Die nächste Bildungs-Klatsche für Deutschland: Wie lange wollen wir noch zuschauen?

Die Kardinal-von-Galen-Schule in Waltrop. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Man könnte inzwischen fast die Uhr danach stellen: Eine neue Bildungsstudie wird veröffentlicht, Deutschland bekommt die nächste Ohrfeige – und anschließend versichern uns Politiker pflichtschuldig, dass man das Problem natürlich längst erkannt habe.

Diesmal sind die Ergebnisse der Pisa-Studie wieder besonders ernüchternd. In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erreichen deutsche 15-Jährige die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen. Viel schlechter geht es also kaum noch.

Auch als jemand, der nicht unmittelbar am Schulbetrieb beteiligt ist, frage ich mich deshalb: Wie viele solcher Warnschüsse braucht dieses Land eigentlich noch? Bildungsministerin Karin Prien nennt die Ergebnisse „besorgniserregend“, betont aber gleichzeitig, sie seien nicht überraschend. Genau das ist vielleicht der erschreckendste Teil der ganzen Geschichte.

Erkannt ist das Problem – seit Jahren

Denn natürlich ist das Problem längst bekannt. Die soziale Herkunft entscheidet noch immer viel zu stark über Bildungschancen. Gleichzeitig schwächeln nicht nur die leistungsschwächeren Schüler. Auch im oberen Leistungssegment bleiben Potenziale ungenutzt. Prien spricht völlig zu Recht davon, dass das Aufstiegsversprechen derzeit nicht gehalten werde.

Nur: Was bringt die schönste Problembeschreibung, wenn anschließend wieder jahrelang diskutiert wird?

Deutschland liebt offenbar Bildungsgipfel, Expertengremien, Modellprojekte und wohlklingende Programme. Was fehlt, ist die Konsequenz, aus all den Erkenntnissen endlich verbindliche Veränderungen zu machen. Ein Bildungssystem, das seit Jahren diagnostiziert wird, aber trotzdem immer schlechtere Ergebnisse produziert, braucht irgendwann keine weitere Diagnose mehr, sondern eine Behandlung.

Das Handy ist nicht an allem schuld

Nun wird auch wieder auf soziale Medien gezeigt. Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck fordert Einschränkungen für Kinder und Jugendliche und verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse über problematischen Konsum und manipulative Mechanismen.

Das Thema ist wichtig. Aber es wäre zu bequem, den Bildungsabsturz kurzerhand dem Smartphone in die Schuhe zu schieben. Wenn Schüler grundlegende Kompetenzen nicht beherrschen, muss man auch über Unterricht, Lehrerausstattung, Lehrpläne, Sprachförderung, Disziplin und verbindliche Leistungsanforderungen reden.

Wer das Handy weglegt, kann schließlich noch lange keinen vernünftigen Aufsatz schreiben.

Wir verspielen unsere Zukunft

Besonders deutlich wird die Dimension des Problems beim Blick auf die Wirtschaft. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert, jedes Kind müsse die Schule mit dem nötigen Rüstzeug für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen. Das klingt eigentlich nach einer Selbstverständlichkeit. Dass es überhaupt noch als Forderung formuliert werden muss, ist hingegen ein Armutszeugnis.

Auch das Handwerk berichtet seit Jahren davon, dass zu viele Jugendliche die Schule ohne ausreichende Grundkompetenzen verlassen. Lesen, Rechnen und naturwissenschaftliches Verständnis sind schließlich keine Luxusfähigkeiten, sondern das Fundament für nahezu alles, was danach kommt.

Und genau deshalb sollte uns das Pisa-Ergebnis nicht nur kurz erschrecken. Es sollte wütend machen. Denn hier geht es nicht um irgendeine Rangliste unter Bildungsnerds. Es geht um die Frage, ob wir unseren Nachwuchs tatsächlich fit für die Zukunft machen.

Wenn die Antwort darauf immer häufiger „nein“ lautet, haben wir ein Problem, das sich nicht aussitzen lässt. Deutschland hat schließlich schon genügend Baustellen. Wir sollten nicht ausgerechnet bei der Zukunft unserer Kinder noch eine weitere eröffnen.

