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Wenn ein Jugendamtsskandal in Gelsenkirchen auf Wahlkampf in Bochum trifft…

Rathaus Bochum, Quelle: Pottblog.de

Rathaus Bochum, Quelle: Pottblog.de

In der vergangenen Woche berichtete das ARD-Magazin Monitor über mutmaßliche Mißstände in der Gelsenkirchener Jugendhilfe. Auch wenn natürlich in unserem Rechtsstaat ein Urteil erst gefällt werden sollte, wenn alle Fakten bekannt sind, scheint es so, als ob der dortige Jugendamtsleiter und sein Stellvertreter durch Familienangehörige Geld damit verdient haben, dass Kinder im Rahmen der Jugendhilfe ins Ausland geschickt wurden.

Im gleichen Bericht wurde auch ein Fall aus Dorsten erwähnt. Der war zwar nicht vergleichbar, dafür tauchte auch Bochum indirekt auf – für einige Wahlkämpfer dort ein gefundenes Fressen.

In Gelsenkirchen wurden die beiden verantwortlichen Personen erst einmal suspendiert und Oberbürgermeister Frank Baranowski verlangt eine lückenlose Aufklärung.

Der Fall aus Dorsten hingegen hat eine Verbindung nach Bochum – denn der beteiligte Jugendhilfeträger LIFE stammt aus Bochum und hat einen Geschäftsführer der Ratsmitglied der SPD ist.

Diese Kombination war für einige Wahlkämpfer wohl mehr als verführerisch:

Völlig frei von Sachkenntnis der Jugendhilfe und ihrer teilweise hohen Kosten wurden da Zusammenhänge konstruiert:

  • Da gab es den einen Kommunalpolitiker einer oppositionellen Partei, der erst ganz erstaunt war, wie hoch manche Leistungen der intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung sind – man fragt sich, was seine Parteikollegen im Jugendhilfeausschuss eigentlich tun – und dass ein Bochumer Ratsmitglied mit seiner Firma in diesem Bereich tätig ist. Im gleichen Atemzug wurde dann auch konstruiert, dass das sicherlich das damit zusammen hängen würde, das hier (in Bochum also) die SPD seit Jahrzehnten an der Macht sei.
    Das Monitor gar nicht aus Bochum berichtete – sondern in diesem Fall aus Dorsten, in dem die CDU seit 1999 die Mehrheit hat, geschenkt… es ist doch gerade Wahlkampf, da ist es doch egal, ob die Vorwürfe überhaupt zutreffend sind, Hauptsache es bleibt was hängen.
  • Dann gab es noch einen Kommunalpolitiker der sich seiner (inzwischen wohl gelöschten) Erklärung nach dafür schämen würde, mit besagtem Ratsmitglied in einem Saal zu sitzen. Ungeachtet dessen, dass a) die Vorwürfe aus Gelsenkirchen eben nicht auf Bochum zu übertragen sind und b) die Vorwürfe zum Dorstener Fall nicht wirklich bewiesen sind – und es von der Stadt Dorsten da eine sehr ausführliche Gegendarstellung zu gibt.
  • Schlussendlich erklärte dann noch ein potentieller Oberbürgermeisterkandidat, dass die getroffenen Maßnahmen zur Jugendhilfe viel zu teuer seien und das ganze auch deutlichst günstiger gehen würde. Ob er in seiner Einrichtung überhaupt solche Maßnahmen durchführen kann, sei mal dahingestellt.

Nur weil gerade Wahlkampf ist und zufälligerweise ein SPD-Ratsherr seit über zwanzig Jahren eine Firma besitzt, die als großer Träger für Jugendhilfe-Projekte dieser Art bekannt ist und von Jugendämtern bundesweit in Anspruch genommen wird, wird hier versucht populistisch ein Thema für den Wahlkampf zu konstruieren.

Der Fall in Gelsenkirchen hat nach derzeitigem Kenntnisstand nichts mit LIFE in Bochum zu tun. LIFE selbst erklärte sogar proaktiv keine Fälle beim Jugendamt Gelsenkirchen zu haben. Das Tätigkeitsfeld der Firma LIFE ist grundsätzlich nicht zu beanstanden – es sei denn die Planwirtschaft solle wieder Einzug halten. Diese Forderung würde aber zu mindestens bei Teilen der „kritischen“ Opposition dann doch überraschen.

Also: erst nachdenken, dann verdächtigen – auch wenn Wahlkampf ist.

