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Wie der SV Werder Bremen sehenden Auges auf den Abgrund zulief

Am Stadion in Bremen. Foto: Robin Patzwaldt

Fußballromantik ist etwas Schönes. Doof nur, dass auch das, was viele Fans für erstrebenswert halten, eben nicht automatisch ein Erfolgsgarant ist. Jüngstes Beispiel: Werder Bremen.

Da überträgt der Klub im Jahre 2017 die Aufgabe den traditionsreichen, aber vergleichsweise finanzschwachen Verein vom jungen und talentierten Trainer Florian Kohfeldt betreuen zu lassen. Ziel ist auf Sicht die Teilnahme am einen Europapokalwettbewerb. Die Realität heißt, nachdem sich der Verein ganz bewusst dagegen entschied in der aktuellen Krise den Trainer zu wechseln, wohl Abstieg aus der 1. Fußball-Bundesliga.

Ich mag Werder. Schon so lange ich denken kann. Unzählige denkwürdige Spiele habe ich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte mit Beteiligung der Bremer verfolgt, war auch schon das eine oder andere Mal persönlich im Weserstadion um die ungewöhnliche Atmosphäre dort mitzuerleben.

Ich habe mich stets auf Spiele mit Werder-Beteiligung gefreut. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren das fast immer Spitzenspiele. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das dramatisch geändert.

Bremen hatte nach dem Verpassen der internationalen Spiele irgendwann nicht mehr die Wirtschaftskraft den Kader für die Zukunft so aufzustellen, dass es eine Spitzenmannschaft war. Die sportliche Qualität schrumpfte. Es reichte folglich nicht mehr für die absoluten Top-Platzierungen in der Bundesliga. International spielen die Norddeutschen inzwischen schon lange keine Rolle mehr.

Seit einigen Jahren wird in Bremen nur noch davon geträumt, dass Werder demnächst irgendwann wieder oben mitspielen kann. Seriöse, harte Arbeit und ein Stück Leidenschaft sollten den Klub auszeichnen, ihm dabei helfen eine junge, talentierte Mannschaft aufzubauen. Das klingt in den Ohren der Traditionalisten immer nett.

Was liegt da näher, als dazu auf einen Trainer zu setzen, der aus dem eigenen Verein stammt, der sehr charismatisch und ehrgeizig ist. Was mit Alexander Nouri und Viktor Skripnik vor ein paar Jahren noch nicht wirklich gut klappte, das begann mit Florian Kohfeldt zunächst sehr vielversprechend.

Der eloquente und sympathische Coach versprühte direkt Aufbruchstimmung an der Weser. Vieles deutete zu Beginn seiner Amtszeit tatsächlich darauf hin, dass es mit Werder unter seiner Regie wieder aufwärtsgehen könnte.

Die Vorsaison gestaltete der Klub lange in Reichweite der Plätze, die eine Teilnahme an der Europa League zur Folge gehabt hätte. Am Ende reichte es für Bremen nicht ganz. Nur logisch, dass in dieser Spielzeit ein neuer Anlauf auf das große Ziel genommen werden sollte.

Es kam völlig anders. Eine Serie gespickt mit Pleiten, Pech und Pannen ließ Werder von Anfang an im Tabellenkeller festsitzen. Mit zunehmender Verzweiflung wehrten sich Mannschaft und Trainer gegen das, was sich immer mehr abzeichnete: Den drohenden Abstieg.

Die Verantwortlichen wagten es, sich nicht des traditionellen Trainerwechsels zu bedienen, der in der Liga üblich ist, wenn es sportlich eng wird. Und so wie es aussieht, werden sie dafür nicht belohnt werden.

Werder wehrte sich zwar mit allen Mitteln, aber wohl vergeblich, so wie es aussieht. Von den bisherigen 16 Heimspielen wurde nur eines gewonnen. Am Samstag unterlagen die Norddeutschen in ihrem zuvor als Endspiel angesehenen Duell beim FSV Mainz 05 mit 1:3, während die Mitkonkurrenten im Tabellenkeller Fortuna Düsseldorf, der FC Augsburg und eben die Mainzer allesamt punkteten. Werder klebt einen Spieltag vor Saisonende auf Platz 17 fest.

Da hat Werder damit nur noch theoretische Chancen dem Abstieg zu entgehen. Im Saisonfinale spielen die Grünweißen im Weserstadion gegen die Kölner, müssen bei zwei Punkten Rückstand auf Düsseldorf, das aktuell den Relegationsrang 16 belegt, selber siegen und zugleich auf einen Ausrutscher des Konkurrenten bei Union Berlin hoffen. Mehr als die Relegation ist für die Bremer seit diesem Wochenende ohnehin nicht mehr möglich.

