Die Bundesliga hat das Geld – die 2. Liga die Seele

Das Ruhrstadion in Bochum. Archiv-Foto: Roland W. Waniek

Die 2. Fußball-Bundesliga startet am kommenden Wochenende in die Saison 2026/27. Und obwohl mit dem FC Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf gleich zwei große Namen die Liga zuletzt in unterschiedliche Richtungen verlassen haben, dürfte die Vorfreude vieler Fußballfans auf die Rückkehr des Unterhauses kaum geringer sein als auf den Start der Beletage Ende August. Das klingt zunächst paradox. Ist es aber gar nicht.

Denn die 2. Liga hat sich längst zu einem Wettbewerb entwickelt, der vieles verkörpert, was der 1. Bundesliga in den vergangenen Jahren zunehmend verloren gegangen ist.

Mehr Tradition als Retorte

Wer einen Blick auf den Spielplan des ersten Spieltags wirft, versteht sofort, warum die Vorfreude groß ist. Schon das Eröffnungsspiel zwischen dem VfL Bochum und Hertha BSC versprüht mehr Fußballgeschichte als manch komplette Bundesliga-Runde.

Während sich das Oberhaus seit Jahren mit Klubs schwertut, deren Strahlkraft außerhalb ihrer Region überschaubar bleibt, ist die 2. Liga inzwischen eine Art Auffangbecken des deutschen Traditionsfußballs geworden. Kaiserslautern, Nürnberg, Hannover, Hertha, Braunschweig, Dresden, Magdeburg oder Karlsruhe – hier treffen Vereine aufeinander, deren Namen noch immer Emotionen auslösen.

Natürlich gehören auch Bayer Leverkusen oder die TSG Hoffenheim inzwischen fest zur Bundesliga. Sportlich ist daran nichts auszusetzen. Doch gerade Leverkusen steht trotz aller Erfolge sinnbildlich für ein Problem des modernen Fußballs: Titel allein erzeugen eben keine jahrzehntelang gewachsene Fußballromantik. Geschichte lässt sich nicht kaufen und Tradition nicht künstlich erschaffen.

Die Zuschauer sprechen eine eindeutige Sprache

Wer glaubt, diese Sichtweise sei bloße Nostalgie, sollte sich die Zuschauerzahlen ansehen. Mit durchschnittlich über 28.000 Besuchern pro Spiel bewegte sich die 2. Bundesliga zuletzt auf einem Niveau, von dem viele europäische Erstligisten nur träumen können. Selbst die französische Ligue 1 musste zuletzt hinter Deutschlands Unterhaus zurückstehen.

Noch beeindruckender wird es beim Blick auf einzelne Vereine. Schalke lockte in der vergangenen Saison im Schnitt über 60.000 Zuschauer pro Heimspiel an und ließ damit internationale Schwergewichte wie Paris Saint-Germain oder Manchester City hinter sich. Auch Hertha, Kaiserslautern, Hannover oder Nürnberg bewegen sich auf einem Niveau, das europaweit Beachtung verdient.

Diese Zahlen erzählen eine Geschichte, die den Verantwortlichen im deutschen Fußball eigentlich zu denken geben müsste. Die Menschen kommen eben nicht ausschließlich wegen Tabellenplätzen. Sie kommen wegen Identifikation, Geschichte und Atmosphäre.

Der Fußball wirkt wieder greifbar

Gerade in einer Zeit, in der die FIFA regelmäßig mit fragwürdigen Entscheidungen, immer neuen Wettbewerben und grenzenloser Kommerzialisierung Schlagzeilen produziert, entwickelt die 2. Bundesliga beinahe unfreiwillig den Charme eines Gegenentwurfs.

Natürlich wird auch hier längst professionell gearbeitet. Auch hier bestimmen Millionenbeträge den Alltag. Und dennoch wirkt vieles näher am eigentlichen Fußball.

Die Stadien leben von aktiven Fanszenen. Auswärtsfahrten haben oft noch den Charakter kleiner Fußballfeste. Begegnungen wie Bochum gegen Hertha, Kaiserslautern gegen Nürnberg oder Dresden gegen Hannover fühlen sich einfach echter an als manches Bundesligaspiel zwischen zwei Vereinen, deren Fanbasis überschaubar bleibt. Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis des Unterhauses.

Ein Warnsignal für die Bundesliga

Die Beliebtheit der 2. Bundesliga ist allerdings nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Sie ist zugleich ein Warnsignal. Denn wenn sich immer mehr Fußballfans auf das Unterhaus mindestens genauso freuen wie auf die Bundesliga, dann stimmt im deutschen Oberhaus etwas nicht mehr.

Seit Jahren diskutieren Traditionsvereine über die Verteilung der TV-Gelder. Dass sportlicher Erfolg honoriert werden muss, steht außer Frage. Doch wenn Vereine mit riesigen Fanlagern regelmäßig hinter Klubs landen, die weder Stadien füllen noch nennenswerte TV-Quoten erzielen, läuft das System zumindest Gefahr, den Fußball von seiner Basis zu entfremden. Die Bundesliga braucht sportliche Qualität. Aber sie braucht eben auch Vereine, die Menschen bewegen. Auf Klubs wie Hoffenheim, Leverkusen, Paderborn und Augsburg könnten wohl viele Fußballfreunde gut und gerne verzichten.

Vielleicht ist genau deshalb die Vorfreude auf die neue Zweitliga-Saison derzeit so groß. Nicht, weil dort der bessere Fußball gespielt wird. Sondern weil dort vielerorts noch das zu finden ist, was den Fußball einmal groß gemacht hat: Leidenschaft, Tradition und das Gefühl, dass es um mehr geht als nur um Bilanzen und Investoren.

Die 2. Bundesliga ist längst kein Schatten der Bundesliga mehr. Sie ist für viele Fans inzwischen die ehrlichere Liga. Und das sollte den Verantwortlichen im deutschen Profifußball durchaus zu denken geben. Ich jedenfalls freue mich schon sehr auf das kommende Wochenende. Vielleicht sogar mehr als auf die Rückkehr der 1. Liga in ein paar Wochen…

In der App öffnen Autorenseite: Robin Patzwaldt
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