Die Ruhrstadt ist tot – Wir leben die Ruhrstadt.

Rottstr5-Theater/Foto:Chantal Stauder

Stellt euch vor, dass Jemand über Nacht im Ruhrgebiet alle Namensschilder der Städte abgeschraubt hätte. Wäre übrigens eine schöne Aktion im Rahmen von Ruhr2010 gewesen. Aber da sie nicht stattgefunden hat, stellt es euch, wie gesagt, einfach nur vor. Da ihr euch hier gut auskennt werdet ihr die Orte, die ihr bislang regelmäßig besucht habt, auch weiterhin finden. Und die anderen haben euch  ja sowieso nicht interessiert. D.h. praktisch werden euch die Schilder nicht fehlen, denn ihr verfügt  über das was man in der Fachsprache einen subjektiven Stadtplan nennt.

Bei  einem der schon länger hier wohnt übergreift diese tief im Gehirn gespeicherte Straßenkarte in der Regel mehrere Städte, d.h. sie ist immer schon grenzüberschreitend angelegt. Hier liegt nun mal eine dicht besiedelte Gemeinde neben der nächsten. Fast jeder von uns hat  deswegen auch Gebäude oder sogar ganze Ensembles, Stadt- oder  Landschaftsteile außerhalb seiner  Wohngemeinde, die ihm besonders am Herzen liegen und die er deswegen auch entsprechend häufig besucht.

Auch die damit verbundenen sozialen Bezüge sind stadtübergreifend und führen regelmäßig zu grenzüberschreitenden Aktivitäten. Für die Bewohner die dabei  besonders kulturinteressiert sind ist dies sogar ein Muss. Wie sollten sie sonst die Vielfalt und Menge des diesbezüglichen Angebotes überhaupt wahrnehmen. Niemand besucht z.B. das Alvar Aalto Theater weil es in Essen liegt oder das MIR, weil es eine Einrichtung der Gemeinde Gelsenkirchen ist. Niemand käme auf die Idee das Weltkulturerbe Zollverein nach Dortmund zu verlegen weil es dort besser hinpassen würde.

All diese Kulturstätten und die vielen anderen attraktiven Orte die es im Ruhrgebiet sonst noch gibt haben eine Strahlkraft für alle Ruhris die sich für sie interessieren bzw. sie zu ihren ganz persönlichen Highlights zählen. Es ist deswegen auch völlig hirnrissig, dass solche Einrichtungen von einer bestimmten Gemeinde bzw. von den dort politisch und kulturell Verantwortlichen für „ihre“ Stadt vereinnahmt werden. Dass das trotzdem gerade im Ruhrgebiet gerne getan wird zeugt von der tiefsitzenden Provinzialität und Borniertheit derer die es tun, derer, die einfach nicht begreifen wollen, dass die Bewohner des Ruhrgebietes schon viel weiter sind.

Die ewigen Bedenken der Ruhrstadtgegner gegenüber  dem unregierbaren und bürgerfernen Moloch werden permanent durch all die Bürger widerlegt, die  diese Agglomeration entlang ihr  stadtübergreifenden Bedürfnisse praktisch bewältigen. Es sind Millionen die hier jeden Tag die Gemeindegrenzen überschreiten weil dies ihr subjektiver Stadtplan verlangt, während der lokale Amtsschimmel, wie man am elenden Nahverkehr des Ruhrgebietes flächendeckend studieren kann, diese Tatsache schlicht leugnet.

Während die Menschen dieser Agglomeration die Ruhrstadt leben, ja leben müssen, rufen die meisten ihre Bürgermeisterinnen und Bürgermeister  unverdrossen weiter: Nieder mit der Ruhrstadt! Als würde sich alles zum Schlechten wenden, wenn es nur noch eine oder einen OB gäbe. Die Frage die stattdessen zu stellen wären ist doch: Was sollte denn noch schlimmer werden? Vor was könnte uns denn eine Vielzahl von ihnen besser schützen als wenn wir uns den oder die beste unter ihnen zum Hauptverantwortlichen erwählen würden.

