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Corona: „Nicht einmal der Anfang vom Ende“

Sir Winston Churchill Foto: United Nations Information Office, New York Lizenz: Gemeinfrei

Man kann darüber streiten, ob sich die Menschheit in einem Krieg gegen das Coronavirus befindet oder nicht. Deutsche Politiker vermeiden aus guten Gründen die Kriegsmetapher, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verwendete sie schon vor einem Monat. Klar ist, dass die Coronakrise erst vorbei ist, wenn es gelungen ist, den Virus daran zu hindern sich zu verbreiten, also die Verluste, die er durch den Tod seiner Opfer erleidet, nicht mehr durch neu reproduzierte Viren zu ersetzen. Dies ist die Idee hinter „Flatten the Curve“ und, viel wirksamer, der Impfung.  Erst letztere wird den Virus schlagen. Beide Maßnahmen folgen der Logik der Kriegsmathematik, wonach derjenige den Krieg verliert, der nicht in der Lage ist, seine Verluste auszugleichen.

Bei der Lektüre von Andrew Roberts „Feuersturm“, einer hervorragenden Geschichte des zweiten Weltkriegs, die außergewöhnlich präzise die Bedeutung der nationalsozialistischen Ideologie für die militärischen Entscheidungen Deutschlands herausarbeitet, stieß ich auf zwei Zitate von preußischen Militärtheoretikern, die gut zur augenblicklichen Debatte um den Umgang mit der Coronakrise passen. Und natürlich darf, wenn es um Militärstrategie geht, Winston Churchill nicht fehlen.

Carl von Clausewitz: „Es gibt nur einen Erfolg, nämlich den Enderfolg. Bis dahin ist nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muss man sich beständig sagen: Das Ende krönt das Werk.“

Wir alle verfolgen wohl die täglichen Wasserstandsmeldungen über die Erfolge oder Niederlagen im Kampf gegen Corona. Senkt sich die Kurve? Nimmt die Zahl der Neuinfektionen ab? Wie steht es mit der Zunahme der Todesfälle? In den vergangenen Tagen immer intensiver geführt wurde die Debatte um die Rücknahme der Einschränkungen – wobei schnell vergessen wird, das ein Impfstoff frühestens in 18 Monaten zur Verfügung steht und Pandemien mehr als eine Welle haben – wir stehen also im besten Fall vor dem Ende der ersten Welle. Das RKI prognostiziert drei von ihnen mit einer Verlaufsdauer von über 1000 Tagen.

Clausewitz warnt in seinem Zitat davor, erste Erfolge zu überwerten. Auf unsere Situation übertragen: Es ist ziemlich egal, wie wir mit der ersten Welle umgehen und wie erfolgreich wir vielleicht sind, wenn wir von der zweiten und dritten Welle voll erwischt werden. Das ist kein schöner Gedanke, aber er ist realistisch. Bill Gates folgt ihm in seinem Beitrag in der Welt am Sonntag, in dem er eine globale und langfristige Strategie gegen das Virus anmahnt:

„Glücklicherweise können wir in dieser Hinsicht auf Organisationen wie die Impfallianz Gavi und ihre langjährige Erfahrung zählen. In den vergangenen 20 Jahren setzte sie sich – größtenteils dank der Unterstützung des Vereinigten Königreichs sowie Deutschlands – zusammen mit WHO und Unicef für die Einführung 13 neuer Impfungen (darunter die Ebola-Schutzimpfung) in den 73 ärmsten Ländern der Welt ein. Die Allianz ist in der Lage, das Gleiche mit einer Covid-19-Impfung zu schaffen.“

Und er erinnert uns daran, dass die Menschheit „letzten Endes nicht nur durch gemeinsame Werte und soziale Beziehungen verbunden. Zwischen uns besteht auch eine biologische Verbindung in Form eines mikroskopischen Netzes aus Keimen und Bakterien, durch das die Gesundheit eines Menschen mit der Gesundheit aller verwoben ist. Diese Pandemie verbindet uns alle miteinander. Deshalb muss unsere Antwort eine gemeinsame sein.“

Es zählt nur, wie wir am Ende der Pandemie aussehen und wie viele Menschenleben gerettet wurden. Alles andere ist bedeutungslos.

