Deutschland im Sinkflug? Daniel Stelters „Absturz“ zwischen Diagnose und Zuspitzung

Daniel Stelter Foto: DynTymY Lizenz: CC0 1.0


Zwischen Analyse und Zuspitzung legt Daniel Stelter den Finger in wunde Punkte: versteckte Staatsschulden, schwache Produktivität und ein Umbau des Energiesystems, der deutlich teurer wird, als vielfach angenommen.

Daniel Stelter hat ein Talent für große Bilder. Deutschland als Flugzeug im Sinkflug, kurz vor dem Strömungsabriss. Der Titel seines neuen Buches ist entsprechend gewählt: „Absturz“. Man weiß also von der ersten Seite an, dass es hier nicht um Feinjustierung geht.

Die spannende Frage ist nicht, ob es Probleme gibt. Die gibt es. Die Frage ist, wie tragfähig Stelters Diagnose ist.

Die strukturellen Probleme, die man nicht einfach wegdiskutieren kann

Am überzeugendsten ist Stelter dort, wo er auf die großen, oft verdrängten Zusammenhänge schaut.

Ein zentraler Punkt sind die versteckten Staatsschulden. Offiziell wird über Schuldenquote und Schuldenbremse gestritten. Tatsächlich geht es um langfristige Verpflichtungen aus Renten, Pensionen, Gesundheit und zunehmend auch Verteidigung. Der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen rechnet diese Lasten auf 19,5 Billionen Euro hoch, das sind 454 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das verändert die Perspektive grundlegend. Die viel zitierte „solide Finanzpolitik“ wirkt dann schnell wie ein sehr selektiver Blick auf die Realität.

Eng damit verbunden ist ein zweiter Punkt, der in Deutschland lange unterschätzt wurde: die Fixierung auf die schwarze Null bei gleichzeitig zu geringen Investitionen. Die Phase extrem niedriger Zinsen wurde nicht genutzt, um die Infrastruktur zu modernisieren und den Kapitalstock zu erneuern. Stattdessen wurde kontinuierlich der staatliche Konsum ausgeweitet, etwa durch soziale Wohltaten wie die Mütterrente und den Ausbau des öffentlichen Sektors und politische Versprechen finanziert. Die Rechnung dafür wird jetzt präsentiert.

Drittens die Demografie. Kein spektakuläres Thema, aber ein fundamentales. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft bis 2060 um bis zu 11,8 Millionen Menschen. Der Seniorenquotient steigt von 39 auf 64 Rentner pro 100 Erwerbsfähige. Stelter rechnet vor, dass uns das schon bis 2040 pro Kopf 3700 Euro weniger Einkommen kosten wird. Hinzu kommt die Abwanderung der Qualifizierten: Jedes Jahr verlassen mittlerweile über 200.000 Deutsche das Land, vor allem junge, gut ausgebildete Leute.

Wer diese Entwicklung ignoriert, kann die wirtschaftliche Lage kaum verstehen.

Viertens die Produktivität. Auch hier wird es unangenehm. Während andere Volkswirtschaften zulegen, stagniert Deutschland bei gerade einmal 0,3 Prozent jährlichem Zuwachs in den letzten Jahren. Das hat Folgen für Wachstum, Wohlstand und Verteilungsspielräume. Stelter macht klar, dass ohne deutlich höhere Produktivität viele Versprechen schlicht nicht finanzierbar sind.

Energie, Bürokratie und politische Realitätsverweigerung

Besonders scharf fällt Stelters Kritik an der Energiepolitik aus. Sein Argument ist weniger ideologisch als oft unterstellt, sondern systemisch. Die Kosten des Umbaus liegen allein bis 2030 schon jenseits von 1,9 Billionen Euro, und das sind nur die offiziellen Schätzungen. Netze, Speicher, Back-up-Kraftwerke und die Folgen von Dunkelflauten werden politisch gerne kleingeredet, sind aber entscheidend. Die Konsequenzen sind längst sichtbar: energieintensive Industrien fahren Kapazitäten zurück oder verlagern sie ins Ausland.

Auch die Bürokratie ist mehr als ein Ärgernis. Sie ist ein strukturelles Wachstumshemmnis. Der Staat beziffert die direkten Kosten auf 64 bis 67 Milliarden Euro im Jahr, die indirekten Verluste sogar auf bis zu 146 Milliarden. Der Staat wächst seit Jahren, ebenso wie seine Verwaltung und die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Sektor. Parallel nimmt die Regulierungsdichte zu. Das bindet Arbeitskraft und Kapital, die in der Privatwirtschaft produktiver eingesetzt werden könnten. In dieser Perspektive ist Bürokratie längst ein größerer Hemmschuh als viele Steuerfragen. Fragen Sie Ihren Steuerberater.

