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Rechte, Linke, Islamkritik und „Islamkritik“

Islamkritik light
Islamkritik light — Foto: Daniel Fallenstein
Islamkritik light

Islamkritik light (Foto: Daniel Fallenstein)

Islamkritik aus der AfD ist häufig gar keine. Die Rechtspartei hat viel mehr mit der Ideologie des politischen Islam gemeinsam, als es zunächst scheint. Einig sind sie sich schon in ihrer Ablehnung universalistischer Werte. Dagegen wäre eigentlich eine konsequente linke Position gefragt. Von unserem Gastautor Jan-Lasse Müller-Mütz.

Der AfD-Politiker Dubravko Mandic stieß vor einigen Tagen sein eigenes Umfeld mit einem Facebook-Posting vor den Kopf.

Schulterschluss (Screenshot: LLM)

Im Kern argumentierte Mandic, dass man sich als Patriot mit der Verurteilung des Islams zurückhalten solle. Der Jurist wurde durch Äußerungen in einem internen AfD-Forum bekannt, die AfD unterscheide sich inhaltlich kaum von der NPD. Nun schreibt Mandic, er unterhalte sich lieber mit Moslems als mit „verschwulten Deutschen“. Der Islam sei eine „männliche Religion“ und ein gutes Mittel „angesichts des wuchernden Feminismus, Gender- und Pädowahns“. Deswegen solle sich der Kampf gegen Einwanderung richten und nicht gegen den Islam.

Sollte uns dieser alternativ-islamische Schulterschluss überhaupt überraschen? Natürlich nicht. Islamkritik wird heutzutage meist mit AfD, Pegida und sonstigen Neuen Rechten assoziiert.  Vorbildliche, weltoffene linke Bürger begrüßen im Namen der Vielfalt natürlich den Islam. Irgendwas ist da komisch! Rechte üben jetzt also Religionskritik und Linke verteidigen eine Religion, deren Anhänger im Schnitt deutlich religiöser sind als der durchschnittliche Christ. Deswegen sollte man betrachten, warum Rechte „Islamkritik“ üben, warum viele selbsternannte Linke keine üben und was Islamkritik eigentlich sein sollte. Es ist kurz noch anzumerken, dass es „die“ Rechten natürlich nicht gibt. Wenn im Folgenden von Rechten gesprochen wird, sind damit Rechte gemeint, die rechts vom bürgerlichen Konservatismus stehen.

Was für ein Problem haben Rechte eigentlich mit den Islam? Rechte haben in erster Linie ein Problem mit dem Islam, weil sie ihn nicht als Teil der deutschen Kultur, die sie erhalten möchten, wahrnehmen und eben nicht, weil sie sich plötzlich für die Rechte von Frauen und Homosexuellen interessieren. Sie üben also keineswegs Kritik am Islam, sie möchten ihn nur nicht in Deutschland haben, weil er kulturfremd ist. Aber nicht nur das! Der konsequente Ethnopluralist vertritt logischerweise auch die Meinung, der Iran und Saudi-Arabien hätten das Recht, ihre Kultur zu verteidigen. Nichts ist ihm mehr verhasst als dieser Globalismus, der seiner Ansicht nach die Kulturen zerstöre. Polemisch könnte man sagen: „Die Sharia ist ok, nur bitte nicht vor meiner Haustüre“. Der ein oder andere Rechte schaut womöglich sogar mit Sehnsucht in die Länder, in denen der Mann noch das sagen hat und in denen Traditionen höher bewertet werden als so blöde allgemeine Menschenrechte.

Was ist denn nun Islamkritik?

Aber was ist denn nun Islamkritik? Islamkritik ist eben nicht die Forderung nach Erhaltung der eigenen nicht-islamischen Kultur. Sie muss im Geiste des Universalismus vollzogen werden. Sie sollte dabei aufzeigen, inwiefern der Islam die individuelle Freiheit von Menschen bestimmter Gruppen, seien es Frauen, Homosexuelle oder Atheisten, einschränkt. Islamkritik muss also einen emanzipatorischen Gehalt haben. Sie sollte auch nicht die Formel einer „allgemeinen Religionskritik“ sprechen.