Z.B. vor noch mehr  kommunalen Schulden? Noch schlechter ausgestatteten Schulen? Noch mehr Vandalismus in den Parks und auf den Straßen? Noch mehr Armut in den abgehängten Stadtteilen? Noch weniger Einrichtungen für die kulturelle Basisversorgung? Noch mehr Einkaufszentren mit immer denselben Angeboten? Noch mehr Leerständen in den restlichen Innenstädten? Noch weniger Arbeitsplätzen? Noch mehr Jugendarbeitslosigkeit?

Was, verdammt nochmal, soll eigentlich noch schlechter werden durch den Zusammenschluss der Kommunen des urbanen Kernruhrgebietes zu einer schlagkräftigen Einheit? Ist es nicht so, dass es nur noch besser werden kann? Dass  es dabei eben nicht um Städtenamen sondern um urbane Lebensqualität geht? Und zwar um mehr davon? Durch klare gemeinsame Prioritätensetzung? Durch das Einsparen von unnötigem Leitungspersonal in zu vielen Ämtern und Behörden die alle überall nur noch den gleichen Mangel verwalten? Bei  gleichzeitiger Stärkung der bürgerschaftlichen Mitwirkung und Partizipation? Und natürlich bei Beibehaltung der alten Städtenamen als Stadtbezirke?

Für wen ist diese Vision bedrohlich, außer für die, die dabei ihren Posten verlieren? Dabei müssten die ja nicht alle gleich gehen. Ihr Stellen würde nur nicht mehr neu besetzt. Genauso wenig sind massenhafte Entlassungen zu befürchten, denn die praktische Arbeit vor Ort würde ja auch nicht weniger. Sie würde aber  besser räumlich und sachlich koordiniert werden können, nach eben den für den gesamten Stadtraum demokratisch gesetzten Prioritäten. Doppelausgaben könnten so genauso vermieden werden wie unsinnige Konkurrenz.

Außer bei den Aktivitäten natürlich in denen ein  lokaler bzw. dezentraler Wettbewerb Sinn macht, weil er für mehr Vielfalt und für höhere Qualität sorgt. Wie Z.B. bei den freiwilligen kommunalen Leistungen im Bereich der Kultur. Urbane Lebensqualität wird immer mehr durch das kulturelle Angebot vor Ort bestimmt und der Standortwettbewerb wird von den Agglomerationen auf Dauer gewonnen die davon genug und in genügender Vielfalt und Spannweite anbieten. Sowohl im Basisbereich als auch in der Hoch- und Offkultur.

Bei den harten Standortfaktoren wie z.B. bei der Verkehrs- und Flächeninfrastruktur, gilt es jedoch jede unnötige Konkurrenz zu vermeiden und gegenüber Investoren mit einer einzigen Stimme zu sprechen. Das Ruhrgebiet braucht bei der EXPO-Real nicht nur einen Stand sondern auch nur ein Gesicht dem ein entsprechend hoch qualifizierter Stab zur Seite steht. Geschieht das nicht bald, dann werden sich, wenn überhaupt, nur die stärksten Kommunen des Ruhrgebiets im weltweiten Standortwettbewerb behaupten können.

Bei realistischer Betrachtung werden das Essen und Dortmund sein. Der Rest wird sich in den kommenden Jahrzehnten, egal ob mit oder ohne Regionalverband, ob mit oder ohne Ruhrbezirk, auf den allerletzten Plätzen wiederfinden. Am Ende ihres Niedergangs wird dann, ob die Verlierer es wollen oder nicht, wieder eine große Eingemeindungswelle stehen und die Bedingungen werden dann ganz andere sein als bei einem freiwilligen Zusammenschluss.

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Saretzki
Saretzki
12 Jahre zuvor

Arnold Voss, die Ruhrstadt als Bundesland muss kommen.

Mit aller Macht. Hier sind alle Menschen aus Polen eingewandert.

Das Ruhrgebiet ist nicht Rheinland und Westfalen. Es war es nie. Wir sind auch keine Rheinländer und Westfalen.

Ich bin über den derzeitigen Zustand, das wir Fremdbestimmt werden, leid. Wir sind 5,3 Mio. Menschen, die keine Rechte haben. Die 5,3 Mio. werden einfach tot geschwiegen. Die Ruhrstadt muss, wenn man sich nur das Beispiel der täglichen Wetterkarte vor Augen führt, kommen. Die Ruhrstadt kann auch nicht auf die Orte Xanten, Alpen, Unna, auf die die Randzonen und ländlichen Bereiche verzichen. Das sind unsere Vororte.

