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Ruhrtriennale: Carp und wie wir die Welt sehen

 

Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp Foto: Edi Szekely/Ruhrtriennale 2018

Dass eine Band, die sich als BDS-Band erweist, ins Programm rutschen kann, hätte auch uns passieren können: Die Frage ist, wie private und staatliche Veranstalter –  mit der Christuskirche Bochum zählen wir zu den privaten, wir finanzieren uns am Markt  –  damit umgehen, wenn es passiert. Die Ruhrtriennale hat dafür jetzt eine beispielhafte Funktion, sie wird ein Maßstab sein für alle Veranstalter in NRW. Von Anfang an stand zu hoffen, es werde sich als Glücksfall erweisen, dass es die RT erwischt hat. Ein Plädoyer, von der res publica her zu denken, der öffentlichen Sache von unserem Gastautor Thomas Wessel.

Im Dezember letzten Jahres hat die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen  –  wie andere im Lande auch  –  ihren Mitglieder geraten, keine Kippa mehr in der Öffentlichkeit zu tragen. Zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, haben Bochumer Künstler und Künstlerinnen in der Christuskirche reagiert : „Wenn wir das akzeptierten, gäben wir uns selber auf“, so Chris Hopkins, einer von vielen. Auch Chorwerk Ruhr  –  eine von vier Programmsäulen der Kultur Ruhr GmbH  –  steht dafür gerade. Der Abend vor vollem Haus war ein Statement, Tenor: Wer Juden hasst, muss uns alle hassen.

Vor diesem Hintergrund lese ich den Streit um die „Young Fathers“, die BDS-Band, die ins Programm der Ruhrtriennale geraten ist. Die öffentlichen Effekte jetzt sind andere, wir laufen Gefahr, dass sich „Narrative“ verfestigen, die BDS die Bühnen bereiten und auf die sich, wer sie bereitet, berufen kann:

  1. Ist BDS eine „Kritik an der Regierung Israels“?

Nein. Dieser Kurzschluss durchzieht die Diskussion, seitdem die Intendantin ihn mit ihrem ersten Statement, der Absage an die „Young Fathers“, gezogen hat. BDS zielt weder auf eine „Regierung“ noch auf „Kritik“, sondern auf die Vernichtung einer demokratischen Gesellschaft.

  1. Ist BDS “israelkritisch”?

Das scheint der Sprachgebrauch zu sein, der sich öffentlich durchsetzt. Das Bundeskabinett hat sich 2017 auf eine Definition von Antisemitismus verständigt, sie bezieht die pauschale Kritik an Israel mit ein. Wir sollten Antisemitismus antisemitisch nennen.

  1. Gibt es eine Äquidistanz?

Zwei Kampagnen, so die Intendantin, setzten die Ruhrtriennale „unter Druck“, beide seien sie „verflachend, verkürzend“.  Diese Darstellung ist fatal, sobald man öffentlich veranstalten will: Kulturveranstalter sind keine Schiedsrichter zwischen Demokratie und Nicht-Demokratie.

  1. Überall Antisemitismus, nirgends Antisemiten?

Die Intendantin hat für alle Künstlerinnen und Künstlern der Ruhrtriennale  –  einschließlich der BDS-Aktiven  –  erklärt: „Keine Künstlerin und kein Künstler des diesjährigen Programmes der Ruhrtriennale ist antisemitisch oder rassistisch.“ Wenn wir Antisemitismus entgegen treten wollen, müssen wir begreifen, dass er in der Mitte der Gesellschaft ebenso zuhause ist wie an ihren Rändern, in allen Parteien, Kirchen und Verbänden, in Wissenschaft und Wirtschaft und Sport usw. Es gibt keinen Freistellungsbescheid für Künstler.

  1. Kunst darf das?

„Ich muss die Freiheit der Kunst verteidigen“, so die Intendantin als Begründung dafür, warum sie die  BDS-Band  –  und jetzt mit allerbestem Wissen, dass es eine BDS-Band ist  –  erneut einlädt. Feierlicher lässt sich BDS nicht heiligsprechen. Die jüdischen Landesverbände sprechen von einem „Deckmantel“. Umso dringender, auf dem Allerselbstverständlichsten zu bestehen: Boykott von Kunst ist keine Kunst, Boykott von Freiheit ist das Gegenteil von ihr.

  1. Ist das nicht „Zensur“?

„Ich möchte unter keinen Umständen, auch nicht indirekt, Zensur ausüben“, so die Intendantin. Das Argument ist irrlichternd: Jeder Veranstalter hat das Recht, Positionen ein- und andere auszuschließen, dafür ist eine Intendanz da. Dafür ist auch die Kunstfreiheit da: nicht alles als Kunst ausgeben zu müssen, was sich als Kunst bemäntelt. Kunst und Nichtkunst lassen sich unterscheiden. Der BDS spricht von Zensur, das ist klar  –  gerade deswegen muss das eindeutige Signal an alle Veranstalter gehen: Ja, wir haben das Recht und die Freiheit, BDS-Bands rauszuwerfen.

Das alles ließe sich  –  eben weil es um die Ruhrtriennale geht, und nicht irgendein Kleinstadtfestival  –  mit einem klaren Statement begradigen. Es ließe sich auch von der Intendantin selber klarstellen: Die Ruhrtriennale ist, ihrem Selbstverständnis nach, ein lernendes Festival, eines, das mit der Gesellschaft, die es verändern will, kommuniziert. Das kann mit Stefanie Carp geschehen oder ohne sie, ihre berufliche Zukunft steht nicht im Fokus, sondern eine Aufgabe: dass wir vor aller Augen und Ohren die Selbstverständigung darüber führen, wie wir Antisemitismus entgegen treten  –  mit einer Überzeugung oder einem „Narrativ“?

Das wäre keine Diskussion mit BDS-Granden, wie Frau Carp es sich denkt, sondern unter Veranstaltern, Agenturen, Sponsoren, auch Aufsichtsräten und Kulturausschüssen. Es wäre keine Diskussion über Israel, sondern über uns in NRW. Es wäre keine Diskussion „über Boykott, Freiheit der Kunst und die Unterschiede der Perspektiven“, wie Frau Carp meint, sondern über Antisemitismus.

Eine solche Selbstverständigung könnte für alle, die veranstalten, Orientierung bieten. Derzeit bleibt der Eindruck: anything goes.

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