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Der antisemitische Verschwörungsglauben des Dr. Wolfgang Gedeon (AfD)

Verfasst hat er sie unter der Bezeichnung „W. G. Meister“ – so auch der Namen seiner Homepage – und sie als sein „Meisterwerk“ bezeichnet: Die dreibändige Monographie „Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“ des baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Dr. Wolfgang Gedeon belegt einen in sich geschlossenen, antisemitischen Verschwörungsglauben.
Dennoch musste der AFD-Bundesvorsitzende und Südwest-Fraktionsvorsitzende Prof. Jörg Meuthen seinen Antrag auf sofortigen Fraktionsausschluss Gedeons vertagen – die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit war nicht in Sicht. Unser Gastautor Dr. Michael Blume hat sich Gedeon und seine Schriften sehr genau angeschaut.

Wählt so, wie Ihr wirklich denkt!“, hatte der aus Bayern stammende Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Gedeon in seiner Wahlkampagne für den baden-württembergischen Landtag plakatiert. Mit Erfolg: Mit 15,7 Prozent der Stimmen (Baden-Württemberg pflegt noch ein Einstimmen-Landtagswahlrecht) zog er für den Wahlkreis Singen ins Landesparlament ein.

Freilich entwickelte sich dort bald eine heftige Debatte über die Frage, was der Abgeordnete Gedeon selbst „wirklich denkt“ – wurde doch bekannt, dass er unter anderem die erwiesene Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“ für „plausibel“ hielt.

Kein Antisemitismus?

In einem zweiten, auf seiner Homepage eingestellten Plakat versuchte sich der Beschuldigte von „Antisemitismus“ und „Holocaustleugnung“ zu distanzieren und behauptete in einer „Stellungnahme vom 8.6.“ auf seiner Homepage unter anderem:

Ich möchte hier noch einmal explizit feststellen:

1. Ich bin kein Antisemit. Ich hetze nirgendwo gegen Juden. Ich verunglimpfe nirgendwo Juden pauschal.

2. Ich leugne nicht den Holocaust, halte ihn vielmehr, wie die meisten Menschen in diesem Land, für ein entsetzliches Verbrechen.

3. Ich anerkenne das Existenzrecht des Staates Israel.

Wenn ich in verschiedenen Fragen den Zionismus kritisiere, ist dies legitim und für die politische Diskussion gerade in Deutschland notwendig. Mit Antisemitismus hat das nichts zu tun!

Wirklich nicht? In seinem nach eigenen Angaben zwischen 2001 und 2009 in mehrjährigen „philosophischen Studien“ entstandenen „Meisterwerk“ der dreibändigen „Christlich-europäischen Leitkultur“ (CEL) erläutert Gedeon seine eigene, sehr spezielle Definition von Antisemitismus: Antisemit sei erst, wer ausnahmslos alle Jüdinnen und Juden der Verschwörung bezeichne.

Wenn ich sagte: ‚Die Juden sind eine verschwörerische Bande‘, dann wäre das sicher eine antisemitische Beleidigung. Wenn ich aber sage, es gab und gibt immer wieder viele Juden, die sich den Gesellschaften gegenüber, in denen sie leben, verschwörerisch verhalten und heute zum Beispiel als Hilfsspitzel des Mossad arbeiten, dann ist das keine Beleidigung, sondern eine traurige Wahrheit.“ (CEL 3, S. 568)

Darüber hinaus verkündet Gedeon, dass nicht nur „viele“ Juden an der „freimaurerisch-zionistischen Weltverschwörung“ teilnähmen, sondern auch „zionistische“ Nichtjuden und christlich getaufte Nachfahren von Juden, auch wenn diese völlig assimiliert, sogar wenn sie christliche Geistliche seien!

So führt er für „das Ende des 15. Jahrhunderts“ beispielsweise einen fiktiven Brief eines „Fürsten der Juden von Konstantinopel“ an, der „an den Rabbiner Chamor aus Arles (Südfrankreich)“ geschrieben habe:

Ihr sagt, daß der König von Frankreich euch verpflichtet, Christen zu werden; nun denn, tut es, aber bewahrt das Gesetz des Moses in euren Herzen.

Ihr sagt, daß man euch eure Güter wegnehmen will; macht eure Söhne zu Kaufleuten, damit sie mittels des Handels die Christen der ihrigen berauben.

Ihr sagt, daß man nach eurem Leben trachtet, macht eure Söhne zu Ärzten und Apothekern, damit sie die Christen ohne Furcht vor Strafe des ihrigen berauben.

Ihr sagt, daß man eure Synagogen zerstört; macht eure Söhne zu Geistlichen und Kanonikern, damit sie die christliche Kirche zerstören.

Ihr sagt, daß man nach eurem Leben trachtet; macht eure Söhne zu Advokaten, Notaren oder Mitgliedern anderer Berufsstände, die sich gewöhnlich um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern; durch dieses Mittel werdet ihr die Christen beherrschen, euch ihrer Länderein bemächtigen und euch an ihnen rächen.

Dies zeige im Übrigen auch, so schließt Gedeon:

Schriften, wie die Protokolle der Weisen von Zion, haben also auch im Judentum gewisse Vorläufer. (CEL 2, S. 468)