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Versetzt das Corona-Virus vielen Lokalzeitungen den Gnadenstoß?

Hat derzeit vielfach noch weniger zu bieten: Die Lokalzeitung. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Habt ihr in den vergangenen Tagen schon einmal eine Lokalzeitung in den Händen gehalten? Nein, nicht online, ich meine wirklich eine gedruckte Zeitung, also die klassische Printausgabe. Die sind erschreckend dünn geworden, oder?

Klar, in Zeiten der Corona-Pandemie ist die Nachrichtenlage in den Städten der Region vergleichsweise dürftig. Das erklärt einen Teil der augenfälligen Schieflage.

Und die Anzeigenkunden, seit Jahren eh eine immer kleiner werdende Gruppe im Bereich Print, machen sich dort natürlich aktuell auch noch rarer als zuletzt schon. Auch das kostet selbstverständlich Umfänge. Und doch gibt es da einen scheinbaren Widerspruch.

Denn das grundsätzliche Interesse an lokaler Berichterstattung bei den Leuten ist ungebrochen, wenn nicht sogar noch größer geworden, wie auch WDR-Lokalzeit-Reporterin Nicole Werner kürzlich im Ruhrbarone-Interview zu berichten wusste.

So erfreut sich Lokalberichterstattung im WDR-Fernsehen aktuell offenkundig besonders großer Nachfrage. Und auch dort gibt es ja aktuell nicht mehr so viele Ereignisse wie sonst üblich, über die man berichten könnte, sondern deutlich weniger.

Warum also profitieren die Lokalzeitungen der Region in diesen Tagen nicht von dieser Entwicklung, sondern scheinen, ganz im Gegenteil, ihren schon länger zu beobachtenden Niedergang sogar noch zu beschleunigen?

Verlage darben bekanntlich schon seit Jahren. Die Digitalisierung in der Medienbranche stellte sie streng genommen bereits seit der Wiedervereinigung Deutschlands mehr und mehr vor Herausforderungen. Bis in die Gegenwart hinein, konnten nur die wenigsten Medienhäuser diesen Wandel wirklich zufriedenstellend vollziehen.

Immer mehr Lokalredaktionen wurden in den vergangenen Jahren schon komplett geschlossen, oder aber zumindest personell deutlich ausgedünnt. Der Qualität vieler Lokalausgaben hat das nicht gutgetan.

Corona droht vielen zusätzlichen Ausgaben nun den Garaus zu bereiten. Denn vielfach bieten die Redaktionen in diesen Tagen nicht viel mehr als abgedruckte Pressemeldungen und ganze Seiten voller Leser-Fotos an.

Das mag in Zeiten des fortwährenden Stillstands in vielen Gesellschaftsbereichen teilweise der Ermangelung echter Neuigkeiten geschuldet sein. Teilweise wird hier aber offenkundig auch nur beschleunigt weiter umgesetzt, was sich eh schon länger abgezeichnet hatte: Ein rigoroser Sparkurs der Verleger.

Die derzeitige Entwicklung macht die gedruckte Lokalzeitung nun für viele Bürger mit Sicherheit für die Zukunft noch entbehrlicher, als dies in den vergangenen Jahren schon der Fall war.

Man muss kein Prophet sein um zu prognostizieren, dass die Corona-Krise, deren Ende ja noch gar nicht abzusehen ist, so mancher Lokalausgabe in den kommenden Monaten ein vorgezogenes Ende bescheren könnte.

Und das, obwohl die Leute in anderen Bereichen verstärkt nach Lokalbericherstattung verlangen und ja auch trotz schwieriger Nachrichtenlage erfolgreich geboten bekommen, wie u.a. die Lokalzeit des WDR zeigt. (Und bevor jemand fragt: Auch die Ruhrbarone laufen in dieser schwierigen Phase aktuell besonders gut. 😉 )

Irgendetwas läuft da mächtig schief, im Print-Bereich….

 

 

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11 Kommentare zu “Versetzt das Corona-Virus vielen Lokalzeitungen den Gnadenstoß?

  • #1
    ruhrreisen

    Auch interessant: Der Stadtspiegel Gelsenkirchen – sprich – ORA-Anzeigenblätter – oder Funke-Medien ist weder telefonisch noch per Post auf seiner alten Adresse in der Florastraße 6 erreichbar. Wirdaber wohl noch verteilt…

  • #2
    Eugen Jocks

    Die Lokalredaktionen bekommen es in Covid19 Zeiten noch nicht einmal hin, eine Liste mit Abhol- oder/und Lieferdiensten von Essenanbietern zu veröffentlichen. Geschweige denn, so was zu testen. Im Gegenteil, die Restaurant-Testseite wurde eingestellt.

