Antilopen Gang im Interview: „Deutschland kümmert sich auch sehr gut darum, dass es sich abschottet“

Foto: Richard Diesing
Foto: Richard Diesing

Die Antilopen sind wieder da. Seit unserem letzten Interview  ist viel passiert. Wir haben uns mit der Gang in Essen getroffen und mal wieder ein bisschen geplaudert. 

Ihr habt den Amadeu Antonio Preis verliehen bekommen. Es hieß in der Laudatio, ihr würdet „ironisch-bissig auf rechtsextreme und antisemitische Tendenzen“ reagieren. Findet ihr euch in dieser Beschreibung wieder?
Koljah: Also dass wir auf rechtsextreme und antisemitische Tendenzen reagieren stimmt sicherlich. Aber „Ironisch-bissig“ klingt ein bisschen wie die Beurteilung eines frechen Schülers, der auch mal etwas Vorlaut ist, trotzdem aber der Lehrerliebling ist. Vielleicht sind wir das auch für manche Leute. Ich finde aber, wir sind, wenn wir uns zu solchen Themen positionieren, gar nicht so ironisch sondern haben uns eigentlich eine recht eindeutige Art und Weise angewöhnt. Aber sollen sie gerne so sagen, ich fasse das durchaus als Kompliment auf.

Koljah, du hast in dem Lied „Neoliberale Subkultur“ gerappt „Wenn da nicht dieses Heim wär‘, würf‘ ich Bomben auf Freital.“ Wie viel davon ist Provokation, wie viel Ernst gemeint?

Koljah: Ich find das eigentlich gar nicht so provozierend. Es meint, dass dieser Ort relativ verloren ist. So wie ich ihn kennengelernt habe, sind da so strunzdeutsche Wutbürger, die sich selbst als ‚besorgt‘ bezeichnen. Da sehe ich nicht so viel, was ich unterstützens- oder erhaltungswert finde. Aber da ist halt auch dieses Flüchtlingsheim, zu dem Leute hinkommen, die durchaus Hilfe brauchen. Deshalb werfe ich da keine Bomben drauf, abgesehen davon, dass ich als Bombenwerfer auch nicht so geschickt wäre. Freital wäre ein kompletter Haufen Scheiße, wenn da nicht dieses Heim wäre und zu diesem Heim zähle ich auch die Leute, die ja meistens gar nicht aus Freital kommen, aber nach Freital kommen und dafür sorgen, dass dieses Heim nicht angegriffen wird und es beschützen. Aber die ganzen ostdeutschen Provinzen und National befreiten Zonen, die es so gibt, würde ich keine Träne hinterherweinen, wenn sie dem Erdboden gleichgemacht würden.

In „Und Beate Zschäpe hört U2“ habt ihr unter anderem den massiven Anstieg von Angriffen auf Flüchtlingsheimen vorhergesehen („Und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an“). War das Zufall oder hattet ihr konkrete Anhaltspunkte für die Annahme, dass es so kommen wird?

Danger Dan: Ich glaube, es gab‘ keine konkreten Anhaltspunkte. Aber es war vielleicht so eine Angst, dass sowas immer mal wieder passieren könnte. Unser Freund Torsun von Egotornic hat schon seit den 90ern gesagt, dass das wiederkommt, dass es nochmal passiert. Zwischendurch habe ich darüber gelacht und gedacht „Das kann nicht sein“ und jetzt haben wir eine Zeit, die es zahlenmäßig zumindest übertrifft.

Deutschland nimmt eine große Anzahl Flüchtlinge auf, viele Deutsche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Kann man deswegen aktuell Stolz auf Deutschland sein?

