Umstrittene Ostertradition in Waltrop: Wenn der Wecker aus Holz ist

Die ‚Räppler‘ bei ihrem Abmarsch an der St. Peter-Kirche in Waltrop im Jahre 2018. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

„Ah, bald ist Ostern! Ausschlafen! Füße hoch! Kein Wecker!“ – Ja, ja. Diese naive Vorstellung haben viele. Wirklich viele. Und dann gibt es… Waltrop.

Hier übernimmt nämlich kein Smartphone den Start in den Feiertag, sondern ein akustisches Relikt aus einer Zeit, in der „Lautstärke“ noch kein Einstellungsmenü hatte: die Holzräppel. Punkt sechs Uhr morgens. Kein Snooze-Button, keine Gnade, keine Diskussion. Wer in der Nähe der Innenstadt wohnt, bekommt das volle Programm – gratis und ungefragt.

Willkommen beim „Räppeln“. Oder wie ich es nenne: dem vermutlich charmantesten Lärmbelästigungsritual Deutschlands.

Tradition trifft Trommelfell

Die Idee dahinter ist eigentlich hübsch: An Karfreitag und Karsamstag schweigen die Kirchenglocken. Stattdessen ziehen Kinder und Jugendliche durch die Straßen und ersetzen das Läuten durch das rhythmische Klackern ihrer Holzinstrumente. Treffpunkt ist die ehrwürdige St.-Peter-Kirche, von dort aus wird dann die Stadt beschallt – um 6, 12 und 18 Uhr. So weit, so katholisch. So weit, so traditionell.

Nur: Tradition klingt aus der Distanz immer romantischer als aus dem eigenen Schlafzimmer.

Denn wenn die Nachwuchs-Räppler vor deinem Fenster stehen und mit erstaunlicher Hingabe auf ihren Holzgeräten herumholzen, ist das weniger „kulturelles Erbe“ und mehr „akustischer Überfall“. Besonders um sechs Uhr morgens. Besonders an einem Feiertag. Besonders, wenn man sich am Abend vorher dachte: „Morgen schlaf ich mal richtig aus.“ Spoiler: Nein, tust du nicht.

Empörung, Eier und ein bisschen Bargeld

Dass das nicht alle witzig finden, überrascht ungefähr so sehr wie Regen im Ruhrgebiet. In den letzten Jahren ist die Stimmung gekippt. Beschimpfungen, Social-Media-Rants, genervte Neubürger, die sich fragen, ob sie aus Versehen in einem Freilichtmuseum gelandet sind – das Räppeln polarisiert.

Und ja, man kann die Frage stellen: Muss das wirklich so früh sein? Muss Tradition zwangsläufig mit Schlafentzug einhergehen? Und warum zur Hölle gibt es keinen „leisen Modus“ für Brauchtum?

Gleichzeitig gehört zur Wahrheit auch: Die Kids machen das freiwillig. Ohne TikTok-Filter, ohne WLAN, dafür mit echtem Körpereinsatz. Am Karsamstag ziehen sie sogar von Tür zu Tür und sammeln Spenden – früher Eier und Obst, heute eher Münzen und Scheine. Inflation trifft halt auch die Kirche.

Zwischen Genervtheit und Heimatgefühl

Und jetzt wird’s kompliziert. Denn obwohl ich selbst mit Kirche ungefähr so viel am Hut habe wie ein Fisch mit Fahrradhelmen, mag ich dieses Räppeln. Ja, wirklich.

Es ist laut. Es ist früh. Es ist völlig aus der Zeit gefallen. Aber genau das macht es irgendwie besonders. In einer Welt, in der alles optimiert, digitalisiert und auf Effizienz getrimmt ist, marschieren hier ein paar Jugendliche mit Holzklappern durch die Straßen und sagen: „Nö, wir machen das jetzt einfach wie vor 100 Jahren.“ Das hat was. Irgendwas zwischen Nostalgie und lokalem Wahnsinn.

Und seien wir ehrlich: Viel bleibt davon nicht mehr. Die Gruppen sind kleiner geworden, Corona hat auch hier Spuren hinterlassen, und es ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, dass sich genug Nachwuchs findet. Wenn man so will, ist jedes Räppeln auch ein kleines „Solange es noch geht“.

Der Deal mit dem Teufel – oder den Räpplern

Vielleicht ist das der unausgesprochene Deal in Waltrop: Zwei Tage im Jahr früh geweckt werden – dafür ein Stück lebendige Geschichte behalten. Ein bisschen Lärm gegen ein bisschen Heimatgefühl.

Und am Ende? Am Ende siegt sowieso der Pragmatismus. Nach der letzten Runde am Karsamstag verschwinden die Räppeln wieder im Schrank, die Glocken übernehmen, und die Stadt kehrt zur gewohnten Geräuschkulisse zurück.

Die einen atmen auf. Die anderen freuen sich heimlich schon aufs nächste Jahr.

Und irgendwo dazwischen liege dann auch ich – müde, leicht genervt, aber irgendwie auch ganz zufrieden, dass es diesen herrlich schrägen Oster-Weckdienst noch gibt.

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