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Warum finanziert Deutschland Werbung für Auswanderung?

Historisches Museum in Sarajevo (c) Christoph Baumgarten

Historisches Museum in Sarajevo (c) Christoph Baumgarten

Was mich im Jahr 2017 am meisten irritiert hat, war überraschenderweise nicht einmal das österreichische Wahlergebnis. Dass es schlimm kommen würde, war abzusehen. Es war eine kleine deutsche Sonderausstellung im Historischen Museum in Sarajevo.

Das Historische Museum von Sarajevo ist nach dem Nationalmuseum in Prishtina das wahrscheinlich depressivste der Welt. Die Dauerausstellung über die Belagerung von Sarajevo füllt gerade mal einen Raum im ersten Stock. Gut gemacht, aber winzig.

Die deutsche Sonderausstellung Ende Mai gleich daneben konntest du nicht übersehen. Sie nahm fast genau soviel Platz ein.

Sie bewarb den deutschen Erfinder- und Innovationsgeist und die Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten an deutschen Unis und Forschungseinrichtungen und in deutschen Betrieben.

Bebildert mit allerlei schön anzusehenden jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus allen Weltgegenden und Bildern mehr oder weniger eindrucksvoller deutscher Erfindungen.

Die Botschaft war eindeutig: Kommt nach Deutschland, liebe Bosnierinnen und Bosnier. Dort wartet ein besseres Leben auf euch.

Das Ganze hat mich so irritiert, dass ich keine Fotos gemacht habe.

„Erfinderland Deutschland“ heißt sie. Organisiert vom Goethe-Institut, finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, nach Bosnien gebracht mit Hilfe der deutschen Botschaft.

Ich kann vermuten, dass das Historische Museum Geld bekam, die Ausstellung zu zeigen. Ich kenne die örtlichen Gepflogenheiten. Dass das Museum jeden Cent brauchen kann, ist auch nicht zu bestreiten.

Die Beschriftung blättert von den zerfallenden Wänden. (c) Christoph Baumgarten

Seid ihr verrückt geworden?

Liebe deutsche Bundesregierung: Ihr finanziert in einem Auswanderungsland wie Bosnien Werbung für Auswanderung nach Deutschland?

Seid ihr verrückt geworden? (Diese Frage ist nur insofern rhetorisch, als Geistesverlassenheit die einzig emotional erträgliche Erklärung für diesen Unfug wäre.)

Aus Bosnien wandern in einem guten Jahr 25.000 Menschen aus. In einem schlechten sind es 40.000.

Bosnien hat mittlerweile nur mehr 3,8 Millionen Einwohner. Jedes Jahr werden dort um die 33.000 Kinder geboren.

Jedes Jahr wandert ein ganzer Jahrgang aus Bosnien aus.

Ich halte es für unverantwortlich, diesen Drang auch noch anzuheizen.

Abgesehen davon träumt jeder zweite Bosnier ohnehin, nach Deutschland zu gehen. Dass dort viele nicht so leben wie auf den schicken Bildern im Historischen Museum dargestellt, ist die wenig erfreuliche Realität.

Das macht die Ausstellung in meinen Augen auch zur Verarschung.

Zynisch ist sie obendrein.

Westliche Konzerne und westliche Politik sind mitverantwortlich

Westliche Konzerne haben sich in den vergangenen Jahren die Filetstücke der Wirtschaft in Ex-Jugoslawien geholt.

Siehe das Banken- und Versicherungswesen. Siehe die Autoproduktion. Siehe große Teile der sonstigen Industrie.

Westliche Konzerne und internationale Agenturen haben sich an der Aufbauhilfe und internationalen Finanzspritzen für die Länder Ex-Jugoslawiens gesundgestoßen.

Ist eine Autobahn zu bauen, kriegt den Auftrag auf internationalen Druck vorwiegend ein ausländischer Konzern.

