Mario Sixtus hat ein Blog gegen die Terrorangst gestartet. Und jeder kann mitmachen.
Im Mission Statement erklärt Sixtus worum es ihm geht:
Gefährlicher als es ein Terroranschlag für unseren Staat jemals sein könnte, sind überaktive Politiker. Sie wollen im Windschatten einer vermeintlichen oder realen Terrorbedrohung unsere Freiheitsrechte beschneiden, Überwachungsstrukturen schaffen und ganze Bevölkerungsgruppen unter Pauschalverdacht stellen. Geben wir der Angst nach, haben die Terroristen gesiegt. Das gönnen wir ihnen nicht! Daher rufen wir allen politischen Entscheidungsträgern zu: Wir haben keine Angst!
Und da sehe auch ich das größte Risiko. Bedeutet das, dass die Gefahr eines Anschlags nicht realistisch ist? Keine Ahnung, ich bin kein Terrorexperte, weiß aber, dass da draussen eine ganze Menge Idioten sind, die die Art wie wir leben als Bedrohung empfinden. Und das zu Recht. Denn der Westen, seine Lebensart, hat eine ungeheure Ausstrahlung. Nicht nur die Demokratie. Vor allem die Freiheiten, die der Westen den Menschen eröffnet sind verführerisch. Wir leben in eimem sehr hohen Maße selbstbestimmt. Lieben wen wir wollen, essen was wir wollen, trinken was wir wollen, lesen was wir wollen, ziehen an was wir wollen, sagen was wir wollen. Wir entscheiden über uns. Das feste Regelwerk von Religionen gilt für uns kaum noch. Das erregt nicht nur muslimische Fundamentalisten. Auch die hiesigen Kirchen würden das Rad gerne zurückdrehen. Nur in jahrhundertelangen Konflikten wurden sie domestiziert. Der Papst ist heute für die meisten Menschen in Europa ein alter Mann, der gerne Kleider trägt und dessen moralischen Autorität sich in Grenzen hält.
Angst essen Seele auf ist der Titel eines Fassbinder Films und in dem Satz steckt viel Wahrheit. Viele wollen dass wir Angst haben. Unsere Angst ist ihr Triumph. Das gilt für irgendwelche Terroristen, die kaum erwarten können, sich in die Luft zu jagen ebenso wie für hiesige konservative Politiker, die den Terrorismus nutzen wollen, um unsere Freiheit zu beschneiden.
Natürlich kann etwas passieren. Und dann sollten wir reagieren. Robust, wie man so schön sagt. Aber auf keinen Fall mit Angst und dem Abbau unserer Rechte.
Angst haben müssen diejenigen, die den Menschen die Freiheit verweigern. Die sie einsperren wollen und Sorge haben, dass die Welt aus den Fugen gerät, wenn die Regeln aus alten Büchern nicht mehr gelten. Das Versprechen der individuellen Freiheit, unser antikes Erbe, das Geschenk Europas an die Welt, ist für sie eine Bedrohung. Wie heißt es so schön in 300? „Dort kauern die Barbaren, ihre Herzen zu Eis gefroren.“ Daran hat sich auch 2500 Jahren nach Plataiai nichts geändert.
Europa steckt in einer tiefen Krise. Nach Griechenland und Irland müssen nun wohl Portugal und vielleicht auch Spanien und Italien vor dem Staatsbankrott gerettet werden. Damit ist eines klar, die Eurozone wird sich massiv verändern.
Doch wie konnte es so weit kommen? Während in Griechenland schlichtweg der Umbau zu einem modernen Wirtschaften verpasst wurde, sieht die Lage in Irland gänzlich anders aus. Der „Keltische Tiger“ ist ein Produkt der EU-Wirtschaftsförderung. Mit dem Geld aus Brüssel wurde die Infrastruktur der Insel aufgebaut, vom Agrarland wandelte sich Irland zum Hightech-Standort mit vielen Bauernhöfen. Dass war so gewünscht und es hat auch geklappt.
Klar ist, dass Firmen wie Google, Dell oder Microsoft das Land nicht wegen seiner grünen Wiesen als Standort gewählt haben. Entscheidend war für sie die im Vergleich zu den EU-Flächenstaaten geringe Körperschaftssteuer. Aber auch die Sprache Englisch sowie die Tatsache, dass die Flugzeit nach Dublin von den USA aus kürzer ist als nach London, Frankfurt oder Paris, waren ausschlaggebend.
Mit seiner gut ausgebildeten Bevölkerung ist Irland für Investoren ein attraktiver Standort – und er bleibt es. Einige Bereiche wie der Pharmasektor weisen in dem Land Zuwächse aus.
Einer der Hauptvorwürfe gegen die irische Regierung zielt auf die laxe Regulierung des Bankensektors. Das ist in der Tat das Kernproblem. Wie die Briten hat Dublin den Finanzsektor nicht ausreichend im Auge behalten. Die Quittung kommt nun mit der Schieflage des Sektors mit den hervorstehenden Spielern Allied Irish Banks und Bank of Ireland.
Weil Irland Milliarden in die Finanzbranche pumpt, um die Banken vor der Pleite zu retten, muss das Land nun unter den Rettungsschirm von EU und IWF flüchten. Aber muss das sein? Warum die Banken nicht einfach in die Insolvenz schicken? Warum müssen die Verluste vom Staat getragen werden?
