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Griechenland: Chaos oder Katharsis

Akropolis Foto: Fantasy Lizenz: GNU

Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou wird die Griechen über das Rettungspakte in einer Volksabstimmung bestimmen lassen. Ein richtige Schritt.

Es hat schon mal mehr Spaß gemacht, halber Grieche zu sein. Was habe ich es genossen meine Freunde als Verlierer der Völkerwanderung zu bezeichnen, weil ihre Vorfahren ja nicht am warmen Mittelmeer lebten, sondern im nieseligen Deutschland. Und natürlich hab ich immer beiläufig erwähnt, dass zu einer Zeit, als die Griechen die Demokratie erfanden und die Perser schlugen, die Deutschen in Holzhütten lebten und es genossen, sich gegenseitig zu entlausen. Tja, Hochmut kommt vor dem Fall. In den letzten Jahren war ich es, der viele dumme Sprüche einstecken musste. Kommt vor.

Ich hab gerade lange mit meinem Freund Athanasios über Griechenland telefoniert. Wir waren uns beide einig, dass es eine gute Idee von Papandreou ist, die Griechen über das Rettungspaket abstimmen zu lassen. Eine so weitgehende Entscheidung, die so tief in das Leben der  Menschen eingreift, sollte von den Menschen  selbst beschlossen werden, nicht von einer Regierung. Athanasios sagte, Griechenland hat jetzt die Wahl zwischen Chaos und Katharsis.

Griechenland kann ein Rettungspaket annehmen, dass das Land wirtschaftlich in den Abgrund führt oder sich in denselbigen reinstürzen.  Die Chancen stehen gut, dass die Griechen sich für letzteres entscheiden werden. Das hat viel mit Stolz zu tun, damit, sich von anderen Ländern nichts vorschreiben lassen zu wollen. Vom Gefühl her kann ich das verstehen.

Was Griechenland  braucht ist einen Neustart. Der Nepotismus, die Korruption, die viele Privilegien – das sind die Probleme Griechenlands. Das dagegen nicht demonstriert wird, ist etwas, was ich nicht verstehe. Solange sich an diesen Problemen nichts ändert, wird Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen. Weder mit noch ohne Rettungspakt. Ein Griechenland, dass gegen die Korruption und Nepotismus entschieden vorgehen würde, wäre allerdings kein billiges Griechenland. Es würde Hilfe für den Neuaufbau brauchen. Dieses Geld wäre gut investiert, aber bei dem zunehmenden nationalen Egoismus in Europa glaube ich kaum, das man die Menschen von dieser Solidarleistung überzeugen könnte.  Und auch viele Griechen scheinen von der Idee eines Neustarts nicht überzeugt zu sein. Sie werden einen sehr hohen Preis für die Reformunfähigkeit des Landes zahlen.

OK, es hat schon mal mehr Spaß gemacht, halber Grieche zu sein. Aber wisst ihr was? Cool ist es noch immer. Allein schon deswegen:

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33 Kommentare zu “Griechenland: Chaos oder Katharsis

  • #1
    Helmut Junge

    @Stefan Laurin,
    zumindest bei den genannten Zahlen zu diesem Film bin ich skeptisch.
    Es geht nämlich die Rede, dass die Griechen Zahlen nicht so ernst nehmen sollen.
    Hätten wir sonst nicht mal was von „griechischen Zahlen“ gehört?
    Römische Zahlen, Ok, indische auch, obwohl die als arabische Zahlen bezeichnet werden, aber griechische?

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Helmut: Die Griechen haben die Mathematik zu einer Zeit entwickelt als die Deutschen noch daran glaubten dass ein Gott mit einem Hammer für den Donner sorgt 🙂
    Ich sehe keinen Grund an den Zahlen in 300 zu zweifeln. 3-1 – klingt für mich normal. Ich bin halber Kreter. Wir rechnen 10 – 1. 🙂