Gibt es ein großes Kraftwerkprojekt dank internationaler Finanzhilfe – dreimal darf man raten, wer zum Zug kommt.

(Rüdiger Rossig hat das Spiel am Beispiel Kosovos und Bosniens in einer sehenswerten Doku aufgezeigt.)

Westliche Konzerne lagern ihre Fertigungsstätten in die Region aus.

Die Regierungen kommen ihnen entgegen und senken die Mindestlöhne für diese Betriebe und setzen des Arbeitsrecht außer Kraft wie in Serbien, wie das Beispiel Geox in Vranje zeigt, das Saša Dragojlo in einer Reportage für das Magazin Mašina dokumentiert hat.

Die Förderungen sind häufig höher als die Lohnkosten und Steuern zusammen. Das zeigt eine penibel recherchierte Studie im Auftrag der Rosa Luxemburg-Stiftung.

Korruption gegen „Stabilität“

Die westliche Politik fördert im Namen der so genannten Stabilität verlässlich jeden, der an der Macht ist. Nikola Gruevski, Aleksandar Vučić und wie sie auch sonst heißen mögen: Die Unterstützung des Auslands ist ihnen sicher, so lange sie an der Macht sind.

Bei noch so offensichtlicher Korruption, Misswirtschaft und noch so offensichtlichem Autoritarismus sagt man anstandshalber zweimal Dududu und schaut ansonsten weg. Zumal westliche Konzerne ganz gerne mittanzen beim Tango Korrupti.

Und wenn die Leute, wie Gruevski, die Macht verlieren, findet sich ein Neuer, an den man sich ranwerfen kann.

Die Deutschen sind vorn dabei beim Druck machen

Damit man nicht auf die Idee kommt, es könnte sich etwas zum Besseren verändern, machen westliche Regierungen auch Druck auf die Regierungen der Region, Arbeitnehmerrechte aufzuweichen und Löhne zu senken.

Die Erste Geige beim Konzert „There Is No Alternative“ in Bosnien bei der Nummer „Die Löhne müssen runter, die Arbeitnehmer sollen arbeiten, bis ihnen die Schwarte kracht, dann wird alles besser“ spielte: Die deutsche Bundesregierung.

Die gleiche deutsche Bundesregierung die Ausstellungen finanziert, in denen die Bosnier praktisch eingeladen werden, in Scharen nach Deutschland zu kommen.

Nach den Filetstücken der Wirtschaft will man sich offenbar auch die Filetstücke dessen sichern, was Neoliberale so gerne „Humankapital“ nennen.

Die besten, die klügsten und die gescheitesten Arbeitnehmer des Landes sollen so schnell wie möglich das Vermögen deutscher Unternehmer auch in Deutschland mehren helfen.

Wie lieb ist das denn?

Das man für die meist sehr gute Ausbildung dieser jungen Leute auch nicht einen Cent bezahlt, dass man diese Kosten ohne jede Gegenleistung der bosnischen Wirtschaft umhängen kann, macht es noch viel lustiger.

Von dem Elend, für das man mitverantwortlich ist, will man auch noch profitieren.

Warum die Menschen gehen wollen

Die Menschen haben auch ohne diese Ausstellung allen Grund zu gehen. Die Wirtschaft stagniert. Jeder Dritte hat keine Arbeit. Bei Menschen unter 25 hat nur jeder Dritte Arbeit.

Besserung ist nicht in Sicht. Da geht man.

„Mein Sohn ist in Kanada. Ich will nicht, dass je wieder zurückkommt.“

Und mit jedem der geht, wird die Versuchung größer, auch zu gehen.

Das ist nicht nur in Bosnien so. Auf jeder meiner Reisen in den vergangenen Jahren in jedem Nachfolgestaat Jugoslawiens mit Ausnahme Sloweniens haben mich oft Wildfremde gefragt, was man tun muss, um nach Österreich auszuwandern.

Und ob ich ihnen helfen könnte, einen Job zu finden.

