NRW im Olympia-Rausch – und keiner weiß so genau, warum

Start der Olympia-Kampagne Foto: Land NRW

Man konnte sich in den letzten Wochen wirklich kaum retten: Überall dieses Dauerfeuer an guter Laune, Zukunftsvisionen und geschniegelt-glatten Imageclips. Olympia in NRW! Endlich wieder wer! Endlich Weltbühne! Der WDR im Dauer-PR-Modus, als hätte man den Zuschlag schon heimlich im Keller unterschrieben. Nur ein kleines Detail ging dabei irgendwie unter: Es ging erstmal bloß um die Frage, ob man sich überhaupt bewerben will. Kein Zuschlag. Kein Finale. Nicht mal eine Shortlist. Einfach nur: „Wollen wir mitspielen?“ – und NRW so: „JA!“, als hätte jemand Freibier versprochen.

Zwischen Euphorie und Realitätsverlust

Die Reaktionen am Sonntagabend wirkten dann auch entsprechend überdreht. Da wurde gejubelt, als hätte man gerade die Spiele zugesprochen bekommen – dabei hat man sich lediglich dafür entschieden, einen Bewerbungsbogen auszufüllen. Zwei Drittel Zustimmung, starke Zahlen, keine Frage. Aber seit wann ersetzt Mehrheitsbegeisterung eigentlich die nüchterne Analyse?

Denn die Realität klopft ziemlich schnell an die Tür, wenn man sich ein bisschen im internationalen Sport auskennt. Und die fragt ganz trocken: Mit was genau wollt ihr da eigentlich antreten? Mit Charme? Mit Currywurst? Oder doch mit Hallen, die schon nostalgisch waren, als Nokia-Handys noch als modern galten?

Grugahalle, Westfalenhalle und der Rest vom Fest

Natürlich, Traditionsorte haben ihren Reiz. Aber wenn ernsthaft darüber gesprochen wird, olympische Wettkämpfe in Locations wie der Essener Grugahalle oder der Dortmunder Westfalenhalle auszutragen, dann wird’s irgendwann unfreiwillig komisch. Das ist ungefähr so, als würde man sich mit einem aufpolierten Opel Corsa bei einem Formel-1-Rennen anmelden und sagen: „Aber guckt mal, der hat jetzt neue Reifen!“

Selbst nach Komplettsanierung bleiben das Orte, die international niemanden beeindrucken. Und das ist noch freundlich formuliert. Während andere Bewerber mit Hightech-Arenen, futuristischen Konzepten und gigantischen Infrastrukturplänen um die Ecke kommen, präsentiert NRW eine Mischung aus „war früher mal ganz groß“ und „kriegen wir schon irgendwie hin“.

Lieber ein Ende mit Schrecken?

Ganz ehrlich: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bewerbung schon im nationalen Auswahlprozess scheitert, ist ziemlich hoch. München, Hamburg, Berlin – das sind Namen, die im internationalen Kontext einfach anders ziehen. Und vielleicht ist das auch gut so. Bevor man sich auf der ganz großen Bühne blamiert, ist ein frühes Aus noch die eleganteste Lösung.

Denn genau das schwingt bei dem ganzen Trubel der letzten Tage mit: ein leicht unangenehmes Gefühl von Selbstüberschätzung. Dieses „Wir sind wieder wer!“ wirkt ein bisschen wie ein Klassentreffen, bei dem einer unbedingt erzählen will, wie erfolgreich er ist – während alle anderen längst merken, dass die Geschichte nicht ganz aufgeht.

Und das Bittere daran: Ich würde mir Olympische Spiele hier tatsächlich wünschen. Wirklich. Kurze Wege, volle Stadien, internationales Flair direkt vor der Haustür – das hätte schon was. Aber dann bitte auf einem Niveau, das nicht gleichzeitig als Schaufenster für strukturelle Rückständigkeit dient.

NRW kann viel. Aber vielleicht sollte man sich zuerst ehrlich fragen, was genau man eigentlich kann – und was eben (noch) nicht. Denn zwischen „Wir wollen“ und „Wir können“ liegt manchmal ein Unterschied, der größer ist als jedes Olympiastadion.

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