  • #3
    Helmut Junge

    @Stefan, auf Kreta habe ich mich mal verfahren. Die Straße gabelte sich vor einem Gebäude. Ein netter griechischer Einheimischer, es gibt auf Kreta mittlerweile auch etliche Einheimische aus anderen Ländern, hat uns dann den Weg erklärt. Er meinte, wenn wir links in die Straße hineinführen, kämen wir rechts wieder zurück, und wenn wir rechts fahren würden, kämen wir links wieder zurück. Kurz, die Straße war da zu Ende. Hast Du hier so was schon mal gesehen? Das muß hier früher auch mal so gewesen sein.
    Aber nett sind sie, die Kreter. Einmal war ein Feiertag, und wie uns die Frau an der Hotelrezeption sagte, würden sie einen Sieg feiern. Auf meine Frage, welchen Sieg sie denn feiern würden, meinte sie: „ja, den Sieg gegen praktisch Euch“.
    Aber das sagte sie so nett, dass wir das Gefühl hatten, wir hätten jederzeit mitfeiern dürfen. Auf die Idee danach zu fragen, bin ich aber erst später gekommen.

  • #4
    Helmut Junge

    Ich lese immer: WIR schenken DENEN was, und die Griechen verstehen das nicht.
    Das habe ich ja noch geschluckt.
    Aber wieso stürzen die Aktienkurse in aller Welt, wenn es in Griechenland darüber eine Volksabstimmung geben soll, ob sie, die Griechen, das Geschenk überhaupt haben wollen?
    Habe ich da etwas falsch verstanden?
    Also, wieso geht der Aktienmarkt weltweit in die Knie, wenn die Griechen sich nicht helfen lassen wollen?

  • #5
    Walter Stach

    Stefan, Dein „Ja“ zu einer Volksabstimmung ist wohl nicht „Mainstream“, aber deshalb nicht falsch. Interessant, daß sich von den Spitzenpolitikern bisher nur Steinmeier positiv zu einer möglichen Volksabstimmung geäußert hat. Bemerkenswert zudem, daß ein aktueller Kommentar bei SPIEGELonline ebenfalls ein Ja zur Volksabstimmung beinhaltet und dafür drei gute Gründe genannt werden.Bei der Gelegenheit, falls noch nicht gelesen:Außergewöhnlich informativ und deshalb außergewöhnlich interessant zum Thema „Finanzmärkte/Finanzkrise“ ist das Streitgespräch im SPIEGEL -44/31,10,11, S.62;Viel Nachdenkenswertes,jedenfalls für mich viel mehr als ich bisher in Berichten, Kommentaren, Talk-runden u.ä. dazu geliefert bekommen habe.

  • #6
    Odysseus

    „Griechenland hat jetzt die Wahl zwischen Chaos und Katharsis“

    wenn schon klassisch griechisch, denn schon die Wahl haben zwischen „Skylla und Charybdis“:

    http://de.wiktionary.org/wiki/zwischen_Skylla_und_Charybdis_sein

    „zwischen Skylla und Charybdis sein (Deutsch)

    Bedeutungen:

    [1] in einer Zwickmühle sein, sich in einer schwierigen, ausweglosen Situation befinden

    Herkunft:

    Skylla (Szylla) und Charybdis sind Meeresungeheuer aus der griechischen Mythologie, die in der Straße von Messina lebten und jeweils eine Seite der Meerenge besetzten. Skylla hatte sechs Köpfe mit einer dreifachen Reihe Zähnen in jedem Maul und fraß jeden, der in ihre Nähe kam. Charybdis sog dreimal am Tag das Meereswasser ein, um es danach brüllend wieder auszustoßen. Schiffe, die in den Sog gerieten, waren verloren.“

  • #7
    Odysseus

    „Der Nepotismus, die Korruption, die viele Privilegien – das sind die Probleme Griechenlands.“

    Das sind sicher grosse Probleme Griechenlands. Aber ganz sicher nicht die einzigen Probleme, die zur aktuellen „Finanz“-Krise geführt haben: es geht um mehr als „nur“ um Griechenland.

    Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Italien kurz vor dem Absturz steht („Skylla und Charybdis“ geografisch in der Meeresenge von Messina).

    Und was ist mit Spanien, Portugal? Mal die Arbeitslosenquoten nachgeschaut? Wie sollen diese Länder „wirtschaftlich gesunden“?