Sicherlich wären viele Spareinlagen verloren und auch die Verluste der Aktionäre wären bedauerlich. Aber eine Bank ist nun einmal ein stinknormales Unternehmen. Und als solches müssen sie bei Missmanagement auch pleite gehen dürfen. Ganz offensichtlich haben die irischen Banker einen verdammt schlechten Job gemacht, sonst würde es ihren Firmen auch besser gehen.
Ein solcher Insolvenz-Tsunami im irischen Finanzsektor würde zwar das Vertrauen in das Land belasten, aber er ließe Platz für eine schnelle Erholung. Die nun kommenden Finanzspritzen werden künftig bei der Bildung und dem Sozialsystem eingespart. Die von EU und dem Internationalen Währungsfonds geforderten Einsparungen werden dem Land zusätzlich die Luft nehmen.
Also, bitte lieber Premierminister Brian Cowen: „Let the banks go bankrupt!”
Und noch etwas zum Vorwurf der laxen Regulierung, wie in viele Kommentatoren aus Deutschland geäußert haben. Schaut euch bitte den eigenen Finanzsektor an. Die Milliardenverluste bei der WestLB, der HSH und der SachsenLB sind kein Beleg einer guten deutschen Regulierung. Für eine funktionierende Aufsicht spricht auch nicht, dass die Commerzbank mit Staatskohle gerettet werden musste.
In Essen haben angebliche Google-Fans rohe Eier auf Häuser geworfen, die bei Streetview nur gepixelt zu sehen waren. Gehts noch?
Herr, wirf Hirn vom Himmel:
Mehrere Reihenhäuser in Bergerhausen sind in der Nacht aus Samstag mit Eiern beworfen worden. Das berichten Anwohner. An die Briefkästen der Häuser klebten die Täter Zettel mit der Aufschrift „Google’s cool“ („Google ist cool“). Offenbar suchten sie sich ausschließlich solche Häuser aus, die im Panorama-Dienst „Google Street View“ unkenntlich gemacht worden waren.
Die Meldung steht auf der Westen. Früher wurde so etwas ja aus allen möglichen Gründen gemacht. Eier flogen schon wegen Atomenergie, Kündigungen und Räumungen gegen Fassaden. Aber nächtliche, illegale Aktionen weil sich Bürger dem Geschäftsfmodell eines Milliarden-Konzerns entziehen ist neu. Was kommt als nächstes? Anonyme Anrufe gegen Leute, die keine Coke kaufen? Prügel gegen Menschen ohne Markenklamotten? Wenn hinter der Aktion nicht die Titanic steht, ist sie das Absurdeste was ich seit langem gehört habe.
In einer früheren Version des Textes war von Farbeiern die Rede. Das stimmt nicht. Ich habe mich verlesen. Es waren rohe und nicht rote Eier. Sorry.
Nicht einmal, wenn man bei Google den Begriff „Unruheprovinz“ eingibt, bekommt man Darfur angezeigt. Man erhält Links zu Kundus, wo sich deutsche Soldaten im Kriegsdienst befinden, und zu Xinjiang, wo das Turkvolk der Uiguren gegen die chinesische Zentralregierung – und gegen die chinesischen Mitbürger – aufbegehrt. Darfur dagegen, als es noch in den Medien Erwähnung fand fast immer mit der erläuternden Bezeichnung „Unruheprovinz“, erscheint auf den ersten beiden Seiten der Google-Suchresultate nicht.
Dabei hat der Darfur-Konflikt seit 2003 Wikipedia zufolge „bis zu 400.000 Menschen das Leben gekostet und 2,5 Mio. in die Flucht getrieben“. Letztes Jahr erließ der Internationale Strafgerichtshof (IstGH) einen Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten al-Baschir – wegen der „Bedenken“ der Afrikanischen Union und der Arabischen Liga allerdings „nur“ wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, nicht aber wegen Völkermord. Gegenwärtig ist die weltgrößte Friedenstruppe in Darfur stationiert (UNAMID), um dem Gemetzel der dem islamistischen Regime treuen arabischen Reitermilizen Einhalt zu gebieten.
Die schwarzafrikanische Bevölkerung Darfurs gehört zwar ebenso dem sunnitischen Islam an wie al-Baschir und seine fundamentalistischen Schergen. Dies hat sie aber weder vor dem Völkermord, sorry: den Verbrechen gegen die Menschlichkeit bewahren, noch ihr Solidaritätskundgebungen hierzulande verschaffen können – auch nicht derer, die in anderen Fällen häufig einen „Völkermord an Muslimen“ wittern. Inzwischen ist Darfur fast vollkommen aus den Medien verschwunden – und der ganze Sudan gleich mit. Dies könnte sich jedoch in Kürze ändern.
Der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans droht nämlich erneut aufzubrechen; ein Krieg droht erneut auszubrechen. Der Norden ist arabisch geprägt, es gilt die Scharia, während die vornehmlich christliche Bevölkerung des Südens von der Zentralregierung unterdrückt wird. Zuletzt 22 Jahre lang – von 1983 bis 2005 – tobte ein blutiger Sezessionskrieg, dem geschätzt vier Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein dürften. Er wurde 2005 mit der Abmachung beendet, dass in der nunmehr entstandenen „autonomen Region Südsudan“ im Jahr 2011 ein Referendum stattfinden solle, in dem die knapp neun Millionen Einwohner entscheiden, ob sie Teil des Sudans bleiben oder sich trennen wollen.