Der montenegrinische Polizist, der serbische Kellner, die bosnische Masseurin. Leute, die mich das erste Mal in einem Cafe sehen oder alte Bekannte. Egal.

Eine höhere Angestellte im öffentlichen Dienst in Sarajevo fühlt sich nur zu alt zu gehen und sagt mir: „Mein Sohn ist in Kanada. Ich will nicht, dass je wieder zurückkommt.“

Wenn du nicht schluckst, wenn du das hörst, hast du kein Herz.

So kann es nicht weitergehen

Ich verstehe die Leute. Ich helfe, wenn ich kann. Ich freue mich auch über Jede und Jeden, der hierherkommt und ein besseres Leben aufbauen will.

(Ich lebe in einem Arbeiter- und Migrantenbezirk Wiens. In einem Grätzel [Kiez, Anm.], wo mindestens jeder Zweite woanders auf die Welt gekommen ist. Ich habe keine Angst vor „den Fremden“ oder sonstwas. Ich lebe mit ihnen.  Ich lebe gerne mit ihnen. Sie sind meine Nachbarn. Sie sind meine Freunde. Das sehen die Meisten in meiner Gegend so.

Ich hab nichts gegen Einwanderung. Ich hab nur was dagegen, dass Leuten nichts anderes bleibt, als ihre Heimat zu verlassen.)

Aber ich weiß, das kann nicht so weiter gehen.

Du musst nur durchs Drina-Tal fahren oder durch die Bosanska Krajina.

Irgendwo im Drina-Tal, auf der bosnischen Seite. (c) Christoph Baumgarten

Dörfer, wo jedes zweite Haus verfällt. Wo nur mehr jedes dritte Lokal und jedes vierte Geschäft geöffnet hast. Wo es mehr Straßenhunde gibt als Kinder. Wo alte Leute darüber reden, wer von ihnen als Letzter das Licht ausmacht.

Ja, fahr nur durch, liebe Leserin, lieber Leser. Du wirst merken: Man muss was tun, dass die Leute wegwollen. Man muss diese Auswanderung stoppen. Sonst geht die Region vor die Hunde.

Sicher, das Geld, das die Ausgewanderten schicken, kann man gut brauchen. Wie man an den Wirtschaftsdaten sieht: Einen Aufschwung zaubert es nicht herbei.

Die Auswanderung verringert die Perspektiven

Die Massenauswanderung wird nicht das Geringste ändern. Sie stabilisiert nur die korrupten Machthaber.

Als Erste gehen die gut Gebildeten, die Kritischen, die Engagierten. Die, die das Land verändern könnten. Die, die es neu aufbauen könnten.

Sie gehen nicht aus Egoismus. Sie haben nur keine andere Wahl.

Wir erreichen bald den Punkt, wo die kritische Masse an Engagierten fehlt, die irgendeine Änderung herbeiführen könnte.

Vielleicht verstehst du, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt, warum ich diese deutsche Ausstellung im Historischen Museum in Sarajevo so obszön finde.

Gebt den Leuten eine Wahl

Gegen die Massenauswanderung, liebe deutsche Bundesregierung, solltest du Geld in die Hand nehmen. Dagegen solltest du deine Muskeln spielen lassen.

Und bitte nicht mit Erdogan -und Lybien-Deals.

Mit Investitionen, die Perspektiven schaffen. Mit Antikorruptionsprogrammen.

Die Menschen sollen nicht mehr gezwungen sein, aus schierer Not ihre Heimat zu verlassen. Sie sollen eine echte Wahl haben, ob sie bleiben wollen oder gehen.

Die haben sie jetzt nicht.

Dieser Beitrag ist auch auf Christophs Blog Balkan Stories erschienen.

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16 Kommentare zu “Warum finanziert Deutschland Werbung für Auswanderung?

