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„Sozialdemokratie ist schon was anders als Demokratie.“

wendland_wahlSeit gestern ist Wolfgang ‚Wölfi‘ Wendland nun auch offiziell OB-Kandidat in Bochum. Bereits vor einigen Taten führte Ruhrbarone-Autor Sebastian Bartoschek ein Interview mit ihm, das heute und morgen wiedergegeben wird. Morgen gibt es dann auch für alle Lesefaulen das Interview als Podcast zum Nachhören.

Sebastian Bartoschek (SB): Ich bin in der sogenannten Kita, dem geheimen Hauptquartier des Ruhrbarone-Kollektivs. Wir haben uns hier getroffen, um ein Interview zu führen mit dem vielleicht nächsten Oberbürgermeister von Bochum, Wolfgang Wendland.  Wolfgang, die meisten da draußen werden dich kennen, die wenigsten nicht. Aber für die wenigen, wer bist du?

Wendland: Ja, ich bin Wolfgang Wendland.

SB: Und woher kann man dich kennen? Du kommst ja nicht aus dem Nichts, du hast ja eine Geschichte.

Wendland: Wahrscheinlich kommt das daher, dass ich in den 70er Jahren Helfer bei der evangelischen Jugend war.

SB: Die Fotos sind bekannt. Es soll aber auch noch einen Männerchor geben, in dem du mitsingst.

Wendland: Na, es ist kein Chor, es ist mehr eine Combo. Es sind vier lustige Musikanten, die unterschiedliche musikalische Stile beherrschen und in diesen Stilen eben auch lustige Lieder fabrizieren.

SB: Und diese lustigen Lieder tragen dann Titel wie „Blumenkohl am Pillemann“.

Wendland: Auch.

SB: Auch „Das politische Lied“.

Wendland: „Das politische Lied“ oder „Das Leben ist ein Handschuh, der gar nicht existiert“ oder „Anarchie und Alkohol“. Es ist halt eine sehr breite Palette. Manchmal covern wir auch. Gilbert Bécaud, Georg Kreisler.

SB: Nervt dich das, wenn diese Kassierer-Sache jetzt immer in den politischen Kontext gezogen?

Wendland: Nein, es ist Fluch und Segen zugleich. Wenn ich die Band nicht hätte – haben wir den Namen der Band schon gesagt?

SB: Die Kassierer.

Wendland: Wenn ich also „Die Kassierer“ nicht hätte, würde mich ja niemand kennen. Gleichzeitig bin ich aber durch meine Aktivitäten innerhalb dieser Band, wie singen, nackt auf der Bühne herumtanzen und auch im Fernsehen singen und nackt auf der Bühne herumtanzen, auf eine gewisse Rolle festgelegt, die ich aber von meinem Selbstbild her nicht habe. Aber viele sind dann halt doch überrascht, dass ich jetzt Oberbürgermeister werden will. Das sind aber die gleichen, die wenn sie mir ein Bier anbieten und ich sage, nein, ich möchte jetzt nichts trinken, weil ich bin mit dem Auto da, überrascht sind und sagen: Was du hast einen Führerschein? Man wird auf diese Bühnenrolle sehr festgelegt.

Sozialdemokratie ist schon was anders als Demokratie.
Ein Hacksteak ist ja auch kein Steak.

SB: Und wie ist denn die Entscheidung gefallen? Du bist länger politisch aktiv. Aber wie ist denn die Entscheidung gefallen jetzt bei einer Oberbürgermeisterwahl tatsächlich anzutreten und nicht nur lokal in Wattenscheid?

Wendland: Ich hatte vor mehr als über 1,5 Jahren gehört, dass der nächste Bürgermeister Thomas Eiskirch wird, weil man in Bochum eigentlich davon ausgeht, wenn jemand von der SPD aufgestellt wird, dann wird er es auch. Auch wenn es Wahlen in der SPD gibt – aber die sind mitunter auch nur Formsache. Da hatte ich lange Zeit immer gewitzelt, bevor der Oberbürgermeister wird, werde ich es und dann trete ich an. Und das hatte ich vielen erzählt. Und als dann in den entsprechenden Gremien bzw. sich dann das Gerücht verdichtete, dass Thomas Eiskirch antritt, wurde ich halt von Freunden genötigt, das in die Tat umzusetzen.