Bei der Migration wählt Stelter eine Perspektive, die in der öffentlichen Debatte oft unterbelichtet ist. Er betrachtet sie primär fiskalisch und arbeitsmarktbezogen. Die Kosten liegen bei rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Seine Schlussfolgerung ist klar: Zuwanderung ohne stärkere Orientierung an Qualifikation verschärft bestehende Probleme eher, als sie zu lösen. Das ist politisch umstritten, aber als Analyseansatz legitim und diskussionswürdig, unabhängig davon, wie man die politischen Schlussfolgerungen bewertet.

Ein interessanter Gedanke: Löhne, Abgaben und fehlende Investitionen

Bemerkenswert ist ein Punkt, der in der Debatte selten auftaucht. Stelter argumentiert, dass zu geringe Lohnzuwächse in Kombination mit hohen Abgaben dazu beigetragen haben, dass Unternehmen weniger investieren. Wenn Arbeit relativ günstig ist, sinkt der Druck, in Produktivität und Automatisierung zu investieren.

Gleichzeitig bleibt den Haushalten weniger Netto vom Brutto. Die Folge ist eine vergleichsweise schwache Vermögensbildung. Auch das ist ein strukturelles Problem, das in Deutschland gerne unterschätzt wird.

Wo Stelter zuspitzt

Bei aller Schärfe der Analyse lohnt sich ein genauer Blick auf die Einordnung. Stelter benennt globale Konkurrenz, insbesondere durch China, technologische Umbrüche und auch Versäumnisse deutscher Unternehmen, etwa in der Automobilindustrie. Diese Faktoren blendet er nicht aus. Er ordnet sie jedoch konsequent seiner übergeordneten These unter, dass die wesentlichen Ursachen hausgemacht sind. Das ist nachvollziehbar, aber nicht immer ausgewogen. Die Gewichtung wirkt stellenweise sehr pointiert. Zwischen Analyse und Zuspitzung verläuft eine feine Linie, und Stelter überschreitet sie gelegentlich bewusst.

Die Vorschläge: klar, konsistent und politisch unbequem

Interessant wird es dort, wo Stelter Lösungen formuliert. Sein Programm ist wenig überraschend, aber in sich schlüssig. Kernbotschaft: Wir brauchen keine neuen Gesetze, wir müssen vor allem die falschen der letzten 15 Jahre abschaffen.

Konkret heißt das: Energie muss wieder günstig und im Überfluss verfügbar sein, technologieoffen, also auch mit Kernkraft und heimischer Gasförderung. Der Sozialstaat muss demografiefest werden: Rente mit 63 sofort streichen, Renteneintrittsalter schrittweise auf 70 anheben, Lebenserwartungsfaktor einführen und Bürgergeld mit echten Anreizen und Sanktionen versehen. Radikaler Bürokratieabbau mit einem sofortigen Moratorium für neue Vorschriften. Zuwanderung stärker nach Qualifikation steuern, nach kanadischem Punktesystem. Und eine Investitionsoffensive in Kapitalstock, Automatisierung und Infrastruktur, finanziert nicht durch noch mehr Schulden, sondern durch klare Prioritäten und einen Staat, der sich auf seine Kernaufgaben zurückzieht.

Das ist kein revolutionäres Konzept, sondern ein klassisch marktwirtschaftlicher Ansatz. Die eigentliche Frage ist nicht, ob diese Vorschläge logisch sind. Die Frage ist, ob sie politisch durchsetzbar sind. Und genau hier beginnt das Problem.

„Absturz“ ist kein ausgewogenes Lehrbuch und will es auch nicht sein. Es ist ein bewusst zugespitztes Buch. Gerade deshalb lohnt sich die Lektüre. Stelter legt den Finger in Wunden, die in der politischen Debatte oft nur am Rand vorkommen oder gar nicht: versteckte Schulden, demografischer Druck, schwache Produktivität, unterschätzte Systemkosten der Energiepolitik und die Abwanderung der eigenen Besten.

Man muss nicht jede Schlussfolgerung teilen. Aber man kommt schwer daran vorbei, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen.

Oder, um im Bild zu bleiben: Vielleicht befindet sich Deutschland nicht im freien Fall. Aber die Flughöhe ist niedriger, als viele glauben. Und die Durchsage aus dem Cockpit klingt verdächtig oft nach „alles unter Kontrolle“. Genau das ist das Problem.

Daniel Stelter
Absturz – So retten wir Deutschland
Langen Müller Verlag, 2026
ISBN: 978-3-7844-3771-2

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen