
Man könnte inzwischen fast die Uhr danach stellen: Eine neue Bildungsstudie wird veröffentlicht, Deutschland bekommt die nächste Ohrfeige – und anschließend versichern uns Politiker pflichtschuldig, dass man das Problem natürlich längst erkannt habe.
Diesmal sind die Ergebnisse der Pisa-Studie wieder besonders ernüchternd. In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erreichen deutsche 15-Jährige die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen. Viel schlechter geht es also kaum noch.
Auch als jemand, der nicht unmittelbar am Schulbetrieb beteiligt ist, frage ich mich deshalb: Wie viele solcher Warnschüsse braucht dieses Land eigentlich noch? Bildungsministerin Karin Prien nennt die Ergebnisse „besorgniserregend“, betont aber gleichzeitig, sie seien nicht überraschend. Genau das ist vielleicht der erschreckendste Teil der ganzen Geschichte.
Erkannt ist das Problem – seit Jahren
Denn natürlich ist das Problem längst bekannt. Die soziale Herkunft entscheidet noch immer viel zu stark über Bildungschancen. Gleichzeitig schwächeln nicht nur die leistungsschwächeren Schüler. Auch im oberen Leistungssegment bleiben Potenziale ungenutzt. Prien spricht völlig zu Recht davon, dass das Aufstiegsversprechen derzeit nicht gehalten werde.
Nur: Was bringt die schönste Problembeschreibung, wenn anschließend wieder jahrelang diskutiert wird?
Deutschland liebt offenbar Bildungsgipfel, Expertengremien, Modellprojekte und wohlklingende Programme. Was fehlt, ist die Konsequenz, aus all den Erkenntnissen endlich verbindliche Veränderungen zu machen. Ein Bildungssystem, das seit Jahren diagnostiziert wird, aber trotzdem immer schlechtere Ergebnisse produziert, braucht irgendwann keine weitere Diagnose mehr, sondern eine Behandlung.
Das Handy ist nicht an allem schuld
Nun wird auch wieder auf soziale Medien gezeigt. Der Drogenbeauftragte Hendrik Streeck fordert Einschränkungen für Kinder und Jugendliche und verweist auf wissenschaftliche Erkenntnisse über problematischen Konsum und manipulative Mechanismen.
Das Thema ist wichtig. Aber es wäre zu bequem, den Bildungsabsturz kurzerhand dem Smartphone in die Schuhe zu schieben. Wenn Schüler grundlegende Kompetenzen nicht beherrschen, muss man auch über Unterricht, Lehrerausstattung, Lehrpläne, Sprachförderung, Disziplin und verbindliche Leistungsanforderungen reden.
Wer das Handy weglegt, kann schließlich noch lange keinen vernünftigen Aufsatz schreiben.
Wir verspielen unsere Zukunft
Besonders deutlich wird die Dimension des Problems beim Blick auf die Wirtschaft. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert, jedes Kind müsse die Schule mit dem nötigen Rüstzeug für Ausbildung, Studium und Beruf verlassen. Das klingt eigentlich nach einer Selbstverständlichkeit. Dass es überhaupt noch als Forderung formuliert werden muss, ist hingegen ein Armutszeugnis.
Auch das Handwerk berichtet seit Jahren davon, dass zu viele Jugendliche die Schule ohne ausreichende Grundkompetenzen verlassen. Lesen, Rechnen und naturwissenschaftliches Verständnis sind schließlich keine Luxusfähigkeiten, sondern das Fundament für nahezu alles, was danach kommt.
Und genau deshalb sollte uns das Pisa-Ergebnis nicht nur kurz erschrecken. Es sollte wütend machen. Denn hier geht es nicht um irgendeine Rangliste unter Bildungsnerds. Es geht um die Frage, ob wir unseren Nachwuchs tatsächlich fit für die Zukunft machen.
Wenn die Antwort darauf immer häufiger „nein“ lautet, haben wir ein Problem, das sich nicht aussitzen lässt. Deutschland hat schließlich schon genügend Baustellen. Wir sollten nicht ausgerechnet bei der Zukunft unserer Kinder noch eine weitere eröffnen.
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