Autorenseite: Robin Patzwaldt
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6 Comments
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Alf
Gast
Alf
1 Monat vor

Es ist erschreckend. Ich konnte mit 14 Jahren den Roman Stalingrad von Theodor Plievier lesen und verstehen.
Mathematik, Physik, Chemie, in manchen Berufen ist das anschließend auch sehr hilfreich, wenn man es versteht. Nebenbei gab es auch noch Heimatkunde, mit dem man sich um die eigene Stadt, sowie die Heimat informiert hat. Bei mir war es die bergische Geschichte.

Natürlich war die Schule damals anders, Frontunterricht und eine Tafel auf der man mit Kreide schreiben konnte. Natürlich gab es weniger Immigranten in der klasse. Ein Mädel aus Jugoslawien, ein Mädel aus in Spanien, so wie ein Spätaussiedler, die alle sehr gut deutsch Sprachen. Das macht bei 33 Schülern gerade mal 10% der Schüler.

Und heute, es wird wieder ein vernünftiges Hochdeutsch, auch kein Ruhrdeutsch gesprochen. Vieles würde überhaupt nicht richtig verstanden, logisches Denken ist fast überhaupt nicht mehr vorhanden.

Dieses kann auch alleine nicht an einen Smartphone und (Handy) liegen. Möglich, dass der Immigranten Hintergrund in einigen Schulen wesentlich zu hoch ist.

Möglich, dass nie genug von den Eltern nachgefragt wird wie es in der Schule ausschaut. Das ist den Eltern schlichtweg einfach egal ist.

Rudolf Preuss
Gast
1 Monat vor

Und wo bleibt die zu Recht geforderte Konsequenz in dem Artikel?
2000 war der erste Pisa Schock.
Dann holte Deutschland bis 2015 rasant auf. Danach ging es nur noch bergab.
Die gesellschaftlichen Veränderungen durch die ungeregelte Einwanderung und der Familiennachzug machen sich besonders in der Schule bemerkbar.
Auch die Inklusion wurde kurzatmig und falsch umgesetzt. Das Resultat sind völlig überforderte Schulen.
KI verschärft das Problem, weil es kein schulisches Konzept dafür gibt.
Viele Bildungspolitiker wollen diese Realität nicht sehen und verfolgen Ansätze, die die unterschiedlichen Lernkulturen nicht mitdenken.
Die Digitalisierung war während Corona zu spät, jetzt hindert sie an der Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten.
Was wir brauchen ist mehr Mut, an den Schulen, Leistung und Respekt einzufordern und auch gegen Eltern und Kinder durchzusetzen. Die Tendenz, schlechte Leistungen immer besser zu benoten mag auf dem Papier schön aussehen schadet aber den Kindern.
Auch der Herkunftsbonus muss dringend verändert werden.
Für all das braucht man wenig Geld und keine Fortbildungen.
Es braucht nur politische und pädagogische Konsequenz.

Frank Wohlgemuth
Frank Wohlgemuth
1 Monat vor

Diese Probleme sind nicht nur schon seit Jahren bekannt, man versucht sie in einigen Landstrichen sogar zu verschleiern, in dem man speziell für die Tests trainiert und für die Testtage den schlechteren Schülern sagt, sie könnten zu Hause bleiben. Dafür vermeidet man dann, andere negative Erkenntnisse aus den Pisa-Studien zu ziehen. Eine davon ist, dass unser föderales Bildungssystem zwar teuer ist aber nicht zu einer Lösung beiträgt. Aber bei dem Thema werden lokale Herrschaftbereiche angetastet, die man offensichtlich nur schwer abgibt. Dabei hätten wir gerade noch einen zusätzlichen Grund, die Bildung auf Bundesebene neu aufzubauen und rechtlich abzusichern: Die AfD hat versprochen, daran die Axt (oder die Motorsäge?) anzulegen, weil sie u.a. von einer schlechten Bildung lebt. Mich erinnert das ein bisschen an Boko Haram (die normale Übersetzung davon lautet „Westliche Bildung ist Sünde“).

