal – sinngemäß – so auf den Punkt gebracht: Als freier Schriftsteller bin ich eher zuständig für das Scheitern der Menschen.
Dass das Scheitern der Menschen auch die Autoren einholen kann und ihre Förderer sowieso, versteht sich von selbst.
Ein Großteil künstlerischer/kultureller Prozesse entfaltet sich eben nicht wegen der Kunst- oder Kulturförderung, deren „Master“-Plänen und Visionen, sondern oft ohne oder sogar gegen sie. Die Poetry-Slam-Bewegung zum Beispiel ist in den USA als Privatinitiative entstanden und dann nach Europa herübergeschwappt.

Ich selbst weiß nach vielen Jahren Kulturförderung und Literaturvermittlung auf immer höherem Niveau immer weniger mit Sicherheit, wann, wie und warum Literatur entsteht oder ein geistiges Klima, ein Lese-Publikum sich bildet. Aus Erfahrung und Intuition weiß ich am besten noch, was innerhalb von Literaturprojekten auf keinen Fall funktioniert und was situativ voraussichtlich gelingen könnte. Eine sofort lösliche Lese- und Schreibförderung mit Erfolgsgarantie jedoch gab es nie, und die oben genannten „Master“-Pläne in diesem Bereich wirken nur lächerlich.
Literaturförderer sollten immer an ihrem Tun zweifeln. Doch Verwaltung und Entfaltung, Organisation und Fantasie müssen sich nicht unversöhnlich gegenüberstehen. Auch Literaten sind angewiesen auf Menschen, die ihren Texten die Berührung mit den Lesern ermöglichen. Ich orientiere mich da an einem Satz des Literaturwissenschaftlers und Verlagsleiters Hans Altenhein: Literaturförderung möge die Chance bieten, „die Entstehung, Verbreitung und verständnisvolle Aufnahme von Literatur Schritt für Schritt zu verteidigen und zu verbessern“.
Gute Literaturförderung – die Literatur ernster nimmt als sich selbst – eröffnet Frei-, Spiel- und Arbeitsräume für Autoren, Texte, Leser, für eine facettenreiche literarische Öffentlichkeit. Literaturförderer sollten Verteidiger der Literatur, nicht armselige Sponsorengeld-Verteiler mächtiger Macher sein. Literaturförderung hat vor allem der Literatur – und damit den Literaten und Lesern – zu nutzen. Sie hat diese zu fördern und so gut wie nichts zu fordern. Sie verschafft Schriftstellern jene Momente der Ruhe, die sie so benötigen, um ihrer Unruhe, ihren Beunruhigungen zur Sprache zu verhelfen. Ist und tut sie all dies nicht, so wird Literaturförderung zur Literatur- und Leseverhinderung, eine Beleidigung für Autoren und Leser, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Bürokretins.

Boomtown „Metropole Ruhr“ oder Diaspora?
Selbstironisch und vollmundig zugleich gab sich Ende 2009 eine Tagung im Bochumer Haus der Geschichte das Thema „Literaturwunder Ruhr“. Doch nicht nur Autor Florian Neuner winkte ab und kommentierte kurz darauf als Honorar-Blogger im 2010.lab, dass „niemand im Ernst behaupten“ könnte, „es gäbe eine lebendige Literaturszene an der Ruhr“. Mit ihren Zuspitzungen dürften Zweckoptimisten wie Schwarzseher gleichermaßen falsch gelegen haben. Erst recht da, wo Jürgen Lodemann als Advocatus Diaboli auflistete: „Vom Welt-Dichterclub PEN gibt es in Berlin 196 Mitglieder, (…), in Frankfurt 35, in Freiburg sieben, in Essen (…) keinen einzigen. Dummsdorf wird Kulturhauptstadt?“
Wenn ich sauber recherchiert habe, dann war das Motto jener „Literaturwunder Ruhr“-Tagung eine Fortschreibung des Titels eines Bunte-Abend-Programms der lit.COLOGNE 2009. Im nahen Köln nutzte man damals den Hype um die unmittelbar bevorstehende Europäische-Kulturhauptstadt-RUHR.2010 und kreierte kurzerhand ein plakatives „Kulturwunder Ruhrgebiet“-Event. Dazu lud man Helge Schneider ein (er erhält 2012 den Großen Karl-Valentin-Preis), dazu Fritz Eckenga, Eva Kurowski, Sebastian 23, Minck & Minck, das Spardosen-Terzett und Jochen Malmsheimer – im Wesentlichen also Grenzgänger zwischen Comedy, literarischem oder musikalischem Kabarett, profundem Nonsens, komischer Literatur, Kriminalliteratur und Poetry-Slam. Dagegen war nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, die Texte von Kurowski etwa, Eckenga oder Schneider halten auch der Lektüre in Buchform locker stand, erfreuen Herz und Hirn. Doch belegte der Abend in Köln: Vor allem die Qualität des RuhrSpotts im RuhrPott ist hoch! Hier findet man sie leicht, die spitzen Zungen, doch Spitzen-Federn nicht so schnell.