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  • #9
    Frank

    @Helmut Junge: Ich sach mal so: Mit dem Referendum geht die Macht von den Märkten auf die Marktplätze über. Und das ist gut so 🙂

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  • #11
    Melanie von Hurt

    Jaja erst die Mittel kassieren und dan Abstimmen, wie durchsichtig ist das denn? 🙁

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  • #13
    Freidenker

    Neben den von Stefan richtig genannten Problemen kommt erschwerend hinzu, dass Griechenland wirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig ist.

    Die Griechen können sich nur selbst helfen, ohne europäische Steuerbillionen – diese werden den Neustart nur verzögern. Die Staatsschulenkrise wird natürlich nicht nur die Hellenen treffen… is klar!

    btw: Eine Einschätzung abseits des Mainstreams, ist nicht nur nicht falsch, sondern zumeist richtig. 😉

  • #14
    Michael

    Immerhin irgendwie zum Schmunzeln, dass ausgerechnet „Nea Dimokratia“ einen Volksentscheid verhindern will

  • #15
    Freidenker

    Das Volk soll entscheiden? Wo komme wir denn da hin, wenn das Proletariat direkt an politischen Entscheiungsprozessen teilnehmen darf. Wir Politiker haben das Volk doch bewusst getäuscht und jahrenlang für blöd verkauft, jetzt dürfen wir die Unwissenden doch nich mitbestimmen lassen… Dass dies die ehemalige FDJ-Aktivistin und der kleine Obergesellschaftklempner aus Fronkreisch nicht gutheißen können, ist nur die logische Konsequenz in neosozialistischen Zeiten. Ich kann die Anmaßung von Wissen dieser Politheinis nicht mehr ertragen. Ich hatte an anderer Stelle schon mal gepostet: Wir Bürger sollten uns UNSEREN Staat zurückholen, er ist in schlechten Händen!

  • #16
    Freidenker

    Zum Thema passt ein gewohnt lesenswerter Kommentar von Carlos A. Gebauer auf eigentümlih frei…

    http://ef-magazin.de/2011/11/02/3251-referendum-griechischer-volkswille-und-eurokratischer-unwille

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  • #18
    Frank

    @Freidenker Welche Schlüsse zieht ein Liberaler, wenn er zu der Erkenntnis kommt, dass die meisten Länder der EU nicht „wettbewerbsfähig“ sind?

    Und was ist an der Rettung privater Banken mit Steuergeldern „neosozialistisch“? Das ist neokapitalistisch. Ihre Vordenker aus den oberen Ständen dürften gerade jubilieren.

  • #19
    Jan

    @4 Helmut
    Tja, es gibt eben nicht nur UNS und DIE. DIE brauchen das Geld nämlich, um ihre GLÄUBIGER zu bezahlen. Das „Geschenk“ nicht anzunehmen kann heißen, dass Griechenland akut zahlungsunfähig wird. Und die Gläubiger sind sehr viele und man kann kaum nachvollziehen, bei wem die sich widerum alle Geld geliehen haben. Das ist ein ganz großer Domino Day und die Aktienkurse von allen, die ein Stein in dieser Kettenreaktion sein könnten oder denen ein solcher Stein vielleicht gehören könnte, rauschen an den Börsen in die Tiefe.
    Und bei aller Kapitalismuskritik, der simple Schluss „Wenn Aktienkurse einbrechen, muss die Entscheidung richtig sein“ ist dann doch etwas naiv und kurzsichtig.

    Jetzt müssen die Rettungsschirmaufspanner aber eben auch mal Klartext reden, was bei einer Zahlungsunfähigkeit in Griechenland passieren soll?
    Es wird keinen Schuldenschnitt geben, damit Griechenland weiterhin nicht spart! Griechenland muss dann seinen ganz eigenen Weg gehen, seine Schulden selber abbauen – ohne fremde Hilfe aber mit galoppierenden Staatsausgaben wird das aber umso schwieriger! Oder Griechenland erkennt seine Schulden einfach nicht mehr an, aber ganz ehrlich: wer würde einem solchen Land anschließend noch einen müden Cent leihen! Ohne Kreditgeber müsste es einen Neuanfang mit ausgeglichenen oder Überschuss-Haushalten geben.

