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Von der enormen Selbstüberschätzung des 37. Evangelischen Kirchentages in Dortmund

Das Stadion in Dortmund konnten die Gläubigen nicht einmal zur Hälfte füllen. Foto: Robin Patzwaldt

Es war das große Medienthema der vergangenen Tage. Vom 19. bis 23. Juni 2019 war der 37. Deutscher Evangelischer Kirchentag in Dortmund bundesweit in den Schlagzeilen. Viele bedeutungsvolle Worte erreichten aus der Ruhrgebietsmetropole das Ohr von Gläubigen und Ungläubigen im ganzen Lande.

So schön das für die Stadt Dortmund in Sachen Publicity und Medienpräsenz auch gewesen sein mag, dass eine Veranstaltung dieser Art ihr zu vermehrter Beachtung verhalf, die Teilnehmer und Organisatoren, wohl auch Teile der Medien, litten offenkundig an einer krassen Form der Selbstüberschätzung im Bezug auf die Bedeutung der Veranstaltung für die Gesellschaft in diesem Lande.

Gut 100.000 Besucher über die kompletten vier Tage, von Donnerstag bis Sonntag, bei hunderten von Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet. Wenn man die Zahlen einmal nüchtern betrachtet, dann ist das weit weniger beeindruckend als Freunde des Kirchentages das glauben wollen.

Die großen Worte vom Signal des Aufbruchs, einer Initialzündung für die Gesellschaft, vom starken Zeichen für die Evangelische Kirche sind in der Realität weit weniger überzeugend, wenn man bedenkt, dass in Dortmund, wo Fußball laut eigenem Selbstverständnis Religion ist, das Spiel also bei dem erwachsene Männer einem Ball hinterherjagen, offenkundig regelmäßig deutlich mehr Menschen berührt und mobilisiert als ein solcher Kirchentag.

An jedem Bundesligawochenende pilgern in Dortmund alleine über 80.000 Leute in den heimischen Fußballtempel. Zum Abschlussgottesdienst des Kirchentages am Sonntag kamen hingegen nur knapp über 30.000 Anhänger ins Stadion an der Strobelallee.

Wird der BVB Deutscher Meister, dann strömen an einem einzigen Nachmittag gerne mal über 200.000 Anhänger in die City. Selbst zur völlig bedeutungslosen Saisoneröffnung des BVB kommen im Hochsommer regelmäßig deutlich mehr Menschen als zu diesem religiösen Highlight, dass doch Menschen aus der ganzen Welt ansprechen und auch mobilisieren sollte/wollte.

Da kann Kirchentagspräsident Hans Leyendecker, selber übrigens bekennender BVB-Fans und ein ausgezeichneter Fachmann in Sachen Fußball, im Zusammenhang mit dem unter seiner Schirmherrschaft organisierten Kirchentag in Dortmund also so lange von deutlichen Aufbruchssignalen und starken Zeichen in die Gesellschaft reden wie er will, er selber weiß eigentlich tief in seinem Inneren, dass seine schwarzgelben Lieblingskicker im Jahre 2019 offenkundig im Ruhrgebiet und darüber hinaus doch deutlich mehr Anziehungskraft auf die Bürger haben als die Evangelische Kirche.

Dafür mag es Gründe geben, man kann das Alles gut oder schlecht finden und darüber trefflich streiten, die Gründe dieser Situation lang und breit analysieren…. Am Ende ist es jedoch ein sehr klares Zeichen in Richtung Zustand und Bedeutung der Evangelischen Kirche in diesem Lande, wenn selbst zu einem unspektakulären Auftakttraining des BVB inzwischen mehr Menschen ins Dortmunder Stadion kommen als zu einem religiösen Highlight, das es nur alle paar Jahrzehnte mal hier in der Region mitzuerleben gibt.

Nur mal so als Anmerkung meinerseits hier kurz in die Runde geworfen….

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22 Kommentare zu “Von der enormen Selbstüberschätzung des 37. Evangelischen Kirchentages in Dortmund

  • #1
    Mika

    Eine sehr schöne Beobachtung. Die evangelische Amtskirche hat sich in den letzten Jahren zu einer Vorfeldorganisation der Grünen entwickelt. Lediglich als das sollte man sie betrachten. Es passt halt personell wie programmatisch in den medialen grün/linken Mainstream, was die Beachtung in der Presse erklärt.

