Die imaginären Räume der Queers und der Nationalisten

Ralf Bönt Foto: Privat


Die politische Kluft zwischen Männern und Frauen wächst. Während junge Männer zunehmend nach rechts tendieren, finden junge Frauen ihre politische Heimat häufiger bei linken Parteien. Doch hinter dieser Entwicklung steckt mehr als ein unterschiedliches Wahlverhalten. Es geht um gesellschaftliche Veränderungen, männliche Verlustängste und eine Identitätspolitik, die neue Fronten schafft. Ein Essay über die Spaltung der Gesellschaft und die Frage, warum aus dem Kampf um Gleichberechtigung ein Kampf gegeneinander geworden ist. Von unserem Gastautor Ralf Bönt.

Die sensorischen politischen Eckdaten kommen im Moment aus Bayern, wo die AfD bei Umfragen unter 18-29jährigen auf 42% kommt, und aus Kreuzberg, wo die Linke in der Landtagswahl über 40% bekam und damit 15% vor den Grünen lag. Bei den Wählern unter 30 Jahren liegen die Zahlen in Berlin und in Kreuzberg für die Linken noch höher und reichen an die 50%. Es wählten mehr Frauen als Männer Die Linke oder SPD oder Grüne, und spiegelbildlich wählten mehr Männer als Frauen die AfD oder CDU. Die eigentliche Botschaft aus der Berliner Landtagswahl wird bislang von der sehr laut geführten Diskussion um die Probleme des Wahlsiegers mit Antisemitismus verdeckt. Tatsächlich gab es drei Botschaften: 1. Der Gender Vote Gap verschärft sich. 2. Auch Frauen wählen jetzt radikal. 3. Die existenzielle Bedrohung für die Parteien, die jahrzehntelang die Parlamente bestellt haben, hat sich auf die Grünen ausgeweitet. Es gibt jetzt auch links von ihr eine Partei, die auf junge Menschen more sexy wirkt.

Der Gender Vote Gap zwischen rechten und linken Parteien ist nicht der größte trennende Faktor, andere wie Bildung, Einkommen und Alter sind zum Teil größer. Aber interessant ist, dass nach langen Jahren ausgeglichenen Wahlverhaltens der Geschlechter heute Männer eher rechts und Frauen eher links wählen, denn zu Beginn der Bundesrepublik war es genau umgekehrt. Bis 1969 wählten 9-10 % mehr Frauen als Männer die Union und 5-8 % mehr Männer die SPD. Diese Umkehr, in der Soziologie würde man von Hysterese sprechen, bildet das Momentum ab, mit dem die Gesellschaft sich entwickelt, es ist auf die Frauen übergegangen.

Männer suchen Orientierung offenbar nicht mehr in Fortschritt und Zukunft, sie scheinen sich eher nach Sicherheit in bekannten Ideenfiguren zu sehnen. Dass die Radikalisierung auf diesem Flügel eingesetzt hat, scheint nahezulegen, dass Männer sich gar als Modernisierungsverlierer empfinden und ernste Zukunftsängste haben.

Es ist überhaupt nicht dem Wunsch nach Verständnis geschuldet, sondern nur dem nach Verstehen, wenn ich nach den Gründen dieser Ängste suche, die uns vielleicht bald noch mehr Polarisierung bringt und vielen den endgültigen Verlust der politischen Heimat. An eine bürgerrechtsbewegte FPD, die in den achtziger Jahren gegen die Todesstrafe in den USA plakatierte, erinnert sich ja schon keiner mehr. Und wenn jetzt Union und SPD bedroht sind, wieso sollte nicht auch die grüne Utopie der Boomer in der außerparlamentarischen Opposition landen, bevor sie sich in die Geschichtsbücher verabschiedet? Aggressionen zieht sie wahrlich genug auf sich.