    Und abschließend noch eine persönliche Einschätzung zur NEUEN DRACHME: Der erfolgreichste Start einer Schattenwährung ist immer noch der Nicht-Umtausch der Altwährung. Fakelaki in wertstabilen Schlafmünzen und Schlafscheinen, während der Staat seine Weichwährungsspielgeld in Umlauf bringt. Wer würde die harte Währung, die er schon in der Tasche hat, freiwillig gegen eine Neue Drachme tauschen, deren Abwertung schon absehbar ist?

  • #20
    Freidenker

    @Frank: Auch Deutschland, wo eine erwerbstätige Minderheit den überbordenden Wohlfahrtsstaat finanzieren muss, wird mittelfristig große Probleme bekommen. Durch Interventionismus und Subventionen in die Nehmerländer werden nun weitere Fehlanreize geschaffen. Freier Handel und Wettbewerb (im übrigen auch national) unter den unterschiedlichen Gesellschaftsformen wäre die zielführende Lösung.

    Zunächst sollten Sie mal prüfen, lieber Frank, wer denn von diesen Banken „privat“ sein soll. Die gesamt Finanzwirtschaft ist staatlich organisiert, sonst könnte er sich diesen Konsum auf Pump auch nicht leisten. Das grundsätzliche Prinzip des Markts „Versuch und Irrtum“ ist außer Kraft gesetzt, Bankenrettung sind Staatseingriffe in den freie Markt. Haftung wird außer Kraft gesetzt! Auch hier ist die Lösung offensichtlich. Abshaffung der Zentralbanken und des Staatlichen Zins- und Geldmonopols. Zulassung von freiem Marktgeld!

    btw: Mit der Vokabel „kapitalistsich“ erspart man sich auf der politischen Bühne und in den Medien jede substanzielle Auseinandersetzung mit Vorschlägen der Konkurrenz. Der Begriff ist durch seine inflationäre Nutzung zum ideologischen Nichts pulverisiert.

  • #21
    Helmut Junge

    @19 Jan,
    Nein, ich habe nicht den Schluß gezogen, daß der Einbruch des Aktienmarktes beweisen würde, dass Papandreous Haltung richtig wäre. Warum sollte ich so etwas sagen? Dieser Markt ist doch nur ein Indikator, einer von vielen. Aktienkurse zeigen Hoffnung und Angst der Leute, die untereinander Wetten abschließen, darüber ob eine Aktiengesellschaft Erfolg haben wird, oder nicht.
    Wenn jetzt dieser Markt nervös reagiert, gibt es auch andere Gründe als Griechenland. Bisher hat er sich aber immer wieder erholt, und dabei ist dann immer viel Geld ist von einer Tasche in die andere Tasche geflossen. So wie der Dackel dem Förster mal vorauseilt, dann wieder zurück bleibt, bleibt er doch letztlich in der Nähe seines Herrn. So verhält der Aktienmarkt sich gegenüber dem Markt. Warum sollte ich da glauben, dass durch dessen Bewegung irgend etwas bewiesen würde?
    Nein, meine Frage zielte darauf ab, dass Merkel und Sarkosy, und damit wir alle, offenbar selber viel verlieren können, wenn sie über Griechenlands Kopf verhandeln. Wenn das aber so sein sollte, dann hätte es sich doch empfohlen, die Griechen mit ins Beratungsboot zu holen, was sie aber nicht getan haben. Ich frage nun, ob sie das nicht gewußt haben, dass sie im Falle einer griechischen Ablehnung selber Probleme bekommen, die für uns alle sehr groß sein könnten.
    Wenn sie das gewußt haben, haben sie nämlich sehr fahrlässig gehandelt, die Griechen nicht mit in die Verhandlungen einzubeziehen.
    Wenn sie das aber nicht gewußt haben, dann sollten sie keine Politik mehr machen, weil sie die unmittelbaren Konsequenzen ihres Handelns nicht überblicken.

  • #22
    Anima

    Könnte sich jemand tatsächlich vorstellen, dass das griechische Volk für weitere und höhere Kürzungen abstimmen würde?