Der Autor dieser Zeilen ist SPD-Mitglied, kennt den Geschäftsführer von LIFE nicht persönlich (hat ihn aber sicherlich schon das eine oder andere Mal gesehen) und unterstützt ausdrücklich nicht die (in?)offizielle Ruhrbarone-Linie, wonach Wolfgang Wendland Oberbürgermeister von Bochum werden sollte.

RuhrBarone-Logo

16 Kommentare zu “Wenn ein Jugendamtsskandal in Gelsenkirchen auf Wahlkampf in Bochum trifft…

  • #1
    Arnold Voss

    Jens, es gibt weder offizielle noch inoffizielle Linien bei den Ruhrbaronen. 🙂

  • #2
    Volker Steude

    Im Monitor-Beitrag wird über den Fall "Paul" berichtet. In dem Bericht wird an einem Jungen dargestellt, wie das Geschäftsmodell der Life Jugendhilfe GmbH ablaufen soll: Findet das Jugendamt im Ruhrgebiet (in diesem Fall Dorsten) für einen Jugendlichen kein passendes Heim, beauftragt es die Life Jugendhilfe GmbH, damit diese das Leben des Jugendlichen organisiert und ihn im Ausland unterbringt. Im konkreten Fall auf einem verwilderten Hof, wo statt ausgebildeter pädagogischer Kräfte ein kaum des Deutschen mächtiger 64-jähriger Handwerker die Betreuung übernimmt. Ein Schulbesuch ist dabei nicht vorgesehen. Ging der Jugendliche im konkreten Fall auf ein Gymnasium bevor er nach Ungarn geschickt wurde, hat er jetzt zwei Mal in der Woche 2 Stunden Unterricht bei einer Webschule. Interessant, Geschäftsführerin dieser Webschule ist die Tochter des Bochumer SPD Ratsmitgliedes Gerhard Lichtenbergers, Sarah Lichtenberger.

    Das ganze führt laut Monitor zu folgenden Kosten, 7.000 Euro pro Monat erhält Lichtenbergers Firma, 800 Euro das Unternehmen seiner Tochter.

    Die Verwandten des Jungen waren 2x in Ungarn und haben sich die Verhältnisse angeschaut, bereits im Dezember haben sie dazu eine Eidesstattliche Versicherung ggü. Gericht und Jugendamt abgegeben.

    Ein Ex-Mitarbeiter gab an, dass üblicherweise außer dem Handwerker keine weitere Vertrauenspersonen für die Betreuung des Jungen zuständig sind. Der Handwerker soll die individualpädagogische Förderung vornehmen. Der Handwerker soll gut mit Jugendlichen umgehen können, allerdings auch deutlich älter als 64 Jahre sein.

    Wie sich Fall darstellt, ist der Preis für die Maßnahme, wohl kaum zu rechtfertigen.

    http://www.lokalkompass.de/bochum/politik/hat-bochumer-spd-ratsmitglied-mit-heimkindern-kasse-gemacht-d542238.html

  • #3
  • #4
    Volker Steude

    Zu ergänzen ist, dass die Presse sehr wohl Missstände aufdecken darf, Fragen stellen und auch Vorwürfe erheben darf, ehe rechtlich ein Urteil gefällt wird. Insofern Fälle wie diese, wenn sie sich denn Bewahrheiten überhaupt justiziabel sind.

    Die Ansicht, dass die Presse erst wenn alle Fakten bekannt sind berichten und werten darf, widerspricht den Grundsätzen der Pressefreiheit.

  • #5
    Stefan Laurin

    @Volker Steude: Wo hat Jens der Presse dieses Recht abgesprochen?
    @Arnold: Natürlich gibt es keine Linie. Michael und ich unterstützen Wolfgang im Wahlkampf. Das ist unser Privatvergnügen. Ich denke mal den meisten von uns ist das vollkommen egal, die kommen ja nicht aus Bochum.

  • #6
    Sebastian Bartoschek

    @Steude:
    Ich bin doch sehr überrascht. Sie schreiben ja so, als wären Ihnen die Abläufe der Jugendhilfemaßnahmen nach §34 SGB VIII völlig unbekannt. Dabei sind sie doch Mitglied des Rates der Stadt Bochum. Sollten Sie wirklich keine Ahnung von den Abläufen haben, und sich nicht nur für den Wahlkampf entsprechend verhalten, fragen Sie doch einfach Kolleginnen im zuständigen Ausschuss (https://session.bochum.de/bi/kp0040.php?__kgrnr=978016&). Die werden Ihnen dann erklären a) wie das wirklich mit der Vergütung läuft, b) welche Behörden einmalig (Landesjugendämter) und c) regelmäßig solche Maßnahmen kontrollieren (Jugendämter) und d) wer staatlicherseits regelmäßig bei solchen Einrichtungen auflaufen muss (Vormunde, Verfahrensbeistandschaften).
    Vielleicht informieren Sie sich bei der Gelegenheit auch darüber über welche Familienkonstellationen wir bei solchen Maßnahmen oft sprechen – so dass Sie den Fall besser einordnen können.
    Es ist im Übrigen schade, dass Sie dies nicht VOR Ihrem Posting getan haben – von einem verantwortungsvollem Kommunalpolitiker hätte ich das erwartet. Aber ich bin in Bochum ohnehin nicht wahlberechtigt…