    Ich finde es total abstoßend und bin ausgetreten.

  • #2
    Nina

    Ganz ehrlich? Von mir aus können es in Zukunft noch weniger Gläubige werden. 😀
    Und dass derTrägerverein offiziell bis jetzt noch nichts zu Kuchlers Entgleisungen gesagt hat ist ein verdammtes Armutszeugnis.

  • #3
    Leon Klenner

    Leider ein sehr einseitig geschriebener Kommentar.
    Sie setzen eine 5 Tägige Veranstaltung mit einem 90 Minütigen Training vom Zeitaufwand gleich.
    Außerdem ist die Anreise deutlich länger für die Leute die aus ganz Deutschland nach Dortmund zum Kirchentag reisen als für Leute die aus dem Ruhrgebiet zum Stadion fahren.

    Ich möchte mal sehen wie 120000 Dortmundfans den Verein in ein 5 tägiges Trainingslager in Bayern begleiten. Das wäre ein passender Vergleich.

  • #4
    Jan

    Schrecklich diese Woche.
    In der Stadt ist schon an normalen Tagen das Verkehrsaufkommen so hoch das man ne halbe Stunde mindestens einplanen kann wenn man als Pendler durch die Stadt fahren muss. Und dann wird aufeinmal die halbe Stadt gesperrt wegen einem so fragwürdigen Event. Lächerlich da sind die 100.000 schon zu viel. Schade das es nicht deutlich weniger waren, sodass die Veranstalter sich richtig schön blamiert hätten.

  • #5
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Leon Klenner: Sorry, aber wenn mein Vergleich oben im Text hinkt, dann tut es dieser mit dem Trainingslager erst recht. Denn der Kirchentag fand ja im Ruhrgebiet statt, also dort wo Millionen Menschen leben, die, um im Bild zu bleiben, Fans vor Ort sind. Da waren also genug potenzielle Anhänger in der Gegend. Die haben sich größtenteils nur nicht blicken lassen.

  • #6
    Nina

    @5: Sie haben sich verschrieben. Anstelle "ausladen" muss es richtig heissen "einladen". 😀

  • #7
    Klaus Lohmann

    46 Euro Umsatz pro Kirchentags-Besucher wiegen die 3 Mios, die die Stadt reingebuttert hat, wieder auf. Um nix anderes ging und geht es hier, ist – wenn auch im deutlich provinzielleren Rahmen – ähnlich wie Olympia oder WM nur ein "Business" fürs Stadtsäckel geworden.

    Ich hab von der Heiligkeits-Hüpferei absolut nichts mitbekommen, aber ich hab mich auch nicht drum gedrängelt;-)

  • #8
    Thommy

    Eine vollkommen überflüssige dekadente wie peinliche -allerdings beachtlich gut organisierte-Selbstbeweihräucheringsparty mit integrierter Sonnenbank für sich wie gewohnt selbst statt Gott anbetende ind vergötternde Kommunal-, Landes-und Bundespolitiker auf Kosten aller Steuerzahler .
    Amüsant allerdings der unbeabsichtigte Ausflug des Kinder-und Jugendchores in die Linienstraße -Rotlicht-"Viertel" ist wohl etwas übertrieben -da hätte man das Motto des Kirchentsges " Vertrauen" doch glatt in " Mitten im Leben" umbenennen können.

    Nun aber kann sich Dortmund wieder voll und ganz um die Plage mit den Eichenprozessionsspinnern kümmern-die Kirchentagsprozessionsspinner sind wieder weg.😏

  • #9
    Maja Lange

    Als Dortmunderin habe mehrere Veranstaltungen beim Kirchentag besucht und bin dankbar für diese Erfahrungen. In der Stadt herrschte eine freundliche und offene Stimmung, ich bin mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen und habe Denkanstöße bekommen. Und das unabhängig davon, ob ich glaube oder nicht…
    Diese Offenheit wünschte ich mir bei den Fußballspielen. Da habe ich teilweise Angst mit meinen Kindern im Stadion.
    Also: Bitte erkennt an, was Menschen bewegt und bewegt haben und redet nicht alles schlecht.