SB: Du machst auch damit Wahlkampf, dass, wer von der SPD aufgestellt wird, eigentlich auch gewählt wird. Es gibt das berühmte Bild von dem rot angestrichenen Besen, den man wählen könnte. Mit welcher Erwartungshaltung geht man denn dann als freier Kandidat neben – ich habe hier gerade nochmal unser Ruhrbarone-Elefantenrunden-Plakat raus gewühlt – sechs Kandidaten an so eine Wahl?

elefantenrunde2015
Wendland: Als ich angetreten bin, war eigentlich glaube ich nur der SPD Kandidat klarer geworden und die anderen waren eigentlich noch nicht aufgestellt und da gab es immer nur so Gerüchte. Es war alles noch nicht so klar. Und ich bin halt mit der Erwartungshaltung da ran gegangen, dass ich einen Wahlkampf gegen den SPD-Kandidaten führe. Ich meine, in 70 Jahren SPD in Bochum, seit ´99 mit den Grünen, hat sich nichts verändert. Im Anfang bin ich einfach nur angetreten, habe in kürzester Zeit die Unterstützungsunterschriften bekommen. Jetzt sprechen mich Leute auf der Straße an: ‚Seit Schröder kann man die SPD nicht mehr wählen.‘ Und ich denke, dass ich schon eine sehr realistische Chance habe und das macht Spaß.

SB: Wo würdest du dich so politisch verorten? Du stellst dich ja gerade als Alternative zu dem sozialdemokratischen Kandidaten dar, jetzt haben wir einen Kandidaten der CDU, der Grünen, der Linken, der freien Bürger. Wo steht Wolfgang Wendland im klassischen Parteienspektrum?

Wendland: Ich war im Bezirk Wattenscheid fünf Jahre lang Bezirksvertreter für die Linke. Also im Prinzip würde ich mich schon links ansiedeln, wenn links bedeutet, dass es eine politische Richtung ist, die auf die Verbesserung des menschlichen Daseins gerichtet ist, eine fortschrittliche Position. Aber Kommunalpolitik ist ja im wesentlichen sachorientiert. Und das Wesentliche ist sicherlich, was erklärt, wieso meine Politik garantiert linksorientiert ist, dass es eben sozial gerecht zugehen muss und vor allem auch demokratisch und transparent.

SB: Das sagen ja alle. Ich habe noch nie einen Kandidaten aus dem demokratischen Spektrum erlebt, der irgendwie gesagt hat: ‚Ach komm hier – Scheiß auf Gerechtigkeit und Demokratie – Hauptsache ich werde Bürgermeister.‘

Wendland: Sozialdemokratie ist schon was anders als Demokratie. Das ist ähnlich von der Sprache her, ein Hacksteak ist ja auch was anderes als ein Steak.

SB: Und Christdemokratie?

Wendland: Das ist eigentlich Anarchie. Weil die ersten christlichen Gemeinden, die Kommunen, zu Zeiten Jesus, das waren ja mehr so anarchistische.

SB: Das muss ich mal gerade eben verarbeiten. 
Aber kommen wir mal zu Sachfragen, was braucht Bochum denn?