2011/12: Dummsdorf war Kulturhauptstadt: Jetzt agieren die Abwickler als ehrenamtliche und verbeamtete Bankrotteure
Heute, mehr als ein Jahr nach dem Ende der Kulturhauptstadt RUHR.2010, drohen öffentliche Hand und Stiftungen seriöse Literatur- als Autoren-, Verlags- und Publikumsförderung gänzlich aus dem Blick zu verlieren. Ende 2011 war den Zeitungen der einflussreichen WAZ-Gruppe eine Werbe-Postkarte beigelegt, in der die Erbe-Institutionen der Kulturhauptstadt sich selbst und die von ihnen im Jahre 2012 voraussichtlich geförderten Projekte mit dem Satz feiern: „Bei uns ist so viel los, da haben wir keinen Platz zu verschenken“. Und dann folgt eine klein geschriebene Aufzählung von 21 Vorzeige-Festivals – auch nur ein einziges zur Literatur sucht man allerdings vergebens.
Was nicht heißt, dass das Thema „Literaturförderung“ zurzeit in den Medien und kulturpolitischen Manövern hierzulande nicht vorkäme. Die Recklinghäuser Zeitung berichtete unlängst, dass das Festival „LiteraturRE“ ab 2012 geplatzt sei. In Duisburg fand (zunächst) 2011 das Kulturfestival „akzente“ nicht statt, dort ist auch die Internationale Kinder- und Jugendbuchausstellung (IKIBU) finanziell mehr als gefährdet, die Schließung von sieben Büchereizweigstellen droht. In Bottrop („Innovation City – Modellstadt Bottrop“!) schloss 2011 eine zweite Zweigstelle der Stadtbücherei und mit ihr auch ein weiterer lebendiger soziokultureller Treff für Kinder. In Herne schließen am 6. Juli 2012 die beiden Stadtteilbüchereien in Sodingen und Eickel. Dass bei den Stadtbüchereien seit langem Bücherbusse und beratendes Personal abgeschafft werden, Öffnungszeiten eingeschränkt, Neuanschaffungsetats eingefroren, gekürzt oder ganz gestrichen werden, ist längst die Regel. Man könnte solche irreführend als „Spar-Pakete“ etikettierten Streich- und Tränenlisten beliebig verlängern. In Witten ist die Kultur 2012 gar als Ganzes gefährdet. Und die Kürzungen werden landauf landab wie aus der Phrasendreschmaschine mit identischen Sprechblasen begründet: Die (kommunalen) Haushalte seien pleite, stünden unter Aufsicht, nur bei den freiwilligen Leistungen, etwa der Kulturförderung, könne man noch „sparen“, woanders werde auch gekürzt, da könne man die Kultur nicht „schonen“.
Eine tiefergehende politische Analyse der Haushaltsnot in deutschen Kommunen fehlt vollständig. Mit der Abschaffung kultureller Einrichtungen erklären die meisten kommunalen Kulturpolitiker – und beamten ihren eigenen intellektuellen Bankrott immer gleich mit.