    Der Premier weiß genau, was sein Volk entscheiden würde, das ist ein meisterhafter Zug für ihn, sich der Verantwortung zu entziehen.

  • #23
    Walter Stach

    Freidenker -20-: „Freie Menschen in einer freien Welt, agierend in einem freien Markt und in einem Staat, der sich als Nachtwächterstaat zu definieren hat und in dem die Macht und das Recht des Stärken zu gelten haben“ , das alles scheint Ausdruck Ihrer Vorstellung vom Wesen eines Menschen und folglich vom Zweck eines Staates zu sein, vorausgesetzt, ich habe Sie in etwa richtig verstanden. Diese Ihre Vorstellungen widersprechen nicht nur meiner Auffassung vom Wesen eines Menschen und vom Zweck eines Staates. Ihre Vorstellungen und Schlußfolgerungen sind ganz und gar unvereinbar mit den verfassungsrechtlich festgelegten und gesicherten Grundprinzipien unseres demokratischen Rechts- und Sozialstaates -Letzteres Prinzip bitte nicht vergessen!Und diese offensichtlichen Meinunsverschiedenheiten in fundamentalen Fragen menschlichen Zusammenlebens zwischen Ihnen und mir können es es a priori nicht zulassen, in Detailfragen, etwa in Fragen zu den Finanzmärkten und zum Ob und Wie ihrer Regulierung, auch nur eine annähernd gemeinsame Basis für ein sinnvolles, zielführendes Streitgespräch zwischen uns zu finden.Ich hatte bereits – unter 5-auf das Streitgespräch im SPIEGEL hingewiesen. Das wäre z.B.eine solche Basis , um eine für mich sinnvolle Diskussion hier bei den Ruhrbaronen zum Thema „Finanzmärkte“ -einschl.Griechenland- zu führen.Das alles an Ihre Adresse mit meinem selbstverständlichen Respekt gegenüber jedermanns Freiheit, so zu denken wie Sie es z.B. tun und frei das zu sagen, was aus der Freiheit dieses Denkens resultiert.

  • #24
    Jan

    @4/21 Helmut
    Sorry, da hab ich wohl auf einige Schlüsselworte voreilig reagiert.
    Trotzdem finde ich die Aussage mutig, Griechenland sei bei allen Verhandlungen übergangen worden. Gerade die letzten Gipfel hatten ganz andere Themen als die griechischen Sparmaßnahmen – hier ging es eher darum, die Leistungen der stabilen Länder in ein Regelwerk einzubetten. Und ob der Rettungsschirm gehebelt wird, muss Griechenland nicht mitentscheiden. Die Krisenländer profitieren zwar von einer höheren Wirksamkeit, aber das Risiko müssen die abwägen, die den Spaß bezahlen sollen.

  • #25
    Freidenker

    Etatisten haben ihr Gedankengut, Freunde des Marktes ein anderes. Wenn man von ihren Voraussetzungen ausgehen will, kann man ihre Einschätzung nachvollziehen. Dies ist natürlich nicht alternativlos. Aber genau so ist man es gewohnt im gesellschaftlichen Diskus. Selbst im Bundestag werden mittlere andere Meinungen als verfassungsfeindlich, nicht linientreue Abgeordnete als Leugner, Abweichler, Rebellen usw…usf… bezeichnet. Eine inhaltiche Auseinandersetzung gibt es kaum. Und dann hört und liest man sehr schnell von diesen „offensichtlichen Meinunsverschiedenheiten in fundamentalen Fragen menschlichen Zusammenlebens“, die es einfach „a priori nicht zulassen, in Detailfragen, …, auch nur eine annähernd gemeinsame Basis für ein sinnvolles, zielführendes Streitgespräch … zu finden“. Köstlich – links-grüner Einheitsbrei, alles natürlich politisch korrekt und für ein gutes Gewissen! Eins dürfte klar sein – es wird nicht nur das Geld, sondern es werden auch die Leute ausgehen, die diesen Spaß bezahlen sollen.

