„Der BVB braucht einen erfahrenen Trainer mit Strahlkraft!“

Der neue BVB-Trainer Edin Terzic. Foto: BVB

Englische Woche in der Fußball-Bundesliga: Unsere Autoren Peter Hesse und Robin Patzwaldt haben es sich auch diesmal nicht nehmen lassen, sich über die jüngsten Geschehnisse im hiesigen Profifußball zu unterhalten.

Der vollzogene Trainerwechsel beim BVB, ein neuerlicher Rückschlag für die Schalker in Augsburg, die jüngsten Erfolge von Bayer 04 Leverkusen, die Liste der Themen war in dieser Woche einmal mehr recht lang. Unsere beiden Fußballfreunde haben ihre dazugehörigen Meinungen auch vor dem bereits in der Wochenmitte anstehenden 12. Spieltag gewohnt leidenschaftlich ausgetauscht:

Peter Hesse: Hallo Robin, nach der schwer verdaubaren Niederlage gegen den VfB Stuttgart folgte der Rauswurf von Lucien Favre. Ich kann nur sagen: Endlich! Ich habe seine Taktik zu oft nicht verstanden, ihm schwebte eine Art Glamourfußball spanischer Prägung vor, den die Mannschaft aber vor allem in der Defensive nicht umsetzen konnte. Bei Standartsituationen wirkte die BVB-Abwehr zuletzt wie ein Haufen aufgescheuchter, planloser Hühner – die weder Mann- noch Raum-Deckung beherrscht. Das Umschaltspiel klappte nicht – gegen Frankfurt, Köln und erst recht nicht gegen Stuttgart hat das Favre-Team zudem die nötigen Pferdestärken auf das Spielfeld bekommen. Und das Team aus der Daimlerstadt präsentierte fantastischen Power-Pressing-Fußball aus dem Jürgen Klopp-Lehrbuch.

Robin Patzwaldt: Hallo Peter! Ich finde es nachvollziehbar, dass sich der BVB am Sonntag von Favre getrennt hat. Jesco von Eichmann hat aus Sky Sport News schon Quellen genannt, die davon berichten, dass Marco Rose von Mönchengladbach ab Sommer der neue Dortmund-Coach würde. Für mich ist Rose ein Trainer, den ich vor seiner Gladbach-Zeit nicht wirklich auf dem Schirm hatte, der am Niederrhein aber bisher einen sehr guten Eindruck macht. Was hältst du von ihm?

Peter Hesse: Ich finde, dass ein Dortmunder Trainer erstmal in unserer medialen Facebook-Twitter-www-Welt einigermaßen die deutsche Sprache beherrschen muss und auf konkrete Fragen auch konkrete Antworten geben muss. Favre wirkte zu oft wie ein halb-dementer Jopi Heesters, der vom eigentlichen Kern der Frage ausweichen wollte, aber rhetorisch nicht in der Lage ist, um Mann und Maus zu benennen. Wenn Favre, wie vom Bild-Reporter nach der Stuttgart-Pleite in der PK befragt, Moukoko erst zur 86. Minute bringt – und nicht schon viel eher, zum Beispiel in der 53.  – als das 2:1 fiel, möchte man nicht sein unverständliches Luis de Funès-Kauderwelsch hören, sondern einfach nur eine klare Ansage. Mit Edin Terzic wird die mediale Präsentation jetzt besser werden und ich erhoffe mir auch eine deutliche Trotzreaktion jetzt im Spiel gegen Bremen. Wir wollen jetzt erstmal sehen wie sich Terzic jetzt in den letzten drei Partien gegen Werder, Union Berlin und im DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig schlägt. Wenn er das erfolgreich meistert – vielleicht muss Rose dann gar nicht kommen…

Robin Patzwaldt: Ich kann Terzic noch nicht einschätzen. Der war zwar auch bei der Favre -PK zu Beginn seiner Amtszeit mit dabei, wenn ich mich recht erinnere, fand dabei aber keine Beachtung. Ich denke daher, dass es Rose werden wird. Der BVB braucht einen erfahrenen Trainer mit Strahlkraft. Die Situation ist heikel, denn was machen sie beim BVB wenn sich jetzt Erfolg einstellt und mit Rose schon eine Einigung zum Sommer besteht, wie teilweise berichtet wird. Andersherum ist es auch gefährlich, denn was passiert, wenn der BVB bis Weihnachten keines der drei Spiele mehr gewinnt? Alles nicht ideal. ich hätte mir ja Sammer als Übergangstrainer bis zum Sommer gewünscht….

Peter Hesse: Sammer hatte im Jahr 2016 einen leichten Schlaganfall, der ihm die Grenzen seiner Belastbarkeit aufzeigte. Ich glaube, dass ist der Grund warum er es nicht wird. Die Crux ist ja, du brauchst einen BVB-Trainer der Borsigplatz-Stallgeruch hat und auch wie Nobby Dickel das Bad in der Menge genießen kann, der eine menschliche Christian Streich-Komponente mitbringt und natürlich eine Pep Guardiola-Fußballprofessoren-Kompetenz mit Sternchen mit sich führt. Nachdem Klopp, Tuchel, Bosz, Stöger und Favre verschlissen sind, hätte ich mir vom Typ her eine Mischung aus Florian Kohfeldt und Julian Nagelsmann gewünscht. Ich kenne Tercik bislang nur aus der ›Inside Borussia Dortmund‹-Dokumentation, wo er sehr gut rüberkam. Ich hoffe es gelingt ihm ein tolles Spiel gegen Werder Bremen – und tippe auf einen 2:1-Sieg für unsere Borussia.