Mit den Rheinländern und Westfalen, das Gutachen, vom Rheinisch-Westfälisches Institut, belegt, das es mit denen nicht geht.

Provinzpossist
Provinzpossist
12 Jahre zuvor

Danke für den Artikel!

Wichtig auch „Kommunen des urbanen Kernruhrgebietes“! Dazu gehören für mich Bochum, Bottrop, Essen, Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Herne, Mülheim, Oberhausen, von mir aus auch Castrop-Rauxel, Gladbeck, Herten und Recklinghausen wegen der Kompaktheit.
Wenn man periphere Bereiche wie Unna und Wesel mit reinnimmt, kann das nicht funktionieren, dann ändert sich die Situation im Vergleich zu heute nicht, zum Einen fühlen die sich kaum zugehörig und zum Anderen gehören die vom Gefühl her nicht dazu.

DH
DH
12 Jahre zuvor

„Ist es nicht so, dass es nur noch besser werden kann?“
Nein, ist es nicht.

Besser werden müssen vor allem die Argumente, denn das gängige Bullshitvokabular („schlagkräftige Einheit“; „weltweiter Standortwettbewerb“; „gegenüber Investoren mit einer einzigen Stimme sprechen“ etc.) lässt mich eher hoffen, dass uns das große Pottsburgh erspart bleibt.

Ohnehin: Ich (und nicht nur ich) bin häufiger in Köln und Bonn als in Herten und Bottrop. Wir leben also bereits eine ganz andere Stadt als Deine Ruhrstadt. – Was jetzt? „New Babylon / Ruhrgebiet“ ging zumindest bis Köln …
https://www.2010lab.tv/blog/new-babylon-essen

Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

Ach Dirk, deine Stadt der Situationisten wird genauso wenig kommen wie meine Ruhrstadt. Egal ob du mehr in Köln und Bonn anstatt in Bottrop oder Herten bist.Und wenn schon, dann muss heutzutage auch Mallorca zu Babylon Ruhrgebiet gehören.

Meinst du wirklich dass das Vakobular der Situationisten, das jetzt wieder mal en vogue ist, weniger abgenudelt ist als die gängige Glokalisierungslyrik? Letztere hat allerdings den Vorteil näher an der Realität der Macht als der der Ohnmacht zu sein.

Die künstlerische Überhöhung der Stadt, die jetzt allerorten auch die Wirtschaftsförderer fasziniert, wird nichts an den allgemeinen Tendenzen ändern, und der ökonomische Wettbewerbsdruck auf das Ruhrgebiet wird weiter zunehmen. Egal wieviel mehr oder weniger spektakuläre Ausstellungen hier gezeigt werden, die Zukünfte zeigen, die nie stattfinden werden.

Für mich passen sie genauso zu POTTemkin wie z.B. das ECCE oder die Mär von der interkommunalen Kooperation. Am Ende wird es genau zwei von deinen großen Pottsburghs geben und natürlich wieder eine neue Generation von Situationisten die sich darüber aus gutem Grunde beschweren bzw. darüber lustige machen. Hoffentlich gibt es dann dafür auch noch staatliche Förderung.

Ach ja, Situationisten gab und gibt es auch wieder in sehr großen Städten
und die fühlen sich da alle ganz wohl.

