Vor der Bundestagswahl sollte die Impfung gelaufen sein

Jens Spahn Foto: Stephan Baumann Lizenz: CC BY-SA 3.0

Noch so eine Pleite wie beim Beginn der Impfungen wird sich die Bundesregierung nicht leisten können. Vor der Bundestagswahl müssen alle, die es wollen, geimpft worden sein.

Eine Freundin meiner Mutter wird in der kommenden Woche geimpft. Sie die Seniorin wohnt in ihrem eigenen Haus in England. Nach den Plänen der European Medicines Agency
(EMA), die über die Zulassung der Impfstoffe für die Staaten der Europäischen Union, sollte in Europa niemand vor Anfang Januar geimpft werden. In der vergangenen Woche gönnte sich die EMA noch eine Bürgeranhörung, die rechtlich nicht vorgeschrieben war und wenig neue Erkenntnisse brachte. Über die Zulassung des Impfstoffes wollte man erst nach den Weihnachtsfeiertagen entscheiden. Aber aus „Festbraten first“wurde nichts.

Die Bundesregierung und Gesundheitsminister Jens Spahn drängten auf eine schnellere Entscheidung. Im Gegensatz zu EU-Bürokraten, die sich wie der Bär Balu aus dem Dschungelbuch an dem Motto „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ orientieren können, weiß Spahn, dass seine Zukunft eng verknüpft ist mit dem erfolgreichen und schnellen Kampf gegen die Pandemie. Nun wird der Impfstoff am 23. Dezember zugelassen. Die EMA hat alle Zeit der Welt, Spahn und Koalition nicht: Am 26. September wird der neue Bundestag gewählt. Dann, nach mehr als 18 Monaten Pandemie, müssen die Bundesregierung und die sie tragenden Parteien Erfolge vorweisen können: Zum Beispiel eine Impfung, an die bis dahin jeder, der will bekommen konnte. Die Pläne der ständigen Impfkommission, nach der erst im Dezember kommenden Jahres mit der Impfung aller Menschen begonnen wird, die weder zu einer Risikogruppe noch Teil der kritischen Infrastruktur sind, mögen fachlich gut durchdacht sein, politisch umsetzbar sind sie nicht. Corona zehrt an den Nerven der Bürger, die in diesem Land seit Generationen keine Katastrophe mehr erlebt haben. Bislang trägt die Bevölkerung die Maßnahmen mit, sieht sie ein und verhält sich diszipliniert. Aber die Menschen können verlangen, dass sie möglichst schnell geimpft und ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen können. Auch wirtschaftlich sind die Schäden durch Corona heute schon unermesslich. Der Staat, das wird immer klarer, kann und wird sie nicht alle auffangen. Spahn und die Bundesregierung müssen liefern und sie müssen es schnell tun. Jeder Tag, um den sich der Beginn Impfung verzögert und jede Woche, die sich bis in den Herbst hinzieht, kosten das Vertrauen der Bürger.

 

 

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5 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 15. Dezember 2020 um 21:15 Uhr

    Bei der Impfung gibt es so viele Unbekannte.
    Alle staatlichen Programme/Aktionen während der Corona Zeit waren bisher Mist. Sie waren meistens jenseits aller Zeitpläne und nur sehr zaghaft umgesetzt worden.
    Viele Länder testen lokal in Hotspots bzw große Bevölkerungsgruppen mit Schnelltests, wir schaffen es nicht , in unseren Altenheimen zu testen. Eigentlich sollten die Schnelltests im Herbst wieder viele Aktivitäten erlauben, weil stark ansteckende Personen mit großer Wahrscheinlichkeit mit den Tests erkannt werden.

    Die aktuelle Hürde ist der Lockdown, dessen Ziel mir immer noch unklar ist. Fest steht nur, dass die Schulen schnell wieder geöffnet werden sollen, obwohl es keine Konzepte gibt, wie Schule sicher laufen kann.

    Ist davon auszugehen, dass das Impfen im staatlichen 9 to 5 klappt? Wir schaffen es noch nicht einmal die Inzidenzen täglich zu aktualisieren, weil die Kommunen keine Daten zum RKI zuverlässig übertragen können.

    Der Staat ist vollkommen ohne Strategie. Die Kommunen versagen in den meisten Fällen komplett.
    Ich bin aktuell sehr pessimistisch.

  2. #2 | ccarlton sagt am 16. Dezember 2020 um 04:25 Uhr

    Die Bereitschaft zur Impfung ist in der gesamten Bevölkerung seit April um fast die Hälfte gesunken. Beim medizinischen Personal liegt sie sogar unter der der restlichen Bevölkerung.

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 16. Dezember 2020 um 09:47 Uhr

    @ccarlton (2) das ist eine falsche Sichtweise, weil es für diejenigen, die sich impfen lasen wollen, gar keinen Impfstoff gibt. Und es wird ihn bis ins Frühjahr hinein nicht bedarfsdeckend geben.
    Der Andrang dieser Millionen Menschen, die sich impfen lassen wollen, ist entscheidend, und alle diejenigen, die sich angeblich oder echt nicht impfen lassen wollen, stehen wenigstens nicht vor mir in der langen Schlange. Gut so! Umso früher bin ich aus dem künstlichen, aber leider notwendigen Hausarrest raus. Die Welt wird sich aufteilen in Geimpfte, die frei auf die Straße gehen dürfen und ohne Sorge in den Urlaub fahren können, und den Impfgegenern, die im Haus bleiben müssen.
    Dann ist viel mehr Platz überall.

  4. #4 | ccarlton sagt am 16. Dezember 2020 um 13:33 Uhr

    Das ausgerechnet die, die vom Fach sind, eine unterdurchschnittliche Bereitschaft zur Impfung haben, gibt Ihnen nicht zu denken? Z.B. das die ohnehin gesunkene Bereitschaft in der Gesamtbevölkerung weiter zurück geht? Für die sog. Herdenimunität muss die Quote über 48% liegen.

    https://dfncloud.uni-erfurt.de/s/bFxiPwR8dLfam2K#pdfviewer

  5. #5 | Helmut Junge sagt am 16. Dezember 2020 um 16:06 Uhr

    Sie zäumen das Pferd immer von der falschen Seite auf. Dabei ist es doch ganz einfach.
    Wer nicht geimpft ist, egal aus welchem Grund, ist ungeschützt und braucht auch nicht auf irgendeine Herdenimmunität warten, weil es mangels Interessenten vermutlich einfach keine geben wird.
    Wer aber geimpft ist, ist sicher. Der braucht aber auch nicht auf eine Herdenimmunität warten, weil er sie selber nicht mehr benötigt. Das sind dann diejenigen, die zu den Beerdigungen gehen können. Sobald das jedem klar ist, wird es einen Massenandrang auf die Impfstellen geben, und damit wäre dann jede jetzige Befragung Vergangenheit.

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