Das zweite Zitat stammt von Helmuth von Moltke und man sollte es ins Stammbuch aller schreiben, die bereit sind, den Plänen von Expertengruppen und des Staates allzu viel Vertrauen entgegen zu bringen. Zudem deckt es sich mit der allgemeinen Lebenserfahrung der meisten von uns. Das Pläne scheitern, haben wir wohl alle schon erlebt. Moltke sagte: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus. Nur der Laie glaubt in dem Verlauf eines Feldzuges die konsequente Durchführung eines im Voraus gefassten, in allen Einzelheiten überlegten und bis ans Ende festgehaltenen, ursprünglichen Gedankens zu erblicken“

Corona wird von unseren Gesellschaften noch sehr lange ein hohes Maß an Flexibilität verlangen. „Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs“ sagte Churchill nach dem Sieg der britischen Armee über die Nazis in der zweiten Schlacht von El Alamein im November 1942. Im besten Fall stehen wir genau dort: Am Ende des Anfangs. Wer jetzt an den Erfolg von Plänen glaubt, die uns zurück in die Normalität führen, die wir ja alle ersehnen, geht das Risiko ein, enttäuscht zu werden. Vor uns liegen Monaten, vielleicht Jahre, mit schweren Rückschlägen. Gewonnen haben wir erst, wenn die Menschheit geimpft ist – die gesamte Menschheit, denn die Gesellschaften aller Menschen werden vom Virus bedroht. Wer sich jetzt zu sicher und plangläubig ist, wird einen hohen Preis zahlen.

Auch bei Corona ist ein solides Geschichtswissen nicht die schlechteste Basis, um die Lage zu beurteilen.

 

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15 Kommentare zu “Corona: „Nicht einmal der Anfang vom Ende“

  • #1
    Angelika

    Und Habeck schreibt auf seinem blog schon davon, wie man nach der Krise in Räten diskutiert …

  • #2
    Nina

    Hilfe, es geht los. Wenn Jungs zu viel Zeit haben, fangen sie an, vom Krieg zu erzählen.
    Verzeih mir das, Stefan Laurin, aber es musste sein. 😀

  • #3
    Werntreu Golmeran

    Hallo Herr Laurin,

    abgesehen von der Kriegsparallele, die natürlich nicht falsch ist, aber bei vielen auf Ablehnung stößt, weil sie von Leuten wie Trump und Macron missbraucht wird, stimme ich Ihrer Analyse weitgehend zu. Wir stehen erst am Anfang. Ich habe Sie hier oft wegen Ihrer wirtschaftlspolitischen Ansichten kritisiert und dachte, das läge daran, dass Sie wie viele Journalisten eher sprach- als mathematischbegabt sind. Offenbar habe ich mich da geirrt.

    Das Paradebeispiel des jovial-sprachbegabten Politikers ist für mich derzeit unser Ministerpräsidentenclown und Öscher Karnevalsprinz Armin der Viertelnachzwölfte. Ich glaube, der Herr kapiert rein gar nichts und hat dabei den Drang, seine Inkompetenz 24 Stunden und 7 Tage die Woche in die Welt hinaus zu Posaunen. Zum Glück gibt es mit Frau Merkel eine Naturwissenschaftlerin, die diesen Eloquator, wenn es sein muss, stoppt. Aber schon allein diese unnötige Diskussion, die auch von den Medien, dem sog."Ethikrat" und verständlicherweise von in ihrer Existenz Bedrohten geführt wird, ist in der jetzigen noch sehr frühen Phase der Pandemie absolut kontraproduktiv. Sicher muß man sich Gedanken machen, wie man am sichersten und effektivsten zu einer Teilnormalisierung kommen kann. Aber dabei muss klar gemacht werden, dass zunächst einmal eher mit weiteren Verschärfungen zu rechnen ist, als mit Lockerungen. Ich hoffe, dass Bayern nach Ostern z. B. das Abitur absagt und die Schulschließungen verlängert und für gewisse Bereiche Maskepflichten einführt. Dann kann NRW gar nicht anders als nachzuziehen. Das ist zwar ein ziemlich erbärmliches Zeugnis für unseren Föderalismus, aber offenbar geht es derzeit nicht anders.

    Da Sie von den zu erwartenden weiteren Wellen sprechen, entnehme ich, dass Sie sich auch mit der spanischen Grippe beschäftigt haben könnten? Ich habe in den letzten Tagen darüber ein Buch gelesen, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Darin wird vieles 1 zu 1 beschrieben, was man wie falsch und richtig machen kann. Und es lässt erahnen, wie die Situation im schlimmsten Fall noch eskalieren kann.

    Ein Buch, das ich sehr empfehlen kann:

    https://books.google.de/books/about/1918_Die_Welt_im_Fieber.html?id=c_4-DwAAQBAJ&printsec=frontcover&source=kp_read_button&redir_esc=y

    Ich wünsche Ihnen und der Ruhrbarone-Gemeinde ein frohes entschleunigtes Osterfest!

    Ihr

    Werntreu Golmeran

  • #4
    Schneider

    Corona läuft doch super

    Es gibt keine anderen kontroversen Themen mehr.