Danger Dan: Ich glaube nicht, dass das stimmt. Im Vergleich nimmt Deutschland und generell Europa sehr wenige Flüchtlinge auf. Die meisten Flüchtlinge kommen gar nicht nach Europa. Wenn sie fliehen, fliehen sie meistens in Nachbarländer. Deutschland kümmert sich auch sehr gut darum, dass es sich abschottet. Es gibt keine legalen Fluchtwege obwohl es erlaubt ist, in Deutschland Asyl zu beantragen. Deswegen ist Deutschland meiner Meinung nach mit daran Schuld, dass es unglaublich viele Tote auf Flüchtlingsrouten gibt. Dafür müsste man Deutschland meiner Meinung nach bestrafen, aber auf keinen Fall Stolz sein. Hier brennen gerade die Flüchtlingsunterkünfte, hier gebären Frauen in Berlin auf dem Bürgersteig ihre Kinder, weil sie an der Schlange stehen, um Asyl zu beantragen. Es wird einfach nicht organisiert, dass die Leute ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen können. Also ich hab nicht das Gefühl, dass sich hier Leute übermäßig engagieren oder dass hier übermäßig viele Geflüchtete sind. Vielleicht im Vergleich zu den letzten Jahren, aber im internationalen sind sehr wenige Geflüchtete hier. Da tut Deutschland auch alles für, dass das so bleibt, so scheint es mir zumindest.

Aber aktuell werden doch überall neue Flüchtlingshilfen gegründet, auf einmal sind alle Flüchtlingsunterstützer. Glaubt ihr das ist ein Trend, der auch wieder zurückgeht, wenn es nicht mehr so ‚angesagt‘ ist, Flüchtlingen zu helfen?

Danger Dan: Er ist ja schon gerade ein Stück weit zurück gegangen. Der große Sommer, in dem sich alle auf die Schulter geklopft haben und jede Band ein Posting gemacht hat, dass die Flüchtlinge willkommen sind, ist wahrscheinlich schon wieder durch ein neues Thema abgelöst worden. Trotzdem gibt es tatsächlich viele Leute, die sich engagieren. Das finde ich auch gut, das freut mich total. Aber ich finde auch, man muss immer gucken: Wer macht hier eigentlich was und warum machen die Leute das? Und wenn eine Angela Merkel ein Flüchtlingskind streichelt und dann sagt: „Du wirst abgeschoben“, dann hat das streicheln auch nichts geholfen.

Koljah: Prinzipiell stimme ich Danger Dan zu. Ich glaube aber, man muss ein bisschen aufpassen, dass man nicht eine arrogante Grundhaltung entwickelt wo man anfängt, den Leuten immer die redlichen Ziele abzusprechen und sich in so eine Position zu begeben, wo man selbst bestimmt, wer das eigentlich ernst meint und wer nicht. Es gibt sicherlich ganz viele Leute, die sich ehrenamtlich und aus Überzeugung den Arsch aufreißen, die es auch so meinen und die dann trotzdem irgendwelche Begründungen haben, die ich irgendwie krude finde. Die helfen dann, weil sie zum Beispiel zeigen wollen, dass es auch andere Deutsche gibt. Du hast eben gefragt, ob man Stolz auf Deutschland sein kann. Das kann man sowieso nie und sollte man auch nie sein, aber da fängt es halt an, problematisch zu werden.

Merkel steht derzeit für ihre Flüchtlingspolitik stark in der Kritik, nicht nur CDU-intern. Wie seht ihr ihre Asylpolitik?
Danger Dan:
Ich sehe das aus einer anderen Perspektive denke ich. Also ich hab radikalere Forderungen, also für mich war das kein starkes Engagement. Ich glaube, dass sie als Bundeskanzlerin einfach dafür mitverantwortlich zu machen ist, dass mehr Geld dafür ausgegeben wird, Militär ins Mittelmeer zu schicken, um vermeintliche Schlepperbanden zu bekämpfen, als hier tatsächlich vor Ort angewendet wird, um Leuten zu helfen.

Auf dem CDU-Parteitag hat Merkel gesagt, dass die Rechten in Deutschland keine Chance hätten. In anderen europäischen Ländern, wie in Polen oder in Frankreich, haben dagegen rechtsextreme Parteien immer größeren Zulauf. Habt ihr Angst vor einer neuen rechtsextremen Volkspartei?

Danger Dan: Die CDU ist doch eine rechtsextreme Volkspartei oder? (lacht)

Koljah: Die AfD gab’s vor ein paar Jahren auch noch nicht. Ist die jetzt schon rechtsextrem oder ist die noch rechtskonservativ, wo zieht man da die Grenze? Ich weiß es nicht.