Kommunalpolitik ist ja nicht sexy und so spannend
wie der Berufs des Schwachstromelektrikers

Wendland: Das Hauptproblem, das sehe ich ungefähr seit Mitte der ’90er – seit ich mich mit der Kommunalpolitik beschäftige ist: man weiß nicht, wie diese politischen Entscheidungen hier zustande kommen. 
Als Beispiel: Die Idee, ein Konzerthaus zu bauen, ist dann irgendwie da und dann stiftet das jemand, und viele politische Entscheidungen scheinen in Hinterzimmern irgendwelcher SPD-Ortsvereine vorbereitet zu werden und man arbeitet nur daran, wie man das durchsetzen kann. Die einzelnen Bezirksparlamente, der Rat, der Bürgermeister, die wirken auf den Außenstehenden so wie eine Institution, die das umsetzt. Aber wo diese Entscheidungen getroffen werden, das ist eigentlich immer fraglich. 
Mitte ’90er war das so, da habe ich bei so einer Initiative mitgemacht, die vermeiden wollte, dass im Bereich Kultur gespart wird und dann hat man mit dem Kulturausschutzvorsitzenden von der SPD geredet, und der sagte: ‚Ja, der Oberbürgermeister hat noch keine Ahnung von Verwaltung und irgendwie ist der uns so passiert.‘ Jeder hatte irgendwie was zu sagen, aber ich habe eigentlich in der ganzen Zeit nie rausgekriegt, wer eigentlich wo was entscheidet. Jetzt ist es, ich habe ja irgendwann mal Politik studiert und da galt: wenn wir wissen wollen, wie es läuft, schauen wir doch mal ins Gesetz. Aber damit wären wir nicht weiter gekommen, damit, ins Gesetz zu schauen. So wirkte das irgendwie in diesen ganzen Gespräche.

SB: Als Parallelstruktur?

Wendland: Als wenn es irgendeine Parallelstruktur gibt, was ja auch nicht verwundert, weil irgendwie immer SPD gewählt wird.

SB: Wie erklärst du dir das? Also ich meine, man könnte ja sagen: ‚Das zeigt ja, dass die Menschen hier echt zufrieden sind mit der SPD, ist doch supi, was meckerst du denn jetzt hier rum?‘

Wendland: Also ich denke, einmal kann man sagen, dass auch bei Kommunalwahlen sehr viel vom Bundestrend abhängt. Vele Leute beschäftigen sich auch nicht mit den kommunalpolitischen Zusammenhängen und ich sage mal, Kommunalpolitik ist ja nicht sexy und die ist irgendwie so spannend wie der Berufs des Schwachstromelektrikers. Deswegen beschäftigt sich niemand damit und es beschäftigt sich eigentlich nur dann jemand mit Kommunalpolitik, wenn sie unmittelbar vor der eigenen Haustür stattfindet, wenn zum Beispel die Straße aufgerissen wird. Bei sowas entsteht dann aber eher der Eindruck ‚Die Stadt macht das‘. Es wird ein wenig vermieden, zu kommunizieren, wie das funktioniert. Also ich denke in den kleineren Gemeinden, in irgendwelchen bayrischen Dörfern, da weiß man mehr über seine Bürgermeister oder wie das funktioniert. Aber hier ist das nicht so. Was auch ein bisschen daran liegt, weil das ganze System auch ein bisschen antiquiert ist. 
Wenn man sich vorstellt, in der untersten Ebene, da, wo man vielleicht noch einen Überblick hat auf dieser Bezirksebene, da sind wiederum sind nur Listenwahlen zugelassen. Das heißt, man kann da nicht als Einzelner kandidieren. Da kann man nur Parteien wählen. Bei den Ratsmitgliedern ist es ja so, dass es auch bei den direkten Kandidaten es sehr klein zugeschnittene Wahlbezirke gibt und das Leute, die sieht man einmal auf einem Plakat. Früher stand da immer nur, wählen Sie Ihren Kandidaten, da war vielleicht noch so ein DIN A4 Zettel draufgeklebt wie der heißt.

SB: Machst du klassischen Straßenwahlkampf?