Am 9. Januar soll es stattfinden, am 9. Januar 2011. Heute in sieben Wochen. Man kann sich denken, wie eine solche Volksabstimmung, fände sie denn statt, wohl ausgehen würde. Genauso gut kann man sich vorstellen, dass der Norden den Süden doch nicht so ohne weiteres abtreten möchte, zumal sich ein Großteil der immensen Ölvorkommen im Süden des Landes befindet. Der Süden ist fest entschlossen, am 9. Januar abzustimmen; der Norden ist nicht bereit, ein Drittel seines Staatsgebiets widerstandslos abzugeben. Die „tickende Zeitbombe“, so US-Außenministerin Hillary Clinton, steht vor der Explosion.
Im Streit um die Wählerlisten, den Grenzverlauf und die Aufteilung der Öleinnahmen droht das Referendum unterzugehen. „Der Norden und der Süden steuern auf ein neues Blutvergießen zu“, wird ein „Insider“ zitiert. Nachdem am Freitag, den 5. November, ein besonders umstrittenes, weil ölreiches Gebiet an der Grenze zum Süden des Landes von Regierungstruppen aus der Luft angegriffen wurde, befasste sich der UN-Sicherheitsrat am letzten Dienstag mit der dramatischen Lage im Sudan, um dies dann den Agenturen in die Hand zu drücken: Der UN-Sicherheitsrat zeigte sich besorgt über eine Verschiebung des Referendums über die Unabhängigkeit des Süden Sudans und kritisierte die unausreichende finanzielle Vorbereitung der Regierung in Sudan für das Referendum, die Konflikte zwischen Rebellen und Regierungstruppen, die Angriffe auf UN-Einheiten und die Entführung eines UN-Beamten.
Was aus dem Abkommen von 2005 wird, ist gegenwärtig völlig unklar. Im „Spiegel“ heißt es heute in einem Bericht von Matthew Teague: „Die chaotische Geschichte des Landes und die anhaltenden, verdeckt ausgetragenen Konflikte machen es unmöglich vorherzusagen, ob der Vertrag die Wahlen zur Unabhängigkeit 2011 überstehen wird.“ Denn, so Ines Zöttl in der FTD, „selbst wenn die Abstimmung stattfindet, droht Gefahr. Der Norden wird das Ergebnis anfechten, der Süden sich daraufhin einseitig für unabhängig erklären. Was dann passiert, kann man sich in Abstufungen des Grauens ausmalen: Beide Seiten haben die letzten Jahre genutzt, um aufzurüsten. Der US-Journalist und Autor Nicholas Kristof hat schon eine ,Chronik des angekündigten Völkermords` entworfen: Milizen aus dem Norden rücken aus und morden, brandschatzen und vergewaltigen im Süden. Al-Baschir lässt die Ölförderanlagen von der Armee besetzen. Das Land versinkt im Chaos.“
Ein Schreckensszenario, das wegen der vielschichtigen Interessen der vielen Nachbarstaaten des Sudans Auswirkungen haben dürfte, die wir in Europa seinerzeit als „Weltkrieg“ bezeichnet hatten. Wegen der Rohstoffe – nicht nur des Öls -, aber auch wegen des islamistischen Regimes in Khartoum, und nicht zuletzt wegen der „Engagements“ sowohl Chinas wie auch der USA wäre auch Europa von den Folgen einer solchen Katastrophe ungleich stärker betroffen als von den bisherigen Waffengängen im größten Flächenstaat Afrikas, die uns hier ziemlich kalt ließen, weil sie uns kalt lassen konnten. Welchen Weg der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans nehmen wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Noch besteht Hoffnung – gerade wegen des Einflusses aus Peking und aus Washington. Die USA haben, wie bei Greenpeace im einzelnen nachzulesen ist, dem Sudan ein Ende der amerikanischen Sanktionen in Aussicht gestellt. Und auch die Chinesen scheinen entschlossen, das Referendum zu unterstützen und zu akzeptieren.
Zwei deutsche Journalisten werden seit 42 Tagen vom Iran gefangen gehalten. Sie arbeiteten für die Bild am Sonntag. Heute hat sich deren Chefredakteur Walter Mayer an die Öffentlichkeit gewandt.
Die zwei Kollegen wollten im Iran über die Geschichte von Sakine Aschtiani recherchieren. Der Frau, die wegen Ehebruch zum Tod durch Steinigung verurteilt worden ist. Beide wurden vom iranischen Regime festgenommen. Der Vorwurf: Sie seien Spione.
So etwas machen Diktaturen gerne. Wer mehr wissen will, ist ein Agent. Ein guter Bürger glaubt, schweigt und fragt nicht nach.
