Ton Steine Scherben – Die meistgeliebte Band auf 2015er Tour

RPS Lanrue, guit. Kai Sichtermann, bass, Funky K. Götzner, drum, perc. Maxime S.P., drum., perc. Ella Josephine Ebsen, guit., voc. Nicolo Rovera, voc., guit. Elfie-Esther, voc., perc. Lukas McNally, keyb. Foto: TSS
RPS Lanrue, guit. Kai Sichtermann, bass, Funky K. Götzner, drum, perc. Maxime S.P., drum., perc. Ella Josephine Ebsen, guit., voc. Nicolo Rovera, voc., guit. Elfie-Esther, voc., perc. Lukas McNally, keyb. Foto: TSS


Am 18. Januar tritt im FZW mit Ton Steine Scherben die mit großem Abstand wichtigste deutschsprachige Band aller Zeiten auf.

1969 war ein langweiliges, zum größten Teil von eher banalen Ereignissen geprägtes Jahr: Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond, es kam fast zum Krieg zwischen China und der Sowjetunion, die Universität Bielefeld wurde gegründet und Jennifer Lopez geboren. 1969 war also ein Jahr, das man getrost für immer hätte vergessen können, wenn da nicht ein einziges, herausragendes Ereignis gewesen wäre:

Ton Steine Scherben veröffentlichte die Singe „Macht kaputt was Euch kaputt macht“. Eine kleine Vinylscheibe rettete also ein ganzes Jahr davor, für immer ohne Spuren zu hinterlassen im Orkus der Geschichte zu verschwinden.

Mit dieser einen Single erfanden die Scherben die deutschsprachige Musik neu, sie gaben der damaligen Revolte eine wütende Stimme und schufen eine der Wurzeln des Punk. Ihr Einfluss auf alles, was später einmal mit einer elektrischen Gitarre in Deutschland auf einer Bühne stehen sollte, ist vergleichbar dem von Velvet Underground oder den Rolling Stones. Die beiden Köpfe der Band, Ralph Peter Steitz aka R.P.S. Lanrue und Ralph Christian Möbius aka Rio Reiser bildeten ein Kompositionsduo, das in seiner Qualität und seiner musikalischen Bandbreite nur mit McCartney/Lennon und Jagger/Richards zu vergleichen ist.

Sicher, nach dieser distanzierten Einleitung wird es jeden Leser überraschen, dass es keine andere Band gab, die mich jemals so geprägt hat, wie es Ton Steine Scherben taten. Mit 12 Jahren war mir klar, dass der Staat und ich niemals eine besonders innige Beziehung haben werden. Das lag an einem einzigen Stück: Keine Macht für Niemand

Ich bin nicht frei und kann nur wählen,
welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.
Ich bin tausendmal verblutet und sie ham mich vergessen.
Ich bin tausendmal verhungert und sie war’n vollgefressen.

Im Süden, im Osten, im Westen, im Norden,
es sind überall dieselben, die uns ermorden.
In jeder Stadt und in jedem Land,
schreibt die Parole an jede Wand.
Schreibt die Parole an jede Wand.
Keine Macht für Niemand!
Keine Macht für Niemand!

Zugegeben, heute denke ich bei der Textzeile „welche Diebe mich bestehlen“ eher an das Finanzamt, aber eine bis heute skeptische Grundhaltung gegenüber allen, die mir etwas vorschreiben wollen, geht zurück auf diese Zeilen.

Das schönste Liebeslied aller Zeiten wird für mich immer „Schlaf bei mir“ sein, ich kenne keine tröstlichere Textzeile als „Wenn die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten“. Jahrelang hörte ich jeden Morgen vor der Schule ein Stück: „Guten Morgen“

Als Jugendlicher habe ich drei Scherben-Konzerte gesehen. Beim ersten Mal, 1981, stand ich 20 Minuten lang mit offenem Mund vor der Bühne in der Vestlandhalle Recklinghausen,  weil ich es nicht fassen konnte, Ton Steine Scherben live zu sehen.