Das ganze Problem ist übrigens viel älter als uns die noch nicht so alten Pisa-Studien glauben machen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in Fortgeschrittenenseminaren in der Naturwissenschaft Biologie Mittelstufenmathematik erklärt habe, und dass die Professoren teilweise statistische Methoden lehrten, die sie selbst nicht verstanden hatten. Die Bildungspolitik wurde und wird traditionell hauptsächlich von Geisteswissenschaftlern gemacht und es war zumindest früher gesellschaftlich normal, dass man beim Abi die Mathe 5 mit einer 1 in Religion ausgeglichen hatte. 

Deutschland liebt offenbar Bildungsgipfel, Expertengremien, Modellprojekte und wohlklingende Programme. Was fehlt, ist die Konsequenz, aus all den Erkenntnissen endlich verbindliche Veränderungen zu machen. Ein Bildungssystem, das seit Jahren diagnostiziert wird, aber trotzdem immer schlechtere Ergebnisse produziert, braucht irgendwann keine weitere Diagnose mehr, sondern eine Behandlung.

Das schöne an diesen Gipfeln ist doch, dass sie, weil vielstimmig mehr über Ideologie als über die Sache gestritten wird, nicht fertig werden. Dabei weiß die Pädagogik schon lange, wo es hingehen müsste, und allen ist klar, dass kein Geld dafür da ist – Bildung ist wie die anderen Bereiche der Infrastruktur ein Thema, das mal lieber auf die Zukunft verschiebt, weil wir ja zu wenig Steuern einnehmen, um uns das leisten zu können.

@Robin Patzwaldt
Das Eltern es sich heute zu einfach machen, sieht zwar so aus, die Sicht erscheint mir aber zu einfach: Die Kriegsgeneration hat den Mist, mit dem sie aufgewachsen war, freundlicherweise nur unvollkommen an ihre Kinder weitergegeben. In der Folge hat es etwas gegeben, was in Deutschland lange nicht bzw. nur in einer ganz dünnen Schicht bekannt war: Freies Denken. Die Folge davon war ein Kulturbruch, in dem wir immer noch leben, und durch den wir durch müssen – das wird auch noch länger als eine Generation dauern und es bringt nichts, das „den Eltern“ anzulasten. Aber natürlich bräuchten wir für dieses zusätzliche Problem noch mehr Lehrer ….
Unter den heutigen Bedingungen ist ein Lehrer mit 50, spätestens mit 55, aufgebraucht. Wenn in der Politik angesichts dieser Bedingungen von Lehrern Mehrarbeit verlangt wird, dabei ist es egal ob wöchentlich oder als Lebenszeit, zeugt von Unkenntnis ihrer Situation oder Zynismus. Und es wird nach hinten losgehen, weil es dazu führen wird, dass die Lehrer sich andere Berufe suchen oder in die Frühverrentung gehen werden.

Alf
Gast
Alf
1 Monat vor

Frank Wohlgemuth, unsere Eltern haben schon darauf gedrängt, dass wir in der Schule lernen, damit wir es im Leben besser haben, auch wenn bei ihnen wegen dem Krieg oft der Unterricht ausgefallen ist.

Unsere Eltern haben auch erzählt wie es im Krieg war, wie sie ausgebombt waren, und wo in der Stadt die Russenlager waren.
Sie haben auch erzählt, die ganze Schulklassen nach Österreich ausquartiert wurden.
Sie haben auch erzählt, wie die 8.8 versucht hatte die Flugzeuge vom Himmel zu holen und wie überfüllt die Bunker waren.

Es soll noch mal einer erzählen, alles totgeschwiegen wurde.

Frank Wohlgemuth
Frank Wohlgemuth
1 Monat vor

@Alf
Kleine Korrektur: Nicht unsere Eltern haben uns das erzählt, sondern Ihre Eltern haben Ihnen das erzählt. Es gab auch Eltern, die erheblich schweigsamer waren, auch wenn sie keinen großen Dreck am Stecken hatten.

Bei uns zu Hause war das Thema quasi verboten. Aber das ist anekdotisch.

Ich würde ohne Datenmaterial nie versuchen, über meine ganze Generation zu sprechen. Und die Daten zur Nachkriegszeit und dem Verhalten in dieser Zeit sind eindeutig.

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