Theater Dortmund: Das Live-Code-Experiment

Live Code (Foto: Birgit Hupfeld)
Live Code (Foto: Birgit Hupfeld)


Theaterkritiker haben es heutzutage schwer: Statt sich klassisch mit Bühnenbild, Schauspielern und Regie auseinanderzusetzen, müssen sie sich mit Videobildern, Computerprogrammierung und Sounddesign beschäftigen. Und im Fall der Uraufführung von „Der Live Code – Krieg und Frieden im globalen Dorf“ im Studio des Theater Dortmund am 20.2. auch noch an der Spiel-Konsole bewähren. Honke Rambow versucht es trotzdem.

Im Foyer des Schauspiels kracht es, dann ein Schrei – schon wieder endete der Gang durch das virtuelle Theater tödlich. An der Spielkonsole ist das Leben als Theaterzuschauer ziemlich gefährlich. Bleibt nur zu hoffen, dass es oben im realen Studio gleich etwas friedlicher zugeht.

Zunächst deutet nichts darauf hin: Düster dräuen die Sounds aus den Lautsprechern. Ein veritabler Horrorfilm-Soundtrack empfängt die Besucher. Auf den semitransparenten Leinwänden im Raum ist immer wieder „(_clear)“ zu lesen. Sitzplätze gibt es nicht, die Zuschauer sollen sich zwischen den Projektionen bewegen, wer aber nicht stehen will oder kann, bekommt dann doch einen Stuhl. Leicht aus dem Zentrum des Raumes gerückt stehen Daniel Hengst, Rolf Meinecke und Martin Juhls in Kapuzenoveralls mit digitalen Camouflage-Prints an einer Batterie leuchtender Computerbildschirme. Kampfbereit für die letzte digitale Schlacht.

Was dann in den nächsten 80 Minuten den Besuchern präsentiert wird, ist schwer mit einem Begriff zu fassen. Ein Theaterstück ist es nicht, eine Videoinstallation vielleicht, oder doch eine Performance? In manchen Augenblicken, wenn die Pixel über die Leinwände fliegen und die Musik rhythmisch plockert, fühle ich mich einfach nur wie in einer ziemlich undergroundigen Minimal-Disco – fehlt nur noch der Kunstnebel. Ich würde ja tanzen, wären da nicht immer wieder die kurzen Texte und Statements, die Schauspielerin Eva Verena Müller in Videobotschaften mal als Computerraster mal im Realbild uns entgegenschleudert. Sätze wie „Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Kriegstechnologie“. Das sitzt. Daneben gibt es einen Fisch als Computeranimation, der zu uns spricht. Er wisse nichts vom Wasser, weil er keinen anderen Lebensraum kenne, erklärt er uns. Im Verlauf des Abend taucht er in immer deformierterer Form wieder auf und steuert Bedeutung bei. Wir verstehen: Wir sind wie der Fisch. Wir schwimmen in der Technik und wissen nichts darüber. Irgendwann wird uns Raymond Kurzweil vorgestellt – Futurist, Entwickler bei Google und Visionär der künstlichen Intelligenz und des Transhumanismus. Er verschwindet wieder. Währenddessen programmiert Rolf Meinecke in einer Software, die sich Fluxus nennt, immer neue 3D-Körper, die sich auf den Leinwänden drehen und hüpfen. Technisch ist das sicherlich für den Hausgebrauch und auch im Theater alles ziemlich aufwendig und avanciert. Im Vergleich zu dem, was heute in Videospiel und computeranimiertem Film passiert, wirkt es allerdings fast vorsintflutlich.

Zu Beginn ist der Besucher noch damit beschäftig, sich einen Überblick über die Vielzahl der Projektionen zu verschaffen, dann plätschert der Abend etwas dahin. Die kurzen Texte, sind mal mehr mal weniger interessant, gelegentlich arg agitatorisch und manchmal in der Verknappung auch etwas platt. Es geht um Krieg, der durch technologischen Fortschritt ermöglicht wird und wohl vor allem im digitalen Datenstrom geführt wird. Und immer wieder wird mit Macht darauf hingewiesen, dass wir alle Ahnungslose sind.

Und dann gibt es noch so etwas wie einen Höhepunkt des Abends: In einer ausgedehnten Videosequenz werden einer Frau ohne Narkose Platinen und Chips entnommen und eingesetzt.

„Der Live Code“ ist ein Experiment. Der Versuch, Themen der digitalen Welt auf eine Theaterbühne zu holen. Die Ambition des Teams ist klar zu spüren. Es gibt ein Anliegen, das ihnen wichtig ist, so wichtig, dass vieles sehr agitprop-mäßig gerät. Die Schwierigkeit des Abends liegt daran, dass er zu sehr versucht, Theater zu sein und sich aus der digitalen Welt hinausbewegt. Spannend wäre gewesen, die Daten selbst erzählen zu lassen. Vielleicht ist das nicht möglich, aber in den Programmierungen von Meinecke scheint diese Möglichkeit gelegentlich auf. Das sind die stärksten Momente.

 

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2 Kommentare

  1. #1 | Molly sagt am 22. Februar 2013 um 19:20 Uhr

    Schuster, bleib bei deinen Leisten.
    Anscheinend gibt es doch einige Menschen, die verstehen, Herr Rambow.

    https://www.derwesten.de/staedte/dortmund/kultur/dieses-theaterstueck-laesst-den-terminator-alt-aussehen-id7642158.html

  2. #2 | Honke Rambow sagt am 23. Februar 2013 um 03:17 Uhr

    Liebe Molly,
    bei dem von Ihnen verlinkten Artikel handelt es sich um einen Vorbericht, der überwiegend auf Gesprächen mit dem Team von „Der Live Code“ basiert. Ein solches Format ist mit einer Kritik nicht vergleichbar, die erst nach dem Besuch der Vorstellung entsteht. Übrigens finden Sie auch hier auf ruhrbarone.de einen Vorbericht von mir.

    https://www.ruhrbarone.de/szenische-algorithmen/

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