Robin Patzwaldt: Trainerwechsel lösen ja häufig direkt etwas aus. Ich hoffe daher auch auf einen Erfolg an der Weser für die Dortmunder, bin aber, wie immer vor dem Spiel skeptisch. Bei mir muss das nichts heißen, das war schon immer so ? Lass uns mal einen Blick nach Schalke riskieren. Das war ja schon extrem bitter, was denen da gestern in Augsburg widerfahren ist. Eigentlich ganz gut gespielt und dann doch wieder so viele Rückschläge einstecken müssen. Der späte Ausgleich der Augsburger und dann vor allem auch der üble Sturz von Uth, der das Spiel tatal überschattet hat. da entwickelt man doch selbst als Dortmunder so eine Art Mitgefühl, oder? Und ausgerechnet das Mitleid will ja eigentlich keiner haben….

Peter Hesse: Uth ist mit der wichtigste Spieler in königsblau, das tut mir auch richtig leid. Aber der Volksmund sagt ja nicht umsonst: der Teufel kackt gerne mal auf den größten Haufen. Die Schalker Legende Rüdiger Abramczik schlug vor ein paar Wochen vor, man solle die Liga auf 20 Vereine aufstocken und daher keinen Club absteigen lassen. Das wäre für mich bislang der einzig sinnige Vorschlag, warum Schalke nicht absteigt. Ansonsten bin ich ratlos. Aber vielleicht ist das ja auch alles erst die ›Spitze des Eichbergs‹ – und es kommt mit einem eventuellen Lizenzentzug noch schlimmer. Denn vor allem drücken die horrenden Schulden in Gelsenkirchen…

Robin Patzwaldt: Das Ganze zeigt aus meiner Sicht auch geradezu klassisch, wie schnell du es als vermeintlicher Spitzenclub der Bundesliga verkacken kannst. Ging dem BVB ja vor rund 15 Jahren mal ähnlich. Seither haben sich mit Wolfsburg, Hoffenheim und schalke gleich drei Klubs daran versucht sich in der absoluten Spitzengruppe zu etablieren. Keinem ist es dauerhaft gelungen. das zeigt, wie dünn das Eis ist, wenn man versucht mit den Bayern mitzuhalten. Auch der BVB wird durch Corona finanziell weit zurückgeworfen. Hoffentlich bleibt den schwarzgelben der Rückfall ins Mittelfeld erspart. Selbstverständlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass Schalke ja unter Tedesco noch Vizemeister war und weiter angreifen wollte. Wenn jetzt kein Wunder geschieht, spielt die Liga nächstes Jahr ohne die Gelsenkirchener. das fände ich schon tragisch. Immer mehr Vereine mit Strahlkraft fallen raus. Von Kaiserslautern, Hamburg, Hannover, Nürnberg usw. mussten wir uns ja schon verabschieden. Nur Stuttgart kommt bislang immer wieder zurück. Aber da kann man sich schon sorgen machen. Corona trägt da auch seinen Teil bei. immer mehr Vereine ohne Strahlkraft kann die Liga nicht gebrauchen. aber die Gefahr besteht aus meiner Sicht schon, weil die Fans hat auf der Einnahmenseite wegfallen und die Konzerne bestimmen wie gut es einem Verein geht. Na ja, und die Führung der Klubs natürlich auch. Und da scheint man in Leipzig derzeit viel richtig zu machen, ob uns das gefällt oder nicht. Aber was da derzeit entsteht, das nötigt einem schon Respekt ab, oder?

Peter Hesse: Ich finde auch toll wie Leverkusen gerade die Tabellenführung übernommen hat – das spricht auch für die gute Arbeit von Trainer Bosz, der in Dortmund ja leider gescheitert ist. Es ist etwa einen halben Monat her, da hat Leverkusens Geschäftsführer Rudi Völler mit dem Sender ›RTL Nitro‹ über den Leverkusener Trainer gesprochen. Völler lobte Bosz während des Gesprächs auffällig oft über den grünen Klee. Zudem hat Völler die Veränderungen in den Fokus gestellt, die die Mannschaft mit dem Bayer-Kreuz im Logo wieder nach ganz vorne gebracht haben – und zwar mit einer exklusiv guten Defensive wie Offensive. „Das ist sein Verdienst“, sagte Völler. Denn Leverkusen hat erst 10 Gegentreffer, Dortmund bereits 15…

Robin Patzwaldt: Ja, Bosz mochte ich auch schon in seiner Zeit in Dortmund als Typ. Ihm gönne ich den Erfolg. Wobei ich das Ganze auch nicht überbewerten würde. Ob Leverkusen bis zum Ende da oben mit dabei bleibt, daran habe ich Zweifel. schließlich wurde der Klub ja noch vor ein paar Wochen heftig für seine Transferpolitik gerügt. Aktuell läuft es dort gut. Man darf aber nicht vergessen, dass Bayern, Leipzig, Dortmund und Mönchengladbach aktuell noch die CL-Belastung in den Knochen haben, während die Werkself in der Europa League deutlich ‚einfachere‘ Teams zu bespielen hatte. Du merkst beim BVB ja regelmäßig, wie die Konzentration abfällt, wenn die CL-Spiele absolviert sind. Das Problem hat Leverkusen weniger, wenn sie gegen Teams spielen, die unter Bundesliganiveau angesiedelt sind, wenn wir mal ehrlich sind. Im Laufe der Rückrunde dürfte sich da einiges geradeziehen. Aus Dortmunder Sicht ist das auch zu hoffen, denn Platz 5 reicht ja bekanntlich nicht um auch zukünftig im Konzert der Großen mitmischen zu können.

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