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Wir sind die Irrelevanten!

Ist dieses Bild genauso irrelevant wie du und ich? Nein, denn es wird zum Klicken animieren. Und Verbreiten. Das ist die Scheissrealität.

Ist dieses Bild genauso irrelevant wie du und ich? Nein, denn es wird zum Klicken animieren. Und Verbreiten. Das ist die Scheissrealität. Quelle: povpnx-15/ Flickr/ CC-BY-SA

Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus. Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

Ich habe die Schnauze voll. Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa. Die Menschen haben Angst. Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen. Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

Lieber wird darüber diskutiert, ob wir getrennte Männer- und Frauenabteile brauchen, und ob es nicht entscheidend ist, dass wir unser Toilettenwesen neu ausrichten, dem Gendergedanken entsprechend. Oder darüber, ob Veganismus nicht genauso wichtig ist, wie Eintreten für die Menschenwürde – weil – wegen – Kunstwort (Speziesismus). Oder darüber, ob das wirklich OK ist, wenn ein halbnackter Mann Werbung für Cola macht. Die Mehrheit der Deutschen kann mit Diskussionen dieser Art nichts anfangen. Das ist sie dann wohl selbst Schuld – diese Mehrheit. Sie teilt nicht die Welten der Verbots- und Erziehungsbürger, die davon ausgehen, dass eben jene, die nicht wie sie an den Fleischtöpfen der Gesellschaft sitzen, einfach zu dumm, zu degeneriert, zu unfähig sind, um all die erhabenen Schlüsse und Diskussionen nachzuvollziehen, die diese Pseudoeliten einstweilen für sie führt. Getrieben von einer Verachtung, die notdürftig als Mitleid getarnt wird. Es ist die perfide Form der Abwertung seines Gegenübers: sprich vom „kleinen Mann“, pardon – wir sollten gendern, vom „kleinen Menschen“, für den du sprechen musst, weil du es einfach kannst. Damit stellst du sicher, dass dieser Person wiederum selbst niemand zuhört. Wieso auch? Was sollte der ungelernte Arbeiter schon zu sagen haben, was ein Verbandsfunktionär nicht viel besser sagen könnte?

Und nein: ich will hier nicht auf ein Beschimpfen der Sozialdemokratie und der mit ihr zugrunde gehenden Strukturen des frühen 20. Jahrhundert hinaus. Die meisten von uns sind doch nicht besser. Ich bin nicht besser. Wir suhlen uns in unserer eigenen Peer-Group, treffen uns auf den selben Kongressen und Events und versichern uns a) dass wir es einfach drauf haben, b) die anderen es einfach nicht drauf haben und c) dass es für alle besser wäre, wenn sie uns einfach bestimmen liessen. Wir führen keine Diskurse mehr ausserhalb unserer Filterblase. Und allein schon Begriffe wie „Peer-Group“, „Diskurse“ und „Filterblase“ zeigen wir sehr auch mir diese Selbstbeweihräucherei mittlerweile in Fleisch und Blut übergangen ist. Soziologen- und Gelehrtensprech, gerne mit einer Prise Personaler-Englisch und beim Sprechen das  vermeintliche Nachdenken anklingen lassen, weil einem gerade das deutsche Wort einfach nicht einfallen will. So ridiculous.

Wir hören auch nicht mehr zu. Wir tun nur so als ob. Um dann mit unseren eigenen tollen Argumenten dagegen zu halten. Uns vom Gegenteil überzeugen? Ha ha. Genau. Wir sind doch alle sooo clever. Vielleicht war das immer so. Vielleicht wird die Spaltung jetzt ja nur sichtbarer. Keine Ahnung. Aber wir tun nichts, um sie zu überwinden. Sie erkennen, beschreiben, bestaunen und bedauern die Lücke, die zunehmend durch unsere Gesellschaft geht – aber etwas dagegen tun. Wieso auch?