  • #26
    Arnold Voß

    Die Probleme Griechenlands lassen sich durch eine Abstimmung nicht lösen. Egal wie sich die Helenen entscheiden, sie stecken so oder so in der Scheiße. Sind sie gegen den Schirm, müssen sie aus der Eurozone raus und sind für lange Zeit im internationalen Wettbewerb völlig chancenlos. Sind sie dafür, müssen sie trotz einer langen Rosskur bis zum Sankt Nimmerleinstag zurückbezahlen.

    Und was ist, wenn die Mehrheit für den Schirm die 50% nur knapp überschreitet? Glaubt hier einer, dass dann die Proteste im Lande aufhören? Dass die Konflikte abnehmen? Dass das in die Schweiz transferierte Geld dann wieder nach Griechenland zurück kommt um dort die Wirtschaft anzutreiben?

    Das Chaos wird wird stattdessen weiter zunehmen und ob am Ende dann doch noch eine Katharsis steht waage ich zu bezweifeln.Es könnte auch der totale Zusammenbruch sein.

  • #27
    Helmut Junge

    @Arnold Voss,
    „Und was ist, wenn die Mehrheit für den Schirm die 50% nur knapp überschreitet? Glaubt hier einer, dass dann die Proteste im Lande aufhören? Dass die Konflikte abnehmen? Dass das in die Schweiz transferierte Geld dann wieder nach Griechenland zurück kommt um dort die Wirtschaft anzutreiben? “
    Gute Frage.
    Ich denke, dass es in Griechenland einige wenige gibt, die an den Zuständen in der Vergangenheit, der Gegenwart, und vermutlich auch in der Zukunft, viel Geld verdient haben, bzw. verdienen werden.
    Sehr viele andere dagegen sind deutlich ärmer geworden. Die Letzteren aber sollen jetzt die angehäuften Schulden bezahlen, weil die Reicheren längst ihren Wohnsitz in Länder verlegt haben, wo sie nicht behelligt werden.
    Die, die kaum Geld zum Leben haben, müssen zahlen.
    Wie kann das konfliktfrei geschehen?
    Arnold, niemand kann das ernsthaft glauben. Niemand.
    Und, es geht ja immer noch weiter. Portugal, Spanien, vielleicht Italien, auch die USA stecken voll in der Schuldenfalle.
    Der Prozeß, der zu diesem Desaster geführt hat, wird doch bei all diesem hektischen Merkel-Sarkosy-Treffen nicht angetastet.
    Wenn dieser Mechanismus, der zu diesen Verhältnissen geführt hat, aber nicht unwirksam gemacht wird, wirkt der doch weiter!!!
    Wo die Kanzlerin die Herren und Damen(?) Zocker „mutig“ bittet mit dem Zocken bitte aufzuhören, würde ich ganz klare gesetzliche Regeln erwarten. Die Verletzung dieser Regeln müßten dann aber auch ganz empfindlich und abschreckend geahndet werden.
    Ohne solche restriktive Maßnahmen sehe ich keine Chancen zur Stabilisierung der Wirtschaft.
    Die „occupy“-Bewegung wird jedenfalls solange wachsen, bis solche Maßnahmen durchgeführt worden sind.

  • #28
    Freidenker

    Vollkommen richtig, Herr Voss. So sehe ich das auch, so sieht es auch Herr Schäffler und einige wenige auf seiner Seite. Auch mit Ihnen, Herr Lange, gehe ich in der Analyse d’accord, allerdings ziehen sie nicht die richtigen Schlussfolgerungen. „Wenn dieser Mechanismus, der zu diesen Verhältnissen geführt hat, aber nicht unwirksam gemacht wird, wirkt der doch weiter!!!“ Völlig korrekt, aber doch nicht Banker, die pöhsen Spekulanten oder der entfesselte Raubtierkapitalismus haben zu diesen Verhältnissn geführt. Noch mal, es handelt sich um eine Staatsschuldenkrise. Die Großbanken sind doch nur Erfüllungsgehilfen für den staatlich Überkonsum, der nur mit Hilfe von Fiat-Money – also ungedecktes Geld aus dem Nichts – finanziert werden kann. Lösungen bietet die Österreichische Schule der Nationalökonomie.