  • #10
    Wolfram Obermanns

    90min sind das Eine, fünf Tage das Andere.
    Schwarz/Gelb ist das Eine, Vielfalt das Andere.
    Show ist das Eine, Workshops, Vorträge und Diskussionen sind das Andere.
    Zuschauer zu sein ist das Eine, Mitwirkender das Andere.
    Quantität ist das Eine, Qualität das Andere.

    Ich war 4 Tage von morgens bis abends da und kann dann nur sagen, ich habe von der Fülle des Angebots fast nix mitbekommen, wie auch. Und die Veranstaltungen bei denen ich war, waren qualitativ – bis auf eine – sehr hochwertig.

    Mit insgesamt 120000 Besuchern war der Kirchentag auch nicht soviel schlechter besucht als andere, allerdings bei weniger Dauergästen. Wieviele Besucher der Abschlußgottesdienst hatte, ist für Dortmund nicht so klar, da es eine große Parallelveranstaltung im Westfalenpark gab.

    Es gab signifikant weniger Polizeieinsätze als beim BVB, da muß der Kirchentag echt zurückstecken, keine Frage. Der Punkt geht an den BVB und sein Fans.

    Grüße in die Filterbubble!

  • #11
    Maike

    Ich war fünf Tage lang dabei, hab es fünf Tage lang genossen und zum Glück nur Dortmunder getroffen, die allem offen gegenüber standen und einem das Gefühl gegeben haben, willkommen zu sein. Mir sind die Zahlen vollkommen egal, denn diejenigen, die da waren, haben eine gute Stimmung verbreitet, also waren ja die Richtigen da!

  • #12
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Maike: Ich treffe an den Wochenenden auch häufig tolle Leute. Aber ein positiver Impuls für das ganze Land geht davon halt nur sehr selten aus. 😉 😀

  • #13
    Andi

    Medial links/grüner Mainstream.

    Da haben wir ja schon wieder braune Flecken
    gesichtet.

    Wie man sich insgesamt daran stören kann weiss ich auch nicht. Selbst wenn man kein kirchenfreund ist. Das war immer noch günstiger als dass was eine Antidemkratische Partei wie die AFD an Steuergeldern verschwendet.

  • #14
    thomas weigle

    Selbstüberschätzung ist kein Alleinstellungsmerkmal des Kirchentages. Das können Einzelpersonen teilweise noch ganz viel besser. Dortmund und das Ruhrgebiet haben weiß Gott andere Probleme als einen evangelischen Kirchentag, der `ne Menge freundlicher Besucher auf`s Stadtgebiet spült, die zudem Geld da lassen und für gute News bundesweit sorgen. Und offensichtlich gab es sogar interessante Veranstaltungen, wie früher auch.

    Auch wenn ich heuer mit Kirchentagen nix mehr am Hut habe, frag ich mich, was der Artikel bezwecken will, außer zu zeigen, dass der Autor kein Freund des Kirchentages und der evangelischen Kirche ist?

  • #15
    ke

    Mir hat die Stimmung während des Kirchentags in Dortmund gefallen. Es waren auch gefühlt sehr viele Menschen im Stadtgebiet unterwegs. Die genauen Zahlen finde ich eher uninteressant. Wer soll sie schätzen. Man brauchte ja in der Stadt kein Ticket.

    Zum Dortmund-Spiel reisen auch viele Menschen lange an. Die großen Zuschauerzahlen sind für mich eher ein Beweis dafür, welche herausragende Leistung der BVB regelmäßig erbringt, dass so große Zuschauerzahlen schon als Selbstverständlichkeit bewertet werden.

    Ist es noch Zeit für Massenveranstaltungen? Die Kirchentage oder auch Turnfeste haben in der Vergangenheit immer wieder große Menschenmassen angezogen. Ist das noch so? Wer will noch in der Schule schlafen?

    Dann noch die Mecker-Könige, die sich an den Ausgaben stören, an einen Stau stören …

    Wir sind das grüne Dortmund. Verhaltet euch auch so und fahrt Fahrrad etc. 🙂
    Eine Großstadt muss auch Begegnungen von Menschen fördern. Auf Kirchentagen treffen sich ja eher die engagierten Menschen.

  • #16
    Michael Müller

    An den Kirchentagen waren die Stadtbahnen überfüllt und noch unpünktlicher als sonst. Zudem Schikanen an den Zugängen zu den Haltestellen.
    Mag sein, dass das bei Fußballspielen auch so ist. Zu diesen Zeiten meide ich die Stadt Dortmund immer möglichst komplett. Meine Meinung: Fußball und Religion gehören abgeschafft.