Wenigstens fasel ich nicht auch noch von „sozialer Gerechtigkeit“. Ein leerer Begriff, mit dem man hofft, Menschen zur Wahlurne zu treiben. Das gelingt natürlich nicht, weil das ganze Konzept schlicht realitätsverkennend ist, so wie die Frage, ob Bewerbungsunterlagen nicht ohne Namensnennung und ohne Foto eingereicht werden sollten. Wer sich nicht mehr traut, die großen Themen zu behandeln, verfällt in paternalistische Regelungswut im Kleinen, bei vermeintlichen Symbolprojekten, deren Symbole aber selbst für die eigenen Parteimitglieder wenig bis gar nicht magisch sind. Und ja, magisch ist der richtige Begriff.

Und bei der nächsten Wahl sind wir wieder geschockt, von mehr als 20% Wähleranteil für die verschissene AfD. Verschissen. Schimpfwörter. Sind eigentlich out. So wie die Begriffe „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerkußbrötchen“. Gehen aber doch – wenn es Ironie ist, oder es gegen rechts geht. Und nicht etwa gegen rechtsradikal oder rechtsextrem. Die CDU darf man verschissen nennen – das zeugt von Rebellentum, die Antifa nicht. Die radikale Linke generell eigentlich. Auch wenn sie Autos abfackelt oder Menschen bedroht – ist ja für einen guten Zweck. Welchem guten Zweck dient doch gleich das Anzünden des Eigentums eines anderen Menschen? Ach ja, irgendwas mit Kapitalismuskritik und so. So wie bei den TTIP-Demos. Den Chemtrails. Der USA generell. Und Israel. Diese Verlogenheit wiedert mich so an. Und auch sie hat nichts damit zu tun, die Herzen der Menschen zu gewinnen.

Die Herzen? Komm mal klar. Für die akademische Upperclass zählt die Ratio, der Verstand, das Gelehrtsein. Und für wen das nicht zählt, der hat einfach noch nicht diese Klasse erreicht, aber sollte man sich deswegen auf sein Niveau herab begeben? Eben. Ich habe mittlerweile so viele getroffen, die mir so einen Scheiß erzählen – und dann irritiert gucken, wie denn ihre Frau es so ohne Liebe aushält, oder wieso sie für ihre Kinder nichts empfinden, ausser Verstand.
Und Nein, das ist nichts anderes – nur weil ihr das gerne hättet.

Und mittlerweile holt die AfD 20% und die FPÖ stellt den Bundespräsidenten. Schlimm, schlimm, schlimm. Zeit für eine sofortige Diskussion. Mit Tagesordnung. Und paritätischer Rednerliste. Nur keine Ossis – die sind noch nicht soweit.

Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet. Und jetzt? Geht doch wieder Netflix gucken und Rotwein trinken.

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17 Kommentare zu “Wir sind die Irrelevanten!

  • #1
  • #2
    Gerd

    Und (fast) genau deswegen wählen immer weniger Bürger die etablierten Parteien.

    PS: Die Österreicher wählen ihren Präsidenten erst am 22.05. … Ja, die dürfen das, wir nicht. 🙁

  • #3
    mohs

    Wieso habe ich jetzt das Leben des Brian (die Diskussion vor der Kreuzigung) im Kopf?

    Mein Beitrag abgesehen von dem oben beschriebenen getöse:
    Ich ignoriere die Filterblase Internet und tue halt im echten leben, was ich so tun kann.
    Aber die Piraten haben abgewirtschaftet? Also ich bin noch nicht fertig mit kämpfen, und sollte es mit den Piraten mal nicht mehr gehen, wird es anders gehen, aber es wird gehen, weil wir kämpfen müssen. – Zusammen, ob ihr nun diese Farbe oder eine andere Wählt ist mir da einerlei.

  • #4
    Ricardo

    Du hast dich scheinbar von dem ganzen neurechten Pirincci-Diskurs-Scheiß demoralisieren lassen (und gibst den Kram selber hier schon wieder). Wie wärs mit nem sozialen Job/Engagement und von da aus mit Anderen eine radikale Perspektive entwickeln? Das erdet.