Danger Dan: Das Problem ist ja auch, dass die SPD und die CDU ständig Sachen durchsetzen, die eigentlich rechtsextreme Parteien fordern. Man muss eigentlich vor der CDU oder der SPD mehr Angst haben. Es war im Endeffekt die SPD, die 93 das Grundrecht auf Asyl abgeschafft hat und es ist die CDU, die jetzt grade die Grenzen dicht macht, die zusammen mit der SPD Internierungslager fordert. Das sind ja alles Dinge, die sich die NPD immer schon gewünscht hat, aber umgesetzt wird das tatsächlich von der CDU und der SPD. Ob es die Sache jetzt noch schlimmer machen würde, wenn noch eine AfD dazu kommen würde, weiß ich gar nicht.

Das Interview erschien in einer ähnlichen Form bereits auf bento.de

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20 Kommentare

  1. #1 | Deutschlandkritiker sagt am 6. Februar 2016 um 10:42 Uhr

    Dass landauf, landab in den Reihen von CDU, SPD, Grünen bis hin zu Teilen der Linken nur noch die Rede davon ist, "die Außengrenzen zu schützen" – mit allen Konsequenzen für die Betroffenen – , ist womöglich auch der Beharrlichkeit des AFD- und Pegida-Rotzes geschuldet. Wenn da nicht noch ne Menge vernünfiger Menschen lebten, würfe ich Bomben auf ganz Deutschland.

  2. #2 | abraxasrgb sagt am 6. Februar 2016 um 12:30 Uhr

    #1 ´schlandk***** Wem die Meinungsfreiheit nicht passt, der kann doch immer noch von seiner Freizügigkeit gebrauch machen 😉

    *Polemik off* Wenn man mit der Lupe bzw. mit dem analtischen Sezierbesteck nach einem sachlichen Teil des Kommentars sucht, findet man doch die Anfangsvermutung, dass die Vernunft (doch) nicht an der Parteilinie ihre Gültigkeit verliert 😉
    " Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel" Nietzsche

  3. #3 | kE sagt am 6. Februar 2016 um 13:38 Uhr

    Immer wenn es darum geht, dass alle Menschen aufgenommen werden sollen, dass alle unterstützt werden sollen, wenn sie bspw. Meere überqueren wollen etc. frage ich mich,
    was mit den vielen anderen Mrd armen, gefährdeten Menschen auf dem Planeten geschehen soll, die ihre Umgebung nicht verlassen können.

    In den Slums einer einzigen Großstadt leben deutlich mehr Menschen als Deutschland letztes Jahr aufgenommen hat.

    Es ist keine Lösung, in Deutschland allen Menschen, die hier leben wollen die gewohnten dt. Standards zu sichern. Das verbraucht Ressourcen und hilft auch den Ursprungsregionen nicht.

  4. #4 | Walter Stach sagt am 6. Februar 2016 um 13:58 Uhr

    Ich komme tagtäglcih mehr und mehr zu der Erkenntnis, und darauf bin ich schon einmal bei den Ruhrbaronen kurz zu sprechen gekommen, daß das sog. Füchtlingsproblem gar nicht
    d a s akute Problem Deutschlands ist. D a s deutsche Problem scheint mir darin zu bestehen, daß in der Gesellschaft, in der wir leben, H a s s nicht nur zu d e r Triebfeder individuellen Verhaltens und gesellschaftlichen Engagements, z.B. in Bewegungen wie Pegida", geworden ist, sondern das dieser H a s s durch unsere Gesellschaft mehr und mehr toleriert wird, indem u. a. die Gesellschaft verbale und handfeste Ausbrüche des Hasses nicht mehr verabscheut, sondern als zu ihr gehörig akzeptiert -als ein Zeichen mißverstandener Toleranz.
    Dass dieser Hass, diese von Hass dominierte Gesellschaft gewaltig am freiheitlich-pluralistischem Fundament und an der darauf aubauenden freiheitlich-demokratischen Staatsordnung rütteln, bedarf keiner Erklärung.

    Zu erklären wären die Ursachen dieses Hasses, die nicht in dem sog .Flüchtlingsproblem liegen. Der H a s s hat, so scheint mir, in dem sog .Flüchtlingsproblem lediglich ein weiteres, ein weites und ein ergiebiges Betätigungsfeld gefunden.