Unterdessen hat Die Linke auch eine wichtige Erkennungsmarke der Grünen geräuschlos übernommen hat: Die Linke ist Queer, und vielleicht ist das die 4. Botschaft aus der Wahl. Schon in Sachsen-Anhalt führten die Vertreter der links von der SPD stehenden (oder sich dort wähnenden) Parteien in den Wortmeldungen die Interessen der Queers spätesten an Platz 3 der Liste der Verlierer, meist aber an Platz 2. In Berlin nun hat Die Linke einen Wahlkampf gemacht, der allein auf die Kulturschickeria zielte. Einen Mechatroniker vom Stadtrand als Partner in einer Doppelspitze mit Frau Eralp, wie es einer kommunistischen Partei angestanden hätte, gab es nicht. Die Trennlinie zwischen Männern und Frauen ist auch nur ein Aspekt der Teilung, eigentlich verläuft sie zwischen dem Eigenen und dem Anderen. Das Andere sind Frauen, wie der deutsche Titel von Simone de Beauvoirs Hauptwerk sie nennt, alle, die sich als LGBTQxx deklarieren, der globale Süden und Palästinenser. Dagegen hat sich längst das Eigene formiert: Männer, Deutsche, Heteros.

Diese Doppelmasse hat sich genau nach dem von Elias Canetti gebildeten Gesetz geformt. Das Gefährliche an ihr ist, dass sie sie immer wachsen muss, um stabil zu sein, und deshalb alles, was nicht zu einer Partei gehört, entweder integriert oder zerstört. Sie muss wachsen, damit nicht auffällt, dass die Identifikationszeichen virtuell sind. So ist unklar, wer sich als Queer bezeichnen darf. Man hat Männer mit Brusthaar und tiefer Stimme erlebt, die mit nichts anderem als ungetrübter dominanter Maskulinität in Zooms als Unterdrückte auftraten und vehement besonderen Schutz forderten, ohne genau sagen zu können, wovor eigentlich. Manchen fiel auch nur eine angeblich falsche Anrede ein. Nicht heteronormierte Männer wie entsorgte Väter oder heterosexuelle Gesundheitsfanatiker waren keine dabei.

Queer funktioniert nur ex negativo, man weiß besser, wer nicht dazu gehört und nie aufgenommen werden wird. Und genau das ist auch die Funktion dieses Begriffes: Immunisierung. Bei der Nation ist es nicht anders. Niemand hat sie je gesehen, gemalt, fotografiert oder sie erzählen können. Man kann sie nur imaginieren. Sie ist weder durch den Sprachraum gegeben (Schweiz, USA …) noch durch eine Landschaft, noch durch einen bestimmten Humor, eine Haarfarbe oder die Form des Wangenknochens oder Augenlides. Das Volk hat noch keiner gesprochen.

Selbst der Versuch, die Nation als Erfahrungsgemeinschaft zu definieren, scheitert, wie man gerade jetzt sehr gut sehen kann: Die einen Deutschen leben vor allem mit der Erfahrung zweier Weltkriege und dem demographischen Wandel vor der Nase. Dazu gehören wie früher schon auffallend oft wenig maskulin wirkende Männer, die sich von Leuten mit anderer Muttersprache und Habitus besonders dann bedroht fühlen, wenn kaum welche anzutreffen sind. Die anderen leben vor allem mit der Erfahrung, zur Spitze der Moderne zu gehören seitdem Johannes Kepler bemerkte, dass kein Planet in einem Zentrum steht, sondern zwei Körper sich immer um den gemeinsamen Massenmittelpunkt drehen. Sie vermarkten gerne einen fragwürdigen Antiautoritarismus zur fortwährenden Entgrenzung.

Die internen Texte der Selbstverständigung, ob nun in herrschaftsfreier Sprache in den Arbeitsgruppen von Lann Hornscheidt erstellt, oder als Männerbücher eines Jack Donovan bei Antaios publiziert, kann man nur als fiktiven Humor bezeichnen. Queers for Palestine und die Manosphäre sind die aberwitzigen Außenposten, denn je virtueller diese Identifikationsräume sind, desto labiler ist leider ihre Statik: Wer etwas liebt, das es nicht gibt, entwickelt früher oder später Hass. Gegenseitige tiefe Verachtung hat sich währenddessen längst von den Kapillaren der Gesellschaft zu den Herzkranzgefäßen vorgearbeitet und vergiftet Podcasts gestandener Journalisten und Sitzungen des PEN Clubs.