  • #5
    abraxasrgb

    Sebastian, Du hast das böse G-Wort nicht benutzt: GutmenschIN 😉
    Endlich lese ich mal wieder einen ärgerlichen Liberalen.
    WIr (also natürlich nur die anderen) sind wirklich irre-levant, also plemplem, und das nicht mal valent.
    Wobei wir bei einer anderen Verwechslung sind, Eitel und Elite sind nur den Buchstaben nach identisch 😉

    mohs … das "echte" soziale ist genau so eine Filterbubble, wie die scheinbare Filterbubble über die sogenannten "Filterbubbles" , hier im Netz. Wir sind nicht im "second life", sondern in der wirklichen Welt der Kommunikation 😉 Wer, außer den Bewohnern der "schönen neuen Filterbubble-Welt" spricht bitteschön problematisierend über die Filterbubble? Und wofür, bitte schön, ist das gerade wirklich wichtig? Q.E.D

    Welcome to the desert of real itself.

    Kämpfen gegen etwas, ist meiner Meinung nach, bei einem liberalen Menschen absurd, wenn er "kämpft", dann höchstens "für" etwas oder für jemanden.

  • #6
    KE

    Warum soll die Wohlfühlboheme in den Krieg ziehen oder wohl eher in den Krieg ziehen lassen?
    IS ist eine kleine Gruppe, die eigentlich von der Bevölkerung der besetzten Länder aus den Ländern vertrieben werden müsste. Das bleibt aus (siehe Mossul als Millionenstadt). Widerstand gegen Besatzer war in vielen anderen Ländern erfolgreich. Selbst gegen High Tech Armeen.

    Ausserdem läuft es doch, warum soll man sich ändern. Mamas Drittwagen hat jetzt bald E Antrieb, der mit dem Solarstrom des eigenen Daches betankt wird. Das alles wird dann noch hoch subventioniert vom Nanny State. Die Politik löst also doch Probleme wie die Drittwagenfinanzierung und den Prestigegewinn vor dem alternativen Kindergarten.

    Warum soll man sich ändern? Irgendwie bin ich auch froh im Ruhrgebiet zu leben, wo es keine so ausgeprägte Szene wie in Berlin und Hamburg gibt. Dort ist für mich aus dem Pott oft Realsatire angesagt, wenn man sein Essen besorgt und die Menschen beobachtet.

    Btw Wohlfühlboheme und H4/Mindestlohner leben doch in Parallelwelten. Ein Zusammentreffen gibt es nur , wenn der Paketbote oder ein anderer Dienstleier kommt. Aber war das schon mal anders?

    Aktuell hat D das Glück, dass rechte Parteien keine prägenden Gesichtern hatten. Das ist im Ausland anders.

  • #7
    Helmut Junge

    Ein Text gegen die Selbstverarschung und die Heuchelei. Sehr schön. Aber anlegen wirst du dich damit mit Niemanden, weil Vieles von dem, was du schreibst, von Vielen, jeweils als Einzelperson betrachtet, ähnlich gesehen wird. Aber Menschen sind selten ausschließlich Einzelpersonen, sondern in ihren Kreisen mit jeweiliger verbindlicher Ansicht, eingebunden, embedded. Da triffst du auf einen empfindlichen Nerv, wenn du z.B. Mitgliedern D(einer) Peer-Group sagst, daß sie gar nicht dem anspruch genügt, sich so nennen zu dürfen, weil bei ihren Arbeiten seit Jahren kein nennenswertes Ergebnis herausgekommen ist, und auch nirgendwo außerhalb dieses selbsterlauchten Kreis zitiert würde. Das Sebastian, würde Ärger geben, und du würdest die sogar Feinde machen. Daß man so etwas NICHT sagt, ist ja letztendlich auch ein Gebot der Höflichkeit. Ich selbst habe soche Höflichkeitsnormen auch nie verletzt, jedenfalls nicht direkt, sondern immer nur hinter vorgehaltener Hand. So funtioniert eigentlich die Welt. Niemand outet sich freiwillig.