  • #1
    ke

    Brain Drain ist ein bekanntes Phänomen. Seit Jahrtausenden.
    Menschen gehen dort hin, wo sie die besten Lebensbedingungen finden.
    Deutschland hat zurzeit einen Bedarf an ausgebildeten Arbeitskräften. Leider haben nicht besonders viele gut ausgebildete Menschen in den Jobs mit hohem Bedarf Lust, Deutsch zu sprechen und hohe Sozialabgaben zu zahlen. Ebenso sind die Hürden oft enorm. Ich hatte bspw. den Bericht über eine Ärztin, die in D arbeiten wollte, aus "Neugier Genügt" in einem Kommentar verlinkt. Hier wurde auch auf die vielen Hürden der Behörden eingegangen, die es nur mit viel Ehrgeiz zu überwinden gilt.c
    Link: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/aegyptische-aerztin-wandert-aus-100.html

    Es ist deshalb durchaus sinnvoll, dass sich Deutschland auch international um nachgefragte Arbeitskräfte bewirbt. Das passiert überall und ist auch sinnvoll für uns.

    Was passiert mit den Heimatländern der Migranten?
    Sie verlieren ihre Hoffnungsträger und haben oft viel Geld in eine Ausbildung (z.b. Studium) investiert, das jetzt in anderen Ländern genutzt wird. Es sind die Engagierten, die HOffnungsträger die gehen. Evtl. überweisen sie später Geld an die Familien. Manche Staaten leben von diesen Transfers.
    Wie viele Menschen aus dem "Osten" arbeiten bspw. bei uns und fehlen in den Ländern.

    Das ist aber eine Situation, die es auch in D gibt. Gute Fußballspieler verlassen das Land, viele Hochqualifizierte forschen/arbeiten dort, wo die Bedingungen für sie besser sind und wo Leistung auch anerkannt und gut bezahlt wird. Ebenso verschwinden bei uns viele Arbeitsplätze in Länder, die günstiger produzieren bzw. höher subventionieren. Ein großer Konzern wird bspw. bald seine Stahlsparte verlagern, weil andere Länder (NL) bessere Konditionen bieten.

    Migration hat immer viele Seiten. Die Länder und insbesondere die Jugend der Länder muss sehen, dass sie gute Ausgangspositionen in ihrer Heimat schaffen.
    Korruption ist hier ein Haupthindernis.
    Hier ist bspw. ein Bericht über Nigeria und seine Schwierigkeiten, eine Terrorgruppe zu bekämpfen:
    http://www.newsweek.com/nigeria-defense-spending-corruption-boko-haram-611685
    Wie soll dann Migration die Lösung sein? Wie gehen wir mit "Flüchtlingen" aus der Region um?

    "Sie sollen eine echte Wahl haben, ob sie bleiben wollen oder gehen."
    Das klingt super, die Voraussetzungen muss aber insbesondere das Land/die Region schaffen.
    Wir haben im Ruhrgebiet unendlich viele Studenten, aber kaum Innovationen. Meine Freunde sind meistens abgewandert.
    Was ist mit unseren Abwanderungsregionen, in denen Häuser verfallen (Eifel, Dörfer im Osten …)

    Auch die Auswanderer haben eine Wahl. Sie können sich in ihrem Dorf einsetzen, sie können Unternehmen aufbauen …
    Das ist nur anstrengender als in gut ausgebaute Strukturen auszuwandern.
    Es gibt auch in D Dörfer, die sich gegen das Dorfsterben wehren. Das ist anstrengend, geht aber.
    Ebenso gibt es auch viele Auswanderer, die in ihrer alten Heimat Engagement zeigen und Unternehmen aufbauen etc.

    Jeder hat eine Wahl, und es ist auch sinnvoll, das ein Land wie D für sich wirbt. So schlecht ist unser Gemeinwesen ja nicht.

    BTW: Ich kennen auch Menschen, die nach EX-YU ausgewandert sind. Gute Lebensbedingungen mit niedrigen Lebenhaltungskosten, Sonne, Meer und ein interessanter Job.