    Zu klären wäre zudem, ob, wie und durch wen wider den Hass -wider seine Ursachen, wider seine Auswüchse,wider seine Folgen für die gesellschaftliche und die staatliche Ordnung- etwas getan werden kann, besser wohl, getan werden muß.

    Erklärendes dazu finde ich seitens der Intellektuellen, z.B. aus den Bereichen Wissenschaft und Kultur, kaum. Ich finde sogar so manchen Beitrag von Intellektuellen, der dem "Affen Hass" noch "Zucker gibt".
    Erklärendes, Hilfreiches dazu finde ich auch seitens der Repräsentanten der Kirchen, der Gewerkschaften, der Wirtschaftsverbände, der Parteien nicht und wenn, dann stetig Oberflächliches und Banales.
    Erklärendes, Hilfreiches dazu finde ich auch in der sog. Bürgergesellschaft in den Kommunen nichts. Im Gegenteil! Auch hier wird oftmals dem "Affen Hass" in den Vereinen, Verbänden ""Zucke rgegeben."

    Ich schließe nicht aus, daß meine Wahrnehmung , daß meine skizzierten Erkenntnisse und Einsichten so sehr von einer pessimistischen Grundhaltung (mit-)bestimmt sind, daß das bei mir entstandenen Bild ein total überzeichnetes ist. Diese hier relevante pessimistische Grundhaltung hat damit zu tun, daß mir -1938 geboren- die Folgen einer vom Hass geprägten Gesellschaft zur Zeit der Weimarer Republik und die Folgen eines vom Hass gegen Juden, gegen Slawen, gegen das Moderne, gegen…..geprägtes NS-Regimes stets und unauslöschlich bewußt sind.

    Überzeichne ich hier, wenn ich eine von H a s s gekennzeichnete Gesellschaft so erfasse und beschreibe?

    Nachdenkenswertes dazu:
    "Die Wurzeln des Hasses" -Beitrag von Thomas Schmidt in "Die Welt" -sh.Hinweis darauf bei "Ruhrpilot" von heute.

    PS
    "Liebe und Hass"…….
    Gegen die Liebe und gegen den Hass ist bekanntlich kein "argumentatives Kraut" gewachsen. Gegen die Liebe "Gott sei Dank nicht" und gegen den Hass "leider Gottes nicht".
    Daran erinnere ich jetzt ein zweites Mal hier bei den Ruhrbaronen, denn diese Erkenntnis ist nicht außer acht zu lassen, wenn darüber nachgedacht wird, ob und wie die Gesellschaft fähig und willens sein könnte, sich mit dem sie mehr und mehr leitenden Gefühles des Hasses auseinanderzusetzen.

  5. #5 | Thomas Weigle sagt am 6. Februar 2016 um 15:15 Uhr

    Mit der Geschichte scheinen´s die Antilopen nicht so zu haben, sonst täten sie wissen, dass Bombenwerfen eher nicht zum Meinungswechsel beiträgt.
    . "Unsere Mauern brachen, unsere Herzen nicht." Dieser Sinnspruch galt nicht nur für Nazideutschland, auch für GB oder die SU, siehe auch den RAF-Terror, der das Gegenteil von dem erreichte was beabsichtigt war.