Kultur-Schlachtfeste vs. Durchwurschteln am Rande der (Un-)Wissens- und Bildungsgesellschaft
„Nachhaltig“ haften blieb nach der Kulturhauptstadt RUHR.2010 für die Literatur nichts. Wirklich alle Chancen sind verpasst worden. Um dauerhaft etwas für die Literaturszene im Ruhrgebiet zu tun, hätte man vor allem die Vernetzung des literarischen Feldes in der Region einleiten müssen und wichtige Initiativen, wie z.B. die renommierte Literaturzeitschrift „Schreibheft“, längerfristig absichern können. Doch im Frühjahr 2012 ist das Ruhrgebiet – auch ohne weitere Kultur-Schlachtfeste, die sicher kommen werden – weiterhin nur marodes Entwicklungsland im institutionalisierten Bereich der Literaturförderung bzw. des sogenannten Literaturbetriebs. Es gibt aber am Rande oder abseits davon unzählige kleine Initiativen, engagierte Literaturliebhaber und karg ausgestattete Vereine oder Institute. Und die erzeugen in der Summe seit vielen Jahren ein reges literarisches Leben an der Ruhr, und werden dies weiter tun – mit oder ohne Kulturhauptstadt und ihren Eventmanagern, trotz aller Kürzungen.

Selbstbeschwörung
Meine eigene Grundstimmung in Bezug auf Literaturvermittlung und ihre Perspektiven schwankt, das gebe ich zu. Angesichts der vielen politisch gewollten Kassen- und Hirnleerstände bleibt oft nur ein Gefühl der Vergeblichkeit und Erschöpfung. Mit Resignation will ich das (noch) nicht gleichsetzen. Ich tröste mich selbst gerne mit einer Unterscheidung zwischen meiner theoretischen und der praktischen Arbeit. Dabei halte ich es mit Max Horkheimer: „Und so war unser Grundsatz, theoretischer Pessimist zu sein und praktischer Optimist.“ Im Praktischen werden viele Autoren, Literaturvermittler, Buchhändler und Bibliothekare an der Ruhr weiter mit Schwung an Projekten arbeiten und für Lesen und die Literatur einstehen. Im Zen-Buddhismus gibt es den schönen Begriff des „Anfängergeistes“. Der erhellt, dass man sich immer wieder frei machen sollte von schlechten Erfahrungen, Vorurteilen, also unvoreingenommen und unbefangen jedes Projekt optimistisch neu beginnt. Man kann‘s ja zumindest versuchen.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“
Immerhin: Mit dem Ruhrgebiet verbindet man heute mehr Schriftsteller denn je. Und selbst die Lyrik wird endlich wahrgenommen. Der 2010 von mir im Klartext-Verlag herausgegebene Band „Stimmenwechsel. Poesie längs der Ruhr“ erschien bereits im Februar 2010 in der zweiten Auflage und stellte jüngere und oft unbekannte Dichter vor. „Stimmenwechsel“ zeigt auch, dass die Zukunft der Lyrik hier weiblich sein dürfte. Starke Stimmen wie die von Ivette Vivien Kunkel (33), Katharina Bauer (29) oder Anna Linke (19) haben zurzeit keine Konkurrenten unter den jungen männlichen Testosteronauten, die meist lieber slammen, rappen, zappen, deren Texte aber selten gedruckt vorliegen.
Doch selbst „Stimmenwechsel“ mit seinen über 50 Temperamenten und Schreibweisen ist eines noch lange nicht: eine auch nur halbwegs vollständige literarische Widerspiegelung der Mentalitäten, Sprachen, Kulturen, zersplitterten Lebens- oder Arbeitswelten hierzulande. Da gäbe es noch viel zu entdecken. Dennoch vermittelt „Stimmenwechsel“ einen aktuellen Einblick in die unterschiedlichen Bewusstseinsströme, Traditionen und Perspektiven einiger Bewohner dieses Landstrichs. Sichtbar wird die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Texten und Autorenbiografien von Migrantinnen und Flaneuren, Insidern und Außenseitern. Und alle – scheint’s – leben in ihren Paralleluniversen, wissen nichts voneinander oder wollen nichts voneinander wissen. Die erfolgreichen Krimi-Autoren zum Beispiel, einst als Schreiber zweiter Klasse geschmäht, verspotten heute gern selbst jene Literaten als verkopft und marktfern, die noch an Novellen oder Gedichten arbeiten.
„Freilich“, meint Jürgen Lodemann zu Recht, „ein Roman etwa über das Ganze des Ruhrgebiets existiert nicht. Seine komplexe Struktur scheint sich eher zu spiegeln in vielen Kriminalromanen, in den ‚Ruhr-Krimis‘ wird das Revier zur idealen Tatort-Landschaft“. Doch wer braucht ihn, den „großen Roman“? Auf jenen über die deutschen Verhältnisse der Nachkriegszeit wartete einst schon Großkritiker Marcel Reich-Ranicki vergeblich. Solche Fehler sollte im Ruhrgebiet niemand wiederholen.