Bitter für alle Fußballfreunde, die zum SV Werder Bremen halten und zugleich für alle Fußballromantiker, die hier gerade wohl schmerzlich miterleben müssen, dass die von ihnen gewünschte größtmögliche Loyalität zum eigenen Personal am Ende eben auch nicht zwangsläufig automatisch mit mehr sportlichem Erfolg belohnt wird.

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6 Kommentare zu “Wie der SV Werder Bremen sehenden Auges auf den Abgrund zulief

  • #1
    JuppSchmitz

    Hallo Robin,
    ich denke nicht, dass es am Trainer liegt. Der ruhmreiche SVW war ja nicht zuletzt deshalb so erfolgreich und verlässlich, weil eben eher selten die traditionelle Trainerfrage gestellt wurde.
    Andererseits gab die teils schwierigen Umbruchphasen nach Rehagel und Schaaf.
    However, Werder hatte in der Vergangenheit aber immer solide Finanzen, dann kam prominentes und offensichtlich überbezahltes Personal einerseits und kein ausreichender Erfolg national und international andererseits. Einer meiner bittersten Momente war das letzte Uefa-Cup Finale 2007(?) als bereits vor dem Spiel klar war, dass Bremen nicht siegen würde, weil Diego sich unbedingt vorher noch ne gelbe Karte abholen wollte.
    Anyway, die Spätphase von Thomas Allofs hat den Grundstein gelegt und Frank Baumann war dann leider auch nicht bereit mit den Wölfen zu heulen. Und es setzte genau die Romantik ein, die Du oben so treffend beschrieben hast. Letztendlich zeigt das Beispiel Bremen doch woran die Bundesliga seit Jahren krankt: Es gibt einen professionell geführten Verein in München und einen im Wartestand in Leipzig, einen Martin Kind, der seit Jahren gegen die 50+1 Regel kämpft, und viele viele Traditionalisten (auch Hoffenheim, denn der Hopp steckt ja auch nicht auf Teufel kommt raus Geld in die TSG!). Es gibt viele Fans und andere Endabnehmer, die sich gerne die grossen europäischen Vereine angucken, aber in der Bundesliga immer Profitinteressen und Ausverkauf wittern.
    Tja, und der SVW ist das letzte Symbol der freien und Hansestadt Bremen: Des Wahren, Guten, Schönen. Ich habe keine Ahnung, warum in der Stadt nicht mehr passiert, warum man nicht meinetwegen mit Becks oder Jacobs ins Bett geht. Unser letzter (und bisher einziger) Abstieg 1980 war ein Jungbrunnen, davor etliche Jahre des Niedergangs. Dann kamen Otto und Willy und alles wurde anders. "Damals" hatte man die Zeichen der Zeit erkannt. Dieses Mal wird es anders ausgehen und ich befürchte das Schlimmste, den direkten Wiederabstieg in die Drittklassigkeit, da werden uns auch die obligatorischen sechs Punkte vom HSV nicht retten.

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @JuppSchmitz: Ich mag Kohfeldt als Typ auch, hätte mir ihn sogar vor Wochen noch gut als Favre-Nachfolger in Dortmund vorstellen können. Fakt ist aber auch, dass er in den letzten Wochen mit Werder nicht wirklich gut klarkam. Und gestern wirkte er nach dem Spiel schon sehr, sehr leer und müde. Offensichtlich hat ihn der Abstiegskampf überfordert. Zumindest in dieser Lage und mit diesem Team. Ich wünsche ihm, dass er sich gut erholt und dann demnächst (ob in Bremen oder anderswo) neu angreifen kann. Rücklblickend hat es sich jedoch als Fehler erwiesen nicht den Impuls eines Trainerwechsels zu setzen. Zumindest stand heute. Noch ist ein Klassenerhalt auf den letzten Drücker für werder ja zumindest nicht ganz ausgeschlossen.

  • #3
    ke

    Rein statistisch sind Trainerwechsel doch auch eher weniger sinnvoll, wenn ich mich richtig erinnere.

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @ke: Es gibt Beispiele für beide Fälle. Die Frage ist halt was im jewewiligen Einzelfall das Richtige ist. Die Ruhe zu behalten ist natürlich eine Option. Wenn es schiefgeht, ist es aber eben auch eine vertane Chance.

  • #5
    Jupp Schmitz

    Wie gesagt, das Trainerkarussell war zu recht nie das Metier an der Weser. Der Kader ist zu offensichtlich zu schwach und zu klein. Und wenn ich nicht falsch liege, ist "Weserstadion" immer noch die offizielle Bezeichnung. Alles ganz anständig, aber in der Bundesliga hilft das nicht weiter. Der BVB hat seine Seele verkauft und keinen hat es interessiert. S04 ist und bleibt die Skandal-Nudel. Und der FCB wird auch 2021 Meister; gähn.

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