7

Absteiger des Jahres? Clemens Tönnies scheint noch immer nicht begriffen zu haben

Clemens Tönnies. Quelle: Wikipedia, Foto: Susanne Freitag (susi@fotodesignfreitag.de), Lizenz: CC BY-SA 3.0

Für Clemens Tönnies verlief das Jahr 2020, nun, nennen wir es einfach mal suboptimal. Sowohl in seiner Eigenschaft als Schalke-Boss als auch im Umfeld seines Schlachthofes in Ostwestfalen hagelte es monatelang massive Kritik an dem 64-Jährigen.

Seinen Job als Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 verlor er nach langem Ringen Mitte 2020. Als Eigentümer der Tönnies-Gruppe mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück sah sich der Unternehmer über Monate hinweg ebenfalls mit massiver Kritik an seinem Verhalten als Geschäftsmann konfrontiert, tauchte in der Folge dessen über Wochen regelrecht aus der Öffentlichkeit ab. Das öffentliche Getöse zwang ihn in die Deckung, was für eine sich traditionell gerne und häufig darstellende Persönlichkeit wie Tönnies völlig ungewöhnlich war.

Nach monatelangem Schweigen äußerte sich Tönnies jetzt gegenüber RTL/n-tv-Reporterlegende Ulrich Klose erstmals wieder öffentlich, in einem in der heimischen Firmenzentrale geführten Interview. Wer hier nun einen verunsicherten, selbstkritischen und etwas kleinlauten Mann erwartet hatte, der sah sich getäuscht.

Tönnies scheint noch immer nicht in nennenswertem Umfang begriffen zu haben, dass er zuletzt zahlreiche, gravierende Fehler gemacht hat, die ihn in diese unerfreuliche Lage gebracht haben.

Am heutigen Silvestertag läuft beim Nachrichtensender n-tv ein Interview mit Clemens Tönnies in Dauerschleife, welches der Fleischunternehmer ursprünglich für den Fernsehsender RTL gegeben hat. Die Fragen durfte Ulrich Klose stellen, der über eine jahrzehntelange Erfahrung verfügt und dementsprechend gut vorbereitet gewesen sein dürfte.

Herausgekommen ist allerdings ein Gespräch, in dem Tönnies den kritischen Fragen Kloses über sein persönliches Jahr 2020 wiederholt auffällig ausweicht, von sich selber und seinem Verhalten immer wieder bestmöglich ablenken will. Statt Schuldeingeständnissen und echter Einsicht, gibt Tönnies lieber den weitestgehend zu Unrecht in die Defensive geratenen, der als ‚ehrbarer Kaufmann‘ doch eigentlich nur ganz normal seinen Job gemacht zu haben glaubt.

Trotz all der Zeit, die seit dem Sommer, als der Schlachtbetrieb des 64-jährigen bundesweit in der Kritik stand, inzwischen vergangen ist, und zu der Tönnies ja auch zeitgleich auf Schalke für viel Ungemach mitverantwortlich gemacht wurde, gibt es sich überraschend uneinsichtig.

Angesprochen auf das Unheil, das von seinem Schlachtbetrieb ausging, betonte Tönnies zum Beispiel viel lieber, dass er und seine Familie in dieser Phase ja auch persönlich bedroht wurden. Statt sich für die damals thematisierten mangelhaften Arbeits- und Wohnbedingungen vieler seiner Mitarbeiter, oder gar den gigantischen Corona-Ausbruch in seinem Unternehmen bei den Leuten kleinlaut und demütig zu entschuldigen, sieht sich Tönnies als eine Art Opfer. Das ist für den interessierten Zuschauer in dieser Form wirklich nur schwer auszuhalten.

Im zweiten Teil des TV-Interviews, als Klose Tönnies mit den jüngsten Geschehnissen beim FC Schalke konfrontiert, verläuft das Gespräch mindestens ebenso bemerkenswert.

Tönnies betont gegenüber RTL seine ungebrochene Liebe zum Verein, bietet sich diesem sogar als Helfer in der Not an, wohlwissend, dass die Macher auf Schalke, die sich aktuell in großen Schwierigkeiten befinden, dann wohl bei ihm ‚zu Kreuze kriechen‘ müssten, nachdem sie ihm im Sommer von seinen führenden Aufgaben im Klub verdrängt hatten. Echt schräg!

Auch hier ist von kleinlauten Fehlereingeständnissen oder gar Reue nicht wirklich etwas zu erkennen. Lediglich die Tatsache, dass er wohl in seinem Amt zu lange an der Vereinsstruktur festgehalten habe, bekannte Tönnies im Gespräch mit Klose.

Mit einer angedachten Ausgliederung der Profiabteilung in Gelsenkirchen hält der Ex-Aufsichtsrats-Boss aber auch damit genau wieder die Flamme an die im eh schon länger Verein ausgelegte ‚Zündschnur‘. Denn viele Fans wollen genau dies bekanntlich nicht.