In seinem Text in der heutigen Ausgabe der Bild am Sonntag legt der BamS-Chredakteur Walter Mayer den Fall noch einmal dar und erinnert an das Schicksal der beiden Kollegen. Er fordert ihre Freilassung. Und die des Sohnes und des Anwalts von Sakine Aschanti, die auch festgenommen wurden.Und dann, am Ende des Textes, findet Mayer ebenso einfache wie beeindruckende Wort zu den Journalisten und der von der Steinigung bedrohten Frau:
Kenner des Irans erklären, der Fall sei kompliziert. Es gehe um iranische Außen- und Innenpolitik, um rivalisierende Machtzentren, um Fanatiker und Gemäßigte, die sich gegenseitig blockieren, um Intrigen und Propaganda.
Mag alles sein. Im Grunde, davon bin ich überzeugt, geht es aber um ganz eindeutige Fragen. Darf man lieben, wen man liebt? Darf man leben, wie man will? Darf man sagen, was man denkt? Darf man nachfragen, wo man Ungerechtigkeit sieht?
Es geht um die Freiheit. Und Pressefreiheit ist der Gradmesser der Freiheit.
Mehr gibt es nicht zu sagen. Und besser kann man das kaum sagen.
Update:
Die BamS hat einen ausführlichen Artikel zu den Hintergründen der Festnahme veröffentlicht
Die Alliierten werden Afghanistan verlassen. Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen. Die Taliban haben gewonnen.
Wichtig scheint jetzt allen Beteiligten auf Alliierter Seite die Gesichtswahrung und nicht mehr die Durchsetzung militärischer und politischer Ziele. In ein paar Jahren soll die afghanischen Regierung auch die militärische Verantwortung übernehmen. Eine Bande korrupter Drogenhändler und Wahlfälscher – sie werden sich nicht lange halten können. Der Westen hatte in Afghanistan keine Partner, um das Land aufzubauen. Um eine Demokratie aufzubauen. Der Krieg war nicht zu gewinnen.
Die Taliban werden, kurz nach dem, Abzug der letzten alliierten Kampfeinheiten die Macht übernehmen. Wer sich in den vergangenen Jahren dem Westen geöffnet hat, wird einen hohen Preis zahlen. Viele werden sterben und über die Zukunft solcher Ideen wie Schulen für Mädchen müssen wir nicht mehr reden. Es wird dunkel werden in Afghanistan – noch dunkler.
Und die Niederlage des Westens wird vielen Lust auf mehr machen. Sie wird all die fundamentalistischen Kämpfer in ihrem Glauben bestärken, dass der Westen schwach und schlagbar ist. Der Krieg wird sich verlagern. In andere Länder und auch ein wenig mehr zu uns hin.
Denn bei allen Argumenten gegen den Krieg in Afghanistan , die hier auch schon ausführlich diskutiert wurden, hatte dieser Krieg eine Berechtigung: Gotteskrieger aus aller Welt kamen nach Afghanistan um gegen die Alliierten zu kämpfen. Und die Truppen der Alliierten verhalfen vielen dazu, Märtyrer zu werden. Sie lernten, dass der Westen nicht ganz so schwach ist, wie sie es erhofft haben. Sie lernten es durch Drohnen, Schnellfeuergewehre und Daisy-Cutter.
Gotteskrieger aus Deutschland, Frankreich, England, Saudi-Arabien, dem Jemen, Pakistan und vielen anderen Länder zog es in die afghanischen Berge. Dort führte der Westen seinen Krieg gegen sie – auf fremden Territorium. Das war – auch wenn es zynisch klingt – für uns in Europa und den USA ein Vorteil. Daheim war es weitgehend ruhig, das Schlachtfeld war weit weg.
Wenn der Westen Afghanistan verlassen haben wird, wird dieser Konflikt mit den Gotteskriegern nicht vorbei sein. Er begann vor dem letzten Krieg in Afghanistan und wird mit dem Rückzug nicht enden. Er wird nur an anderen Orten geführt werden. Nicht mehr in der Nähe des Flughafens von Kabul, sondern vielleicht in der Nähe des Flughafens Frankfurt. Oder in New York und London. Der Abzug der Alliierten aus Afghanistan ist nicht das Ende des Krieges. Es ist der Beginn einer neuen Phase des Krieges. Über den Satz von Struck, die Freiheit des Westens wird auch in Afghanistan verteidigt, kann mich sich gut lächerlich machen. Falsch ist er nicht.
so denken Online-Produktmanager im Geheimen. Der User soll so oft wie nur irgendwie erzwingbar klicken – außer bei Abofallen natürlich, da macht man es ihm leicht, Abzock-Angebote wahrzunehmen.
Mich nervt das ziemlich, da es unnötig Zeit kostet und mir zudem weh tut. Ich habe Probleme mit der Pfote von der dauernden Scheißklickerei. Auch die berüchtigten klickschindenden Foto- oder inzwischen auch Textstrecken („die 500 besten Chef-Witze“) erfordern normalerweise unbedingt einen Mausklick – nur selten tut es die weniger schmerzhafte Rechts-Taste auf dem Keyboard, obwohl die für die Werbeklicks genauso zählt.
Was aber mehr als auffällig ist: Es werden in letzter Zeit immer mehr überflüssige, extra mit der Maus (und natürlich nur mit der Maus, es muß ja gefälligst wehtun!!!) anzukreuzende Kästchen in irgendwelche Vorgänge eingebaut.
