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Wenn Anerkennungspolitik zur Einbahnstraße wird


Vor ein paar Tagen schrieb 
Stefan Laurin auf diesem Blog eine allgemeine Kritik über Identitätspolitik, in der er auch kurz die Transgender-Thematik angesprochen hat.
In den letzten Wochen kam es allerdings zu einem Eklat, als ein junger Amerikaner sich herausnahm eine neue Sexualität zu erfinden. Unter anderem deswegen verdient das Thema eine genauere Betrachtung.

Anfang des Monats teilte der 16jährige Kyle Royce auf der Plattform TikTok ein Video, in dem er erklärte warum er keine Transfrauen datet. Mit einem kleinen Augenzwinkern und als Seitenhieb auf Genderidentitäten verwendete er dabei den Begriff “super straight”.
Nach wenigen Tagen musste er das Video jedoch wieder löschen, da nach eigenen Angaben sowohl er als auch seine Mutter Morddrohungen erhalten hatten.


Der Begriff “super straight” ging viral und wurde zu einer Art Graswurzelbewegung.
Medial wurde die Bewegung jedoch recht schnell als rechtsradikal abgetan, da auch Trolle von 4chan diesen Hashtag verwendeten und  unter anderem aus den “super straight”-Farben orange und schwarz Flaggen erstellten, die Naziflaggen ähneln.
Dass Rechtsradikale versuchen eine doch recht schwammig definierte Internetbewegung zu unterwandern, war ziemlich vorhersehbar. Schließlich geht es (rechtsradikalen) Propagandisten doch auch darum Symbole zu vereinnahmen und dadurch eine gewisse Diskurshegemonie zu erlangen.
Eine Internetbewegung allein aufgrund solcher Versuche als genuin rechtsradikal abzutun, ist zwar bequem, greift aber zu kurz und gibt obendrein dem rechtsradikalen Streben nach Bedeutungshoheit statt. Nebenbei bemerkt ließe sich die Vermutung anstellen, dass diese Praxis des ohne Not angetretenen sofortigen Rückzugs einer der Gründe ist warum Internetkultur oftmals so rechts dominiert ist.

Jedenfalls wird in dieser Darstellung verschwiegen, dass explizit auch “super lesbian”, “super gay” und “super bi” Erwähnung finden und sich in weiten Teilen mit der LGB (lesbian, gay, bisexual) Community solidarisert wird.
Aus dieser Warte ließe sich die Bewegung auch dahingehend interpretieren, dass sie sich schlicht darauf bezieht, sich lediglich zu einem bestimmten biologischen Geschlecht hingezogen zu fühlen.
Der Vorwurf der Transfeindlichkeit gegen diese Bewegung basiert darauf, dass diese Leute sagen sie würden nur das entsprechende biologische Geschlecht daten.
Der Verdacht liegt jedenfalls nahe, dass in diesem Fall der Vorwurf der Transfeindlichkeit nur ein Synonym für die narzisstische Kränkung ist, dass jemand einen aus welchen Gründen auch immer nicht daten will. Gerade lesbische Frauen sehen sich oft dem Vorwurf der Transfeindlichkeit ausgestzt wenn sie eine Transfrau (oft phänotypisch männlich und mit Penis ausgestattet) nicht daten wollen.
Man hat keine Ansprüche darauf von irgendjemandem als sexuell anziehend wahrgenommen zu werden.  Sexuelle Präferenzen dürfen nicht zur Debatte stehen, sondern gehen nur die Personen etwas an die daran beteiligt sind.
Eine Frau die mich nicht daten will weil ich rauche wie ein alter Fabrikschlot ist schließlich auch nicht “raucherphob”

Mit einem ähnlichen anscheinend durch narzisstische Kränkung motivierten Furor, legitimierte sich auch die Morddrohungen gegen Kyle Royce, einem Teenager, der am Ende des Tages nichts anderes gesagt hatte, als dass er sich nicht vorstellen könne, Transfrauen zu daten.