  • #8
    ichoderdu

    Schon gesagt. Ich glaube wütend sein und nicht immer so mimimimi wir haben uns alle lieb und Peace und Frieden und ey pass auf das mein Tofu Schnitzel nicht runter fällt ist schonmal ein Anfang.

  • #9
    Walter Stach

    Wenn Kommentare primär die Funktion haben, " Frust abzulassen", dann verdient Sebastian Bartoscheck für seinen "Kommentar" höchstes Lob.
    Ansonsten……….??????

  • #10
    Walter Stach

    Sebastian,
    meine Entschuldigung an Sie dafür, daß ich -wieder einmal – ein "Ck" und kein "K" im Namen Bartoschek verwandt haben.

    -5-abraxasrgb-
    Fehlt , evtl. aus Flüchtigkeit, im letzten Satz etwas? Ich denke, da hätt es doch noch weitergehen müssen mit: " und stets und ausschließlich für sich selbst"!

  • #11
    Sebastian Bartoschek Beitragsautor

    Lieber Walter Stach,
    ich wollte tatsächlich gerade darauf hinweisen 🙂

    Und nein, und das geht an einige hier,
    ich habe keine Lösung, ich weiss nicht, ob ich besser bin.
    Aber bis gestern haben viele noch nicht einmal das Problem gesehen…

    Wir können gerne gemeinsam an einer Lösung stricken, oder jeder für sich oder oder oder.

  • #12
    Arnold Voss

    Wieso sind die, die nichts ändern wollen oder können oder die, die wollen, aber nicht wissen wie es geht, irrelevant? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Sie sind zum Erhalt des herrschenden System ganz besonders relevant. 🙂

  • #13
    Davbub

    #12. "…die wollen, aber nicht wissen wie es geht,…"
    Einige von diesen haben ja bei den vergangenen Landtagswahlen entdeckt, wie es geht; gefällt dann aber auch nicht jedem…
    @ Autor: "… Vielleicht war das immer so. Vielleicht wird die Spaltung jetzt ja nur sichtbarer. "
    Stimme ich zu. Tatsächlich haben in der vernetzten Welt unversehens alle eine Stimme, von der dann auch noch rege Gebrauch gemacht wird. Die kann "die Politik" & "die Eliten" (die ja nur Eliten sind, weil sie sich selbst dafür halten und dies allgemein so akzeptiert wird; wenn z.B. Nahles & Kauder zu den "Eliten" zählen, bin ich eigentlich ganz froh, ein kleiner mensch zu sein) dann auch schlecht ignorieren oder wie früher wegargumentieren.
    "Die radikale Linke generell eigentlich"
    Den Unterschied zwischen der radikalen Rechten und Linken sehe ich angesichts immer mehr sich angleichenden Methoden nur noch in den Symbolen, die sie auf ihre roten Fahnen malen. Sollte eines von beiden Lagern je den Krieg gewinnen, wird sich doch die Mehrheit der hier versammelten im Lager wiederfinden. Mir wäre es dann egal, ob mein Lagerkommandant ein Hakenkreuz oder eine geballte Faust am Revers trägt.

  • #14
    Dirk Lewerenz

    Ich halte es nicht mehr aus: die Rechtsradikalen sind europaweit auf dem Vormarsch. In Österreich die FPÖ, in die Deutschland die AfD, in Ungarn regiert bereits ein Viktor Orban und in Polen das PiS-Pack. Und was tun wir? Wir diskutieren über Gendersternchen, die vermeintlichen Gefahren von Freihandel und Veganismus.

    [Tut Ihr das? In der Tat unerträglich. Wer seid Ihr eigentlich?]

    Es ekelt mich an – ich muss ranten. Oder damit die FAZ-Leser es auch verstehen: das hier wird ein übellauniger Kommentar.

