Dinge, für die die Finanzkrise leider zu spät kam

Die Finanzkrise ist Mist. Menschen müssen kurz arbeiten, oder gar nicht mehr. Länder gehen Pleite. Banken, Versicherungen und Konzerne sowieso. Dazu feiert Vater Staat ein Comeback, durch das selbst Martin Schulz (SPD) aus Würselen ein bisschen wie Barack Obama klingt. Die Finanzkrise hat aber auch guten Seiten: Wettbüros, die so tun, als wären sie Banken, finden wir jetzt doof. Genauso künstliche Palmeninseln vor Dubai, das fernöstliche Hochhauswettrüsten, den Rhein für Hochseedampfer ausbaggern. Doch für manche Dinge kommt die Finanzkrise zu spät. Heute: Die Siemens cookingLounge.

Abbilddungen: ruhrbarone

In der Bayern München Spielstätte von Fröttmaning direkt neben einer Mülldeponie, diesem Stadion am Ende der Welt, das seine Außenhaut wie ein Chamäleon verfärben kann und doch nur aussieht wie ein breit getretener Golfball, in diesem Stadion kann man nicht nur mit dem BMW vor die VIP-Lounge vorfahren und dann abgehalftetere und/ oder wechselwillige Fußballweltstars ansehen. Hier kann man jetzt auch Kochen lernen.

Ein Koch namens Stefan Ziemann betreibt mitsamt dem Münchner Weltkonzern Siemens hier eine Kochschule mit Hochleistungsküche und Logenfenster – was eine genauso beknackte Geschäftsidee ist wie hier eine Bibliothek, ein Kino oder ein Theater zu eröffnen. Doch statt den Ball flach zu halten, und die Stadionpanoramaküche zu den anderen Nieten wie die Rolltreppe ins Nichts (klick) zu legen, haut Siemens im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung kräftig auf die Sahne.

"Wenn die Fußballstars des FC Bayern München in die Allianz Arena einlaufen", schreiben die stilblühenden Konzerntexter, "verwandelt sich das Stadion in einen brodelnden Hexenkessel. Ein Kessel, in dem man nun auch kochen kann, denn für fußballbegeisterte Genießer hat Siemens im schönsten Stadion der Welt einen besonderen Ort geschaffen." Oink.

Ich wiederhole: Siemens hat den "fußballbegeisterten Genießer" entdeckt, für den es im "schönsten Stadion der Welt" (?) jetzt das Angebot gibt, "während rundum die Emotionen hochkochen", auf 160 Quadratmetern "Spitzengastronomie und Fußball" zu "genießen". Der fußballbegeisterte Genießer darf auch wählen, ob er während des Spiels mit einem Menu bekocht wird oder ob sich für ihn an das Fußballspiel "noch ein exklusiver Kochkurs" anschließt.

  Ich versuche es mir vorzustellen, bin schließlich auch fußballbegeistert und ein Genießer: Ich fahre  Samstags zum FC Bayern in die cookingLounge, treffe auf andere Genießer, stehe um den Herd von Herrn Ziemann. Während sich draußen die Spieler warm machen, gucke ich zu wie der putzt, schneidet und brutzelt. Setze mich zum Anpfiff auf die Freischwinger, plaudere mit Tischnachbarn, höre Stadionatmosphäre, sehe mal zum Stadion TV mal aufs Spielfeld. Es gibt einen leckeren Tropfen aus dem Rheingau, es duftet nach Basmatireis und Noilly Prat. Und für die Halbzeitpause hat Herr Ziemann was ganz besonderes in Petto: "Meine Empfehlung zur Halbzeitpause: Mit Vanilleschote gepiercter Seeteufel an Risotto und Frühlingszwiebeln".

Ich schätze mal, auch beim schrumpfenden, kriselnden Weltkonzern Siemens möchte man einige Geschäftsideen der letzten Jahre gerne ungeschehen machen: mit bundesdeutschen Handyschraubereien angefangen zu haben, blind auf die Einschienenbahn (klick) zu setzen, die geschmierten Pseudogewerkschaften. Auch die Kochschule im Fußballstadion dürfte bald dazu gehören. Das kommt dann bei der nächsten Wirtschaftskrise unter die Räder.

Kundenpflege bei der Dresdner Bank in den Zeiten der Krise

Wie hieß es doch so schön früher in der Werbung für die Dresdner Bank: Mit dem grünen Band der Sympathie. Von Sympathie ist in letzter Zeit nicht viel geblieben.Erst die unverschämten Abfindungen, dann die verschämte Rückzahlung durch den Boss und nun ein kleiner Erlebnisbericht aus der Welt der kleinen Leute. Viel besser spräche man von Kunden.

Schauen wir doch mal genauer hin wie die Dresdner Bank mit ihren Kunden umgeht: Da ist die junge alleinerziehende Frau in Hagen, Unterhaltsgeld vom Vater beziehend und aufgrund der Erkrankung des Sohnes nicht in der Lage ihren erlernten Beruf auszuüben.