1985, ich arbeitete in den Sommerferien im Siemens-Werk in Gladbeck, las ich in der Spex die Meldung, Ton Steine Scherben hätten sich aufgelöst. Ich versuchte den Tag mit Fassung zu überstehen.

Später machte Rio Reiser dann eine Solokarriere, ich hab ihn ein paar Mal live gesehen, aber das war etwas anderes. Lanrue und die Band fehlten. Und vieles von Reiser war mir zu nah am fünften Album der Scherben, mit dem ich wegen seiner Schlagerhaftigkeit wenig anfangen konnte.

Scherben, das Kapitel war vorbei. Ab und an entdeckte ich noch Spuren von ihnen. Bei einem Konzert der Sterne, auch sie große Scherben-Fans, entdeckte ich in fast jedem Stück, in vielen Riffs, ein kleine Scherben-Zitate.  Kein Wunder, ihre Coverversion von „Jenseits von Eden“ wies sie ja als Kenner aus:

Aber abgesehen von diesen Spuren war klar: Ton Steine Scherben gibt es nicht mehr. Reiser tot, Lanrue in Portugal.

Umso grandioser wird es nun sein, die Scherben im Januar im FZW in Dortmund zu sehen. Denn Lanrue, der einzigartige Gitarrist der Band, der mit seinen am Abgrund balancierenden Riffs  ihren Sound geprägt hat, ist wieder dabei. Kai Sichtermann, der Bassist und von Anfang an so etwas wie der gute Geist, der den Laden zusammenhielt wenn es mal krachte, beschreibt die Annäherung von Lanrue an die Rest-Scherben, die unter dem Namen Ton Steine Scherben Family tourten: „Es gab  2010 ein Gastspiel von Lanrue.  2012 war er dabei, als  wir 40 Jahre „Keine Macht für Niemand“ gefeiert haben. Seit diesem Jahr ist er wieder ganz dabei und wir haben das „Family“ hinter Ton Steine Scherben gestrichen und treten wieder mit unserem richtigen Namen auf.“

Klar, Sichtermann weiß auch, dass Reiser fehlt und nicht zu ersetzen ist – genau so wenig, wie Lanrue zu ersetzen war. Was nun einmal auch der Grund ist, warum es keine neuen Stücke gibt und auch kein neues Album geben wird: „Die Mehrheit der Band tut sich da schwer. Es ist auch Risiko, weil die Kreativabteilung  von Rio und Lanrue ein sehr hohes Niveau hatte. Ob wir da mit neuen Stücken rankommen, ist unsicher.“

Auf die Konzerte, sagt Kai Sichtermann, käme ein vom Alter her gemischtes Publikum. Die Scherben sind mittlerweile eine drei Generationen Band: „Ich beobachte immer wenn ich auf der Bühne stehe das Publikum. Vorne stehen die ganz Jungen und singen alles mit. Das geht ja nur wenn man die Musik sehr, sehr oft gehört hat.“

Früher, das kann man in vielen Artikeln lesen, grämten sich die Scherben, weil andere die Erfolge hatten, deren Grundlagen von ihnen gelegt wurden. Das ist vorbei. Bei Scherbens ist man zufrieden damit, von den Fans geliebt zu werden wie keine zweite Band, ganze Leben geprägt und Musikgeschichte geschrieben zu haben: „Wir waren nie im Mainstream und werden das auch nie sein.“

 Ton Steine Scherben Tour 2015:

13.01. Augsburg, kantine
14.01. (CH) Zürich, plaza klub zürich
15.01. Lörrach, burghof lörrach
16.01. Stuttgart, lka longhorn
17.01. Düsseldorf, zakk düsseldorf
18.01. Dortmund, fzw
19.01. Frankfurt am Main, batschkapp frankfurt
20.01. Osnabrück, rosenhof osnabrück
21.01. Bremen, kulturzentrum schlachthof
22.01. Hamburg, fabrik hamburg
23.01. Berlin, kesselhaus & maschinenhaus (kulturbrauerei)
24.01. Rostock, m.a.u. club rostock