  • #7
    Jens

    @Arnold Voss (1):
    Dann hatte ich Stefan falsch verstanden. 😉
    Finde den Hinweis aber nicht unwichtig. Es soll ja Leute geben, die noch nicht wissen, dass ich SPD-Mitglied bin.

    @Volker Steude (2):
    Gut, dass der Artikel oben die Erklärung der Stadt Dorsten verlinkt, die haben Sie ja wieder vergessen. Und Überschriften wie "Hat Bochumer SPD-Ratsmitglied mit Heimkindern Kasse gemacht?" sind natürlich gerade dazu da, um die Situation zu versachlichen. Aber das wissen Sie ja auch.

    @Wolfgang Wendland (3):
    Ich könnte das natürlich machen, aber ich denke die Herren und Damen aus dem Rat wissen, wer gemeint ist. Es ärgert mich auch, dass ich beispielsweise das Posting der Person X nicht per Screenshot gesichert habe, denn diese Person hat nachträglich das ganze noch abgeändert. Aber erstmal viele Likes dafür gesammelt. Und das finde ich nicht richtig.

    @Volker Steude (4):
    Natürlich darf die Presse Missstände aufgreifen. Wenn es welche gibt. Ansonsten bekommt das schnell ein gewisses Geschmäckle. Es soll da ja beispielsweise auch Kommunalpolitiker geben, die immer wieder Sachen erwähnen, obwohl man ihnen schon x-mal gesagt hat, dass das falsch ist. Aber lassen wir das, das ist ein anderes Thema .

  • #8
    Volker Steude

    Im Gegensatz zu allen anderen, haben wir sowohl mit den Verwandten von Paul, einem Ex-Mitarbeiter der Life Jugenhilfe und einem Mitarbeiter des Jungendamtes gesprochen.

    Wie auch auf der Seite des Jugendamtes in Dorsten zu lesen, gibt es für "Paul" offensichtlich nur einen Betreuer, den im Film zu sehenden Handwerker. Dieser soll sehr gut mit Jugendlichen umgehen können. Soll aber noch älter sein als im Film angegeben.

    Dass der Handwerker in der Monitor-Reportage eine individualpädagische Ausbildung hat, wird dort bestritten. Üblich ist wohl eine Zusatzausbildung bei der ebenfalls Hr. Lichtenberger gehörenden INPÄD- SCHULUNGS-CENTRUM FÜR INDIVIDUALPÄDAGOGIK GmbH. Diese umfasst 60 Stunden Ausbildung, davon 15 im Selbststudium. (Die Seiten von inpaed wurden vom Netz genommen).

    7.800 Euro kostet die Maßnahme für "Paul" pro Monat. Diese Aussage wird bisher weder vom Jugendamt Dorsten noch von jemand anderem bestritten. Wie viel bekommt wohl der offenbar einzige Betreuer vor Ort von diesem Geld.

    Der Mitarbeiter des Jugendamtes hat sich ausdrücklich für Maßnahmen im Ausland ausgesprochen, allerdings nur für solche mit voll ausgebildeten und nicht nur angelernten Kräften.

  • #9
    keineEigenverantwortung

    Ich kann nicht nachvollziehen, welche Gründe für einen Aufenthalt im Ausland sprechen könnten.

    Die Jugendämter sollten doch in der Lage sein, Strukturen zu schaffen, dass hiesige Jugendliche im Heimatland aufwachsen können. Wenn ein Abstand von der eigenen Umgebung sinnvoll ist, gibt es doch immer noch genügend Möglichkeiten, in andere Regionen auszuweichen.

  • #10
    Volker Steude

    @Sebastian Bartoschek #6
    Hier geht es um eine Maßnahme nach §35 SGB VIII.