  • #29
    amo

    Der griechische Regierungschef kommt jetzt über Nacht mit der Idee, über ausgehandelte Bedingungen, die alle Euroländer in den nationalen Parlamenten indirekt über den REttungsschirm abgesegnet haben, jetzt auch mal das Volk fragen zu wollen. Was würde das für eine gemeinsame EU bedeuten, wenn jetzt auch andere Regeierungschefs auf die Idee kommen, über den Rettungsschirm das Volk entscheiden zu lassen.
    Wir haben das Problem, dass – notgedrungen – die Parlamente schlecht informiert werden, jetzt nimmt sich ein Land die Freiheit und macht eine Volksabstimmung???

    Das ist die Kapitulation Europas vor der Handlungsunfähigkeit.

    Man kann selbstverständlich Volksabstimmungen durchführen, aber aber doch nur geplant. Wie lange ist die Rettung von Griechenland Thema, jetzt kommt der Regierungschef des Landes und zieht – wahrscheinlich nicht aus Demokratieverständnis, sondern um seinen Kopf zu retten – ohne Rücksprache mit seinen Partner diese Karte.

    Europa mit dem Euro braucht auf jeden Fall feste Regeln zu Handlungen, damit es in einer Krise vertrauensvoll reagieren kann.
    Es darf nicht sein, dass einer der vielen Politiker plötzlich mit einer Volksabstimmung für Monate ganz Europa lähmt.
    Wie sollen wir uns das in Zukunft vorstellen. Italien oder Spanien seien akut bedroht und können aus EIGENER Kraft nicht die Schuldenkrise meistern. Es werden auf europäischer Ebene Konditionen ausgehandelt, um auf den Märkten für Beruhigung zu sorgen, an dann stimmen erst mal alle ab, ENDE offen???

    Nein, so kann Europa nicht funktionieren.

    Man stelle sich eine europäische Fussballmannschaft vor. Der griechische Spieler verursacht ein Freistoss für die Finanzmärkte vor dem europäischen Strafraum. Nach kurzer Beratung von Trainer, Torwart und Spielführer läuft die europäische Mannschaft in jede Fankurve und läßt sich von den Fans bestätigen, wer sich wie in die Mauer stellen soll?
    Man kann über die Bennung von Spieler und Trainer, den Regeln in der Mannschaft die Fans befragen, aber nicht während des Spiels einzelne Entscheidungen abfragen.

  • #30
    Helmut Junge

    @Freibeuter,
    Sie hatte ich ganz vergessen, als ich sagte, dass niemand so etwas glauben kann.
    Sie können es.
    Aber Nomen est Omen. So ist das nun mal bei hartnäckigen Anhängern liberalistischen Wirtschaftformen, wo der Staat immer nur einspringen muß, wenn es mal schief geht.
    Übrigens haben Sie offensichtlich ein kurzes Gedächtnis.
    Es ist nämlich noch nicht so lange her, (11.August) dass Sie mir, damals unter auch mit der Anrede „Herr Lange“, im Kommentar (6) einige Literaturtipps gaben.
    http://www.ruhrbarone.de/sonntagsfrage-fdp-unter-fuenf-prozent-spd-legt-leicht-zu/
    Einmal falsch eingeprägt, und es geht nicht mehr raus aus dem Kopf.
    Wie kann ich da erwarten, dass Sie selbst bei einer extremen Zuspitzung der
    derzeitigen Krise, irgendwann einmal andere Schlüsse ziehen, als die, die Sie in Ihrer Jugend schon gezogen haben?
    Was sitzt, das sitzt.
    Da bin ich anders. Ich kann durchaus Schlußfolgerungen ziehen, die durch eine sich veränderte Welt notwendig werden. Die Welt verändert sich nun mal ständig.
    Und darum können wir auch davon ausgehen, dass frühere Vorstellungen heute falsch sein können, obwohl sie früher mal richtig waren.

  • #31
    Arnold Voß

    @ AMO

    Ein Handlungsfähiges Europa braucht zuallererst handlungsfähige Einzelregierungen. Die griechische Regierung ist jedoch nicht mehr handlungsfähig. Zum einen weil sie zu viele Schulden angehäuft hat und zum anderen weil sie offensichtlich keinen ausreichenden Rückhalt in der Bevölkerung hat, um das Steuer wieder herumzureißen.

