NRW-Wissenschaftsministerin Schulze: „Wir müssen mehr in der Breite fördern“

Interview mit der nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerin Svenja Schulze. Sie ist seit Juli 2010 Mitglied der rot-grünen Landesregierung.

Das „Templiner Manifest“ der GEW formuliert Eckpunkte für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Was wollen Sie dazu beitragen?

Wir haben bereits eine Arbeitsgruppe eingerichtet, an der die GEW und mein Ministerium beteiligt sind. Darin klären wir, welches die konkreten Hebel eines Landesgesetzgebers sind, um die Beschäftigung an den Hochschulen zu verbessern. Der erste Hebel ist das Landespersonalvertretungsgesetz. Dort nehmen wir die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit auf und weiten den Vertretungsanspruch an den Hochschulen wieder aus. Allerdings haben wir auf Landesebene durch die Hochschulautonomie nur begrenzte Möglichkeiten einzugreifen.

Die Autonomie der Hochschulen erschwert also Ihre Arbeit?

Ich stehe zur Hochschulautonomie, ganz klar. Niemand will an der Wissenschaftsfreiheit rütteln und natürlich auch nicht an der Autonomie der Hochschulen. Die NRW-Hochschulen bekommen pro Jahr drei Milliarden Euro Steuergelder. Es muss eine stärkere Diskussion darüber geben, wofür diese Mittel verwendet werden. Wir brauchen Leitplanken.

In den letzten Jahren wurde über viele Wettbewerbe vor allem die Exzellenz an den Hochschulen gefördert. Gut so?

Ich bin davon überzeugt, dass Exzellenz nur entstehen kann, wenn man auch die notwendige Breite hat. Man braucht eine Basis, auf der die Spitze stehen kann. In der Breite muss mehr gefördert werden, zurzeit wird zu einseitig auf Exzellenz gesetzt. Und wichtig ist auch, die Förderung nicht nur an kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen auszurichten, sondern die gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen zu stärken.
Wir wollen zum Beispiel unsere Industrie ökologisch umbauen und immer mehr erneuerbare Energie erzeugen und nutzen. Um das zu schaffen, brauchen wir auch Forschung, die sich heute noch nicht rechnet. Der Markt ist bei sozialen und ökologischen Fragen blind. Deshalb ist nicht zuletzt die Aufgabe von öffentlich geförderter Forschung, Lösungen für diese Fragen zu finden. Das Land will dafür gemeinsam mit den Hochschulen Verantwortung übernehmen.

Was tun Sie, um die Breite stärker zu fördern und mehr Menschen für ein Studium zu gewinnen?

Wir schaffen zum kommenden Wintersemester die Studiengebühren ab. Damit senken wir eine entscheidende Hürde, die den Hochschulzugang erschwert hat. Außerdem wollen wir die Hochschulen öffnen für Menschen mit beruflicher Qualifikation. Und wir wollen durch die Änderung des Hochschulgesetzes mehr Demokratie an den Hochschulen einführen. In den nächsten Monaten werden wir mit allen Beteiligten darüber diskutieren und gemeinsame Eckpunkte entwickeln.

Wie wollen Sie den Wegfall der Studiengebühren kompensieren?

Es geht um 249 Millionen Euro, die den Hochschulen aus Landesmitteln ersetzt werden. Das machen wir nach dem Leitmotiv „Das Geld folgt den Studierenden“, das heißt, auch die Hochschulen, die bislang auf Studiengebühren verzichtet haben, erhalten entsprechend ihrer Studierendenzahl Kompensationsmittel. Über die Mittelverwendung vor Ort entscheiden Kommissionen, die zur Hälfte mit Studierenden besetzt sein werden.

Wie sieht die Öffnung der Hochschulen konkret aus?

Wir müssen die Hochschulen zugänglich und attraktiv machen für Menschen, die bisher zu selten studieren. Es gibt immer noch zu wenig junge Frauen, es gibt zu wenig Studierende mit Migrationshintergrund, zu wenige Arbeiterkinder sowieso. Der Zugang für Menschen ohne Abitur, aber mit beruflicher Qualifikation soll erleichtert werden. Für all das brauchen wir neue und flexible Eingangsphasen ins Studium. Zurzeit entwickeln wir mit den Hochschulen ein Konzept dazu. Durch die Fernuni Hagen gibt es in NRW bereits wertvolle Erfahrungen, die wir nutzen wollen. Wenn man Berufstätige an die Hochschule holen will, muss zum Beispiel auch ein Teilzeitstudium möglich sein.

Wollen Sie an der Trennung von Universitäten und Fachhochschulen etwas ändern?

Auf Landesebene sind die Spielräume hier sehr klein. Allerdings denke ich auch, dass sich die Hochschullandschaft künftig weniger als noch heute an dieser Trennlinie orientieren wird. Das spezifische Profil einer Hochschule wird immer wichtiger. Die Universität Duisburg-Essen hat zum Beispiel vierzig Prozent Studierende aus hochschulfernen Schichten und ist gleichzeitig sehr forschungsstark. In dieser Konstellation ist das schon sehr ungewöhnlich und zeichnet die Uni aus. Ein anderes Beispiel ist die FH Aachen am Standort Jülich. Dort gibt es einen hervorragenden Campus mit sehr guter Studierendenbetreuung und ideale interdisziplinäre Forschungsbedingungen, die Forscherinnen und Forscher aus ganz Europa anlocken.

Studierende und GEW kritisieren am Bolognaprozess u. a. die extreme Leistungsverdichtung und Verschulung. Was tun Sie, um das Studium wieder studierbar zu machen?