  6. #6 | Helmut Junge sagt am 6. Februar 2016 um 18:11 Uhr

    Walter, so interessant deine Fragen sind, wundere ich mich doch, daß du sie so theoretisch in den Raum stellst. Du kannst doch diejenigen unter deinen eigenen Parteigenossen fragen, die sich mit den nördlichen Essener Ortsverbänden solidarisch fühlen. Feldforschung innerhalb der SPD. Warum denken die das, was sie denken? Es muß doch in der SPD schon länger brodeln, denn wie wäre eine solche Entwicklung erklärbar, daß mit dem heutigen Rücktritt der Essener SPD-Vorsitzenden, eine Zeitung, wie "Der Westen" einen Artikel mit der Überschrift "Essener SPD – eine zerrissene Partei mit zwei Lebenswelten" schreiben kann? Das läßt doch ahnen, daß man schon länger nicht mehr miteinander redet. Aber daß das Heer von Sowis und Politwissenschaftler nichts gemerkt hat, geschenkt. Fehlausbildung eben, schon länger anhaltend.
    Aber Genossen untereinander? Tatsächlich hatte ich vor fast 20 Jahren mal einen befreundeten SPD-ler gefragt, warum sich gewisse Repräsentanten der örtlichen SPD nicht miteinander unterhalten. Und die Antwort war, daß das auf der unterschiedlichen Bildungsvoraussetzung beruhen würde. Die beiden hätten sich einfach nichts zu sagen. Der ranghöhere hätte sogar mal einen Dritten gefragt ob "Y" überhaupt sprechen könnte. Und das hat mich als damaligen Grünen, dem Lagerdenken nun wahrlich nicht fremd war,ziemlich überrascht. denn unsere grüne Sprachlosigkeit beruhte auf ganz anderen Kriterien. Wir konnten uns einfach nicht ab, mußten aber dennoch miteinander sprechen, weil wir eine kleine Oppositionspartei waren. Aber ich wußte zu jedem Zeitpunkt, was die andere Seite wollte, und warum ich genau das oft nicht wollte. Was hatten wir für Diskussionen untereinander! Und das oft nur wegen Anträgen, die sowieso niemand umsetzen konnte.
    In der SPD war das ganz anders. Abweichler habe ich nie erlebt. Und jetzt? Alles ganz unvermittelt?
    Ist diese Entwicklung überhaupt noch zu stoppen? Und wenn nicht, wird daraus eines Tages blanker Haß aufeinander entstehen. Womit wir wieder bei deiner Frage angekommen sind.

  7. #7 | kE sagt am 6. Februar 2016 um 18:34 Uhr

    Die abgesagte Karnevalsfeier im Innenministerium hat für mich sehr deutlich gezeigt, wie sehr sich die Führungsriege vom "kleinen Mann" entfernt hat.

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article151803785/Altweiberfastnacht-ein-Schreiben-und-der-politische-Schaden.html

    Dass man sich so gar keine Gedanken macht, wie Zeitarbeiter etc. reagieren, wenn sie erfahren, wie im Ministerium mit Überstunden umgegangen wird, ist erschreckend.

  8. #8 | Walter Stach sagt am 6. Februar 2016 um 20:31 Uhr

    Helmut,
    "Hass" als das Motiv für gesellschaftliches Tun ist nicht "parteigebunden", sondern erfaßt zunehmend alle Teile der Gesellschaft, auch Mitglieder/Anhänger/Wähler "meiner " SPD.

    Ich habe den Eindruck, mehr aber auch nicht, daß viele Menschen Angst zu haben scheinen . Angst vor gesellschaftlichen Veränderungen, die sie nicht begreifen, nicht begreifen können oder nicht begreifen wollen, von denen sie mutmaßen, daß durch sie ihr Lebensstandard gefährdet werden könnte oder…
    Oftmals ist es eine diffuse Angst, die nur schwer zu fassen, zu erklären ist.
    Und diese Angst wird oftmals medial geschürt.Sie "der Mist", auf den die Hassprediger von Pegida und AFD gezielt ihre Kampagne begründen
    Dass ich in persönlichen Gesprächen -nicht nur mit SPDlern-versuche, mit Argumenten dem Gefühl der Angst seine Grundlage zu nehmen, ist selbstverständlich, aber deshalb sehr schwer, weil ich selten die konkreten Gründe für die Angst ausmachen kann. Und gegen den Hass der Menschen auf Alle und auf Alles ist ohnehin argumentativ nicht anzukommen.