  • #17
    Arnold Voss

    @ Michael Müller

    Es gibt zwei Dinge die unabschaffbar sind: Fußball und Religion. 🙂

  • #18
  • #19
    Henning

    Also von Selbstüberschätzung trotzt eher dieser BVB-Huldigungskommentar. Irgendwelche Zahlenvergleiche sagen doch null aus. Fußball ist reine Unterhaltung, für manche auch noch grölen und Bier trinken. Kein Problem. Soll jeder das machen, wozu er Spaß hat. Menschen, die zum Kirchentag gehen machen sich Gedanken um die vielfältigsten Dinge, was das Zusammenleben in der Gesellschaft anbelangt, das Miteinander, die Bewahrung der Schöpfung uvm. Die Besucher diskutieren, engagieren sich, haben Gemeinschaft, nehmen den vielfältigsten Input für sich oder ihre Gemeinde mit, um nur mal ganz wenige Dinge aufzuführen. Jedenfalls ist es weit weit mehr als sich 90 Minuten unterhalten zu lassen. Die Veranstaltungen sind so sehr verschieden, dass ein Vergleich aus meiner Sicht nicht den geringsten Sinn macht. Nicht okay ist aber, die Geringschätzung, die aus dem Kommentar durchklingt. Ich selbst bin Fußballfan und Christ. Und es gibt überhaupt keinen Anlass, dass eine gegen das andere auszuspielen.

  • #20
    Werner Koch

    Die maßgebliche öffentliche Mitfinanzierung durch Dortmund, NRW, die Bundesrepublik machen den Kirchentag zu einem "Staats"-Kirchentag. Dass Ministerien, Landesstiftungen und öffentliche Unternehmen wie Sparkasse, DB, Dortmunder Stadtwerke, etc. auch noch als Sponsoren und Projektifinanzieren auftreten, erhöht den staatlichen Anteil.
    Dieser Eindruck wird durch die massive Präsenz von Politikern (Steinmeier, Merkel, Laschet, Kretschmann, uvam.) und Mitgliedern des Bundestags und der Landtage bestärkt.
    Kirchentage mit staatlicher Beteiligung sind eine deutsche Besonderheit, die undemokratisch und unzeitgemäß sind und abgeschafft gehören. Die Kirchen können ihre Sommerfeste eine Nummer kleiner selbst finanzieren.
    Wenn es der Kirche um die Menschen geht, sollten Kirchentage von den Kirchen finanziert werden und nicht den Eindruck von Staatskirchen erwecken.

  • #21
    thomas weigle

    Wer Christ und/oder Mitglied einer Kirche ist, hat jedes Recht auf einem Kirchentag teilzunehmen, egal ob er nun Laschet, Kretchmann oder sonstwie heißt und welche Funktion er ausübt bzw. er/sie nicht ausübt.
    Was das Sponsering angeht, da ist das eine einfache Sache: da treffen sich eben nicht nur Christen, sondern auch aktuelle bzw. zukünftige Kunden. Ist wie beim Fußball, der ja, wie einige zu wissen glauben, auch in der Religion beheimatet bzw. eine solche ist.
    Das ist natürlich blanker Unfug, man kann den Fußball nicht mit Religion gleichsetzen. Er ist eine sehr viel wichtigere Sache als jede Religion, stellt diese weit in den Schatten. Schon der legendäre Bill Shankly bspw. hat vor vielen Jahren festgestellt, dass Fußball eine sehr viel ernstere Sache sei als eine solche von Leben oder Tod. Noch Fragen?

  • #22
    Werner Koch

    Politiker wie Laschet oder Merkel treten auf Kirchentagen nicht als Privatperson auf, sondern in ihrer politischen Funktion und halten Vorträge auf der Bühne.

    Das macht die Verquickung von Staat und Kirche sichtbar. Die Anträge vom Kirchentag auf staatliche Zuschüsse werden erfüllt – und die Politiker erhalten eine Bühne. Theokratie Deutschland! Auch manche Gläubige wissen, dass die christlichen Kirchen und der Staat getrennt sein sollten. Man kann nicht zwei Kirchen als quasi-Staatskirchen privilegieren und exklusiv deren Sommerfeste subventionieren.

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