So beispielsweise bei jedem, aber wirklich jedem Online-Paketportodruck bei DHL Immer ist irgendwo ganz unauffällig ein Kästchen eingebaut „Ich habe die AGB von DHL gelesen, verstanden und akzeptiert“, das man mit der Maus anpeilen und ankreuzen muß. Ja Himmel! Reicht es denn nicht, die einmal zu lesen und zu akzeptieren? Muß man es jedesmal aufs Neue tun und das auch noch immer mit einem rechtsverbindlichen Mausklick bestätigen?
Na klar, denn ein Klick bedeutet mehr Werbeinnahmen: Jeder übersieht das Kästchen beim ersten Mal, es erscheint eine fehlermeldung, die Seite muß also neu geladen werden, wenn man Pech hat, muß man sogar etliche Eingaben (Paßwort etc.) neu machen -> mehr Seitenzugriffe und damit mehr Werbegeld. Denn Werbung ist heute auf Webseiten überall, selbst wenn man bereits Kunde ist und bereits beispielsweise eine Paketmarke kauft oder eine Bahnfahrkarte, soll man mit Zappel-Ads am liebsten noch aus dem Zahlvorgang herausgelockt werden, diesen abbrechen, um doch lieber etwas anderes zu kaufen!
Oder das da oben. Auf „Stimmen Sie den Nutzungsbedingungen der eBay Community zu“ klickt natürlich jeder auf „Ich bin einverstanden“. Das ist logisch, das ist ergonomisch. Aber das ist natürlich die Klickfalle: Man muß zuvor auch noch „Ich akzeptiere den Grundsatz zur Nutzung der Community.“ ankreuzen. Auch wenn den niemand kennen wird. (Er ist unter diesem Satz als Link versteckt). Das übersieht jeder, die Seite wird ein zweites Mal geladen -> mehr Werbeeinahmen.
Und warum wollte ich überhaupt auf diese Ebay-Seite? Um die Ad-Choice-Werbung abzustellen. Doch dazu ein andermal.
In seinem Zimmer hat Dennis nur das Nötigste. Ein Bett, eine kleine Kommode und einen Schreibtisch. Die Wände sind in gelben und grünen Pastelltönen gestrichen. Es gibt weder Bilder noch Fotos. Außer eines. Direkt über dem Bett. Dort hängt ein Bild aus Metall an einem kleinen Nagel. Es zeigt eine junge Frau im Seitenprofil mit langen Haaren und einer brennenden Kerze. Dieses Bild gehörte der russischen Journalistin Nadezhda Chaikova. Seiner Mutter.
Dennis setzt sich auf sein Bett. Er hat kurze leicht gelockte Haare, trägt weite Jeans und einen blauen Kapuzenpullover. Er nimmt einen Schluck aus einer Plastikfalsche. Dann blickt er auf den Boden und fängt an zu erzählen. „Sie war auf der Suche nach der Wahrheit. Mitten im Krieg. Sie ist nach Tschetschenien gefahren, um über die Geschehnisse von dort zu berichten. Von ihrem Blickwinkel. Dabei hatte sie Kontakt mit sehr gefährlichen Leuten. Ein Mal hat sie schlechtes Glück gehabt und ist nicht zurückgekommen.“
Seine Mutter schreibt damals für die russische Wochenzeitung „Obshchaya Gazeta“. Zwischen 1994 und 1996 fährt sie regelmäßig nach Tschetschenien, um über den Krieg mit Russland zu berichten. Sie will wissen, was die Menschen in der Kaukasusrepublik bewegt. Dafür spricht sie mit beiden Seiten. Sie trifft sich mit tschetschenischen Rebellen und interviewt russische Sicherheitskräfte. „Meine Mutter hat sehr intensiv gearbeitet. Sie war immer weg und hat mich bei Freunden gelassen. Aber ich wusste nie wo sie ist oder was passiert. Niemand hat mir was gesagt. Manchmal bin ich im Kindergarten bis spät nachts geblieben. Ganz alleine.“
Seine Verwandten kümmern sich zwar um ihn, aber oft ist Dennis auf sich selbst gestellt. Sein syrischer Vater lebt zu dieser Zeit nicht mehr in Moskau, sondern wieder in seiner Heimat. Trotz der großen Belastung macht er seiner Mutter keinen Vorwurf. „Ich war nie sauer. Ich wollte nur wissen, wieso sie nicht da ist. Und ich habe bis heute keine Antwort auf die Frage.“
Wenn seine Mutter von ihren Reisen zurückkommt, ist die Freude groß. Daran kann Dennis sich noch gut erinnern. Doch irgendwann gibt es kein Wiedersehen mehr. Seine Mutter geht immer größere Risiken ein. Sie arbeitet verdeckt, kleidet sich wie eine Tschetschenin. Offenbar gelingt es ihr brisantes Videomaterial zu sammeln, das die russischen Truppen schwer belastet. Es soll den Überfall des russischen Militärs auf das tschetschenische Dorf Samashki zeigen. Im Frühjahr 1996, kurz nach den Aufnahmen, wird Nadezhda Chaikova entführt und ermordet. Das Video verschwindet. Damals ist Dennis sechs Jahre alt.
