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And „Das Goldene Brett“ goes to …


2011: P.A. Straubinger für seinen Pseudodokumentarfilm Am Anfang war das Licht, in dem Werbung für den esoterischen Blödsinn „Lichtnahrung“ gemacht wird. 2012: Prof. Harald Walach für sein akademisches Engagement für den Kozyrev-Spiegel, einer Aluröhre, in der man der Telepathie mächtig wird. 2013: Die Homöopathen ohne Grenzen für den Einsatz von esoterischen Zuckerkügelchen als Medikament in Krisengebieten. 2014: Xavier Naidoo für sein verschrobenes Weltbild mit rechtsextremen Verschwörungstheorien. 2015: Stefan Lanka für sein Engagement zur Leugnung der Existenz des Masernvirus. 2016: Ryke Geerd Hamer für seine antisemitische und wissenschaftsfeindliche Germanische Neue Medizin. 2017: Peter Fitzek, dem König eines, seines, Deutschen Reiches.

Und das Goldene Brett für den erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug des Jahres 2018 im deutschsprachigen Raum geht an …

Mit Wiener und Hamburger Charme wird jedes Jahr ein pseudowissenschaftlicher Geschäftemacher bzw. ein Opponent der geistigen Volksgesundheit mit diesem Schmähpreis ausgezeichnet, diesmal bereits zum achten Male. Das Goldene Brett ist längst zu einem integralen Teil der Berichterstattung am Ende des Kalenderjahres geworden. Auch die Ruhrbarone berichten regelmäßig darüber. Wir haben die diesjährigen Kandidaten bereits vorgestellt:

  • Hans Tolzin, Impfgegner und Lügenpresseausschimpfer: Laudatio gehalten von S.M. Steinitz (stern-Kolumnistin).
  • Christina von Dreien samt Mutter, kindliche Esoterikikone und Youtube-Star der neuesten Zeit: Vorgestellt von ihrem größten Fan Lisz Hirn (Philosophin).
  • Das Wiener Krankenhaus Nord und der „Bewusstseinsforscher“ Christoph Fasching, für die Errichtung eines Energieeschutzringes um ca. 100.000 Euro Steuergeld: Besungen vom Guru-Tester Christian Kreil (“Stiftung Gurutest” bei derStandard).

Die Laudatoren im von mir aus gesehen fernen Hamburg sind Matthias Grübel (Autor bei extra3, NDR), Nicola Kuhrt (Wissenschaftsjournalistin, MedWatch) und Marcus Rohwetter (Kolumnist „Quengelzone“, DIE ZEIT).

Andere Länder, andere Sitten

Neben dem Goldenen Brett der Wiener und Hamburger Skeptiker gibt es noch einige andere Negativpreise für Geschwurbel und Pseudowissenschaft in Europa.

Die Schwedischen Skeptiker verleihen seit 1987 zwei Preise. Der erste, Enlightener of the Year, geht an jemanden, der sich für die Wissenschaft eingesetzt hat. Der Obscurantist of the Year ist eher mit dem Goldenen Brett vergleichbar. Die Finnen vergeben seit 1989 den Huuhaa Prize für das Bewahren von Aberglauben und das Ausnutzen der Leichtgläubigkeit von Menschen. Die Belgier sind seit 1996 auch mit dabei. Sie verleihen The Skeptical Pit an jemanden, der außergewöhnlich unkritisch gedacht hat und die Popularisierung von Wissenschaft völlig missverstanden hat. Die Niederländische Vereniging tegen de Kwakzalverij verleiht seit 2003 den Master Quack Prize für eine Person oder Organisation, von der angenommen wird, dass sie die Quacksalberei am meisten gefördert hat. Die Esten verleihen den Umbluu Award für die bemerkenswertesten Aktivitäten im Bereich der Verbreitung von Pseudowissenschaften. Und die Portugiesen verleihen mit dem Fying Unicorn Award Preise in gleich drei Kategorien: Das Grammophon für Medien, Den Falling Star für Prominente und den Preis genannt The King is Naked für alle anderen.

Ein ähnlicher Award ist der Goldene Aluhut, der in Deutschland seit 2015 jährlich vergeben wird. Die diesjährige Zeremonie fand bereits am 30. Oktober in Berlin statt. Der Goldene Aluhut wird in fünf klassischen Disziplinen vergeben:

  • Verschwörungstheorien allgemein: YouTube-Kanal „Truthvestigation by Nadja“
  • Politik: Rüdiger Hoffmann/Klasen von staatenlos.info
  • Medien & Blogs: BILD
  • Medizin & Wissenschaften: David Sieveking, „Eingeimpft“
  • Esoterik: Dachverband Geistiges Heilen e.V.

Aber kehren wir zurück zum Goldenen Brett.

Das Goldene Brett für das Lebenswerk 2018

Dieses Jahr wurde der Demeter-Verband, der landwirtschaftliche Produkte zertifiziert, die unter Zuhilfenahme der anthroposophischen Ideologie hergestellt wurden, mit dem Preis fürs Lebenswerk ausgezeichnet. Man könnte meinen, Demeter sind die Guten, die rein natürliche Biolebensmittel ohne Chemie und ohne Gen und ohne Industrie herstellen. Rein natürlich ist aber kein Kriterium für irgendwas. Von einem Bären angefallen zu werden ist auch rein natürlich. Chemiefrei ist nicht einmal Mutter Natur, alles Natürliche ist auch nur rein chemisch. Demeters Bauern arbeiten durchaus auch mit industriellen Hilfsmitteln und fast alle heute verfügbaren Lebensmittel, ob bio oder nicht bio, sind über tausende Jahre hinweg durch den Menschen genetisch verändert worden. Demeter hat einen Marktanteil von ca. 8 Prozent und macht einen jährlichen Umsatz von 200 Mio. Euro (Diese Daten stammten von 2004).