    [Laune ist eine Stimmung des Individuums, nicht eine Qualität seiner Texte. Pardon: „Qualität“]

    Ich habe die Schnauze voll. Die Dreckssäcke vom „Islamischen Staat“ ermorden Hunderte bei Terroranschlägen in Europa.

    [Und wenn Hunderte Tote schon zu dem Superkritikwort „Drecksäcke“ führt, was sagen wir dann erst über die Tau… – ach so, das war nicht in Europa. Alles klar.]

    Die Menschen haben Angst.

    [Echt jetzt? Ich zum Beispiel nicht. Also vor islamistischen Drecksäcken. Eher so vor Altersarmut. Wegen der sogenannten Wahrscheinlichkeit.
    Erwarteter Schaden = Schadenwahrscheinlichkeit x Schadenhöhe.
    Ist bei der Altersarmut bedeutend höher als bei Drecksackterrorismus.]

    Und wir diskutieren über den Islam. In Talkrunden, Kommentarspalten und Sozialen Medien. Analysieren, wägen ab, zeigen uns empört, sind überrascht, dass wir Muslime im Land haben, und stellen fest, dass Muslime Muslime töten. Statt ernsthaft etwas zu tun. Wir sind immer noch zu feige, gegen den Islamischen Staat vorzugehen.

    [Du wirst nicht wissen, warum die anderen so feige sind, oder? Aber warum bist Du denn so feige? Mach doch zum Beispiel mal auf Kosten Deiner Freunde Urlaub in Israel und erlege dort ein paar arabische Terroristen. Von dort kannst Du dann gleich weiterreisen und Deine frischerworbenen Skills am IS verfeinern]

    Weil der menschenverachtende Pazifismus der Wohlfühlboheme lieber tote Araberkinder in Kauf nimmt, statt selbst in einen schmutzigen Krieg einzusteigen.

    [Ach, deshalb. Wohlfühlboheme, sind das jetzt die mit der Altersarmut? Wie schaffen die das, sich immer noch wohlzufühlen?]

    Lieber wird darüber diskutiert, ob wir getrennte Männer- und Frauenabteile brauchen, und ob es nicht entscheidend ist, dass wir unser Toilettenwesen neu ausrichten, dem Gendergedanken entsprechend. Oder darüber, ob Veganismus nicht genauso wichtig ist, wie Eintreten für die Menschenwürde – weil – wegen – Kunstwort (Speziesismus).

    [Du willst mir jetzt vorschreiben, ob ich meinen Hund mögen darf? Du liberaler Schelm!]

    Oder darüber, ob das wirklich OK ist, wenn ein halbnackter Mann Werbung für Cola macht. Die Mehrheit der Deutschen kann mit Diskussionen dieser Art nichts anfangen.

    [Ah ja. Dann bist Du jetzt besser gelaunt, weil Du Dich mit der Mehrheit der Deutschen einig weißt? Wäre ja prima. Dann entfiele der Rant-Zwang, und alle könnten Feierabend machen]
    Das ist sie dann wohl selbst Schuld – diese Mehrheit. Sie teilt nicht die Welten der Verbots- und Erziehungsbürger, die davon ausgehen, dass eben jene, die nicht wie sie an den Fleischtöpfen der Gesellschaft sitzen, einfach zu dumm, zu degeneriert, zu unfähig sind, um all die erhabenen Schlüsse und Diskussionen nachzuvollziehen, die diese Pseudoeliten einstweilen für sie führt.

    [Hey! Wenn ich Verbots- und Erziehungsbürger werde, muss ich mir keine Gedanken mehr wegen Altersarmut machen? Klasse. Danke für den Tipp. Fleischtöpfe. Mmmmhh.
    Aber Moment: Waren die Verbots- und Erziehungsbürger nicht eben noch Veganer? Was sollen die mit Fleischtöpfen?]