Seine russischen Verwandten sind mit der Situation vollkommen überfordert. „Als sie gestorben ist, hat meine Familie mir gar nichts davon erzählt. Weil sie das selber emotional nicht hantieren konnten, mir zu erzählen, dass meine Mutter tot ist.“ Aber auch ohne Worte versteht Dennis, dass seine Mutter nicht mehr lebt. „Ich habe einfach gefühlt, dass sie tot ist…ich habe sie vermisst.“ Am Tag ihrer Beerdigung ist die öffentliche Anteilnahme groß. Im Zentrum von Moskau sind die Straßen voller Menschen. Alle nehmen Abschied von der jungen Journalistin. Außer ihr Sohn Dennis. Er ist nicht dabei. Die Verwandten schweigen beharrlich. Der verpasste Abschied beschäftigt ihn bis heute. Erst ein Jahr später, als er bei seinem Vater in Syrien lebt, sagt der ihm die Wahrheit. „Die Verwandten von meiner Mutter haben nichts gesagt und er hatte Angst. Wie soll ich meinem Sohn das erklären? Ich kann mich erinnern, dass ich fast nicht geweint habe. Ich hab’ gesagt, ich wusste das schon lange. Aber ich wollte das dir nicht erzählen, weil ich Angst hatte, dass du traurig wirst.“
Zwei Jahre bleibt Dennis bei seiner syrischen Familie. Für ihn eine besonders schöne und wichtige Zeit. „Ich habe gute weibliche Vorbilder in meinem Leben gehabt. In Syrien. Die Schwestern von meinem Vater waren immer für mich da. Statt meiner Mutter.“ Später lebt er wieder in Russland und zieht 1999 mit seinem Vater nach Schweden, der dort als Dolmetscher arbeitet. Heute spricht Dennis fünf Sprachen. Eine Muttersprache kennt er nicht. Wie er denkt und träumt hängt immer davon ab, wo er sich gerade aufhält. In seiner Freizeit treibt er Kampfsport und beschäftigt sich mit der Malerei. Plötzlich steht er auf und zieht eine große Mappe unter dem Bett hervor. „Hier sind einige meiner Zeichnungen“. Er klappt die Mappe auf und legt ein Bild auf den Laminatboden. Es zeigt einen Mann mit einem Schnurrbart, der ein Mikrophon in der Hand hält. Der Blick ist starr. Aus seinem Mund läuft Blut. „Das Blut könnte symbolisch für seine Nachricht stehen. Aber eigentlich ist es besser, wenn ich nicht erkläre, was ich male. Dann verliert es an Wirkung. Der Betrachter soll es deuten.“
Neben dem Malen und dem Sport ist der Zugang zum Internet für ihn sehr wichtig. Dort kommuniziert er mit seinen Freunden in Schweden und verfolgt, was in den Medien passiert. Denn auch vierzehn Jahre nach dem Tod seiner Mutter riskieren viele Journalistinnen und Journalisten in Russland immer noch ihr Leben. 2006 wird Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung erschossen. 2009 wird Natalja Estemirowa entführt und ermordet. Und Anfang des Monats wird der Journalist Oleg Kaschin brutal zusammengeschlagen. „Ich denke, dass sie sehr mutig sind. Aber es gibt keine Wahrheit im Krieg. Es gibt keine Wahrheiten da. Die Sachen sind, wie sie sind. Im Krieg. Die Leute, die im Krieg sterben, sind nicht die Leute, die vom Krieg profitieren. Die Versteckten hinter den Kulissen retten ihre Ärsche immer.“
Auch im Fall seiner Mutter gibt es bis heute keine Wahrheit. Der Mord wurde nie aufgeklärt. „Meine Mutter hat eine kleine Notiz hinterlassen, dass wenn ihr was passiert, dass wir nicht die tschetschenischen Rebellen beschuldigen sollen, sondern den russischen Geheimdienst. Darüber kann man viel spekulieren. Also beide Seiten hatten genug Motive. Vielleicht waren es doch die Rebellen. Keine Ahnung.“ Dennis möchte wissen, wer seine Mutter umgebracht hat. Aber er will nicht, dass dieser Wunsch sein Leben bestimmt. Denn auch das Wissen um die Wahrheit könnte ihm seine Mutter nicht zurückbringen. „Für meine Mutter wäre es wichtiger gewesen, dass es keine Kriege mehr gibt, als dass ihr Mörder gefunden wird. Das wäre in ihrem Sinne. Dass es endlich Frieden gibt.“
Krankenhäuser in NRW können gefährliche Orte sein. Foto: Bilderbox
Der Besuch eines Krankenhauses ist in NRW kann gefährlich werden. Über 90 Prozent der Kliniken im Land halten sich nicht an das Arbeitszeitgesetz für Ärzte. Die stehen häufig übermüdet am OP-Tisch. Ein Risiko für Patienten und Ärzte.