    Dazu der auch in meinem Beitrag vom 02.05. verlinkte Aufsatz zur Hilfen für Kinder und Jugendliche
    nach §§ 27, 35 oder 41 SGB VIII im Ausland:
    http://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2007/Hilfen_fuer_Kinder_und_Jugendliche_im_Ausland.pdf

    Interessant insbesondere auch dieser Passus:
    "Solche verbindlichen Instrumente der Qualitätssicherung und
    Kontrolle stehen in dieser Form für Angebote im Ausland nicht zur
    Verfügung. Verschiedene Träger von Auslandsprojekten sichern
    durch ihre freiwillige Selbstverpflichtung zur Einhaltung wesentlicher
    (fachlich anerkannter) Qualitätsstandards deren Einhaltung zu (siehe
    z. B. „Selbstverpflichtungserklärung für Träger von individualpädagogischen
    Leistungen der Erziehungshilfe im Ausland“ des
    Landschaftsverbands Rheinland – Landesjugendamt)."

  • #11
    Klaus Lohmann

    Schade, dass die jeweiligen Partei"fans" hier leider immer nur darüber quasseln, wie es evt. vermutlich geplant hätte sein sollen, nicht wie es dann tatsächlich vor Ort aussieht – anscheinend ohne jegliche Kontrolle. Und es ist kein alleiniges Problem der Verantwortlichen in Gelsenkirchen, Dorsten oder Bochum (oder da halt nicht), es ist ein bundesweiter Skandal.

    Der monitor-Beitrag war im Übrigen ein Auszug einer längeren WDR-Reportage, die schon im Februar gesendet wurde und die die ganze Unerträglichkeit dieser Geschäftemacherei noch deutlicher rausstellt: http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Mit-Kindern-Kasse-m/Das-Erste/Video?documentId=26694946&

  • Pingback: Links anne Ruhr (05.05.2015) » Pottblog

  • #13
    Volker Steude

    Und am Ende bestätigen sich alle Vorwürfe gegen die Life-Jugendhilfe und Gerhard Lichtenberger (SPD). Ja es ist sogar noch deutlich schlimmer als befürchtet.

    Die Versuche des Hr. Matheuzsik (SPD) die Angelegenheit zu relativieren und als konstruiertes Wahlkampfgeschwätz darzustellen, entpuppen sich als peinlich.

    Gut, dass der Sache trotz dieser Beschwichtigungsversuche nachgegangen worden ist und "Paul" nicht mehr in Ungarn weilen muss, weil die illegale Maßnahme der Life-Jugendhilfe beendet wurde.

    Zum Bericht des WDR: http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/die_story/videomitkindernkassemachen100.html

  • #14
    Britta Göring

    Das ist ein unglaublicher Skandal! Auf Kosten der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft- Kinder die sowieso schon traumatisiert sind und meist schon von den eigenen Eltern aufgegeben wurden-
    Anstatt diese armen Geschöpfe zu unterstützen werden Sie in ärmste Osteuropäische Länder abgeschoben. Dort erfahren Sie weder Liebe, Hilfe noch Bildung. Institutionen im Besitz der Geschäftsführer der “freien Träger” die eng mit dem Jugendamt zusammen arbeiten. Kassieren zwischen 5500,00€ -7500,00 € Steuergelder monatlich für die Unterbringung des Kindes. Bereichern sich im Schnitt mit ca 6000,00€ monatlich! Die Kinder können noch nicht mal die Schule besuchen!
    Herr Gerhard Lichtenberger, Sie gehören ins Gefängnis und sollten umgehend sämtlichen Ämtern entbunden werden. Sowas wie Sie brauchen und wollen wir nicht!

  • #15
    Andreas

    Schade das der Autor des Artikels keine "Eier" hat und sich nicht mehr zum Thema äussert. So wie es aussieht, hat er hier populistisches Wahlkampfgetöse veranstaltet.

  • #16
    Urmelinchen

    Peinlich, peinlich! Da hat sich Herr Matheuszik aber ganz weit aus dem Fenster gelehnt – und prompt "bautz" gemacht. Dass es sich bei Herrn Lichtenberger um einen mehr als zwielichtigen Zeitgenossen handelt, zeigt die Doku eingehend. Gestützt wird das System durch den Arzt Dieffenbach, der sich den Recherchen zufolge mit seiner Gutachtertätigkeit das ein oder andere Talerchen dazu verdient. Die LIFE-GmbH kooperiert wiederum mit Institutionen, denen die Töchter Lichtenbergers vorstehen. Ein Schelm, wer Böses denkt.

    Daher Herr Matheuszik, Ihren Ratschlag aufgreifend: erst nachdenken, dann die eigenen Parteigenossen verteidigen

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