Er selbst hat jedenfalls versucht, mit seinen 5 Minuten Ruhm etwas Sinnvolles zu tun und hat eine GoFundMe-Kampagne für das Vancouver Rape-Relief-Shelter initiert. Nachdem 7000$ gesammelt wurden, wurde diese Kampagne aufgrund des Shitstorms ebenfalls frühzeitig beendet.

Vancouver Rape Relief und das Defunding von Frauenhäusern

Das Vancouver Rape-Relief & Women Shelter (VRR) ist das älteste Frauenhaus Kanadas und ist wegen seiner Politik nur biologische Frauen aufzunehmen öfter Ziel von Transaktvisten (TRA). Es wurde unter anderem mit Slogans wie “Fuck TERFs”, sowie “Kill TERFs” beschmiert und eine Ratte an die Tür genagelt. Der Begriff TERF steht für “trans excluding radical feminist” (trans exkludierende Radikalfeministin) und wird im Kontext oft gebraucht um Gewaltfantasien gegen Frauen zu legitimieren und auszudrücken, was die beiden Beispiele ja schon deutlich zeigen.
Frauenhäuser werden von vulnerablen Frauen in akuten Kisensituationen aufgesucht. Sie stellen einen Schutzraum für traumatisierte Frauen dar. In so einem Schutzraum ist schon allein die Möglichkeit dass eine Frau durch die Anwesenheit eines Menschen mit phänotypisch männlichen Merkmalen retraumatisiert wird mehr als Grund genug diese eben nicht in diesen Schutzraum zu lassen.
Anfang 2019 wurden dem VRR wegen eben dieser Politik von der Stadt Vancouver die Fördermittel entzogen.
In Vancouver gab es schon damals auch Frauenhäuser die auch Transfrauen aufnehmen.
Trotz intensiver Recherche konnte ich keinen anderen Fall eines Frauenhauses in Vancouver finden, dem im selben Zeitraum die Fördermittel gestrichen wurden. Da die Stadt Vancouver zudem die Aufnahme von Transidenten zur Förderungsvoraussetzung gemacht hat, liegt der Schluss nahe, dass das VRR das einzige Frauenhaus in ganz Vancouver ist, das überhaupt noch ein Schutzraum exklusiv für biologische Frauen ist.

Mit der Entziehung der Fördermittel für das VRR ist niemandem geholfen. Diese Maßnahme sorgt nicht dafür, dass Transsexuelle (die natürlich auch Schutz verdienen) mehr Schutzräume bekommen, sondern unterm Strich nur dafür, dass es weniger Schutzräume exklusiv für biologische Frauen gibt.

Es hat etwas von “wenn ich es nicht haben kann, mach ich es kaputt, damit es niemand haben kann” Über den narzisstischen Gehalt solcher Handlungen muss hoffentlich niemand mehr aufgeklärt werden.

Aber was ist der biologische Unterschied?

Postmoderne; ich bin das was ich fühle, oder auch Defintionen sind ein Narrativ

Die Biologie definiert Geschlecht recht eindeutig, die Produktion großer Gameten (Eizellen) ist weiblich, die Produktion kleiner Gameten (Spermien) ist männlich. Aus dieser simplen Disposition hat der Mensch in den letzten 5.000 Jahren Sozialisation ein System gemacht auf dessen Grundlage man in eine gewisse Rolle sozialisiert wird. Simone deBeauvoir sagte dazu mal sehr treffend: “man ist nicht als Frau geboren, man wird es”.
Sie hatte dabei aber eben sehr wohl die biologischen Grundlagen im Blick wegen denen eine Frau in diese Rolle gepresst wird, führt sie in den 200 Seiten vor dem berühmten und vielzitierten Satz aus „das andere Geschlecht“ aus, was die Biologie mit dem Frausein zu tun hat.
Judith Butler dreht Simone de Beauvoir von den Füßen auf den Kopf, wenn sie beahuptet, das biologische Geschlecht sei eine Ausdrucksform der Sozialisation.
Eine bestimmbare Realität wird dahingehend zur Ideenfrage und Geschlecht auch nur noch zu einer Frage des Gefühls.
Die Prämisse und im Feminismus der dritten Welle mantraartig wiederholte Aussage „Transfrauen sind Frauen!“ zeigt den Bedeutungsverlust auf, der (nicht nur) dem Begriff Frau wiederfahren ist.
Gerne hört man dabei, dass Frau ist, wer sich als Frau fühlt, natürlich ohne dass dieses Gefühl näher definiert wird, zumindest nicht ohne dass auf Rollenklischees zurückgegriffen wird.