Ulrich M. ist Gynäkologe. Er arbeitet als Oberarzt in einem Krankenhaus im südlichen Ruhrgebiet. Und das tut er häufiger, als ihm und seinen Patienten gut tut: „Vom Zeitaufkommen her habe ich eigentlich zwei Jobs. Zusammen mit meinen Diensten arbeite ich 60 bis 70 Stunden die Woche.“ Und das oft deutlich mehr als 12 Stunden hintereinander. M. ist keine Ausnahme. Im Sommer kontrollierten die Arbeitsschutzbehörden des Landes 40 Krankenhäuser – jedes zehnte in NRW. Das Ergebnis kam durch eine kleine Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Dr. Stefan Romberg heraus: In 37 der überprüften Kliniken kam es zum teil zu massiven Verstößen gegen die Arbeitszeitgesetz: In 22 Krankenhäusern arbeiteten der Ärzte mehr als 10 Stunden am Stück. In 15 Krankenhäusern sogar länger als 24 Stunden hintereinander. Dazu kamen noch Verstöße bei den Ruhezeiten und verweigerte Ruhetage. 101 Verstöße in 37 Krankenhäusern wurden so gezählt.
Für Dr. Stefan Romberg, selbst Neurologe, liegen die Gründe auf der Hand: „Die Kontrollen sind zu lax und die Konsequenzen bei Verstößen nicht hart genug. Es kann doch nicht sein, dass ein LKW-Fahrer und seine Spedition bei Verstößen gegen die Lenkzeiten härter bestraft werden als ein Krankenhaus, dass seine Ärzte bis zum Umfallen schuften lässt.“ Das sieht auch die Landesregierung so. Auf eine Anfrage der Welt am Sonntag erklärt das Arbeitsministerium künftig Krankenhäuser stärker kontrollieren zu wollen. Im Moment fehle allerdings das Personal: „ Seit der Verwaltungsstrukturreform 2007, die vom damaligen FDP-Innenminister Wolf umgesetzt wurde, sind ca. 20 Prozent der Fachleute in der Arbeitsschutzverwaltung abgebaut worden. Dies bleibt natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit der Arbeitsschutzverwaltung.“
Die Überlastung ist längst der Normalfall geworden. Fast drei Viertel aller Befragten Klinikärzte haben in einer Befragten gegenüber der Ärztekammer Westfalen-Lippe haben eingeräumt, häufig gegen das Arbeitszeitgesetz zu verstoßen und länger zu arbeiten oder arbeiten zu müssen als zulässig.
Zum Nachteil nicht nur der Ärzte, die durch den Druck und die Belastung in ihrem Beruf ein hohes gesundheitliches Risiko eingehen. Auch für den Patienten ist der übermüdete Arzt eine Gefahr: Nach 24 Stunden ohne Schlaf ist er in seiner Leistungsfähigkeit so eingeschränkt, wie mit einem Promille Alkohol im Blut.
Aber Romberg hat noch einen weiteren Grund für die Probleme in den Krankenhäusern ausgemacht: „Es gibt zu wenige Ärzte. Und das wird sich so bald auch nicht ändern. Das Problem wird in Zukunft größer werden.“
Das bestätigt auch der Marburger Bund, in dem sich viele Klinikärzte zusammengeschlossen haben. 6.000 Ärzte fehlen schon heute in Deutschland – allein in NRW sind es weit über 1000. Und weil in den 90er Jahren die Zahl der Studienplätze von 12.000 auf 8.000 gesenkt wurde, ist von den Hochschule kaum Entlastung zu erwarten: „Damals“, sagt Michael Helmkamp Sprecher des Marburger-Bundes in NRW, „gingen alle von einer Ärzteschwemme aus. Das war ein Fehler. Heute haben wir einen Ärztemangel. Und der wird schlimmer werden. In den kommenden fünf Jahren werden 71.000 Ärzte in den Ruhestand gehen. Nur 40.000 Ärzte rücken nach.“ Und das auch nur in der Theorie: Viele Mediziner wollen nach dem Studium nicht in einem Krankenhaus oder einer Praxis arbeiten. Heute gehen 40 Prozent der Absolventen nach dem Studium zu Unternehmensberatungen oder in die Pharmaforschung.
Der Beruf des Arztes ist nicht mehr attraktiv genug. Zwar liegt das Einkommen noch immer über dem Schnitt anderer akademischer Berufe, aber der Preis, den die Ärzte dafür zahlen, ist hoch. Der Beruf lässt sich schwer mit dem Familienleben vereinbaren: Viele Überstunden gehören zum Alltag. Die finden häufig in der Nacht und am Wochenende statt und sind oft schlechter bezahlt als der normale Dienst.
Vor allem viele Absolventinnen, über die Hälfte der Medizinstudierenden sind weiblich, und wollen nicht nur für ihren Beruf leben.
Auch der demographische Wandel wird keine Entlastung bringen. Zwar wird in den kommenden Jahrzehnten die Bevölkerung immer kleiner werden. Aber sie wird auch älter. Mehrfacherkrankungen und altersbedingte Krankheiten wie Demenz und Diabetes werden allerdings zunehmen. Es wird volle in den Krankenhäusern und Praxen.
„Der Arztberuf muss wieder attraktiver werden“, fordert Stefan Romberg. Er selbst arbeitet auf einer Viertelstelle als Neurologe in einem Krankenhaus. Eine Ausnahme. „Wir müssen viel mehr Teilzeitstellen für Ärzte in den Krankenhäusern anbieten.“
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums ist die Zahl der Teilzeit in den vergangenen zehn Jahren stark angestiegen. Sie hat sich zwischen 1999 und 2009 von 1.537 auf 5.301 mehr als verdreifacht. Teilzeitbeschäftigt waren demnach 2009 15,8 Prozent der Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus. Zum Vergleich: 1999 waren es nur 5,4 Prozent. Im Ländervergleich liegt NRW damit leicht über dem Durchschnitt. Im Ministerium glaubt man dass eine Steigerung der Teilzeitstellen um weitere zwei oder drei zusätzliche Prozentpunkte möglich ist.