  • #2
    Sebastian

    @ Christoph Baumgarten

    Danke für den Artikel!

    Ich hab mich erschrocken: dass es sowas gibt, war mir klar, aber dass das mitten in Europa passiert, nicht. Ich hatte eher an die ehemaligen Kolonien in Afrika gedacht …

  • #3
    Werntreu Golmeran

    Und wenn man sich fragt, ob das alles schon angedacht war, als Genscher und Kohl Slowenien und Kroatien offiziell als unabhängige Staaten anerkannten, oder Schröder, Fischer und Co. Bomben auf Ex-Jugoslawien warfen, ist man dann ein Verschwörungstheoretiker?

  • #4
    Christoph Baumgarten Beitragsautor

    Ja, ist man. Die Filetierung der jugoslawischen Wirtschaft war sicher auch ein Ziel, daneben spielten auch ideologische Komponenten eine Rolle und eine Portion Inkompetenz. Dass sich die Situation – durch egoistische wie durch inkompetente Interventionen danach – so entwickeln würde, war freilich nicht vorhersehbar. Das Massenelend in Bosnien 25 Jahre nach dem Krieg, das wollte keiner und das konnte sich auch niemand vorstellen.

    Und die deutsche und österreichische Diplomatie hat den Zerfall Jugoslawiens sicher beschleunigt – herbeigeführt hat sie ihn nicht. Man darf auch die lokalen Machthaber nicht aus der Verantwortung entlassen. Das waren keine Marionetten sondern hatten eigene Ziele, die sie mit verbrecherischen Methoden verfolgten.

  • #5
  • #6
    ke

    Was soll denn da angedacht gewesen sein?
    Den Einfluss der östlichen Militärbündnisse zu reduzieren? Vielleicht.

    Die NATO hat damals eingegriffen, weil es massive Vertreibungen, Massenmorde, Kriegshandlungen etc. gab. Die Bilder der Sniper Alley mit den olympischen Anlagen im Hintergrund hat wohl jeder in Erinnerung. Dass Deutschland inbesondere unter rot/grün sich an einem kriegerischen NATO-Einsatz ohne UN-Mandat beteiligt hat, sagt so ziemlich alles über die damalige katastrophale Situation. Auch 2017 waren die Verhandlungen über Kriegsverbrechen noch aktiv.

    Es ist natürlich einfach, wenn im Zweifelsfall Deutschland, der Westen und insbesondere die USA immer alles zu verantworten haben und angeblich immer alles falsch machen.

    Beispiel:
    Einmal müssen alle Menschen, die nach D einreisen wollen als "Flüchtlinge" aufgenommen werden, einmal wird damit Brain Drain unterstützt. ….

    Was würde nur passieren, wenn Deutschland aktiver gegen Wirtschaftsmigranten, die aktuell unter dem Titel Flüchtling bezeichnet werden, vorgehen würde und sich bspw. stärker abschotten würde oder abschieben würde?
    Unsere Grenze mit Dänemark wird aktuell durch Dänische Soldaten bewacht. Wer hätte damit gerechnet in einer EU der freien Grenzen.
    In Österreich werden wir erleben wie das Land und vermutlich im Kontrast dazu Wien über eine möglicherweise andere Migrationspolitik reagieren wird.

    Gab es nicht auch die Forderung, dass Deutschland Menschen aus Ex-YU Möglichkeiten schafft, einfacher legal in D arbeiten zu können. Für viele Bürgerkriegsflüchtlinge, die schon lange im Land sind, entfällt der Kriegsgrund als Schutzstatus. Was ist mit dem Recht überall leben zu können, dass oft gefordert wird?

    BTW: Aktuell sind wohl auch die Saudis in Sarajevo aktiv:
    https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/feature-sarajevo-100.html

  • #7
    thomas weigle

    Was man der NATO vorwerfen kann, ist, dass sie zu spät eingegriffen hat, denn es waren keineswegs bspw die drei Jahre SNIPER ALLEY oder Sebrenica, sondern erst die Verhältnisse im Kosovo.
    Das rechtfertigt aber sicher nicht den TTIPartigen Ausverkauf ehemaliger jugoslawischer Teilrepubliken.