Aber wie kam es zur Bildung dieser beiden Blasen, deren Antriebsmoment männliche Verlustangst zu sein scheint? Wenn man die öffentliche Debatte vorurteilsfrei verfolgt und etwa einige Zahlen wie die Entwicklung der Lebenserwartung beizieht, kann man schon fündig werden. Lag der sogenannte Gender Life Expectancy Gap 1950 bei knapp 4 Jahren, die Frauen länger lebten, so schoss er bis 1970 auf 7 Jahre hoch und hat sich bislang nicht wieder auf das alte Niveau erholt. Er liegt nach letzten Zahlen bei 4,6 und das, obwohl nach dem Krieg dessen Langzeitschäden bei Männern sogar noch lange für sinkende Lebenserwartungen sorgte. Im öffentlichen Diskurs wie im kollektiven Bewusstsein ist jedoch tief verankert, dass Frauen benachteiligt sind und insbesondere die Medizin sich an Männern orientiert. Warum Männer sich selbst nicht verstehen und daher nicht formulieren können, hat übrigens der Sozialtheoretiker Lothar Böhnisch bestens erklärt.

Aber machen wir uns doch mal auf die Suche nach einfachen Missverständnissen und blinden Flecken. Vielleicht fängt der Health Gap z.B. schon damit an, dass die Männer, die zum Arzt gehen, gerne als Hypochonder verlacht werden, weil sie mal wieder Männerschnupfen haben. Dieser Altfrauenwitz beruht schlicht auf der Unkenntnis, dass das männliche Immunsystem bei der häufigsten hiesigen Erkrankung drei Tage länger braucht, um auf dasselbe Antikörperlevel zu kommen wie Frauen, und dazu die Coronaviren, egal welche, sehr viel mehr Zellen beim Mann finden, in denen sie sich teilen können, als bei der Frau. Die Viruslast ist daher auch noch viel höher. Sandra Ciesek hatte das während der Pandemie im NDR Podcast damals dankenswerterweise sehr luzide erklärt. Der Mann wird von dem Virus schlicht kränker, es ist halt kein Frauenschnupfen.

Eine pompös entworfene intersektionale Gendertheorie, die an unzähligen Universitäten mit Steuergeldern betrieben wird, müsste solche simplen Missverständnisse eigentlich aufklären. Statt dessen hat sie sich aber im concept creep verrannt und sucht den immer selben Fehler lieber auf immer kleinerer Skala, ohne noch einen Überblick zu behalten. Wie ein Virus infiltriert dabei ein Nebenaspekt jeden Gedanken bis zur Tyrannei, wie beispielsweise ein Tweet der Physikerin Sabine Hossenfelder zeigt:

Es gibt aber auch ein sehr prominentes Beispiel aus der aktuellen Politik, in dem ein überschießendes Prinzip zur Umkehrung der einst guten Absichten geführt hätte, wenn die Ampelkoalition nicht zerbrochen wäre: die Reform des Abstammungsrechtes. Ausgerechnet unter Führung der FDP war geplant, die homosexuelle Ehefrau zur voll gleichberechtigten Mutter des in die Ehe geborenen Kindes ihrer Partnerin zu machen, während der biologische Vater keinen Anspruch auf seine Elternschaft hat, und sie auch nicht ohne Einwilligung der Mutter oder einen Richterspruch feststellen lassen kann.

