„Bruder, ich kann nicht mehr. Du hast doch schon abgespritzt“

Landgericht Düsseldorf Foto: Wiegels Lizenz: CC BY 3.0
Landgericht Düsseldorf Foto: Wiegels Lizenz: CC BY 3.0


Über Jahre haben ein selbsternannter Heiliger und sein abhängiger Mittäter Frauen ausgebeutet, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Im am Dienstag in Düsseldorf begonnenen Prozess drohen den beiden mutmaßlichen Tätern hohe Haftstrafen.

Er hatte die ganze Zeit ruhig auf der Anklagebank gesessen, in handschriftlichen Unterlagen geblättert und so getan, als ob ihn das Verfahren nichts anginge. Aber als der Staatsanwalt genau beschrieb, wie er gemeinsam mit seinem Mittäter Dennis B. eine junge Frau geschlagen und vergewaltigt hat, wie er ihren Widerstand brutal brach und auch weiter machte, als sie ihn mit den Worten „Bruder, ich kann nicht mehr. Du hast doch schon abgespritzt“ anflehte, aufzuhören sie zu missbrauchen, bricht es aus ihm heraus. Mohammed H. trommelt mit seinen Fäusten auf den vor ihm stehen Tisch, wirft seine Oberkörper vor und zurück und schüttelt mit dem Kopf. Für einen kurzen Moment kann man sich die Brutalität des Mannes in dem dunklen Jackett vorstellen. Seinem Anwalt gelingt es schnell, ihn zu beruhigen.

In am Dienstag vor dem Landgericht Düsseldorf begonnenen Prozess gegen Mohammed H. und seinen Komplizen Dennis B. geht es um schweren Menschenhandel, Geiselname Vergewaltigung und Betrug. Über Jahre hinweg sollen die beiden zusammen zwei Frauen dazu gebracht haben, als Prostituierte zu arbeiten. Bis zu 18 Stunden mussten die beiden anschaffen gehen. Von 11.00 Uhr morgens bis drei oder auch fünf Uhr Nachts erfüllten sie ihren Freiern jeden Wunsch, um möglichst viel Geld zusammen zu bekommen. Ständig mussten sie melden, wenn sie einen neuen Kunden hatten, zwischen zwei Freiern durfte die Pause nie länger als zehn oder 15 Minuten sein, sonst wurde ihnen Prügel angedroht. Und bei der Drohung blieb es nicht. Kamen nicht die geforderten 1000 bis 1500 Euro am Tag zusammen, wurden sie brutal zusammengeschlagen, gefoltert, und gedemütigt. Der Zwangsprostitution gingen die beiden Frauen nicht in Hinterhofbordellen oder kleinen Wohnungspuffs nach, sondern auch in den vermeintlich seriösen Aushängeschildern der Rotlichtbranche: Das Pascha in Köln und der Magnum-Saunaclub in Erkrath, der damit wirbt, der größte Puff Europas zu sein, gehörten zu den Bordellen in ganz Deutschland, in denen sie anschaffen mussten.

Beide Frauen wurden erst mit Lügen und Betrug in die Prostitution gezwungen, später kam dann ein bizarrer Kult um Mohammed H. dazu, dem sowohl die Prostituierten als auch Mittäter Dennis B. verfallen waren.

Bei beiden Frauen begann das Martyrium damit, dass sie eine Beziehung zu Dennis B. eingingen. Der brachte sie dann dazu, Darlehen aufzunehmen, die sie nicht zahlen konnten. Den Banken wurden gefälschte Arbeitsverhältnisse vorgespielt oder durch Überweisungen auf das Konto der Frauen Umsätze, die sie selbst nicht erzielten. Bei einer der Freundinnen gelang der Bankbetrug. Das geliehene Geld musste sie sofort an H. und B. abgeben. Die warteten schon im Auto vor der Bandfiliale darauf, dass sie mit dem Bargeld herauskam. Als ihr klar wurde, dass sie ihre Schulden nicht zahlen konnte und B. ihr auch nicht finanziell helfen würde, ließ sie sich zur Prostitution erpressen. Bei der anderen Frau gelang es nicht, die Bank hinters Licht zu führen. Ihr wurde gesagt, dass B. ins Gefängnisse käme und schnell 20.000 Euro benötigen würde, um der Haft zu entgehen. Das Geld könne sie nur zusammenbringen, wenn sie als Prostituierte arbeiten würde.