    Die Regierung hat traumhafte Zustimmungswerte

    Beschneidung der Rechte wird beklatscht

    Am Ruin der Wirtschaft ist das Virus – nicht die Politik schuld.

    Und vor allem – die Zweifler werden öffentlich an den Pranger gestellt und die Presse „enttarnt“ sie als Fake News Verbrecher.

    Impfpflicht und Zwangsüberwachung per App sind in Diskussion – unterstützt von den Balkonnazis, die „Abweichler denunzieren.

    Würde mir wünschen, wir kümmerten uns um andere Todesursachen mit gleicher Konsequenz. Krankenhauskeime, ärztliche Kunstfehler, Selbstmorde, „Ehrenmorde“ und natürlich Kriege als Beispiele – und die treffen wirklich alle – auch in der Blüte des Lebens.

    Das Leben ist endlich – wir kommen hier alle nicht lebend raus. Natürlich müssen wir die Alten schützen – dass aber die Sterbewahrscheinlichkeit mit dem Alter dramatisch zunimmt ist zwar nicht schön, aber eine Tatsache, solange wir noch nicht das ewige Leben erfunden haben.

  • #5
    Peter Ansmann

    Nach der Logik, "wir müssen ja eh alle sterben" kann man unter dem Gesichtspunkt "Was sind schon ein paar Jahre Leben zu unendlich langer Zeit der Nichtexistent" auch geplante Terroranschläge in Zukunft tolerieren, die StVO kippen und den medizinischen Sektor komplett zumachen.
    ————–
    Das Leben ist endlich – wir kommen hier alle nicht lebend raus. Natürlich müssen wir die Alten schützen – dass aber die Sterbewahrscheinlichkeit mit dem Alter dramatisch zunimmt ist zwar nicht schön, aber eine Tatsache, solange wir noch nicht das ewige Leben erfunden haben.
    ————–

  • #6
    Nina

    @#5 Peter Ansmann: Stimmt doch, wir müssen alle sterben. Ich versuche bereits seit einer Stunde die Luft anzuhalten, um dem Unausweichlichen zuvorzukommen. Es funktioniert nicht. Ach, was für ein Tag.

  • #7
    Susanne Scheidle

    @Schneider #4
    Ja, jeder stirbt mal, das haben Sie klug herausgefunden.
    Und viele, die jetzt an Corona sterben waren alt, sehr alt, und wären sowieso ziemlich bald gestorben.
    Allerdings wären diese vielleicht friedlich im Bett eingeschlafen oder vielleicht sogar in Begleitung eines lieben Menschen – anstatt allein und in der Umgebung von piepsenden Maschinen an der Suppe in ihren eigenen Lungen zu ertrinken.

    Und noch eine nicht ganz unwesentliche Kleinigkeit: Auch wenn Ihnen "die Alten" nicht so zu Herzen gehen, kann das auch für jemanden "in der Blüte des Lebens" ziemlich blümerant ausgehen, wenn er aus ganz anderen Gründen ins Krankenhaus bzw. auf die Intensivstation muss, vielleicht weil er einen Unfall hatte, und alle Intensivbetten sind leider belegt.

  • #8
    Helmut Junge

    @Stefan Laurin, Hut ab! Und meine Schlußfolgerung ist die, daß viel mehr Geld in die Forschung gesteckt werden muß. Denn wenn es ein Krieg ist, fehlt uns derzeit eine Verteidigungsmöglichkeit. Das wäre nämlich die Impfung. Und wenn wir eine Impfung gegen Corona haben, hilft uns die Impfung zwar gegen die zweite und dritte Welle, aber es gibt immer mal wieder neue Viren, andere Viren, die ähnlich schwer zu bekämpfen sein werden. Und dann? Dann sind wir wieder hilflos wie jetzt. Wir sollten das Geld, daß wir angeblich bisher zuwenig als Natoleistung gezahlt haben, in die Bekämpfung biologischer "Kriegsmittel" (sprich Seuchenbekämpfung) stecken! Das würde sich mit Sicherheit auszahlen.

  • #9
    Arnold Voss

    Es wir auf ein längeres Stop and Go hinauslaufen. Für Stop stehen Leute wie Söder und für Go Leute wie Laschet. Go wird, so lange keine Gegenmittel gefunden ist, dabei immer riskant sein und deswegen werden beide Richtungen immer im politischen und wissenschaftlichen Clinch liegen, denn auch die Vorilogen und sonstigen Experten sind in diese 2 Hauptgruppen geteilt. Da wir aber um die Herdenimmunität auf Dauer nicht herumkommen und zugleich weder einen völligen Zusammenbruch der Wirtschaft noch der kollektive Psyche riskieren können, wird es daziwschen auch in den kommenden Wellen schubweise hin und her gehen. Mit Krieg hat das allerdings überhaupt nichts zu tun.

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