Diese Aufweichung von Begriffen (die interessanterweise hauptsächlich Frauen betreffen) führt aber paradoxerweise dazu, dass sie das Leid das mit realer Körperdysphorie verbunden ist verschleiert.
Permanent zu wissen, dass das Geschlecht dass man haben will auch nicht durch Operationen verändert werden kann und trotz aller kosmetisch möglicher Veränderungen der gewünschte Zustand nie biologisch erreicht werden kann, ist die reale Tragik von Menschen die das Gefühl haben im falschen Körper geboren zu sein.
Die Postmoderne hat Transsexualität zu einem “Umbrella Term” gemacht, der alles subsumiert, was sich nicht 100% mit seiner Geschlechterrolle identifiziert (was vermutlich gar nicht mal so wenige sind). Ein Vorzeichen also, unter dem Paradoxerweise auch der Leidensdruck der mit Dysphorie verbunden ist verschwimmt.
Biologisches Geschlecht lässt sich nicht ändern.
Vielleicht ist es einfach überfällig zu akzeptieren, dass wir alle mehr sind als unsere ansozialisierten Rollenvorstellungen, anstatt immer weitere und damit in letzter Konsequenz auch immer engere Kategorien zu entwickeln.
Vielleicht sollte man mehr Mädchen dazu ermutigen Kampfsport zu machen und mehr Jungs dazu Ballett zu tanzen.

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7 Kommentare zu “Wenn Anerkennungspolitik zur Einbahnstraße wird

  • #1
    Ali Mente

    "Der Vorwurf der Transfeindlichkeit gegen diese Bewegung basiert darauf, dass diese Leute sagen sie würden nur das entsprechende biologische Geschlecht daten."

    Genauso gut könnte man dann Homosexuellen vorwerfen, sie seine heterofeindlich, weil sie nur das eigene Geschlecht daten. Aber das kann natürlich nicht sein, denn feindlich sind ja nur die nicht LGBT-Leute.

  • #2
    paule t.

    Natürlich hat niemand ein _Recht_ darauf, von wem auch immer gedatet zu werden; und dementsprechend einen Korb zu bekommen, ist natürlich nicht irgendetwas-feindlich. Das ist wirklich banal.

    Aber das ist ja nicht das, was geschehen ist. Passiert ist, dass jemand ohne jeden konkreten Anlass der Öffentlichkeit mitteilt, dass er eine bestimmte Personengruppe nicht daten würde. Wie kommt man darauf, so etwas zu tun? Was soll das sein, wenn nicht Ausdruck einer feindseligen Haltung?

    Das ist ungefähr derselbe Unterschied, ob ein Mann, der von einem Schwulen angebaggert wird, ablehnt "Sorry, aber ich steh auf Frauen", oder ob er mit einem Anstecker "Ich date keine Schwulen" rumläuft: Die Anlasslosigkeit und die Wendung an die Öffentlichkeit mit der generellen ABlehnung zeigt, dass es um mehr geht als die persönliche Präferenz.

