Schalke, der VAR und das große Schneckenrennen in der 2. Liga

Auf Schalke ging es am Sonntag einmal wieder turbulent zu. Foto: Michael Kamps

Wer in den vergangenen Wochen einen Beweis dafür gesucht hat, dass die 2. Bundesliga in dieser Saison ein einziges großes Schneckenrennen ist, der wurde am 26. Spieltag an diesem Wochenende bestens bedient. Keiner aus den Top sechs gewann sein Spiel. Niemand nutzt die Chance, sich entscheidend abzusetzen. Stattdessen stolpern sie alle gleichzeitig – mal elegant, mal spektakulär.

Und mittendrin natürlich der FC Schalke 04. Ein Verein, der es seit Jahren schafft, sportliche Dramen mit einer gewissen theatralischen Wucht zu inszenieren. Beim 2:2 gegen Hannover 96 lieferte Schalke die perfekte Zusammenfassung dieser absurden Liga: dominant, führend, dann dezimiert, schließlich in letzter Sekunde bestraft.

Oder anders gesagt: Zweite Liga in Reinform.

Das Schneckenrennen der Aufstiegsanwärter

Eigentlich müsste der Aufstiegskampf jetzt Fahrt aufnehmen. Stattdessen wirkt die Tabelle wie ein Verkehrschaos im Feierabendverkehr. Niemand kommt voran. Die Topteams lassen reihenweise Punkte liegen, als gäbe es Bonuspunkte fürs Stolpern. Wer gerade glaubt, einen Vorteil zu haben, wirft ihn am nächsten Spieltag sofort wieder weg.

Schalke hätte genau diesen Moment nutzen können. Ein Sieg gegen Hannover – und plötzlich wäre man wieder komfortabel platziert im Aufstiegsrennen. Stattdessen verschenkt man eine 2:0-Führung im eigenen Stadion.

Das Problem ist nur: Schalke war damit nicht einmal allein. In dieser Liga scheint aktuell niemand wirklich aufzusteigen zu wollen.

Erst dominant, dann plötzlich nur noch zehn Mann

Dabei begann das Spiel aus Schalker Sicht nahezu perfekt. Die Gastgeber spielten eine starke erste Hälfte, gingen verdient in Führung und hatten Hannover eigentlich komplett im Griff.

Trainer Miron Muslic brachte es später auf den Punkt: „Wir haben heute Hannover überrollt, dominiert in allen Belangen.“ Und tatsächlich: Bis zur 52. Minute deutete wenig darauf hin, dass dieses Spiel noch kippen könnte.

Dann kam die Szene, über die seitdem diskutiert wird. Edin Dzeko ging mit hohem Bein zum Ball, verfehlte ihn – und traf den Gegenspieler im Bauchbereich. Schiedsrichter Robin Braun zögerte keine Sekunde und zeigte Rot. Für die Schalker war das ein Schock – und der Wendepunkt des Spiels.

„Mit der Roten Karte verändert sich das komplette Spiel“, sagte Kenan Karaman später. Für ihn wäre eine Gelbe Karte angemessen gewesen. Schließlich habe Dzeko den Gegenspieler gar nicht gesehen. Auch Trainer Muslic zeigte sich wenig begeistert – formulierte seine Kritik allerdings mit angezogener Handbremse: „Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl gibt man hier keine Rote Karte.“

Der Schiedsrichter sieht das natürlich ganz anders

Natürlich gab es auch eine andere Sicht auf die Szene. Und die kam – Überraschung – vom Schiedsrichter selbst. Braun erklärte später, Dzeko sei mit „offener Sohle“ und „hohem Risiko“ in die Situation gegangen. Der Treffer im Hüft- beziehungsweise Rippenbereich stelle eine „gesundheitsgefährdende Komponente“ dar. Oder kurz gesagt: Absicht egal, Risiko hoch – also Rot.

Aus neutraler Sicht lässt sich darüber sicher diskutieren. In Gelsenkirchen allerdings war die Meinung eindeutig. Sportdirektor Youri Mulder brachte die Emotionen auf den Punkt: „Jeder, der mal Fußball gespielt hat, weiß, dass das keine Rote Karte ist.“ Ein Satz, der in Deutschland ungefähr so häufig fällt wie „Der VAR muss das sehen“. Und der meistens genauso wenig an der Entscheidung ändert.

Die Nachspielzeit – und der nächste Nackenschlag

Doch selbst mit zehn Mann sah Schalke lange wie der sichere Sieger aus. Hannover fand offensiv kaum statt. Der Ausgleich schien weit entfernt. Bis zur Nachspielzeit.

Sieben Minuten waren angezeigt. Gespielt wurde acht. Eine Flanke segelte in den Strafraum, Torwart Loris Karius verschätzte sich – und Benedikt Pichler köpfte zum 2:2 ein. Kollektives Entsetzen!

Muslic konnte sich auch hier einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Nochmal auf die sieben Minuten Nachspielzeit eineinhalb Minuten drauflegen, dass Hannover ja nochmal den Ball in die Box bekommt … ich muss mich kontrollieren.“

Torwart Karius klang nach dem Spiel schlicht ratlos: „Unglaublich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist brutal auf so eine Weise.“

Ein Punkt, viel Frust – und das nächste Topspiel

Am Ende stand am Sonntag also ein 2:2, das sich für Schalke wie eine Niederlage anfühlt. Zwei Punkte verschenkt, ein Spieler gesperrt, ein Trainer auf 180. Und das alles ausgerechnet vor dem nächsten Kracher: dem direkten Duell mit Tabellennachbar SV Darmstadt 98.

Aber spätestens nach diesem Wochenende weiß man: In dieser Liga ist alles möglich. Vor allem das, womit niemand rechnet. Oder, um es anders zu sagen: Das Schneckenrennen geht weiter. Und manchmal stolpern die Schnecken eben auch noch über ihre eigenen Fühler.

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