    Ich denke, gegen den Hass, gegen den zunehmende Hass in der Gesellschaft auf Alle und auf Alles und gegen die Hass-Prediger der AFD kämpft letztendlich der Einzelne vergebens. Hier sind alle gesellschaftlich relevanten Kräfte gefordert -Parteien (auch "meine" SPD), die Kirchen, die Gewerkschaften, die Wirtschaftsverbände. Und von denen -auch von meiner Partei- kommt da zu wenig, ich könnte auch sagen gar nichts.
    Die Einsicht, daß der Einzelne hier nichts auszurichten vermag, hält mich nicht davon ab, mich im Gespräch mit jedermann immer wieder zu bemühen, statt Angst zu fördern, zur Zuversicht beizutragen und den Hasspredigern zu widersprechen. Nur das ändert an dem bedenklichen Zustand der "Angst- Gesellschaft" und an dem ständig wachsenden Einfluß der Hassprediger in der der AFD nichts.
    Helmut, ob ich ganz, ganz wenig dazu beitragen kann, daß sich "meine" SPD, daß sich "meine kath.Kirche" endlich engagiert mit allen ihren Mitteln und Möglichkeiten den Hass-Predigern entgegenstellt, weiß ich nicht; ich bemühe mich darum.

  9. #9 | Arnold Voss sagt am 6. Februar 2016 um 21:16 Uhr

    Aus meinem Ruhrbarone-Artikel vom 8.11. letzten Jahres :

    "Setzen wir dem zunehmenden Hass unsere gemeinsame Zukunft entgegen, die nur eine ohne Hass sein kann. Setzen wir dem Hass selbst eine Grenze, in dem wir ihm sofort und direkt genau da gemeinsam entgegentreten wo er auftritt. Machen wir den Hass zu unserem gemeinsamen Feind, den wir notfalls auch mit Gewalt in seine Schranken weisen. Erziehen wir unsere Kinder gemeinsam gegen jede Form des Hasses, und lassen die, die ihn schüren unsere gemeinsame Verachtung und unseren Willen zur Gegenwehr spüren.

    Ein hassfreies Deutschland könnte das gemeinsame Ziel sein, der kleinste gemeinsame Nenner, einer neuen Antihassbewegung. Natürlich kann und soll damit nicht jede emotionale Aggression verhindert werden. Menschen werden wütend, haben Zorn und wollen sich entsprechend äußern. Es geht beim Hass nicht um ein zeitweises Gefühl, das sich wieder beruhigt, sondern um einen dauerhaften Habitus und die dahinter stehende Einstellung zu anderen Menschen.

    Es geht um den Hass als festem Bestandteil der öffentlichen Diskussion, und dazu zählen auch Kirchen und Schulen jeder Art, und erst recht alle modernen Massenmedien. Wer ein friedliches soziales und kulturelles Zusammenleben im Flüchtlings-Deutschland will, der muss flächendeckend und rigoros gegen den öffentlichen Hass vorgehen. Ansonsten muss er sich nicht wundern, wenn die Menschen ihre Gruppenkonflikte mit Gewalt lösen."

    http://www.ruhrbarone.de/deutschland-schafft-sich-neu-und-nicht-ab-fuer-einen-realistischen-optimismus-in-der-fluechtlingskrise/116734

  10. #10 | Arnold Voss sagt am 6. Februar 2016 um 21:28 Uhr

    Und noch ein Zitat, dieses Mal aber von Kolja/Antilopengang:

    "Aber die ganzen ostdeutschen Provinzen und National befreiten Zonen, die es so gibt, würde ich keine Träne hinterherweinen, wenn sie dem Erdboden gleichgemacht würden."

    Woher kenne ich dieses Kriegs- und Vernichtungsrhetorik? Ich glaube aus eben diesen National befreiten Zonen, die laut Kolja dem Erdboden gleich gemacht werden sollten.

  11. #11 | Helmut Junge sagt am 7. Februar 2016 um 07:34 Uhr

    Walter, ich bin auf der Suche nach den pschychologischen Ursachen für den sich ausbreitenden Haß.
    Das Beispiel der Essener SPD hat mich darauf gebracht. Denn ich denke, daß Voraussetzung für Haß eine persönlichen Betroffenheit, eine Verletzung sein müßte. In Essen scheint das eine Gekränktheit zu sein. Die fühlen sich offenbar untergebuttert, und nun können wir von außen beobachten, wie sich das entwickelt. Das war mein Gedanke. Natürlich ist Haß nicht parteigebunden. Aber dort in Essen spaltet sich gerade ein traditioneller Parteiverband, und wir können es sich entwickeln sehen. Jedenfalls diejenigen die keine Parteifilter vor den Augen haben. Natürlich kann ich Außenstehender einer totalen Fehleinschätzung unterliegen. Darum habe ich dich angesprochen. Aber von Innen scheint die Sicht noch schwieriger zu sein, zumal der Prozeß schon gelaufen zu sein scheint.