    Diesen Rückhalt bekommt sie aber nicht durch eine Volksabstimmung, sondern in dem sie konsequent mit dem eigenen Schlendrian aufräumt. Nur wer für sich selbst das notwendige radikale Sparprogramm durchzieht kann andere davon überzeugen dabei mitzumachen.

    Das hat sie aber genausowenig getan, wie die Kapitalflucht derer zu stoppen, die für das Sparprogramm nur geringe oder gar keine persönlichen Opfer hätten bringen müssen. Diese Regierung ist viel zu sehr selbst Teil der Korruption und des Nepotismus als dass sie diese Übel stoppen könnte.

    Da es keine vereinigten Staaten von Europa gibt, ist sie auch nicht von außen zu ersetzen bzw. kann sie nur durch Geldentzug gezwungen werden, ihren Kurs zu ändern. Dieser Geldentzug trifft aber nicht nur die Regierung sondern das ganze Volk und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Die hier geforderte Katharsis kann also nur innerhalb der griechischen Gesellschaft selbst stattfinden. Das Problem ist nur, dass das Zeit kostet, die die Griechen gar nicht haben, denn ihre Geldgeber stehen selbst unter Druck. Die Banken wie die anderen europäischen Staaten.

    Ich denke, dass unter diesen Bedingungen Europa nur dann wieder handlungsfähig wird, wenn es sich von den handlungsunfähigen Mitgliedern trennt, bzw. diese von sich aus wieder austreten. Griechenland wird die erste Nation sein, und wahrscheinlich nicht die letzte.

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  • #33
    Patrizia

    Lieber „Halbgrieche“ Laurin,

    vielen Dank für den hübschen Artikel :-). „Die Halben“ haben offenbar mit ihrer Identität so ihre Schwierigkeiten. In ruhigen Zeiten ist das kein Problem. Man sucht sich diese Hälfte aus, welche gerade mehr dem, – zumeist gehypten -, Zeitgeist entspricht. Schwierig wird es in unruhigen Zeiten oder in Zeiten des Umbruchs. Da zeigt der unerbittliche, moralische Finger der Selbstgefälligen, ohne Rücksicht auf fremde Befindlichkeiten, auf jene Hälfte, die manche „der Halben“ in solchen Momente gerne verleugnen würden. Zu Kummer, Gram und Erniedrigung kommt oft noch die Erkenntnis, es nicht ohne fremde Hilfe schaffen zu können.

    Und beim Geld hört der Spass sowieso auf, – da kenne ich mich ein Bisschen aus. Wer so eine Jahrmarktbude wie die GriechInnen betreibt, – die nichts produziert, nichts verkauft – ausser Schafskäse und Ziegenmilch, gigantische Schulden anhäuft, – dem bleibt nur die Flucht in die Vergangenheit. Verfolgt von der europäischen Inquisition, Madame Merkel und Monsieur Sarkozy, erinnert er sich liebend gern an bessere Zeiten. An jene Zeiten, wo andere die „loser“ waren und er sich auf der Gewinnerseite sonnte, zumindest die besagte „Hälfte“.

    Naja, so ganz unter uns – die „Halbgriechen“ sind doch irgendwie nichts; es reicht noch nicht einmal zu einem ganzen Griechen.

    Ich habe es da viel einfacher. Als „Halbitalienerin“ rege ich mich schon lange nicht mehr über das Chaos in der italienischen Pizza-Spaghetti-Mafia-Finanzklitsche auf. Chaos ist dort Religion, und der Glaube an die eigene Kreativität in allen Lebenslagen Mythos. Immerhin haben wir, … ich meine jetzt meine ominöse „eine Hälfte“ …, so einen Mythos, in Form der verlorenen Varusschlacht, in die Wiege unserer germanischen Mitmenschen gelegt. So grosszügig sind wir; immer mit der festen Überzeugung in der Seele … la vita è bella.

    Deshalb schickt filou Signor Berlusconi auch seine Frauen in die Schlacht und nicht längst verblichene Kriegshelden … das ist viel, viel schöner … viel, viel erfolgreicher und so unterhaltsam 🙂

    http://www.youtube.com/watch?v=wbtQgsFbZTE

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