Immer wieder spielten die beiden mit den Ängsten der Frauen. Mohammed H. stilisierte sich als Heiliger, der Kontakt zu den Toten hätte. Die Gemeinschaft aus den Frauen, B. und ihm beschrieb er als Familie, einer Familie, der er vorstand und der alle andern zu dienen hatten. Eine der beiden Prostituierten ließ sich großflächig das Logo der Sekte tätowieren: D2H – Die zwei Heiligen. Das Geld benötigte er für ein angebliches Projekt, was genau dies gewesen sein sollte, führte der Staatsanwalt nicht aus. Ihr elendes Leben als Zwangsprostituierte in den Akkord-Puffs verkaufte er den Frauen als ihre Bestimmung, der sie zu folgen hätten. Auch B. stand so stark unter dem Einfluss von H., dass er sich die Kuppe eines Fingers abschnitt, um eine Frau zur Arbeit zu pressen. Auch dass B. sterben werde, wenn sie nicht genug Geld heranschaffen würden, wurde den Frauen gesagt. Mohammed H. gab damit an, übersinnliche Fähigkeiten zu haben und über Leben und Tod entscheiden zu können. Einer der beiden Frauen sagte er, B. sei tot gewesen und er hätte dafür gesorgt, dass er wieder lebe. Der gänzlich uncharismatisch wirkende Mohammed H., der eher die Ausstrahlung eines Vorstadtschläger hat, hatte es geschafft, Menschen in seinen Bann zu ziehen und zu seinen Sklaven und Komplizen zu machen.

Aber es gab auch Tage, an denen die Frauen nicht anschaffen mussten, an denen sie aus der Tretmühle der Bordelle und Saunaclubs heraus kamen. An diesen Tagen wurden sie von H. brutal vergewaltigt. B., der Mann den sie wohl liebten und für den sie bereit waren alles zu tun, machte mit, schaute zu und hielt eine der beiden Frauen sogar fest, als H. sie brutal missbrauchte.

Das Elend der beiden Frauen zwischen religiösem Wahn, Angst, Gewalt und sexueller Ausbeutung endete im Oktober vergangenen Jahres, als die Polizei die beiden in Folge eines Streits mit einer der beiden Zwangsprostituierten in der Nähe eines Puffs in Düsseldorf festnahmen. Seitdem saßen sie in Untersuchungshaft. Beiden drohen hohe Strafen. H. kann mit bis zu 14, B. mit zehn Jahren Haft rechnen. Nach seiner Festnahme stellte die Polizei bei Mohammed H. ein Vermögen von fast 600000 Euro sicher. Erpresst von zwei Frauen, die er zusammen mit seinem Komplizen B. in einer brutalen Abhängigkeit hielt und gnadenlos auspresste. Bei Dennis B. waren es gerade einmal gut 2000 Euro.

Vor Gericht wurden am Diebstag nur die 24 Anklagepunkte verlesen. Die beiden mutmaßlichen Täter äußerten sich ebenso wenig wie ihre Anwälte. Den beiden ehemaligen Prostituierten will das Gericht ersparen, ihren Peinigern gegenüber zu treten. Sie sollen außerhalb des Gerichtssaales befragt werden. Der Prozess wird am 8. Juli weitergeführt. Mit einem Urteil rechnet das Gericht Ende September.

Der Artikel erschien bereits in ähnlicher Fassung in der Welt.

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