  12. #12 | Tom sagt am 7. Februar 2016 um 08:56 Uhr

    Offengestanden: Wenn ich einen Preis bekommen würde der von einer Institution verliehen wird bei der eine stramm linksideologische Journalistin und ehemaligen MfS-Mitarbeiterin im Vorstand sitzt, dann gruselt's mich. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Einen Preis von einer solchen "Stiftung" anzunehmen überschreitet die Grenzen des Sittlich-Zulässigen.

  13. #13 | Deutschlandkritiker sagt am 7. Februar 2016 um 09:38 Uhr

    @ abraxasrgb: Hate speech hat mit "Meinungsfreiheit" nix zu tun. Das ist verbale Gewalt, nix anderes. Unterkünfte für Geflüchtete abfackeln hat genauso wenig mit "Meinungsfreiheit" zu tun. Das ist physische Gewalt, nix anderes. Wer den "Schutz der Außengrenzen" propagiert, propagiert ebenfalls physische Gewalt, nix anderes. Dass Sie Ihren Kommentar mit einem Zitat eines sozialdarwinistischen A****lochs zu unterfüttern versuchen, ist vermutlich symptomatisch für Ihr Menschenbild.

  14. #14 | Arnold Voss sagt am 7. Februar 2016 um 11:16 Uhr

    …und wer zu seinem Schutz die Polizei ruft, plädiert im Ernstfall auch für physische Gewalt. Kann es sein, dass ihr Weltbild bezüglich der Gewalt etwas unterkomplex geraten ist, Deutschlandkritiker?

  15. #15 | kE sagt am 7. Februar 2016 um 11:24 Uhr

    @13:
    Wie ist es denn jetzt, wenn man sich gegen Gewalt schützen will. Z.B. mit Eingangskontrollen?

  16. #16 | Walter Stach sagt am 7. Februar 2016 um 11:44 Uhr

    Arnold -1o-
    "…flächendeckend und rigoros gegen den Hass".

    Ja, aber nichts davon passiert.

    Warum nicht?
    Hat "man" die schreckliche Dimension dessen, was der Hass derzeit zu gebären scheint, nicht erfaßt? Oder womit läßt sich ansonsten die Gleichgültigkeit gegen die zunehmende "Gesellschaftsfähigkeit und Gesellschaftsmächtigkeit" des Hasses, der Hasspredigten und der Hassprediger erklären?

    -Der Staat, alle staatlichen Bildungsenrichtungen, die Kirchen, die Verbände, die Gewerkschaften, die Parteien und nicht zuletzt die Medien müßten "eigentlich", aber ………-

    (Unbestritten ist, daß leider die sog. sozialen Netzwerke ihrerseits erheblich dazu beitragen, daß sich der Hass immer mehr zu einem festen und selbstverständlichen Bestandteil jeder Diskussion entwickelt, oftmals basierend auf absoluter Unkenntnis in Sachfragen, oftmals gekennzeichnet von einer Sprache, die in das "Wörterbuch eines Unmenschen" gehört und oftmals gekennzeichnet durch das Gefühl, dazu zu gehören, nämlich zu der Gruppierung von Menschen, die eines verbindet, nämlich der bedingungslosen Hass gegen Alles und gegen Alle!)

    Helmut -11-
    Auch ich bin auf der Suche………..
    Ich gehe davon aus, daß uns auf dieser Suche in den nächsten Wochen geholfen werden wird durch diverse Meinungsäußerungen von fachkompetenten Personen -von Soziologen, von Psychologen, von Politologen, von engagierten und kompeteten Journalisten.
    Arnold Voss -10-hat uns daran erinnert, daß wir hier bei den Ruhrbaronen zum Thema "Hass" schon 'mal unsere Meinungen ausgetauscht haben. Ich denke, daß wir dazu in den nächsten Monaten noch oftmals etwas zu sagen haben werden.