Bürger im Übergang in ein „porno-proletarisches Gesellschaftsmodell“
Alles in allem dürfte spätestens mit den Folgen des Finanzcrashs (als einem der größten Wirtschaftsverbrechen aller Zeiten) genug Kunst-Stoff für alle vorrätig sein, um Bilder der Region zu verbinden mit den großen Themen der Weltliteratur und zeitgenössischen literarischen Strömungen. Schließlich sitzen hier milliardenschwere Konzerne neben den oft entwerteten Hartz-IV-lern, leben Gestrandete neben Deutschen, die vom Ausreisen träumen als Flucht aus ungelebtem Leben. Armut wächst sichtbar neben immensem Reichtum, vor allem geistige Armut. Stahl, Kohle, Nokia – vieles geht unter oder droht wie der Automobilbauer Opel unterzugehen. Manches blüht auf wie das Logistik-Geschäft oder vielleicht die Game-Factories der Softwarebranche – und eben auch die Literatur, das literarische Leben. Letzteres allerdings eher unterhalb jeder Wahrnehmungsschwelle, unbemerkt von der großen Öffentlichkeit. Sie ist längst da, die kleine Neue Unübersichtlichkeit, in der Vielfalt der Stoffe und Genres, mit der nicht nur der schreibende Nachwuchs arbeitet. Außerdem wird das Ruhrgebiet wieder bereist und beschrieben. In der Zeitschrift „Theater der Zeit“ (2/2010) erklärte der Inder Ranjit Hoskoté, warum er sich im Ruhrgebiet als Teil einer für ihn ländlichen Industrieidylle so gut erhole von der Hektik der globalen Metropole Bombay, in der er sonst wohne. Und Feridun Zaimoglu betrachtet das Ruhrgebiet als „Discountdiaspora. Jubel und Jammer jeden Tag“. Mit äußerst heterogenen Figuren, die erst noch zu entdecken wären als Panoptikum der Spießer und Aufgespießten, als „Ethnoperformer“ und weiße Säufer, allesamt Bürger im Übergang in ein „porno-proletarisches Gesellschaftmodell“. Zaimoglu: „(…) tatsächlich lässt sich der Ruhrpott am besten verstehen, wenn man den Eingeborenen, den Alteingesessenen und Dazugestoßenen ihren Alltag abschaut und niederschreibt.“ Und das hat er dann für seinen neuen Roman „Ruß“ (Kiepenheuer & Witsch, 2011) auch getan.
Bei alteingesessenen Autoren, Immigranten und Transit-Flaneuren ist sie überall zu finden, die neue Vielfalt mit spannenden Tönen, Tonlagen, Melodien, Rhythmen und Klangfarben. Ihre Texte laden ein zu Himmel- und Höllenfahrten durchs Revier. „The best is yet to come“, sang einst Frank Sinatra, und das dürfte auch für die Literatur aus dem Ruhrgebiet gelten. Das erste Mal in dessen Geschichte besteht die Chance, dass die Städtelandschaft durch ihre Bewohner sich selbst gekonnt zur Sprache bringt, erzählt oder besingt, weil Menschen jetzt hier leben, die sich mal als junge Rebellen verstehen, mal als kritische Außenseiter, mal als Best Ager jene Lebenserfahrung mitbringen, jene Sprache, Sprachen und Bildung, um die nervöse Welt im globalen Wassertropfen Ruhrgebiet in neue Bilder zu fassen.