Folgende Situation kurz vor dem letzten Monatsersten: Konto bereits auf Null und sie benötigt noch 30 EUR. Gleichzeitig ist noch eine Überweisung über 120 EUR offen. Da aufgrund der fehlenden Erwerbstätigkeit kein Dispo eingeräumt wird, was soweit ja auch OK ist, spricht die junge Frau in der Filiale vor und erhält die 30 EUR bar ausbezahlt. Nach einigen Tagen stellt sie fest, dass die Überweisung aufgrund fehlender Deckung geplatzt ist. Nun hält sie Rücksprache mit der Filiale wo sie von der Filialleiterin der Dresdner Bank zu hören bekommt, dass sie froh sein soll, dass ihr die Dresdner Bank als Arbeitslose überhaupt ein Konto einräumt. Die verdutzte Bürgerin aus der beschaulichen Stadt Hagen ist erst mal ob dieser Frechheit der Filialleiterin baff, fängt sich alsbald und entgegnet, dies öffentlich machen zu wollen. Prompt zeigt die Dresdner Bank die hässlichste Fratze, die der Kapitalismus zu bieten hat und die Filialleiterin droht ihr mit einer Klage, falls sie den Sachverhalt öffentlich macht.

Es ist dahingestellt, ob dies ein Einzelfall war oder die Filialleiterin einfach nur einen schlechten Tag hatte. Entscheidend ist jedoch, dass so ein Verhalten nicht tragbar ist und die Bank vielmehr überlegen sollte, ob ihr solche Führungskräfte gut zu Gesicht stehen.

Der Rüttgers-Plan

Ruhig wars um Jürgen Rüttgers,

viel zu ruhig für seinen Geschmack.

Dabei sieht sich Jürgen Rüttgers

als Krisenmanager auf Zack.

 

Und jetzt sagt Jürgen Rüttgers

halt dem Spiegel, und das exklusiv,

was hilft, was er, Rüttgers, fordert –

und das relativ massiv:

 

Euro-Mias will der Rüttgers,

mehr als Hundert an der Zahl.

Wie einst Marshall plant auch Rüttgers

Erste Hilfe fürs Kapital.

 

Bange ist dem Jürgen Rüttgers,

geht der Werksofen erstmal aus.

Es schwant Jürgen Rüttgers Schlimmes,

Wirtschaftskrise! Wiederwahl? Komm ich da raus?

 

Staat, Dax-Stars, ruft Staatsmann Rüttgers,

sollten sich jetzt eng verzahnen.

Bürgt Staat, denkt sich Jürgen Rüttgers,

zahln den nächsten Crash die Ahnen.

 

The Big Spender, Jürgen Rüttgers –

Deutschlandfonds (!), nennts das Politgenie.

All das sagt dem Spiegel Rüttgers.

Immerhin fährt R. nicht Ski.

 

Foto: ruhrbarone.de

Die Geschäftsidee (1)

Foto: Ruhrbarone

Auch wenn Sie es nicht mehr hören wollen: Eine Krise ist eine Chance ist eine Krise ist eine Chance ist eine Krise . . . Im Chinesischen soll es für beides ja nur ein Wort, äh, Schriftzeichen geben. Und deshalb stellen wir ab heute pfiffige Geschäftsideen vor, wie man – Finanzkrise hin, Geschäftsidee her – auch in fiesen Zeiten seine Schäfchen ins Trockene bringt . . .

Folge Eins: "10 Minuten Koch bei Wok-Show".

Natürlich (s.o.) machen chinesische Migranten den Anfang. Mit Hühnerfleisch und Bambussprossen anschwitzen gab sich der Betreiber dieses Imbissrestaurants in der Bochumer Fußgängerzone nie zufrieden. Er hat von Anfang an auf Show gesetzt, auf Köche, die vor den Augen der Passanten und Esser Hühnerfleisch und Bambussprossen anschwitzten. Und jetzt geht die "Wok Show" noch einen Schritt weiter. Die neue Lust am Kochen ist längst geweckt. Statt sich bei Lanz oder Lichter oder Lafer oder Schuhbeck oder Vox zu blamieren, geht das auch um die Ecke, in der City-Passage und in nur zehn Minuten. Vorraussetzungen: 22 Jahre, ordentlich und hygienisch. Bravo, Wok Show, eine Idee mit Zukunft! 

Finanzkrise: Zeichen der Zeit

Die freie Wirtschaft (Auszug)

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.

Kurt Tucholsky in: Die Weltbühne, 4. März 1930, Nr. 10, S. 351

ZDF verkoppelt Juden und Finanzkrise

 "Es sin jo kei Juden mehr do", sagt der Geflügelzüchter und zeigt dem Zuschauer einen Hühnerstall, der mal eine Synagoge gewesen sei in der unterfränkischen Kleinstadt Rimpar. Gestern (2.11.08) lief im "heute journal" ein – wie ich finde – unfassbar dummer Beitrag über die Finanzkrise und die Juden. Man könnte das Stück von Reporter Christoph Röckerath auch so zusammenfassen:

Wussten Sie eigentlich schon, dass die durch die Finanzkrise berühmt gewordenen Lehman Brothers, dass die eigentlich Juden sind und aus Unterfranken stammen? Und wussten Sie schon, dass diese Weltfinanzjongleure aus Unterfranken bislang keinen Jota für das verfallende jüdische Erbe in Unterfranken übrig hatten? Nein, dann schauen Sie sich bitte diesen Bericht an: klick

Nicht nur dass hier ganz nebenbei der Zusammenhang zwischen Juden und Weltfinanzkrise hergestellt wird, den selbst der besinnungslose Wirtschaftsprofessor Sinn nicht so unelegant hingekriegt hat. Am äußersten ist die schwelende Anklage ("Geld gibt es keines") gegenüber den – ergo: geizigen – Lehman Brothers und Goldman-Sachs von heute, ihr jüdisches Erbe einer Dorfsynagoge und eines Friedhofes einfach verfallen zu lassen!

Wenigstens guckte Slomka  n a c h  diesem Beitrag etwas bedröppelt aus der Wäsche.