    Zur SPD:
    "….im Inneren……"
    1.
    Helmut, soweit ich überhaupt noch in der Lage bin, den "inneren Zustand meiner Partei insgesamt und hier vor Ort in Waltrop und in der Region" in etwa erfassen zu können, muß ich registrieren, daß der politische Komplex "Sorgen und Angst vor…., Hass gegenüber…., Hasspredigten, Hassprediger, AFD, Faschismus" nicht zu existieren scheint. Parteiintern tut sich diesbezüglich in Sachen Information, Kommunikation, Meinungsbildung nichts, geschweige denn, daß es zu diesem Komplex so etwas wie eine Kampagne der Information, der Kommunikation, der Meinungsbildung geben würde.

    Warum ist das so?
    Ich weiß es nicht. Ich bemühe mich, innerhalb und außerhalb der Partei in diesem Sinne zumindest "etwas zu bewegen"; bisher vergebens!

    2,
    Dein Hinweis auf die SPD Essen (…spaltet sich….) macht ein strukturelles Dilemma der SPD anhand eines konkreten Problemes vor allem hier im Ruhrgebiet, deutlich. Da gibt es zum einen "klassiche Milieus" -aus denen ich stamme und denen ich, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, nahe stehe und verbunden bin-, in denen aber dann, wenn es um Prinzipien einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft geht, ehe konservativ -bis reaktionär- gedacht wird- und zu anderen diejenigen, die ehe "liberal" im Sinne der Grundprinzipien einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft zu denken pflegen. Und diese gegensätzlichen Grundhaltungen prallen eben auch jetzt aufeinander, wenn es darum geht, über die Zukunft einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft nachzudenken, in denen viele, viele Menschen leben werden, die als Fremde nach Deutschland gekommen sind.

    W a r u m wird nicht einmal in Essen alles parteiintern getan, um über Information, Kommunikation, Meinungsbildung einen Diskurs unter den Genossen in Gang zu setzen, der zumindest dazu beitragen könnte,, daß der Hass nicht auch für Parteigenossen -gegenüber Dritten oder gar in den eigen Reihen- zum tragende Moment wird?
    Helmut , ich habe darauf keine Antwort. Vielleicht gibt es ja in der SPD Essen darauf bereits Antworten, die ich nicht kenne. Ich hoffe zumindest, daß sich einige Genossen in Essen dieselbe(n) Frage(n) stellen wie ich.

  17. #17 | Helmut Junge sagt am 7. Februar 2016 um 11:50 Uhr

    Arnold, was @Deutschlandkritiker betrifft, sagt er ganz oben etwas unbeachtet: "Wenn da nicht noch ne Menge vernünfiger Menschen lebten, würfe ich Bomben auf ganz Deutschland."
    Was, wenn er seine Meinung bzgl. der "Vernünftigen" mal ändern sollte? Schließlich hängt das nur von ihm alleine ab.

  18. #18 | Deutschlandkritiker sagt am 7. Februar 2016 um 12:49 Uhr

    Vor Flüchtenden muss uns niemand schützen. Primär sind die diejenigen, die schutzbedürftig sind. Schutzbedürftige an der Grenze – mit welchen Methoden auch immer – aufzuhalten, halte ich für menschenverachtend. Darüber muss ich auch nicht weiter diskutieren.

  19. #19 | Arnold Voss sagt am 7. Februar 2016 um 13:31 Uhr

    Das ist so richtig wie schlicht gedacht, Deutschlandkritiker. Wie aber stellen sie an der Grenze fest, ob Jemand schutzbedürftig ist oder nicht? Sehen sie es ihr/ihm an? Glauben sie es ihm/ihr einfach wenn er/sie das sagt? Oder muss man das im Ernstfall prüfen? Und wer soll das wie machen? Und wie kann man Schutzbedürftigen überhaupt praktisch und gezielt helfen, wenn Niemand genau weiß, wieviele es sind und/oder wie sie heißen und wo sie hin wollen?

  20. #20 | abraxasrgb sagt am 7. Februar 2016 um 17:27 Uhr

    #13 & #18 Netter argumentativer Immunisierungsversuch, let´s agree to disagree 😉

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