  • #8
    Andreas Säger

    Meine Güte, wie naiv kann man sein. Das ist halt der Punkt, an dem die Rechten ihr ganzes Machtergreifungsszenario aufhängen (Stichwort "Bevölkerungsaustausch"), nur dass sie Ross und Reiter nicht benennen wollen.

  • #9
    Christoph Baumgarten Beitragsautor

    @ke: Den Einfluss welcher östlicher Militärbündnisse hätte man denn in Jugoslawien reduzieren wollen? Und das 1991? Bitte, ein paar Grundkenntnisse der damaligen Voraussetzungen und Vorgänge wären schon wünschenswert. Es war eine reichlich komplizierte Geschichte, bei der die österreichische und die deutsche Diplomatie eine unrühmliche Rolle spielten.

    Das mit der Reihenfolge der Interventionen solltest du dir auch ansehen. Übrigens: Die Begründung für den NATO-Einsatz 1999 im Kosovo – der so genannte Hufeisenplan der jugoslawisch/serbischen Truppen – hat sich bis heute (!) nicht bestätigen lassen. Er dürfte ähnlich existent gewesen sein wie die Massenvernichtungswaffen im Irak. Womit nicht gesagt ist, dass die jugoslawisch/serbischen Truppen keine Kriegsverbrechen begangen hätten.

    Im Übrigen finde ich es obszön, dass du Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten einfach nach Belieben mischt. Vielleicht ist dir auch der Unterschied nicht bewusst. Was deine sehr faktenbefreite Polemik zum Thema erklären aber nicht entschuldigen kann.

  • #10
    ke

    @9:
    1991 gab es den 1. Golfkrieg, die großen Militärbündnisse NATO und Warschauer Pakt haben sich in dieser Zeit neu finden und aufstellen müssen. Dass das Auswirkungen auf jeden Staat hat, sollte klar sein. Insbesondere gilt dies auch für einzelne Regionen in Ex-YU.
    Wenn mir Grundkenntnisse angeblich fehlen, bitte ich um Aufklärung aus ihrer Sicht. Das Reden von komplizierten Geschichten und einer "unrühmlichen Rolle" von A und D sollte dann auch konkretisiert werden.

    Aus meiner Erinnerung jenseits von offiziellen Begründungen war irgendwann das Fass in YU einfach übergelaufen. So dass der NATO Einsatz auch von Parteien , die eher dem pazifistische Lager zugeordnet waren/sind, unterstützt wurde.

    Wo vermische ich Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten? Was soll polemisch sein?
    In der deutschen Presse wird diesbzgl. kaum noch unterschieden. Ebenso fehlt zu oft eine Unterscheidung zwischen Asylsuchenden, Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten. Dies hat aber auch mit unseren Gesetzen in D zu tun, so dass Einwanderung oft über das Asylverfahren läuft.

    Wo soll den "faktenbefreite Polemik" sein? In ihrem Artikel werden wirtschaftliche Erfolge in YU weitgehend ausgeblendet. Ich traue den Bewohnern in Ex-YU mehr zu. Im digitalen Zeitalter ist es auch möglich, ohne großes Startkapital Firmen etc. zu gründen. Dies kann überall geschehen.

    Ich gehe davon aus, dass wir einfach ein grundlegend anderes Verständnis von den wirtschaftlichen Zusammenhängen und der Politik haben. Ich glaube an das Individuum und an den Wettbewerb im Rahmen eines Regelwerks, da ich dann den größten gesellschaftlichen Gewinn sehe. Diese Auffassung muss man nicht haben, mich hat aber noch keine andere Argumentation ansatzweise überzeugt.