Es geht nicht darum, welche Religion jetzt die schlimmste ist, sondern darum, dass verschiedene Religionen unterschiedliche Problematiken aufwerfen. Wer „allgemeine Religionskritik“ betreibt, ist entweder zu feige, auszusprechen, wen er kritisieren möchte oder betreibt einen substanzlosen Vulgär-Atheismus, der Gläubige einfach nur herabwürdigt ohne sich tiefergehend mit dem Thema auseinanderzusetzen. Des Weiteren sollte Islamkritik aufzeigen, was den Islam am Leben hält, also in einer materialistischen Kritik aufzeigen, inwiefern es für bestimmte Menschen (Männer) rational im Sinne der instrumentellen Vernunft ist, dem Islam anzugehören. Dass es keine Islamkritik ist, wenn jeder einzelne Muslim pauschal verurteilt wird, sollte außer Frage stehen.

Theoriebildung durch Bauchgefühl ersetzt

Aber nun zu den Linken: Die Idee, dass für alle Menschen überall auf der Welt die gleichen Rechte gelten sollten, steht im Geiste des Universalismus, der einst ein explizit linker Anspruch war. Es gibt immer noch Linke, die diesen Anspruch haben, aber besonders in mainstream-linken und anti-imperialistischen Kreisen, wird er mit Füßen getreten. Bei den regressiven Mainstream-Linken ist Linkssein von einer politischen Haltung zu einer emotionalen Bedürfnisbefriedigung geworden. Hier herrscht einerseits gar kein Bewusstsein dafür, was links zu sein eigentlich bedeutet, weil Theoriebildung durch das Bauchgefühl ersetzt wurde – deswegen hat Sojamilch und Konsumkritik in diesen Kreisen auch Hochkonjunktur.

Andererseits möchte man sich krampfhaft von allem distanzieren, was irgendwie als rechts verstanden werden könnte. Wenn die Rechten etwas tun, das sie Islamkritik nennen, dann macht man das als Linker natürlich nicht. Beim Anti-Imperialisten liegt das Problem darin, dass er Universalismus als imperialistisch wahrnimmt. Der böse Westen wolle der Welt erklären, wie man zu leben habe. Dazu kommt dann noch ein vollkommen pervertierter Antirassismus, der Islamkritik als rassistisch brandmarkt. Damit Islamkritik rassistisch sein kann, müsste der Islam zum unveränderlichen Wesen der Muslime gehören. Das tut er aber nicht. Was man dabei tut, ist, Muslimen abzusprechen, in der Lage zu sein, ihre Religion zu reflektieren.

Back to the Roots

Linke sollten sich wieder auf ihre ureigenen Prinzipien besinnen, und konsequent gegen alles kämpfen, was Menschen knechtet. Dazu gehört auch der Islam in seinen unterdrückerischen Erscheinungsformen. Nur sie können ein Bewusstsein dafür schaffen, was Islamkritik eigentlich ist. Der Kampf gegen Unterdrückung darf nicht bei religiösen Gefühlen aufhören. Es ist völlig absurd, dass man Linken so etwas überhaupt erklären muss.

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8 Kommentare zu “Rechte, Linke, Islamkritik und „Islamkritik“

  • #1
    Andi

    Moment, das Argument von Herrn M. ist also, dass Ausländerhass falsch sei weil die Ausländer schließlich auch Frauen hassten und dies wichtiger sei? Und solange jeder in seinem eigenen Land die eigenen Frauen hasse sei alles in Ordnung?

    Faszinierend.

    (Dürfen Deutsche Männer[TM] dann eigentlich auch ausländische Frauen hassen? Dass umgekehrt ausländische Männer nichts böses über deutsche Frauen sagen dürfen, scheint in diesen Kreisen ja hingegen Konsens zu sein. Hach, Hass kann so kompliziert sein!)

  • #2
  • #3
    Sara

    "Andererseits möchte man sich krampfhaft von allem distanzieren, was irgendwie als rechts verstanden werden könnte."

    Ist das wirklich so? Dann müssten sich die Linken doch auch gegen Antiamerikanismus stellen. Und beim Thema Israel liegt man oftmals auch klar auf Seiten der Rechten.

  • #4
    Rechts?Links?Geradeaus.

    "Linke sollten sich wieder auf ihre ureigenen Prinzipien besinnen, und konsequent gegen alles kämpfen, was Menschen knechtet. Dazu gehört auch der Islam in seinen unterdrückerischen Erscheinungsformen. Nur sie können ein Bewusstsein dafür schaffen, was Islamkritik eigentlich ist."