Der Marburger Bund fordert daher auch die Entlastung der Ärzte von Verwaltungsaufgaben. Die sollen sich wieder mehr um die Patienten kümmern können. Im Moment ist das nicht der Fall. Ein Arzt verbringt zur Zeit drei bis fünf Stunden am Tag mit dem Ausfüllen von Formularen und dem Schreiben von Berichten. Zeit, die er nicht für seine Patienten arbeiten kann.
Das Problem der fehlenden Klinikärzte ist in NRW ungleich verteilt. In attraktiven Städten wie Köln, Düsseldorf oder Bonn haben die Krankenhäuser noch keine Probleme Ärzte zu finden – auch wenn sie bei immer geringeren Bewerberzahlen kaum noch auswählen können, wer künftig ihre Patienten behandeln soll.
Im Sauerland, Ost-Westfalen und dem nördlichen Ruhrgebiet ist die Lage schon heute schwieriger. Hier ist das kulturelle Angebot klein, hier gibt es wenig Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten – wer kann, meidet solche Regionen.
Das macht sich schon heute in zahlreichen Praxen bemerkbar. Vor allem auf dem Land finden sich immer seltener Ärzte, die eine Praxis übernehmen wollen.
Krankenhäuser fangen zumindest einen kurzfristigen Mangel durch Honorarärzte auf. Die sind Freiberufler, werden von speziellen Agenturen vertreten und bekommen bis zum Dreifachen des Honorars eines normalen Klinikarztes. Freies Wohnen oder auch mal ein Fahrrad obendrauf sind keine Seltenheit. Und den Normalen Mangel fangen die Kliniken mit Überstunden und Diensten auf – auch gegen das Gesetz.
Abhilfe wird nach der übereinstimmenden Meinung von Stefan Romberg und dem Marburger Bund nur ein Bündel an Maßnahmen bringen: Neben mehr Teilzeitstellen und einer Entbürokratisierung der ärztlichen Arbeit müssen auch wieder mehr Studienplätze geschaffen werden. Ärztefunktionäre fordern schon seit langem einen neuen Studienstandort für Ärzte im ostwestfälischen Bielefeld. Ohne teuren Uni-Klink-Neubau sollen die Medizinstudenten ihre Praxis in verschiedensten Krankenhäusern sammeln, wie es in Bochum schon der Fall ist. Das dortige Uniklinikum besteht aus der Kooperation mehrer Krankenhäuser. Aber ob und wann die Pläne für einen neuen Medizinstudienort Wirklichkeit werden, steht in den Sternen.
Vielleicht hilft ja ein anderer Vorschlag Rombachs, den Mangel an Klinikärzten in Zukunft zu verringern. Der Liberale wünscht sich, dass sich die Universitäten bei der Auswahl der Medizinstudenten künftig weniger stark am Notendurchschnitt orientieren. Das Verfahren würde die Frauen bevorzugen, die im Durchschnitt bessere Abiturnoten als die Männer hätten – aber auch kein so großes Interesse, später in einem Krankenhaus zu arbeiten.
Der Artikel erschien in ähnlicher Form in der Welt am Sonntag
Asmaa Alghoul In Gaza werden Bloggerinn bedroht. Ein Beispiel stellt unsere Gastautorin Annina Schmid vor.
Die Bloggerin und Journalistin Asmaa Alghoul aus Gaza, die ich während des Young Media Summits in Kairo kennengelernt habe, hat eine Morddrohung erhalten: Jemand, der sich ‚Masirek‘ nennt, drohte damit, sie vor den Augen ihres Sohnes zu verbrennen. Lina Ben Mhenni, die ebenfalls Teilnehmerin des Summits war, veröffentlichte einen Post, in dem sie ihre Solidarität mit Asmaa bekundet und Masireks verbale Attacke zu recht verurteilt. Asmaa kämpft gegen sogenannte Ehrenmorde und für die Rechte palästinensischer Frauen. Da sie auf Arabisch bloggt, kann ich leider derzeit nicht sagen, welche ihrer Äußerungen die Morddrohung provozierte. Vielleicht kann jemand helfen?
Drohungen gegen Blogger sind übrigens nicht selten. Es gab auch in Deutschland Fälle schlimmer Schikane, die so weit ging, dass sich die Polizei einmischen musste. Auch in Asmaas Fall wurde die palästinensische Regierung bereits in Kenntnis gesetzt. Es ist wichtig, sich stets darüber im Klaren zu sein, dass Drohungen, auch wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden, erstens strafrechtlich relevant und zweitens eine Form der Misshandlung sind. Auf Girls Can Blog gab es erst neulich einen kurzen Post, der das Thema Verbal Abuse behandelte.
Annina Schmidt ist Herausgeberin des Blogs Girls can Blog. Dort ist der Text auch auf Englisch zu lesen.