Panorama der falschen Gefühle

Szene aus Marina Abramović Balkan Erotic Epic Foto (Ausschnitt): Marco Anelli/​ Ruhrtriennale


Ruhrtriennale: Marina Abramovics Balkan Erotic Epic gastiert nach einem Ausstellungsvorspiel im Berliner Gropiusbau jetzt in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Nord Duisburg ehe es ab Oktober in der Hauptstadt zu sehen sein wird.

Ulays Pfeilspitze auf ihrem Herzen („Rest Energy,“ 1980), die Liebespilgerin auf der Chinesischen Mauer („The Lovers“, 1988) und die Sitzperformance „The artist is present“ (2010), in der die Künstlerin siebenhundertsechsundreißigeinhalb Stunden schweigend auf einem Stuhl verharrte, als personifizierter Widerstand gegen die Zeit sind uns im Gedächtnis geblieben als anrührende  Performances. Auch die Bonner Retrospektive „The Cleaner“ (2018) hatte manche Inspiration.

Nun Jahrzehnte später ist die fast Achtzigjährige zur Prinzipalin geworden, die uns ironisch überspitzte Geschichten von Leben und Lieben und Tod auf ihrem imaginierten Balkan auftischt und bombastisch aufgeblasen ein X für ein U vormacht. Ihr erotisches Balkan-Epos ist nichts als fauler Budenzauber aus geliehenen Geschichten, die nur indirekt mit ihr zu tun haben. Von Innerlichkeit keine Spur. Vielmehr vermarket sie die Verehrung ihrer Mutter für den jugoslawischen Diktator Tito und den Kommunismus als Schaustück, operettenhaft angelegt mit Sarg und einer Banda zum letzten Geleit und dem fingierten Videoauftritt eines großen Klage-Chores. Zum anderen scheut sie sich nicht, Erzählungen aus dem Volksglauben, seien es Rezepte für Zaubertränke oder Überlieferungen von Ritualen und Mythen ihrer Heimat so zu inszenieren, als seien es ihre eigenen Erfindungen und untergräbt deren Ernsthaftigkeit durch eine „barbarisch-kitschige“ Inszenierung. Ein „schlüssiger Mythos“ meint sie.

Marina Abramovic ist ist kein Klageweib, aber sie schummelte ihr Porträt in die fiktive Filmaufnahme von Frauen, die für Geld so tun, als beweinten sie den verstorbenen Diktator Tito. Was für Sinnbild! Eine Künstlerin, die zugibt, dass sie für Geld Emotionen schürt und sich in einem Riesen-Tam-Tam als Prinzipalin produziert. Damit keiner auf falsche Gedanken kommt, beschreibt das Programmheft im Tonfall von Sicherheitswarnungen Station für Station, was zu sehen ist, und welche Bedeutung es hat.

Szene aus Marina Abramović Balkan Erotic Epic Foto: Marco Anelli/​ Ruhrtriennale

In der dunklen Halle leuchten einzelne Buden und Bühnen mit ihren sich wiederholenden Darbietungen und bilden zusammen ein hallenfüllendes Panorama aus skulpturalen und filmischen Installationen und Live-Performances, die allesamt das Erotische als wesentliche Kraft jeglicher Gesellschaft illustrieren wollen. Aber mit welchen Bildern! Etwa in Gestalt lächerlich wirkender monumentaler Papp-Penisse oder durch eine recht grobe Nachahmung des kunsthistorisch bedeutenden Totentanz-Motivs. Vermeintlich uralte, archaische, animistische Rituale, die den Menschen helfen sollten gegen Wetterkatastrophen, Unfruchtbarkeit und den Tod werden in Szene gesetzt. Der Riesenraum der Kraftzentrale birst schier vor Tumult, Klagelieder, Schreie, Dröhnen, Wummern wollen erschrecken und überwältigen.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Abramovic durch ihre raffinierten, tiefgehenden Performances die Bewunderung und das Vertrauen vieler Kunstliebhaber erworben. Diese uneingeschränkte Wertschätzung mag sie nun dazu verführt haben, den Besucher ihres Spektakel-Epos in die Rolle des Voyeurs zu zwingen, dessen Blick entblößten Genitalien nicht entkommen kann. Abramovic selbst hat keine eigene Erzählung, sie hat bloß die kindliche Erfahrung mit ihrer strengen Mutter, deren Seelenleben sie nun ausschlachtet:  der schleppende Takt des Trauermarschs umfängt die Besucher gleich eingangs, ehe jenes   überdimensional vergrößerte Schwarz-weiß-Video von schwarz gewandeten Frauen sichtbar wird, die sich unentwegt an die Brust schlagen. Eine Porträtfotografien mit Trauerflor und auf einem kleinen Monitor die Übertragung tausender trauernder Menschen zeigen die Richtung zu einem blumengeschmückten Sarg: Tito ist gemeint, dessen Verlust einst unstillbare Trauer auslöste – oder eine Massenhysterie? Der Zweifel ist schon in dem Augenblick gesät, in dem Abramovic die große Zahl der Klageweiber selbst erfindet.  Welchem Gefühl ist also zu trauen? Dem der Witwen in der Gastwirtschaft oder dem der tanzenden Braut oder dem des   nackten Mannes, der mit Skeletten tanzt? Ist nicht die zauberkundige Erzählerin selbst eine Witzfigur? Und wie verhält es sich mit den dem Volksbrauchtum entliehenen Ritualen und Bräuchen, die Abramovic als teils surreale Bilder illustriert?

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Nord Duisburg hat im Rahmen der Ruhrtriennale schon manch großartige Inszenierung erlebt und Abramovic., so scheint es, wollte diese durch schiere Größe übertrumpfen. Immerhin waren die geplanten vier Vorstellungen im Handumdrehen ausverkauft. Ob die bevorstehenden vier Zusatzvorstellungen ebenfalls ausgebucht wären, wenn es nicht ein striktes Handyverbot gegeben hätte? Bei 9600 Besuchern kommt ein ordentliches Sümmchen an Ticketeinnahmen zusammen, an denen die Künstlerin beteiligt sein dürfte. Auch dieser monitäre Aspekt mag die Prinzipalin zu ihrem auf Popularität angelegten Balkan Erotic Epic verführt haben, zum Rollentausch von der Künstlerin zur Unternehmerin.

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x