  • #3
    Robert Müser

    Wenn ich mir den gruseligen Inhalt mancher Funke-WAZ-Lokal-Ausgaben in gedruckter wie digitaler Form (auch schon vor Corona) anschaue, dann wird das Verschwinden dieser Ausgaben nicht weiter auffallen. Die journalistische Qualität war nach diversen Rationalisierungsrunden und Schließungen von Lokalredaktionen eh nicht mehr vorhanden. Der 1:1-Abdruck von Pressemitteilungen im Lokalteil bzw. als Artikel hinter der Paywall ist keine journalistische Glanzleistung. Der massive Verlust der zahlenden Leserschaft kommt ja nicht ohne Grund. Eher schade, dass die eigentliche Kontrolle der lokalen Politik durch die Presse nicht mehr wahrgenommen werden kann, aber dann ist es halt so.

    Irgendwie wäre hier m.E.n. eine Chance für die Ruhrbarone diese Lücke zu füllen, die Funke und Co. hinterlassen haben.

  • #4
    Bochumer

    Es war eine Fehlentscheidung, die Lokalredaktionen so stark zu schwächen. Die weltpolitischen Nachrichten gibt es woanders besser und aktueller: Der Lokalteil war das Besondere. Wenn es eine.Zukunft gegeben hätte, dann dort.

    Ansonsten ist eine gedruckte Zeitung vor allem ein Entsorgungsproblem. Das ganze Altpapier muss ja auch wieder raus. Mit dem versterben der letzten Abonnenten werden die Blätter eingestellt. Das ändert das Virus nicht.

  • #5
    ke

    Einen Durchlauferhitzer für Pressemeldungen ohne Mehrwert braucht man nicht.
    Aktuell verfolge ich die Medien stärker. Leider fällt bei vielen Artikeln eine extrem niedrige Qualität auf.

    Für mich bedeutet dies, dass ich diese Medien auch sonst nicht brauche. Sie bieten mir keinen Mehrwert, fassen nicht zusammen, …

    Ich finde es dennoch bewundernswert, wie die Zusteller es auch in diesen Zeiten immer wieder schaffen, die Versorgung sicherzustellen.

  • #6
    DEWFan

    Die Einschätzung meiner Vorposter kann ich sehr gut nachvollziehen.

    Mir reicht ein Digitalabo der Ruhr Nachrichten. Da ist auch ein recht guter Dortmunder Lokalteil drin, und es kostet nur 15 € gegenüber 40 € für das Print-Abo. Eigentlich vermisse ich nur "Haegar der Schreckliche".

    WAZ und Rundschau, zumindest online, sind mir zu Essen und Duisburg lastig.

    Ansonsten verbleibt auf lokaler und regionaler Ebene nur Ruhrbarone und Nordstadtblogger.

  • #7
    DEWFan

    Was ich aber WAZ und Rundschau-online zugute halten muss ist, dass man dort auch als nicht Abonnent wie bei Spiegel online die Leserkommentare frei zugänglich lesen kann.

  • #8
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    So sehr mich (und berstimmt die anderen Kollegen auch) die freundlichen Worte in Richtung unseres Blogs freuen, muss ich diese doch relativieren. Für uns Ruhrbarone-Autoren ist das hier im Blog ja alles ‘Hobby’, auch wenn viele von uns ihre Brötchen als Journalisten anderswo verdienen. Eine vollwertige Lokalzeitung werden wir mit diesem Projekt nicht ersetzen können. Das ist auch gar nicht unser Anspruch. Wir alle schreiben hier im Rahmen unserer jeweiligen Möglichkeiten unbezahlt über Themen, die uns am Herzen liegen. Mehr als eine (hoffentlich interessante und abwechsungsreiche) Ergänzung zu einer Zeitung können wir daher nicht sein. Aber natürlich ist es sehr schön zu hören (lesen 😉 ), dass wir bzw. unsere Arbeit hier geschätzt werden/wird. 🙂

  • #9
    Ruhr Reisen

    #8: Ich halte das Wegsterben der Lokalen für eine demokratische Katastrofe. Auch wenn die lokale WAZ – mit wenigen Ausnahmen – sich nur zum Fisch einwickeln eignet. Bleiben da nur noch selbstausbeuterische Null-Budget-Blogs oder sowas wie Correctiv oder allenfalls TAZ? Es wäre ja auch nix dagegen zu sagen, wenn pensionierte alte Hasen sich für ein ehrenvolles Lokalprojekt für lau zusammentäten, wenn sie finanziell unabhängig sind – was eben leider auch nur geht, bis der Löffel dann entgültig abgegeben wird. Gibt es außer prekär finanzierten Lokaljouralismus keine Alternativen mehr?

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