Der Gesetzentwurf der Grünen dazu stammt von 2018 und sieht in der “Tatsache, dass Kinder, die in eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft von zwei Frauen hineingeboren werden, nur im Wege der langwierigen und aufwendigen Stiefkindadoption einen zweiten rechtlichen Elternteil erlangen können”, einen Verstoß “gegen das Gleichbehandlungsgebot des Artikels 3 Absatz 1 GG”. Schließlich sei bei einem in eine heterosexuelle Ehe geborenen Kind der Ehemann automatisch der rechtliche Vater. Man kann aber wohl kaum etwas Ungleicheres finden als zwei leibliche Eltern und zwei Frauen, von denen eine ein Kind gebärt, das sie mit jemand anderem außerehelich gezeugt hat. Vor allem aber kommt der leibliche Vater hier überhaupt nicht vor. Man sollte sich vor Augen halten, dass die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zwar derzeit aus vielen Gründen neu erfunden werden muss, aber immer noch das Berührendste und Wichtigste für alle ist. Außereheliche leibliche Vaterschaft ist besonders in deutschen Gesetzen vorrangig eine Zahlungsverpflichtung und hat sich trotz der EU Resolution 2079, die die Entfernung der Ungleichheiten für Mutter und Vater nahe legt, quasi nicht weiterentwickelt.

Der Status quo ist sogar sehr nahe am Artikel 340 des Code Napoleon, der die Erforschung der Vaterschaft explizit verbot, denn heimliche Vaterschaftstests sind verboten und vor Gericht unwirksam. Der humorlose Witz dabei ist, dass dieser Artikel schlicht Männer vor Unterhaltszahlungen schützen sollte und Ehemänner vor der Schmach. Und es waren einst die Feministinnen um Helene Stöcker, die sich mit dem 1905 gegründeten Bund für Mutterschutz vehement gegen diese Praxis ausgesprochen haben. Noch im Feminismus der 70er Jahre war gleiche Verantwortung der Eltern für das Kind eine der essentiellen Forderungen. Dass sich die linke Politik um 180 Grad gedreht hat, sah man schon als Katja Keul für die Grünen das Wechselmodell als Regelfall mit dem Verdacht ablehnte, Väter wollten sich nur den Unterhalt sparen. Angesichts von über 150.000 Sorgerechtsverfahren pro Jahr an Gerichten und den häufigen Suiziden entsorgter Väter ist das inhuman. Zahlen gibt es trotz krassem gender suicide gap nicht.

Die linke Politik hat ihr Ideal der Gleichberechtigung aufgegeben und verfolgt heute eine ungeschminkte Interessenpolitik für Queers, für alles was vermeintlich anders und vor allem weiblich ist, auch wenn es aus der Nähe plötzlich gerade so spießig aussieht wie das Alte. Dass der Widerstand gegen die Homoehe einst mit dem Schutz der Familie mit Kind begründet wurde, ist in ihren Kreisen so wenig sagbar, wie man fragen kann, ob denn Homosexuelle wirklich einen so legitimen Kinderwusch haben, dass man ihn unter staatlichen Schutz stellen und die Verantwortung leiblicher Väter dafür noch weiter relativieren muss. Denn natürlich sah das Gesetz auch nichts vor für zwei miteinander verheiratete Männer wie Jens Spahn und Daniel Funke. Vielleicht muss man sich mal entscheiden, ob Geschlecht sozial konstruiert ist oder eines davon gleicher ist als das andere. Oder beides.

Denn dieser allgegenwärtige Geist ist auch als Angriff auf Männer in ihrer Beziehung zu ihren Kindern lesbar: Gibt es eigentlich einen explosiveren Sprengstoff? Als Reaktion eine Nation zu imaginieren, in denen die Gene dann wenigstens kollektiv verteidigt werden, ist allerdings die besinnungsloseste aller denkbaren Antworten. Es ist ein Verrat der eigenen Gefühle, die abgespalten zu Gewaltbereitschaft und Hass auf Schwäche führt, die sich gern gegen Schwächere wendet, wie z.b. Arno Gruen es beschrieben hat. Genau da sind wir jetzt.

Der Text erschien bereits auf dem Blog von Ralf Bönt

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