Dir gefällt vielleicht auch:

14 Kommentare

  1. #1 | leoluca sagt am 19. Dezember 2014 um 15:12 Uhr

    Vielen Dank für den Hinweis. Eine Ankündigung, die zu Herzen geht. Die Scherben – das war meine Jugend in Berlin und anderswo …

    Bin mal sehr gespannt, wer in Düsseldorf der Überraschungsgast sein wird. Bitte nicht Campino. Aber sehr gern: Peter Hein von den Fehlfarben. Oder DAF oder …

  2. #2 | Stefan Laurin sagt am 19. Dezember 2014 um 15:34 Uhr

    @leoluca: Vielen Dank 🙂

  3. #3 | Tamara Kizcec sagt am 19. Dezember 2014 um 15:53 Uhr

    Die Einordnung als GröBaAz finde ich fragwürdig. Was ist mit NEU!, Kraftwerk, The Notwist, Fehlfarben oder auch Blumfeld?

  4. #4 | Stefan Laurin sagt am 19. Dezember 2014 um 16:01 Uhr

    @Tamara Kizcec: Alle ganz nett. Aber mehr auch nicht 🙂 Ich hätte übrigens noch Tocotronic auf die Liste gesetzt.

  5. #5 | Essen stellt sich quer sagt am 19. Dezember 2014 um 18:13 Uhr

    Ende Mai 1983… Offenbach… ach…

  6. #6 | crazyhorse sagt am 19. Dezember 2014 um 18:22 Uhr

    Live fand ich die Scherben immer grottig lärmend und ohne Rio fehlt das magische, charismatische Element. Werde wohl trotzdem im FZW dabei sein.

  7. #7 | David sagt am 19. Dezember 2014 um 19:13 Uhr

    Sehr geehrter Herr Laurin,

    hab mich schon häufiger gefragt, woher Ihre extremen Emotionen gegenüber den Grünen wohl kommen! Ihre Liebe zu den Scherben lässt da jetzt einiges in ganz neuem Licht erscheinen, ich sach nur CLAUDIA ROTH;-)

    Viele Grüße!

  8. #8 | Stefan Laurin sagt am 19. Dezember 2014 um 19:22 Uhr

    @David: „Schneewittchens“ Rolle wird heute überschätzt 🙂

  9. #9 | Hank sagt am 19. Dezember 2014 um 19:25 Uhr

    Nichts gegen die Scherben aber gegen die Sprachgewalt und musikalischen Raffinesse von Cotzbrocken aus Köln stinken die TSS ab.

  10. #10 | Hank sagt am 19. Dezember 2014 um 20:15 Uhr

    Es.muß natürlich musikalische Raffinesse lauten und fairerweise sollte ich erwähnen das ich TSS mag aber Cotzbrocken die Latte extrem hoch gelegt haben.

  11. #11 | Thorsten Stumm sagt am 20. Dezember 2014 um 02:32 Uhr

    Nun schön das die TSS selbst erkennen das Rio nicht zu ersetzen ist….als ich vom Tod von Rio aus dem Radio erfuhr war ich gerade im Auto auf der A40 musste rechts ranfahren weil ich geheult habe wie ein kleines Kind….nie wieder habe ich solche starken Gefühle mit irgendeiner Band verbunden….heisst wohl das ich ins FZW muss…..dann sehen wir uns wohl da….

  12. #12 | Stefan Laurin sagt am 20. Dezember 2014 um 02:42 Uhr

    @Thorsten Stumm: Ich bin sehr glücklich, Lanrue bei den Scherben erleben zu dürfen.

  13. #13 | Philosoph sagt am 5. Februar 2015 um 00:10 Uhr

    Immer noch einfach eine coole Band, find ich toll, dass sie noch in der Form gibt!

  14. #14 | Burkhard Tomm-Bub sagt am 2. Dezember 2016 um 15:09 Uhr

    Interessant!
    Sehe ich ganz ähnlich.
    1981 in der Vestlandhalle war ich auch im Publikum, zwei Fotos habe ich da noch.
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.