    ——————————————–

    Und dieser Rückzug aufs biologische Geschlecht einerseits und Geschlechterrollen andererseits geht einfach an der Sache vorbei. Die Existenz von Transpersonen zeigt ja, dass es da offenbar etwas an Geschlecht gibt, was nicht biologisch ist (jedenfalls nicht im Sinne von Chromosomen, Keimzellen, Hormonen und Geschlechtsorganen), aber auch viel stärker und grundlegender ist als gesellschaftliche Rollenerwartungen. Um das anders zu sehen, müsste man schon sämtlichen Tranpersonen generell die Echtheit ihres Erlebens absprechen; und was sollte das sein, wenn nicht transfeindlich?

  • #3
    Berthold Grabe

    @paule t.
    Sie machen genau den Fehler der der allgemeinen Hysterie zugrunde liegt, sie schließen aufgund einer Aussage zurück auf vermeintliche Motive. und zwar aufgrund der eigenen Befindlichkeit und Erfahrungs- und Vorstellungswelt.
    Genau das ist eine fundamentaler Irrtum, denn der Rückschluss ist sicher noch legitim.
    Im Deutschunterricht nennt man das das Sender Empfängerproblem.
    Das Sprache und Ausdruck nicht zwingend das bedeutet, was der Empfänger daraus interpretiert.
    Deshalb sind keine Aussagen seriös möglich ohne den Sender konkret um Aufklärung zu bitten und das ist auch der Grund, warum Gendersprache oder poltical correctness etc. im Grunde eine Vergewaltigung darstellt, bei der eine Seite versucht den anderen die eigene Begriffsdeutung aufzuzwingen.
    Denn Begriffe haben eine Bedeutungsfeld, das selten eindeutig definiert ist sondern mehrere Bedeutungsnuancen haben kann, die in manchen Kontexten zu völlig gegensätzlichen aussagen führen können.
    Das heisst, selbst wenn man den Verdacht hat, etwas sei z.B. rechtsradikal gemeint, so muss man trotzdem die quelle um Aufklärung hinsichtlich des eigenen Verständnisses bitten, weil Sprache ungenau und hinsichtlich unserer Vergangenheit zu dem kotaminiert ist .
    Daran haben bestimmte Kreise keine Interesse, weil die Deutungshoheit der Sprache direkte politische Macht bedeutet.

  • #4
    Karla

    @Paule t. wir sind eine Bevölkerung in der jeder und jede wegen verschiedener Dinge beleidigt ist, bzw. sein könnte. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

  • #5
    Magnus

    Marina Weisband: "Ausgrenzung halten oft nur die Leute für möglich, die sie selber mitbekommen haben".

    Ich werde voraussichtlich niemals Einkommen oberhalb der Armutsgrenze erzielen. Und somit werde ich voraussichtlich niemals in meinem Leben aus Europa rauskommen. Ob Vancouver, Rio der Janeiro oder Pjöngjang. Ich werde voraussichtlich niemals die Möglichkeit haben, auch nur theoretisch dort hinzukommen.

    Die CDU/FDP-Landesregierung hat die Förderung des schwul-lesbischen Filmfestivals Homochrom in Dortmund ausgesetzt. Das hat mit meinem eigenen Leben mehr zu tun als das Frauenhaus von Vancouver.

  • #6
    bevanite

    @Magnus: Sie wollen doch nicht etwa versuchen, Ideologien mit Fakten zu kommen. 😉

    Bei einer AfD-Beteiligung an der Landesregierung (in meinem Bundesland nicht so weit hergeholt) wäre mit einem Teil meines Einkommens auch Schluss. Das werden aber viele der hier aktiven Schreiberlinge und Kommentatoren nicht checken, da sie mit Kanonen auf Spatzen schießen und festen Glaubens sind, Drittmittelbeschäftige, Ehrenamtliche oder Geringverdiener*innen bei staatlich geförderten Vereinen wären die böse urbane "Elite", und NZZ-Journalisten die aufrechte Gegenwehr der Underdogs aus der Provinz.

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