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Uraufführung in Gelsenkirchen: „Der Rest ist Tanz“ – Dreiteiliger Ballettabend am Musiktheater im Revier

To The Moon And Back (Foto: Pedro Malinowski)

Am 20.5. hatte im Musiktheater im Revier der dreiteilige Ballettabend „Der Rest ist Tanz“ mit neuen Choreographien von Pontus Lidberg, Renato Paroni de Castro und Marguerite Donlon Premiere. Damit reiht sich die Compagnie von Bridget Breiner neben dem Dortmunder und dem Essener Ballett ein, wo unter dem Titel „Kontraste“ bzw. „3 by Ekman“ ebenfalls in den vergangenen Monaten dreiteilige Abende von Gastchoreografen gezeigt wurden. Es mag sein, dass Dortmund mit Richard Siegal, Johan Inger und Edward Clug und Essen mit Alexander Ekman die größeren Namen der Szene verpflichten konnte, doch das nur 14köpfige Ensemble des Balletts im Revier zeigt im Gegenzug von nur etwas weniger prominenten Choreografen drei Uraufführungen, die extra für den Abend entstanden sind, während in Dortmund und Essen bis auf Clugs Arbeit nur für andere Compagnien erarbeitete Kreationen gezeigt wurden. Verstecken muss sich die Compagnie von Bridget Breiner damit ganz gewiss nicht.

Gezeigt wird der Abend im kleinen Haus des Musiktheaters – und das ist gnadenlos. Die knappen Abmessungen der Bühne, die direkte Nähe zum Publikum verzeihen nichts. Kein Wackler, keine unsaubere Ausführung bleibt verborgen, nichts kann überspielt werden.  Es gehört ein gewisser Mut dazu als Tänzerin und Tänzer sich dieser Nähe auszusetzen. Und das Gelsenkirchener Ensemble kann sich diesen Mut leisten.

Daybreak (Foto: Pedro Malinowski)

Den Auftakt des Abend bestreitet der Schwede Pontus Lidberg mit seiner Schöpfung „Daybreak“. Im schwarz abgehängten Bühnenhintergrund zeigt ein kleiner Durchblick am Boden die Wipfel einiger Bäume. Zum pathosgeschwängerten Streichquartett von Samuel Barber tanzen vier Frauen und vier Männer ein Nachtstück, das zwischen Sommernachtstraum und bösem Märchen schwankt. Blasse, fast weiße Gestalten bevölkern diesen Wald. Zunächst sind es die Männer, die kraftvoll viril das Terrain erkunden und einnehmen. Wenn die Frauen hinzutreten, bekommt das Spiel zwangsläufig etwas erotisches. Und dann erscheint plötzlich – zunächst nur für einen unscharfen Augenblick – das merkwürdige Wesen mit dem Hundekopf. Fast meint man, man habe sich die Erscheinung vielleicht nur eingebildet. Die brillante Lichtregie setzt immer wieder, auch mitten in den Szenen, Lichtwechsel, die oftmals durch ein kaum wimpernschlaglanges Black eingeleitet werden, und gibt damit dem Stück die unverwechselbar undeutliche Atmosphäre einer nächtlichen Vision. Zuletzt überwiegt das Unheimliche und alle bis auf einen haben sich in Hundewesen verwandelt, die dann so plötzlich verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Der Spuk ist vorüber.

Lidbergs Choreographie ist feinstes zeitgenössisches Ballett mit vielen schönen Bewegungserfindungen und großer Eleganz. Nur gelegentlich würde man dem Ensemble tatsächlich mehr Platz wünschen, um seine Qualitäten auch voll ausspielen zu können. Gleich zu Beginn, wenn nur der erste Tänzer allein auf der Bühne ist, reicht seine enorme Präsenz schon, den knappen Bühnenraum eng wirken zu lassen.

Nach der ersten Pause folgt das 50minütige „Die Architektur der Liebe“ von Renato Paroni de Castro. Deutlich verweisen das farbige Bühnenbild (Jürgen Kerner) mit seiner irritierenden perspektivischen Verschiebung und den grafischen Neonröhren sowie die etwas gewöhnungsbedürftigen sweatshirtartigen Oberteile der Kostüme von Thomas Lempertz mit ihren grafischen Mustern auf den Konstruktivismus. Musikalisch liegt Paroni de Castro mit Frank Martins Etüden für Streichorchester von 1955 knapp nach der Hochphase dieser Epoche. Seine Choreographie gliedert sich in die sechs kurzen Teile „Unschuld und Schatten“, „Besessenheit“, „Freude“, „Verlust“, „Schwermut“, „Omni in Unum“ und hat damit einen Teil mehr als Martins Komposition.