    Ebenso kann ich es absolut nicht nachvollziehen, dass immer nur auf den Westen als Ursache für alle Verwerfungen geredet wird.
    Hier wird bspw. Arbeitsmigration kritisiert, ohne eine Alternative zu bieten. Ebenso ist Migration seit Jahrtausenden vorhanden.

    Migrationen/Wanderungen sind auch bei vielen anderen Lebewesen Bestandteil des Lebens. .

    In welchen Fällen ist konkret D oder A bzw. deren Unternehmen für die Situation in Ex-YU verantwortlich?

  • #11
    Werntreu Golmeran

    @ Christop Baumgartnen #4

    Es ist nicht richtig, dass man sich das Elend in Bosnien nicht hätte vorstellen können. Es war bekannt, dass der "Vielvölkerstaat" Jugoslawien ein Pulverfass war. Die religiösen und ethnischen Konflikte waren abzusehen. Und anders als Sie und ich hatten Kohl und Genscher die Auswirkungen von Krieg und Zerstörung noch selbst erlebt.

    Als ich mich Ende der 80er Jahre mit dem drohenden "Auseinanderfallen" Jugoslawien beschäftigt habe, war mir klar, dass es zu einem Chaos führen würde, wenn man den Autonomiebestrebungen der einzelnen Regionen nachgeben würde. Auch ohne einen Krieg war abzusehen, dass die südlichen Teilrepubliken – auf sich selbst gestellt – wirtschaftlich nicht überlebensfähig waren. An Krieg habe ich damals noch gar nicht gedacht. An einen Migrationsdruck allerdings schon. Auch war mir klar, dass ein zersplittertes Jugoslawien negative Auswirkungen für die politische und wirtschaftliche Integration Griechenlands und der Türkei in die EU haben würde. Der Hintergedanke von Kohl war wohl, dass man glaubte, durch die Abspaltung der Nord-Staaten würde man die verbleibenden mehr sozialistisch dominierten Reststaaten wirtschaftlich so schwächen, dass Milosevic und Co. schnell gestürzt würden. Tatsächlich kam aber der Krieg und Milosevic war noch ca. 10 Jahre an der Macht.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass die "Jugoslawien-Kriege" vermeidbar gewesen wäre, wenn die EU sich dazu durchgerungen hätte, direkt 1990 Gesamtjugoslawien ein Angebot für die Aufnahme von Verhandlungen zum Beitritt in die EU gemacht hätte. Das spätere Chaos hat nicht nur unendliches Leid für die Menschen gebracht, sondern der EU insgesamt erheblich geschadet. Profitiert haben an den Kriegen nur einige Waffen- und Großkonzerne, Menschen- und Drogenhändler und strategisch gesehen vielleicht noch die NATO bzw. die USA. Die Kriege waren nachweislich auch Nährboden und Übungsfeld von Al Kaida und anderen Djihadisten.

    Auch bei den Interventionen in Libyen, im Irak und in Afghanistan war jedem einigermaßen informierten Analysten klar, dass die nachher tatsächlich entstandenen Chaos-Situationen im Bereich realistischer Wahrscheinlichkeiten lagen. Auch beim Versuch, Assad zu stürzen, war klar, dass dies zu einem ähnlichen Chaos führen würde.

    Und wenn man die "Menschenrechtslage" in Libyen und Syrien unmittelbar vor den Umstürzen ansieht, waren diese im Vergleich zu anderen Zeiten, als man noch mit den Gadaffi und Assad jun. bzw. Senior Geschäfte machte, nicht gravierend anders und sicherlich nicht schlimmer als in "verbündeten" Staaten wie Saudi Arabien oder Kathar.

    Ich höre immer, die BRD und die EU müssten ihre neue politische Macht wahrnehmen. Das stimmt insofern, als sie nach dem Prinzip "Wandel durch Annäherung", durch wirtschaftliche Zusammenarbeit, durch persönlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch dazu beitragen soll, dass Kriege vermieden werden. Dazu hätte es auch gehört, mit Milosevic 1990 zu verhandeln und mit Assad und Gadaffi, als es noch die Möglichkeit einer friedlichen Lösung gab.