    Getrieben von einer Verachtung, die notdürftig als Mitleid getarnt wird. Es ist die perfide Form der Abwertung seines Gegenübers: sprich vom „kleinen Mann“, pardon – wir sollten gendern, vom „kleinen Menschen“, für den du sprechen musst, weil du es einfach kannst. Damit stellst du sicher, dass dieser Person wiederum selbst niemand zuhört. Wieso auch? Was sollte der ungelernte Arbeiter schon zu sagen haben, was ein Verbandsfunktionär nicht viel besser sagen könnte?

    [Verbandsfunktionär? DFB? PETA? WtF are you talking about?]

    Und nein: ich will hier nicht auf ein Beschimpfen der Sozialdemokratie und der mit ihr zugrunde gehenden Strukturen des frühen 20. Jahrhundert hinaus.

    [Cool wäre, den Hauch einer Ahnung davon zu bekommen, worauf Du hinaus willst, außer Dir den Schein des zornigen jungen Durchblickers zu geben.]

    Die meisten von uns sind doch nicht besser.

    [Und ich dachte, Du redest schon dauernd von „Euch“, wenn Du „wir“ sagst. Mich kannst Du jedenfalls nicht meinen, ich bin weder Veganer noch Verbandsfunktionär]

    Ich bin nicht besser.

    [Weiß Gott!]

    Wir suhlen uns in unserer eigenen Peer-Group, treffen uns auf den selben Kongressen

    [interessantes Leerzeichen]

    und Events und versichern uns a) dass wir es einfach drauf haben, b) die anderen es einfach nicht drauf haben und c) dass es für alle besser wäre, wenn sie uns einfach bestimmen liessen.

    [Langer Vokal -> ß, kurzer Vokal ->ss – Du hast es echt nicht drauf]

    Wir führen keine Diskurse mehr ausserhalb unserer Filterblase.

    [Da Du gute Kommentare nicht veröffentlichst und in sozialen Medien alle blockst, die intelligenter sind als Du, kann es nicht zu einem Diskurs kommen.]

    Und allein schon Begriffe wie „Peer-Group“, „Diskurse“ und „Filterblase“ zeigen wir sehr auch mir diese Selbstbeweihräucherei mittlerweile in Fleisch und Blut übergangen ist.

    [Auch? Gerade! (Boah, hätte ich hier gerne ein paar Ausrufezeichen mehr gemacht.)]

    Soziologen- und Gelehrtensprech, gerne mit einer Prise Personaler-Englisch und beim Sprechen das vermeintliche Nachdenken anklingen lassen, weil einem gerade das deutsche Wort einfach nicht einfallen will. So ridiculous.

    [Echt krass, diese Welle der Selbsterkenntnis. Die aber eigentlich dazu hätte führen müssen, diesen Text unter keinen Umständen zu veröffentlichen. Kommen wir nochmal zurück zu den Rechten, den islamischen Drecksäcken und so, oder wolltest Du darüber gar nicht reden?]

    Wir hören auch nicht mehr zu. Wir tun nur so als ob.

    [Wie gemein von Euch, ich hätte Euch so viel zu sagen.]

    Um dann mit unseren eigenen tollen Argumenten dagegen zu halten. Uns vom Gegenteil überzeugen? Ha ha. Genau. Wir sind doch alle sooo clever. Vielleicht war das immer so. Vielleicht wird die Spaltung jetzt ja nur sichtbarer. Keine Ahnung. Aber wir tun nichts, um sie zu überwinden. Sie erkennen, beschreiben, bestaunen und bedauern die Lücke, die zunehmend durch unsere Gesellschaft geht – aber etwas dagegen tun. Wieso auch?

    [Weil Du ganz gut lebst vom Mitmachen?]