Architektur der Liebe (Foto: Pedro Malinowski)

Allzu deutlich steigt Renato Paroni de Castro mit Amors Pfeil ein. Es ist durchaus Geschmacksache, wie viel Pantomime das zeitgenössische Ballett verträgt. Hier ist es zunächst etwas viel. Doch spätestens mit dem herrlich komischen Pas des deux von der irre dauergrinsenden Francesca Berruto und José Urrutia im Abschnitt „Freude“ findet Paroni de Castro zu einem perfekt austarierten Verhältnis aus Witz und Ästhetik, Tanz und Erzählung. Und dann folgt das Solo „Verlust“ getanzt von Bridget Breiner – ohne Musik, woraus sich die unterschiedliche Anzahl von Stückteilen und Kompositionssätzen erklärt. Was die Compagnie-Chefin hier zeigt, ist von so unglaublicher Größe und Schönheit, so unmittelbar herzzerreißend, ohne in quälendes Ballettpathos zu verfallen. Die Selbstverständlichkeit, die aus absolut überlegener Technik entsteht, die Mühelosigkeit der ganz großen, gestandenen Tänzerin ist hier zu erleben. Es ist zweifellos die Sternstunde des Abends.

„To The Moon And Back“ von Marguerite Donlon beschließt den Abend. Wer bei dem Berg plüschiger Kugeln im Bühnenhintergrund nicht unmittelbar an die Tribbles denkt, hat wohl nie Star Trek gesehen. Und tatsächlich: Die Plüschbälle fangen auch gleich an sich zu bewegen. Drei Tänzerinnen schälen sich aus dem Haufen, die Kugeln sitzen als weiße Afroperücken auf ihren Köpfen. Auf Spitze schwebende, schreitende und trippelnde Aliens sind sie, die sich in einer fremden Zeichensprache verständigen. Das ist amüsant, technisch höchst anspruchsvoll und sieht auch noch wunderbar aus. Und selten war die völlige Unnatürlichkeit des Spitzentanzes so sinnvoll. Jedes Alien, das Füße hat, wird einem in Zukunft unrealistisch vorkommen.

Die Außerirdischenidylle währt aber nicht lange. Männer in schwarzen Wickelröcken landen auf dem Planeten. Ein Spiel der Annäherung mit wechselnden Machtverhältnissen beginnt. Zunächst ist es ein gewaltsamer Übergriff der Neuankömmlinge, dann gibt es das freundschaftliche Forschen der Außerirdischen nach der gemeinsamen Bewegung und als drittes das freche Spiel mit den Neuankömmlingen durch geheimnisvolle telepathische Kräfte. Donlons Choreographie ist wohl die rundeste und beeindruckendste des gesamten Abends – und die mit dem feinsten Gespür für Humor. Ungemein originell erfindet sie ein breites Bewegungsvokabular, das sich auch mal bei Streetdance oder modernem Tanz bedient, nicht als Zitat, sondern als Inspiration, die organisch mit der ganzen Meisterschaft einer erfahrenen wie experimentierfreudigen Choreografin in den eigenen Stil überführt wird. Und das gesamte Ensemble geht engagiert diesen Weg mit.

Das Ballett im Revier zeigt mit „Der Rest ist Tanz“ einen grandiosen Abend, der für die kleine Bühne fast zu groß ist. Die stilistische Bandbreite ist nicht ganz so weit wie bei „Kontraste“ in Dortmund, die tänzerische und technische Qualität aber durchgängig mindestens so hoch wie dort und ein gutes Stück über der in Essen. Hinzu kommt, dass das Ensemble in Gelsenkirchen bei aller Eingeständigkeit der einzelnen Tanzcharaktere eine wunderbar geschlossene Einheit bildet, ungemein sympathisch ist und auf der Bühne die Lust am gemeinsamen Arbeiten erlebbar macht. Der Abend wird nur noch bis zum Ende der Spielzeit insgesamt fünf Mal gezeigt und ist derzeit nicht als Wiederaufnahme für die kommende Spielzeit geplant. Der Besuch ist für jeden mit Interesse an zeitgenössischem Ballett im Revier Pflicht.

Termine und Tickets: MIR

 

 

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