Mit dem an sich bedeutungslosen Schlagwort „biologisch-dynamische Landwirtschaft“ meint man eine okkulte esoterische Vorgehensweise, um Nahrungsmittel herzustellen. Diese okkulte Vorgehensweise inkorporiert z. B. Rituale, bei der verdünnte Schafgarbe im Hirschmagen auf dem Feld ausgebracht wird, um den Pflanzen zu einem „harmonischen Gedeihen“ zu verhelfen. Viele solche sinnlosen Rituale sind vorgeschrieben, um ein Demeter-Betrieb sein zu können. Demeter-Kunden meinen, sie können der Umwelt etwas Gutes zu tun, jedoch wird von den Anthroposophen ein vorwissenschaftlich-magisches Weltbild gefördert, das frei erfundene Ansichten des Gurus Rudolf Steiner beinhält.

Demeter wurde vom Biologen Erich Eder, der auch erfolgreich gegen den pseudowissenschaftlichen Granderwasser-Humbug kämpft, vorgestellt.

And the Winner is:

Ein Salzburger „Bewusstseinsforscher“, der einst ein Autohändler war und dann 2012-Weltuntergangsseminare gab, kassierte 95.000 Euro für die Errichtung eines Energieschutzringes um das Krankenhaus Nord in Wien. Seine Leistungen umfassen die „Schwingungen des Grundstücks auf das höchstmögliche Niveau angehoben“ zu haben sowie das Gebäude „in den natürlichen Umgebungsplan von Mutter Erde“ eingebettet zu haben. Seine Maßnahmen sollen verhindern, dass „negative Energien des Umfelds Einfluss auf das Haus und die Menschen nehmen“. Der Bauherr veranlasste und bezahlte dies.

Das Goldene Brett 2018 geht an jenen Energetiker ohne Gewerbeschein und an das Krankenhaus Nord. Wir gratulieren herzlichst, höherschwingend und mit viel Energie!

Dies sind würdige Preisträger, aber dass die Wirtschaftskammer Österreich, die das Humbug-Gewerbe der Humanenergetiker unterhält, leer ausgeht, finde ich persönlich schade. However, die WKO hat noch so manches Jahr die Chance, für den esoterischen Blödsinn genannt Humanernergetik, den Schmähpreis für den größten pseudowissenschaftlichen Humbug zu ergattern.

Der Autor ist Mitglied der GKD und der GWUP. Er betreibt die Facebook-Seite Initiative „Wissenschaft als Maßstab – kein Gewerbeschein für Humbug“.

RuhrBarone-Logo

4 Kommentare zu “And „Das Goldene Brett“ goes to …

  • #1
    Andreas Lichte

    @ Michael Jachan

    Zitat: "Demeter macht einen jährlichen Umsatz von 17 Mrd. Euro."

    woher kommt diese Zahl? Ich bezweifle, dass sie stimmt – wikipedia nennt für das Jahr 2004:

    "Der Marktanteil von Demeter bei ökologischen Produkten betrug Anfang 2004 zwischen sieben und acht Prozent bei einem Jahresumsatz von 200 Millionen Euro.[34]"

    https://de.wikipedia.org/wiki/Demeter_(Anbauverband)

  • #2
    Andreas Lichte

    Anthroposophische Landwirtschaft leicht verständlich für den Laien:

    „(…) Was ist die Hirnmasse? Die Hirnmasse ist einfach zu Ende geführte Darmmasse. Verfrühte Gehirnabscheidung geht durch den Darm. Der Darminhalt ist seinen Prozessen nach durchaus verwandt dem Hirninhalt. Wenn ich grotesk rede, würde ich sagen, ein fortgeschrittener Dunghaufen ist das im Gehirn sich Ausbreitende; aber es ist sachlich durchaus richtig. Der Dung ist es, der durch den eigenen organischen Prozess in die Edelmasse des Gehirns umgesetzt wird und da zur Grundlage für die Ich-Entwickelung wird (…)“

    Rudolf Steiner, „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft: Landwirtschaftlicher Kursus, Koberwitz 1924“, GA 327, Seite 201, siehe auch:

  • #3
    Michael Jachan Beitragsautor

    @Andreas Lichte

    Da bin ich Fake News aufgesessen. Danke, hab es korrigiert! 🙂

  • #4
    Andreas Lichte

    @ Michael Jachan #3

    jetzt steh ich als der "Oberlehrer" da, aber ich würde im Artikel noch die Jahreszahl "im Jahr 2004" einfügen: ich vermute, heute ist der Jahresumsatz von Demeter größer …

    natürlich wäre es interessant, die aktuellen Zahlen zu kennen, aber da taucht das allgemeine Problem beim "Anthroposophie-Imperium" auf, dass man schwer an belastbare Zahlen kommt, auch nicht beim Verkaufsschlager Waldorfpädagogik – Prof. Dr. Stefan T. Hopmann, Bildungswissenschaftler an der Universität Wien, Zitat:

    "(…) Die wenige sonstige empirische Forschung, die es zu Waldorfschulen gibt, stammt fast ausschließlich aus der Feder bekennender Waldorfianer oder ihnen nahestehender. Das liegt freilich daran, dass die Waldorfschulen eine wirklich unabhängige, ergebnisoffene Untersuchung ihrer pädagogischen Praxis nicht zu lassen (…)"

    aus dem Interview: "„Man kann nicht nur ein ‘bisschen« Waldorf’ sein“, https://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-„man-kann-nicht-nur-ein-»bisschen«-waldorf-sein“/30117

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