    Wenigstens fasel ich nicht auch noch von „sozialer Gerechtigkeit“. Ein leerer Begriff, mit dem man hofft, Menschen zur Wahlurne zu treiben. Das gelingt natürlich nicht, weil das ganze Konzept schlicht realitätsverkennend ist, so wie die Frage, ob Bewerbungsunterlagen nicht ohne Namensnennung und ohne Foto eingereicht werden sollten. Wer sich nicht mehr traut, die großen Themen zu behandeln, verfällt in paternalistische Regelungswut im Kleinen, bei vermeintlichen Symbolprojekten, deren Symbole aber selbst für die eigenen Parteimitglieder wenig bis gar nicht magisch sind. Und ja, magisch ist der richtige Begriff.

    [Nicht alles, dessen Inhalt Du nicht erfasst, ist leer. Und von Hayek nachzuplappern ist etwas anderes, als ihn zu verstehen]

    Und bei der nächsten Wahl sind wir wieder geschockt, von mehr als 20% Wähleranteil für die verschissene AfD. Verschissen. Schimpfwörter. Sind eigentlich out. So wie die Begriffe „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerkußbrötchen“. Gehen aber doch – wenn es Ironie ist, oder es gegen rechts geht. Und nicht etwa gegen rechtsradikal oder rechtsextrem. Die CDU darf man verschissen nennen – das zeugt von Rebellentum, die Antifa nicht. Die radikale Linke generell eigentlich. Auch wenn sie Autos abfackelt oder Menschen bedroht – ist ja für einen guten Zweck. Welchem guten Zweck dient doch gleich das Anzünden des Eigentums eines anderen Menschen? Ach ja, irgendwas mit Kapitalismuskritik und so. So wie bei den TTIP-Demos. Den Chemtrails. Der USA generell. Und Israel. Diese Verlogenheit wiedert mich so an. Und auch sie hat nichts damit zu tun, die Herzen der Menschen zu gewinnen.

    [*widert]

    Die Herzen? Komm mal klar. Für die akademische Upperclass zählt die Ratio, der Verstand, das Gelehrtsein. Und für wen das nicht zählt, der hat einfach noch nicht diese Klasse erreicht, aber sollte man sich deswegen auf sein Niveau herab begeben? Eben. Ich habe mittlerweile so viele getroffen, die mir so einen Scheiß erzählen – und dann irritiert gucken, wie denn ihre Frau es so ohne Liebe aushält, oder wieso sie für ihre Kinder nichts empfinden, ausser Verstand.
    Und Nein, das ist nichts anderes – nur weil ihr das gerne hättet.

    [Ich mag am liebsten die gefüllten Lebkuchenherzen]
    Und mittlerweile holt die AfD 20% und die FPÖ stellt den Bundespräsidenten. Schlimm, schlimm, schlimm. Zeit für eine sofortige Diskussion. Mit Tagesordnung. Und paritätischer Rednerliste. Nur keine Ossis – die sind noch nicht soweit.
    Und noch eins: dieser Text bringt wahrscheinlich auch nichts. Ausser, dass ihr mir ein paar Minuten beim Schimpfen zuhören musstet. Und jetzt? Geht doch wieder Netflix gucken und Rotwein trinken.

    [Jetzt erst? Du meinst, das hätte ich nüchtern bis zum Ende lesen können?
    Und was ist Netflix?]

  • #15
    nussknacker56

    Hallo Sebastian Bartoschek, ein überaus gelungener Text. Ich kann viele Ihrer Gedanken gut nachvollziehen. Einen Rat weiß ich keinen, außer dem unbeholfenen Gedanken, dass das ganze Elend irgendwie ausgehalten werden muss. Immerhin habe ich keine Peer-Group – sowas gibt es in der Provinz nicht –, dafür aber den ganzen Rest in 1:1.