Wendland: Das ist alles ein bisschen schwierig. Das ist ja jetzt nicht so, dass da eine größere Partei hinter mir steht und es gibt vieles zu organisieren. Nur ich meine jetzt zum Beispiel, um das nochmal mit diesen Ratsmitgliedern, mittlerweile ist ja durch das Internet auch vieles ein bisschen näher zusammengerückt. Und es wäre ja schön, wenn man so die Direktkandidaten für den Rat, ich sage mal, aus einem Pool von politisch engagierten Leuten der Gesamtstadt wählen könnte. Wenn ich jetzt der Meinung wäre, diese Direktkandidaten, die sich auf so einen winzigen Wahlbezirk sich nur beziehen, machen das heutzutage sehr schwierig.

SB: Was du kritisierst, sind ja ganz viele grundlegende Mechanismen. Glaubst du, dass das den normalen Wähler in Bochum tatsächlich bewegt?

Wendland: Ich denke, dass es jetzt allmählich auffällt. Es ist so, dass man sich auch gut dran gewöhnen kann, wenn 20 Jahre lang oder 25 Jahre lang gesagt wird, wir müssen sparen, aber dass es jetzt wirklich mal ernst wird. Und ich denke, dass mittlerweile doch die Leute sehen, dass es an allen möglichen Ecken und Enden fehlt und ich denke politische Veränderung fallen zumindest einfacher oder leichter, wenn es wirtschaftliche Probleme auch gibt.

SB: Eine der Fragen, die uns von unseren Lesern für dieses Interview mitgegeben wurden, war, wieso du, nachdem die FDP 2002 mit einem Klamaukwahlkampf gescheitert ist, in 2015 wieder einen Klamaukwahlkampf machst. Ich höre gerade sehr wenig Klamauk bei dir raus…

Wendland: 2002 – was war da?

SB: Die FDP hat da ja dieses Spaßparteiding gemacht. Ich höre aber bei dir eher raus, dass du das ernsthaft machst und die Zuordnung Klamauk etc. kommt von Dritten?

Wendland: Ja, aber es ist, sagen wir mal, sehr schwierig, wenn du außerhalb des bestehenden Parteisystems sagst, ich möchte Oberbürgermeister werden, dann ist man so schon leicht in die Falle zu tappen, Leute sagen zu lassen ‚Das ist jetzt nur Spaß, der will nur einen Achtungserfolg.‘ Also die Gefahr besteht schon, das habe ich mir auch lange überlegt. Ich bin aber, so wie das bisher läuft, der Meinung, dass man da überzeugen kann.

SB: Welche Rückmeldung kriegst du so von den Bürgerinnen und Bürgern in Bochum, wenn die dich treffen bei Infoständen, bei Veranstaltungen?

Wendland: Letztens hatte ich hier eine große Firma, die Firma G-Data, besucht und der Mensch aus dem Management sagte dann, Ihr Programm kann ich so unterschreiben, das ist alles. Aber es gibt eben genauso gut Leute, die sagen wir mal finanziell schlechter bestellt sind, die das aber genauso sehen. Und ich sage mal unabhängig davon, ob es Leute sind, die ich kenne oder auch Leute, die mich so auf der Straße zufällig ansprechen, habe ich den Eindruck, dass es eben bei vielen überhaupt nicht als Klamauk ankommt, sondern dass schon die Probleme gesehen werden.

SB: Andererseits habe ich dann das KIZ-Video gesehen; eine Sprechgesangcombo, die eigentlich diesen ganzen Gangsterrap auf Deutsch auf die Schippe nimmt und die haben sich in ihrer Art und Weise für dich ausgesprochen – das war ja schon eher Klamauk.

Wendland: Sagen wir mal, das war jetzt nicht unbedingt ein argumentativer Beitrag von denen. Aber als Hinweis insbesondere an ein jüngeres Wählerklientel, dass es mich überhaupt gibt, war das schon gelungen – fand ich. Und es ist natürlich so, dass Wahlkampf nie nur mit Programmen funktioniert; sondern die Kandidaten müssen sich ordentlich anziehen, müssen schöne Fotos von sich machen und es funktioniert ja auch auf einer irrationalen Ebene.

Morgen dann der zweite Teil…

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