Der vorliegende Beitrag ist ein aktualisierter Auszug aus einem Artikel des Bandes „Literatur als Herzenssache. Der Verein für Literatur und Kunst und das literarische Leben in Duisburg 1912–2012“ (Hg. Jan-Pieter Barbian), der demnächst im Klartext Verlag (Essen) erscheint. Darin dann auch eine kleine Bestandsaufnahme der vielen Autorinnen, Autoren und Initiativen literarischen Lebens im Ruhrgebiet.

Weiterführend: Markus Metz/Georg Seeßlen: Blödmaschinen. Die Fabrikation der Stupidität. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 (es 2609).

Lesenswert: http://www.freitag.de/kultur/1208-bildung-schadet

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6 Kommentare zu “Radika(h)lschläge an der Ruhr oder über die Fabrikation von Dumpfheit

  • #1
    Mir

    Erfreulich, dass sie am Ende ihren Optimismus trotzdem behalten, was die LIteratur im Ruhrgebiet angeht. Vielleicht kommt in Sachen höheres Niveau der ganz große Wurf doch aus dem Pott.

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  • #4
    Gerd Herholz

    # 1, Mir: Wobei sich mein Optimismus nur auf Autorinnen, Autoren und engagierte Literaturvermittler und Leser bezieht. Die Pleiten in den Kommunen, Haushaltsicherungskonzepte und die neoliberalen Rahmenbedingungen insgesamt münden unausweichlich im Kahlschlag kultureller Einrichtungen.

    Da wird (in aller Ruhe?) dem Wegholzen des Sozialstaats immer sichtbarer die Demontage des sog. „Kulturstaats“ folgen. „Ich bin mir immer vorgekommen wie der Belag auf einem Sandwich“, das sagte schon 1998 die Bochumer Ex-Kulturdezernentin Canaris in einem Interview mit Theater heute (Heft 8/9, 1998). „Die eine Sandwich-Seite ist die Politik, die sagt, du musst für uns geräuschlos, weich die Kürzungen und andere unangenehme Dinge durchsetzen.“ Canaris weiter: „Wir sind an einem Punkt, wo ich mir vorstellen kann, dass es zu Entscheidungen in der Politik kommt, sich von Kultureinrichtungen zu trennen. (…) ich glaube nicht, dass sich an den knappen Kassen in den nächsten 10/15 Jahren fundamental etwas ändert.“

    Das hat sie lange vor dem Finanzcrash gesagt. Vom Ausmaß der anstehenden Kürzungen hat sie also noch nichts wissen können. Ihre Aussage wäre also heute radikal zuzuspitzen.

  • #5
    Arnold Voß

    Ich glaube, man muss das Abholzen von Sozial-, Kultur- und Bildungsstaat im Zusammenhang sehen. Wer genügend privates Einkommen hat braucht alle drei nicht. Stattdessen aber braucht er den schnellstens einsatzbereiten Rechts- und vor allem Sicherheitsstaat. Ideologisch scheint der Neoliberalismus zwar dem Ende zuzugehen, praktisch geht er aber über den nun zu forcierenden öffentlichen Schuldenabbau weiter.

    Ja er steuert erst jetzt durch den so begründeteten systematischen Abbau von Bildungs, Sozial- und Kulturstaat auf seinen gesellschaftlichen Höhepunkt zu. Unter dem klammheimlichen bis öffentlichen Beifall, zumindest aber der stillen Duldung, all derer, deren privat abgesicherte Kinder – weitgehend unabhängig von ihrer Intelligenz und Leistungsfähigfkeit – mehr Chancen denn je haben. Wird doch so der Rest der heranwachsenden Bevölkerung mangels Geld und Förderung immer blöder gemacht und gehalten.

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