Im Bolognaprozess sind zum Teil die Ziele aus dem Blick geraten, es wurden Lehrpläne zusammengeschraubt, die nicht funktionieren. Da muss man nachbessern und auch entschlacken. Einige Hochschulen sind bereits dabei. Als Ministerium begleiten und unterstützen wir das. Außerdem rücken wir die Qualität der Lehre mehr in den Mittelpunkt und werden dem Parlament regelmäßig einen Qualitätsbericht vorlegen. Es geht dabei nicht um Zahlenfriedhöfe, sondern um kontinuierliche qualitative Begleitforschung.

Was bedeutet Bologna für die Lehrerausbildung?

Die Lehrerausbildung ist nun auch gestuft in Bachelor und Master. Gemeinsam mit dem Schulministerium sind wir gerade dabei, das Lehrerausbildungsgesetz umzusetzen und dafür zu sorgen, dass das sinnvoll geschieht. Wer unterrichten will, wird schließlich nicht Bachelor-Lehrer, sondern braucht auf jeden Fall den Masterabschluss.

Sie machen offizielle Hochschulbesuche nur, wenn Sie auch mit dem AStA sprechen können. Warum?

So bekomme ich die verschiedenen Sichtweisen am besten mit, das Gesamtbild wird dadurch runder. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man eine Hochschule leitet oder dort studiert. Oft sprechen beide Seiten über die gleichen Themen, aber mit anderen Schwerpunkten. Dieser Austausch kostet vielleicht am Anfang etwas mehr Zeit, aber am Ende spart man Zeit, weil es weniger Widerstände gibt, wenn man alle Beteiligten von Beginn an einbezieht.

Das Interview erschien in der Ausgabe 1/2011 des GEW-Magazins „Erziehung und Wissenschaft“.

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4 Kommentare

  1. #1 | Eva sagt am 11. Januar 2011 um 13:39 Uhr

    Was will uns die Ministerin in diesem Interview sagen? Sehe nur ich das so, oder finden sich tatsächlich im gesamten Interview keinerlei konkrete Aussagen, wie die Situation der Studierenden und der wissenschaftlich Beschäftigten an den Hochschulen verbessert werden kann?
    Und etwas besser informiert zu sein, würde auch nicht schaden, Stichwort „zu wenige Frauen studieren“: In vielen Fächern, z.B. Medizin, Psychologie und den Lehramtsstudiengängen, gibt es erheblich mehr Studentinnen als Studenten. Es wäre daher eher angezeigt, Männer zur Aufnahme des Studiums in einem dieser Fächer zu ermuntern. Unterrepräsentiert sind Frauen nur in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, was aber schlicht darauf beruht, dass sie sich für diese Fächer kaum interessieren. Mit mangelnder Zugänglichkeit hat das nichts zu tun.

  2. #2 | Bürokratenfeind sagt am 11. Januar 2011 um 15:19 Uhr

    Eva! Sie verlangen zuviel von der Politik und ihren Protagonisten. Kreativ sein und lebensverbessernde Konzepte für die Gegenwart und Zukunft zu entwickeln, kann man von ihnen nicht erwarten. Heutzutage ist der Druck der Interessenvertreter, Kollegen und politischen Gegner auf den Politiker so groß, dass die meisten Politiker nicht die Kraft aufbringen, sich gegen den Mainstream zu stellen. Eigentlich verhalten sie wie Medienvertreter, folgen der Einschaltquote, geben dann aber oft in einem persönlichen Gespräch zu erkennen, dass sie eigentlich anderer Meinung sind und nur die Sachzwänge sie an der Umsetzung ihrer persönlichen Auffassung hindern. Vielleicht müssen sie so schwach sein. Damit eine nachfolgende, stärkere Generation ohne große Gegenwehr die Welt positiv verändern kann. Hoffen wir das Beste.

  3. #3 | Helmut Junge sagt am 11. Januar 2011 um 18:45 Uhr

    @Eva,
    Die Ministerin sagt:“Es gibt immer noch zu wenig junge Frauen, “
    Ich habe auf der Homepage der Uni Duisburg-Essen nachgeguckt. Dort liegt der Frauenanteil aller Studierender bei 51%.
    Bei den Absolventen im 1. Fach sogar bei 56%.
    Bei Promotionen bei 44%, und bei Habilitationen bei 23%.
    Die Ministerin sagt: „Darin klären wir, welches die konkreten Hebel eines Landesgesetzgebers sind, um die Beschäftigung an den Hochschulen zu verbessern. Der erste Hebel ist das Landespersonalvertretungsgesetz. Dort nehmen wir die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit auf und weiten den Vertretungsanspruch an den Hochschulen wieder aus.“
    Aber solange ich mich zurück erinnere, gibt es in Duisburg einen wissenschaftlichen Personalrat.
    Verbesserungen für Wissenschaftler und für Studierende?
    Beim Bachelor: „Da muss man nachbessern und auch entschlacken.“
    Nichts konkretes.
    „Die Lehrerausbildung ist nun auch gestuft in Bachelor und Master,“ sagt sie.
    Aber sie sagt auch: „Wer unterrichten will, wird schließlich nicht Bachelor-Lehrer, sondern braucht auf jeden Fall den Masterabschluss.“
    Etwas hilflos, finde ich.
    Auf jeden Fall hat man erst mal eine Arbeitsgruppe gebildet.
    Das ist doch was.

  4. #4 | Pottblog sagt am 12. Januar 2011 um 07:32 Uhr

    Links anne Ruhr (12.01.2011)…

    Bochum: Dreidimensionale Grubenfahrt im Bergbaumuseum (Ruhr Nachrichten) – Duisburg (Loveparade 2010): Kantel (Grüne) sieht Image nach Loveparade nicht "ruiniert" (DerWesten) – Dorsten: Gleichgesinnte für Klage wg. …

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