  • #12
    ke

    @11 letzter Abschnitt:
    Das klingt ein wenig nach Diktatoren sind nur schlimm, wenn sie gegen uns sind.

    Ich hatte bspw. nicht damit gerechnet, dass sich nach dem arabischen Frühling insbesondere konservative Regierungen bei freien Wahlen durchsetzen bzw. dass eine freie Demokratie westlicher Prägung gar nicht Ziel der Bevölkerung ist.

    Das Engagement in AFG sehe ich sehr kritisch. Dass unsere Verteidigungs und Kita-Ministerin noch mehr junge Soldaten nach AFG versetzen will, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Viele junge Männer aus dem Land sind hier. Sie sollten sich auch für die Sicherheit/Demokratie in ihrer Heimat einsetzen. Warum sollen das Soldaten aus anderen Ländern machen?

  • #13
    Werntreu Golmeran

    @ ke

    Das klingt vielleicht so, aber das ist so nicht gemeint. Wenn man einen Diktator stürzt muss man auch bedenken, was danach kommt. In Syrien kam Krieg und bleibt derzeit zumindest Assad an der Macht. In Libyen, im Irak und Afghanistan kamen Krieg und Chaos und die radikalen Muslime. Im Vergleich dazu waren Gaddafi und Assad sicherlich keine "lupenreinen Demokraten" aber zumindest berechenbare Faktoren.

    Gerade in Diktaturen sind fortschrittlich denkende Menschen fast immer in der Minderheit. Die "arabische Revolution" wurde von einer kleinen Minderheit organisiert, die Mehrheit der Bevölkerung leidet zwar in den Diktaturen, sie sind aber in den wenigsten Fällen dafür, in ihrem Land eine Demokratie im westlichen Stil einzuführen.

    Selbst bei uns 1989 wurde aus dem "Wir sind das Volk!" ganz schnell, "Wir sind ein Volk!". Und in einigen Gebieten, z. B. in Sachsen, kann man auch 28 Jahre nach der "Wende" noch Zweifel daran haben, ob dort eine Mehrheit der Bevölkerung auf dem "Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung" steht bzw. überhaupt auf ihr stehen will.

  • #14
    Helmut Junge

    @Werntreu Golmeran,
    wir leiden unter Wunschdenken, damals und eigentlich immer wieder. Auch in der Zukunft.
    Wir sehen das, was wir sehen wollen, und es muß einiges passieren, bis sich das ändert. Die Politik gibt das Ziel des Wunschdenkens vor, die Medien verbreiten es, und wenn jemand skeptisch bleibt, wen interessiert das schon?
    Im Fall von Jugoslawien kann man jetzt nach dem großen zeitlichen Abstand fragen, ob das, was die Politiker damals gesagt haben, so eingetroffen ist, oder nicht. Und ich habe den Eindruck, daß das eher nicht so gekommen ist.
    Aber um auf die Themenfragestellung "Warum finanziert Deutschland Werbung für Auswanderung?" (obwohl 80% sowieso schon kommen würdn, wenn sie dürften) zu kommen, kann ich nur vermuten, daß die Planungen der deutschen Behörden, die das organisieren, ziemlich wild und konfus sind. Und das scheint mir mittlerweile der Normalfall zu sein. Irgend was machen, damit uns niemand nachsagt, wir wären untätig.

  • #15
    ke

    @Werntreu Golmeran:
    Systeme mit einem "Chef", der irgendwie legitimiert wird, haben auch Vorteile:
    Denken ist anstrengend, Lebensgestaltung ist es auch.
    Wenn alles "von oben" vorgegeben wird, scheint das für viele Menschen auch OK zu sein.

    Das sieht man in Familien, im Beruf, in Staaten, in Religiionen

  • #16

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