    Nur "Linke" können ein Bewusstsein dafür schaffen, was Islamkritik eigentlich sei?
    Etliche Strömungen dieser Minderheit sind doch genau so dogmatisch und autoritär wie der Islam "in seinen unterdrückerischen Erscheinungsformen". Bürgerliche, geschätzte Islamkritiker gibt es zuhauf, dafür braucht es Linke, die inzestuös in ihrer eigenen Suppe schwimmen, nicht.

  • #5
    paule t.

    Zitat:
    "Damit Islamkritik rassistisch sein kann, müsste der Islam zum unveränderlichen Wesen der Muslime gehören. "

    Nicht ganz. Dann gäbe es praktisch keinen Rassismus, denn auch der ganz gewöhnliche Rassismus bezieht sich ja im Wesentlichen auf Dinge, von denen er nur so tut, als gehörten sie zum "unveränderlichen Wesen" der Betroffenen – tatsächlich tun sie es aber gar nicht oder sind sowieso rein fiktiv.
    (Ein wenig geht der Autor sogar ein bisschen dem gewöhnlichen, auf Abstammung oder äußere Merkmale bezogenen Rassismus auf den Leim, wenn er annimmt, dieser beziehe sich auf _tatsächliche_ Aspekte eines "unveränderlichen Wesens". Da ist ja aber nichts, außer den Banalitäten eines evtl anderen Aussehens; diese sind es ja aber nicht, die der Rassist als rationalisierte "Begründungen" für seinen Hass anführen würde, sondern damit angeblich verbundene Eigenschaften, ob ganz fiktiv oder zwar vorhanden, aber durchaus veränderlich.

    Insofern ist eine Islamfeindlichkeit (ich schreibe an dieser Stelle bewusst nicht "-kritik"), die so handelt, als ob bestimmte, "dem Islam" zugeschriebene Eigenschaften unveränderliche zu "den Muslimen" dazugehören, durchaus dem Rassismus vergleichbar. Nicht weit davon weg sind Auffassungen, nach denen sich vielleicht Muslime, aber nicht "der Islam" verändern könnten, und als wären Muslime demnach nur dann demokratischen, menschenrechtlich orientierten Gesellschaften anpassungsfähig, indem sie den Islam ablegten.

    Insofern ist es sehr vernünftig, dass das Autor nicht von "dem Islam" spricht, sondern vom "Islam in seinen unterdrückerischen Erscheinungsformen" und so Vielfalt und Veränderbarkeit auch innerhalb des Islam anerkennt.

  • #6
    Arnold Voss

    Paule, die Zuschreibung von fiktiven Eigenschaften geschieht beim Rassismus immer nur im Zusammenhang mit und im Bezug zu dem Unveränderbaren wie der Hautfarbe, der Abstammung u.ä.
    Wenn ich z.B. ihnen jenseits davon unveränderbare Eigenschaften unterstelle die nach meiner Ansicht z.B. in ihrem Charakter, ihrer Weltanschauung, Religion u.ä. liegen, ist das eben kein Rassismus, sondern ein schlichtes Vorurteil bezüglich ihrer Person.

    Die Ausweitung des Begriffs Rassismus auf die Religion führt deswegen nur in die Irre. Auch was den Islam betrifft. Wichtiger ist stattdessen immer die jeweilige Praxis des Muslimen, Christen, Juden usw. mit in die Betrachtung zu ziehen. Das macht der Artikel sehr konsequent, in dem er den Zusatz des Unterdrückerischen als Hinweis auf eine bestimmte Praxis hinzunimmt.

    Bleibt dann nur noch die Frage zu beantworten, wieso in so gut wie allen Ländern, in denen der Islam das religiöse Sagen hat, diese unterdrückerische Praxis herrscht.

  • #7
    Nina

    Danke für die Erklärung, warum Sojamilch in gewissen Kreisen Hochkonjunktur hat. Ich fühle mich gut informiert.

  • #8
    thomas weigle

    Und @Arnold, es bleibt darauf hinzuweisen, dass es bei uns bspw. Polizisten, Lehrer , Ärzte, Krankenschwestern gibt, die so was von nicht biodeutsch sind und dennoch einen tollen Job machen. Leider gibt es aber viel zu viele strohdumme Deutsche, die angesichts dieser unzähligen Menschen dennoch von ihrem Rassismus nicht lassen können.

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