Das Jahr 2020, es hat bei Clemens Tönnies offenbar trotz all des Ärgers zu keinem echten Erkenntnisgewinn geführt. Das ist für Zuschauer in dieser direkten Form nur schwer zu verstehen.

Trotzdem, oder auch genau deshalb, empfehle ich an dieser Stelle allen Interessierten sich das Interview in den Nachrichten auf n-tv heute im Tagesverlauf einmal selber kurz anzuschauen. Es ist wirklich erschreckend!

RuhrBarone-Logo

7 Kommentare zu “Absteiger des Jahres? Clemens Tönnies scheint noch immer nicht begriffen zu haben

  • #1
  • #2
    Pater Busoni

    Im neoliberalen Kapitalismus geht es nur darum aus Geld mehr Geld zu machen.
    In diesem Sinne dürfte für Tönnies das Jahr 2020 ein äußerst erfolgreiches gewesen sein.
    Vor diesem Hintergrund von einem beinharten Unternehmer eine wie auch immer geartete Einsicht in seiner Meinung definitiv nicht gemachte Fehler zu erwarten, ist vergebliche Liebesmüh.

  • #3
    Oldschool1904

    Ein unumgänglich erbitterter/emotionaler Streit (und damit eine tiefe Spaltung der Fans) um eine Umwandlung/Ausgliederung, die schon aus rechtlichen Gründen unmöglich in den nächsten zwei Jahren vollzogen werden könnte, GEnau das fehlt Schalke 04 genau jetzt noch im Abstiegskampf!

    Und es ist befremdlich, wenn ausgerechnet Clemens Tönnies, der mit seinem "System Tönnies" auf Schalke den aktuellen Schalker Niedergang zu verantworten hat, uns jetzt eine Ausgliederung als Allheilmittel und sich selbst als Helfer verkaufen will.

    Auf das versprochene große Abschiedsgeschenk (OT Tönnies: "Wenn ich gehe, dann mache ich dem Verein ein Abschiedsgeschenk – da fällt allen die Kinnlade runter.") warten wir auf Schalke heute noch.

    Tönnies hat ohnehin alle seine wesentlichen Wahlversprechen gebrochen – egal ob gegenüber den S04-Mitgliedern ausdrücklich ausgesprochene (z.B. Einstehen für den basisdemokratischen e.V., Bulldozer für die tiefen, insbes. auch von ihm selbst verursachten, Gräben innerhalb der Fangemeinde, großes Abschiedsgeschenk, uvm.) oder suggerierte (insbes. dem Verein in einer existenzbedrohenden Situation finanziell zu helfen: das, und nichts anderes, war immer die Geschäftsgrundlage für sein Erfolg bei Wahlen zum Aufsichtsrat!).
    Die Corona-Krise hat das nun mehr als deutlich gezeigt.

    Tönnies hat Schalke sogar benutzt, um sich als volksnaher Macher des Kumpel- und Malocher-Klubs zu inszenieren um in der öffentlichen Wahrnehmung davon abzulenken, dass er in seinem eigenen Unternehmen tausende Arbeiter jahrelang menschenunwürdig behandelt und regelrecht ausgebeutet hat.
    Ist es das, was er meint, wenn der Traditionsverein Schalke 04 seiner Meinung nach ein "Unternehmen" werden soll? Bedeutet das dann auch, dass auf Schalke – in Anlehnung an sein eigenes Unternehmen – systematisch gegen das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verstoßen wird oder sog. Werkverträge (besser: illegale Arbeitnehmerüberlassungen!?) dann rund 80 Prozent der Arbeitsverhältnisse ausmachen werden und die Mitarbeiter auf Schalke (Geschäftsstelle, Fanshop usw.) zu zehnt auf 60 qm wohnen und sich die Matratzen teilen müssen?

    Wie Clemens Tönnies die Familie seines Bruders Bernd jahrelang vom Tönnies-Konzern ausgebootet hat (nur mit Hilfe von Anwälten und Gerichte konnte man ihn stoppen) und davon, dass CT die Allgemeinheit mit illegalen Preisabsprachen und Steuerhinterziehung mit Cum-Ex-Geschäften betrogen hat, davon will ich gar nicht erst anfangen…

    Tönnies soll Schalke 04 einfach finanziell helfen, wenn er das wirklich will (und noch kann). Er könnte so wenigstens wieder etwas gutmachen vom dem, was er auf Schalke angerichtet hat.

  • #4
    Schalker fan

    Es fällt auf: Seit es Clemens Tönnies nicht mehr gelingt, die Mehrheit der Fans und Mitglieder von Schalke 04 mit Hilfe der Bildzeitung, Sport1 & Co. einzulullen, will er den basisdemokratischen eingetragenen Verein nicht mehr.

