
Eines mal gleich vorneweg: Ich mag Spargel. Wirklich. Schon seit meiner Kindheit in den 1970er-Jahren gehörte es bei uns zur Tradition, sich im Frühjahr zwei- oder dreimal dieses sogenannte „königliche Gemüse“ zu gönnen. Trotz der Preise. Denn billig war Spargel noch nie. Für ein Kilo bekommt man im Zweifel auch ein ordentliches Stück Fleisch.
Und trotzdem: Spargel schmeckt hervorragend. Gerade rund um Ostern stand er früher bei uns gelegentlich auf dem Tisch, und diese Mahlzeiten hatten tatsächlich etwas Besonderes. Man freute sich darauf – aber eben so, wie man sich auf viele gute Dinge freut: ohne großes Tamtam.
Heute allerdings ist aus dieser angenehmen Tradition etwas geworden, das man kaum noch ertragen kann.
Die Republik im Spargel-Ausnahmezustand
Denn seit einigen Jahren scheint in Deutschland jedes Frühjahr eine Art kollektiver Spargel-Alarm auszubrechen. Kaum steigen die Temperaturen ein wenig, explodiert die mediale Aufmerksamkeit. Egal ob Fernsehen, Zeitung oder Internet: Die Spargelsaison ist plötzlich überall.
Es wirkt fast so, als gäbe es eine geheime Redaktion, die jedes Jahr beschließt: „Jetzt ist wieder Spargelzeit – berichtet gefälligst darüber!“ Anders lässt sich die schiere Masse an Beiträgen kaum erklären. Selbst die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) kann sich diesem Reflex nicht entziehen und schürte in dieser Woche die Vorfreude.
Und sie ist damit nicht alleine. Allein in der vergangenen Woche bin ich bestimmt ein Dutzend Mal über Schlagzeilen zur Spargelsaison gestolpert – und das, obwohl diese Mitte März noch nicht einmal begonnen hat. Man kann diesem Thema schlicht nicht entkommen. Schon jetzt nicht mehr. Zwischen politischen Krisen und internationalen Konflikten scheint die nahende Spargelsaison plötzlich wieder zu den wichtigsten Nachrichten im Lande zu gehören. Nicht zu fassen!
Warum eigentlich ausgerechnet Spargel?
Die wirklich spannende Frage lautet dabei: Warum eigentlich? Natürlich gibt es viele saisonale kulinarische Klassiker. Weihnachtsgans, Erdbeerzeit, Glühwein im Winter oder das obligatorische Silvesterfondue. All diese Dinge sind beliebt. Aber sie lösen keine landesweite journalistische Dauerbeschallung aus.
Beim Spargel hingegen wird jedes Jahr so getan, als würde ein nationales Großereignis beginnen. Die erste Ernte wird vermeldet wie der Start einer Raumfahrtmission. Politiker lassen sich medienwirksam beim Spargelstechen fotografieren, Restaurants kündigen „Spargelwochen“ an, und irgendwo berichtet garantiert ein Reporter live vom Feld.
Man könnte fast glauben, Deutschland hätte kein anderes Gemüse.
Wartet wirklich irgendjemand sehnsüchtig darauf?
Und hier stellt sich die nächste Frage: Interessiert das die Menschen wirklich so sehr? Warten die Bürger dieses Landes tatsächlich mit innerer Unruhe darauf, endlich wieder Spargel kaufen zu dürfen? Ich habe jedenfalls noch niemanden erlebt, der nervös auf den Kalender blickt und denkt: „Nur noch drei Tage bis zur Spargelsaison!“
Die Realität wirkt deutlich entspannter. Die meisten freuen sich, wenn er irgendwann wieder im Laden liegt – mehr aber auch nicht.
Wenn der Hype den Appetit verdirbt
Paradoxerweise sorgt genau diese künstliche Aufregung bei mir inzwischen eher für das Gegenteil: Sie schreckt mich vom Kauf ab. Wenn ein simples Gemüse plötzlich wie ein nationales Ereignis behandelt wird, verliere ich automatisch ein wenig die Lust darauf. Vielleicht ist das eine Form kulinarischer Trotzreaktion. Während halb Deutschland euphorisch über Spargel spricht, warte ich lieber ab.
Denn ein weiterer Vorteil des antizyklischen Handelns liegt auf der Hand: In ein paar Wochen sind die Preise ohnehin deutlich niedriger. Der Spargel läuft ja nicht weg.
Ein bisschen weniger Drama würde reichen
Am Ende bleibt also ein simples Fazit: Spargel ist lecker. Wirklich. Aber er ist eben auch nur ein Gemüse. Kein gesellschaftliches Großereignis, keine nationale Leidenschaft, kein Grund für alljährliche mediale Dauererregung.
Vielleicht wäre es ganz angenehm, wenn man ihn einfach wieder so genießen könnte wie früher: gelegentlich, mit Vorfreude – aber ohne den gigantischen Spargel-Hype, der jedes Frühjahr über dieses Land hereinbricht.
Meine Portionen Spargel bekomme ich nämlich auch so. Ganz ohne Alarmstufe Weiß.