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  • #17
    Walter Stach

    Sebastian Bartoschek,

    1.
    da wird in London ein Bürger muslimischen Glauben in einer Direktwahl zum Bürgermeister dieser Weltmetropole gewählt. Irrelevant? Irrelevant für die völkisch-nationalistischen Rassenhasser -in Deutschland, im übrigen Europa? Irrelevant für die "radikal-fanatischen Islamisten" in Deutschland, in Europa , weltweit?
    Ich bin jedenfalls irritiert über das "Schweigen" in der Gesellschaft generell, abgesehen von einigen "Nebenbei-Betrachtungen" dazu in einigen Medien. Ich bin besonders irritiert über das "Schweigen" derjenigen, die an sich zu jeder ad hoc Reaktion bereitstehen, wenn es irgendwie, irgendwo um eine " öffentliche Person " muslimischen Glaubens geht.
    Oder wird noch intensiv über das Warum und über denkbare Folgen dieser Wahl über London hinaus nachgedacht -u.a. bei den sog. Rechtsradikalen und bei den sog. radikal-fanatischen Islamisten? Das wäre dann aus meiner Sicht sehr erfreulich.

    2.
    Irrelevantes Europa?
    Da hält eine weltweit bekannte Persönlichkeit mit weltweitem Einfluß auf die Menschen in vielen Staaten eine Rede, in der er voller Optimismus und voller Empathie den "Wert eines vereinten Europas" für die Menschen in Europa und für die übrigen Welt nachdrücklich begründet und hervorhebt und in der er an die "Werte erinnert", die dieses Europa ausmachen, ausgemacht haben und die jetzt zumindest immer mehr relativiert zu werden scheinen -Freiheit, Gerechtigkeit , Menschenrechte-.

    Dass Papst Franziskus diese Rede gehalten hat, sollte vor allem die Menschen, die ihre gesellschaftspolitische Positionierung aus dem Christentum herleiten, in besonderer Weise motivieren können,, sich mit dem Inhalt der Rede , mit dem Papst-Apell an die Grundwerte Europas und mit dem Versuch des Papstes, das Streben nach einer politischen Einheit Europas emotional wieder zu beleben, intensiv -auch im öffentlichen Diskurs-auseinander zu setzen.

    Was ich bisher dazu hören und lesen konnte, wird der Bedeutung der Papst-Rede m.E. ganz und gar nicht gerecht.
    Ich hoffe und ich wünsche mir sehr, daß vor allem "die Jugend Europas" sich mehr denn je durch den Inhalt der Papst-Rede animiert fühlt, die große Idee von der politischen Einheit Europas wieder aufzunehmen , sich mit ihr zu befassen und sich für sie europaweit zu engagieren.

    (Und sollte das aus historischen Gründen zunächst und primär in West-Europa geschehen, wäre das keineswegs der Idee abträglich. Ich merke das nicht nur mit Blick auf die Historie der europäischen Einigungsbewegung nach 1945 in Westeuropa an, sondern auch Blick auf einige Passagen in der Papstrede, die für die "derzeitigen katholischen (!!) Machthabern" in Polen, in Ungarn, in…. " ein gewaltiges Ärgernis sein müssen; was mich allerdings sehr freut!)

    Dass Obama vor einigen Tagen in Hannover ebenfalls an die "großartige Idee" des vereinten Europa erinnert hat, verbindet ihn insofern mit dem Papst und sollte uns Europäern umso mehr zu denken geben.

    Alles irrelevant?
    Alles das nur ‚was "für Irrelevante"?

    "Großes, Epochales" gelingt nicht ohne eine große , ohne eine epochale Idee".

    Leider sehe ich in ganz Europa, Deutschland eingeschlossen, keine politische Führungspersönlichkeit, deren Politik erkennen läßt, und zwar nicht nur bezogen auf die Einheit Europas, dass ihre Politik von einer "großen Ideen" getragen sein könnte.

    Dass ich als "alter Sack" mich nach wie vor emotional für die große, für die epochale Idee von einem politisch vereinten Europa begeistern kann, "die Nachkommenschaft" aber nicht, noch (?) nicht, gibt mir -selbstverständlich – zu denken.
    Ich könnte mich – oder ich sollte mich?- dieser Nachdenklich entziehen, indem ich mich der Wahrnehmung anschließe:
    " Das Alles ist nichts Anderes als Irrelevantes von und für Irrelevante" !

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