    Der Ausbeuter und Narzisst (OT Andres Müller: "Tönnies ist ein Narzisst, dem war schon Rudi Assauer zu groß.“; mehr dazu hier: https://www.youtube.com/watch?v=9sy0h1fOQ1k ) Clemens Tönnies hat die Werte des FC Schalke 04 in den letzten Jahren mit Füßen getreten und das Geschäftsmodell seiner eigenen Firma war in der Tat die Ausbeutung von Arbeitern und Malochern, die er wie "Wegwerfmenschen" (OT Peter Kossen zu den Wanderarbeitern in der Firma Tönnies) behandelt hat.

    Als Schalkefan würde ich (und inzwischen alle Schalkefans, die ich kenne) mit S04 lieber in die Kreisliga gehen, anstatt mit von Tönnies erbetteltem Geld im Rattenrennen der Bundesliga (mit RedBull, Hoppenheim, FCBäh und dem Börsenverein mit der WKK 549309) die Oberratte zu werden. So viel Ehre habe ich noch im Leib, auch wenn Clemens Tönnies & Co. in den letzten Jahren alles getan haben, um sie mir zu nehmen.

  • #5
    Möchte niemand wissen

    Clemens ist im persönlichen Umgang ein Menschenfänger, Er weiß sehr genau, welche Tasten er im Gespräch zu drücken hat, um jemanden auf jovialer Weise zu gewinnen. Und er ist dabei ein Narzisst durch und durch. Diese Eigenschaft war auch seine Motivation bei S04 das Erbe seines Bruders anzunehmen. Jemand schrieb, Rudi sei ihm zu groß gewesen. Richtig, ein Assauer huldigte ihm nicht so, wie Clemens es sich wünschte. Aber Clemens ist auch klug und taktisch gewieft. Er wartete auf die ausreichende Anzahl von Rudis Verfehlungen, um ihn dann kalt zu stellen. Rudi, genau das selbe Kaliber von Narzisst, tat Clemens den Gefallen. Er soff einfach viel zu viel und verlor darüber die Kontrolle. Lange Zeit schwebte S04 auf einer Erfolgswelle. Ursache hierfür waren eine Portion Glück in der Liga, eine brilliante Arbeit von Elgert und ein ergebenes Fanlager. Das veranlasste Clemens den Traum zu träumen, eines Tages mit den Chefs vom FCB, FC Barcelona oder Real Madrid auf Augenhöhe empfangen zu werden. Clemens hat vieles für sich selbst gemacht, aber auch im Sinne des Vereins. Die Trennlinien bleiben unscharf. Belegt ist, dass er ein autokratisches Sytem im Verein aufgebaut hatte, was sogar heute noch in Teilen aktiv operiert. Leider ohne Durchschlagskraft, weil man nie gelernt hat eigenständige und damit durchdachte Entscheidungen zu treffen. Dem Verein stehen ganz schwere Zeiten ins Haus.

  • #6
    discipulussenecae

    Ich komme aus Bottrop. Und ich bin in jungen Jahren mit dem Rad ins Parkstadion gefahren. Ich habe Ivica Horvat, Rudi Assauer (!), Siggi Held, Diethelm Ferner und noch viele andere "Trainer" auf der Bank gesehen. Die Präsidenten hießen Günter Siebert, Hans-Joachim Fenne, Günter Siebert, Günter Eichberg usw.

    All das habe ich damals im Block 5 der Nordkurve ertragen – oder bisweilen sogar gut gefunden – stets verbunden mit der Hoffnung auf die jeweils gebetsmühlenartig versprochenen besseren Zeiten.

    Nun ja. Trainer kamen und gingen. Präsidenten versprachen und gingen. Spieler kickten und gingen. So ist das Geschäft. Das jeden Fan ankotzt!

    Aber nachdem sie völlig unwürdig Benedikt Höwedes (schaut Euch die WM 20124 an!) vom Hof gejagt haben, war für mich endgültig Schluß! Es war so, als würde ich endlich eine Ehe, die seit zu vielen Jahren nur noch auf dem Papier bestanden hat, endlich und viel zu spät auflösen. Ich habe beschlossen, mich nicht mehr für diesen Verein zu interessieren. Wie heißt es altdeutsch so passend: Das war’s!

    Welch eine Befreiung! Ich lese in der regionalen Tagespresse keine Artikel über Schalke, weil sie mich nicht mehr interesieren. Schluß und aus! Vorbei ist vorbei!

    Der BVB läßt mich trotzdem kalt – dieses Gefühl bleibt. Und der VfL? Soll ich mit der Nachbarin von der Etage drunter ins Bett gehen, nur weil ich meine Frau verlassen habe? Nun ja …

    Zur Zeit lebe ich bundesligatechnisch zölibatär …

  • Pingback: War der Fan-Aufstand gegen Clemens Tönnies auf Schalke am Ende doch völlig umsonst? | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.