teekay
teekay
12 Jahre zuvor

Als vielleicht noch am naheliegensten erscheint mir die Diskussion Berlin und Brandenburg zusammen zu legen die seit gut 20 Jahren mal mehr oder weniger intensiv gefuehrt wird. Das erscheint heute utopischer als vielleicht noch vor 10-15 Jahren. Wie lange dauern dann die Debatten im Ruhrgebiet? 40 Jahre 😉 ?! Aber tun wir doch mal so, als gaebe es wirklich eine politische Option fuer die Ruhrstadt. Der Prozess wuerde viele Jahre Planung und Uebergangszeit erfordern, 10 Jahre mindestens, wenn man das ‚heute‘ beschliessen wuerde? Ist denn in Zukunft eine Infrastruktur wie die Ruhrstadt ueberhaupt zeitgemaess, machbar, unterhaltbar oder wird der Trend nicht zu kleiner, lokaler etc. gehen bei Energieversorgung, Infrastruktur usw.? Sind, makro-oekonomisch, oekologisch, politisch, gedacht denn die paar doppelten Strukturen wirklich das Problem, zugespitzt formuliert: Wird die Zukunft einer Region von 100 Spitzenbeamten mehr oder weniger abhaengen? Oder sollte man nicht versuchen kleiner zu denken, den Staedten beim Schrumpfen zu helfen oder innovative lokale Projekte foerdern? Macht es mehr Sinn ein globales Budget fuer die grosse Ruhrstadt zu verwalten oder 10 kleinere fuer 10 buergenaehere, flexible Staedte/Gebiete? Ich glaube, dass die Antwort nicht ganz einfach ist, vorallem wenn man 20, 30, 40 Jahre in die Zukunft planen will.

Tortist
Tortist
12 Jahre zuvor

Sehr schöner Artikel, danke. An der Standortpolitik von Essen und Dortmund kann man schon heute sehen, dass hier ganz planvoll an einem Wachstum auf Kosten der kleinen Städte gearbeitet. Mit dann genau der Eingemeindungsoption. Die übrigens dann gar keinen politischen Willen mehr braucht. Die Eingemeindung wirtschaftlich nicht überlebendsfähiger Gemeineden sieht die NRW-Gemeindeordnung vor.

Allen, die das nicht so sehen sei ein Blick auf die demografische Entwicklung empfohlen. Spätestens 2020 wird der dramatische Wandel für jeden sichtbar.

Dann werden es nicht nur Hagen und Oberhausen sein, die selbst wenn sie sämtlichen städtischen Besitz verkaufen nicht mehr aus der Schuldenfalle kommen.

Es gibt dann schlicht die Option der vielen Städte nicht mehr weil sie schlicht nicht mehr bezahlbar ist. Schon heute haben sich einige Banken entschlossen haushaltgesicherten Städten keine Kassenkredite mehr zu gewähren.

Eine Stadt mag nicht pleite gehen können aber was wenn vom Stadtkonto kein Geld mehr fliessen kann weil nix mehr da und auch kein Kreditgeber ?

Die Entwicklung zu zwei grossen Pottburgs ist aber auch eine Bankrotterklärung an uns Ruhrbürger. Anstatt offensiv eine Ruhrstadt zu gestalten krallen sich alle an ihre Scholle. Wir sind zuallererst arm in den Köpfen, leider.

Robin Patzwaldt
Robin Patzwaldt
12 Jahre zuvor

@Tortist:

Das geht ja schon los.

Siehe hier z.B. in Datteln:
https://www.waltroper-zeitung.de/lokales/datteln/Daumenschrauben-fuers-Rathaus;art1008,601591

Tortist
Tortist
12 Jahre zuvor

@Robin
Danke für den Link, genau das meine ich. Wenn bestimmte Infrastrukturmassnahmen nicht mehr in Randlagen realisiert werden können setzt die Abstimmung mit den Füssen ein.

Städte wie Essen und Dortmund schrumpfen im Moment wegen des Sterbeüberschusses aber sie realsieren bei den Wanderungen eine Plus.
Das wird weitergehen.

Bezeichnend das Sierau und Paß keinen Gefallen an dem „Revier-OB“ haben.
Gerade Sierau als Ex-Plannungschef von DO hat da seinen ganz anderen Plan.

DH
DH
12 Jahre zuvor

@Arnold (#4)
„Deine Stadt der Situationisten wird genauso wenig kommen wie meine Ruhrstadt.“

Ich weiß. Mir geht es an dieser Stelle um die räumliche Dimension einer Vision, nichts weiter. Constant hatte Köln bereits mitgedacht, Einsele nicht. Insofern muss ich zu Deinen Einlassungen über Ausstellungen, Situationisten, ECCE und was weiß ich nicht alles auch nichts entgegnen.

Für ein großes Pottsburgh mag es womöglich Gründe geben, bessere Gründe als die, die Du anführst – „Wir leben die Ruhrstadt“, die wie Du schreibst, ohnehin nicht kommen wird, ist es nicht.

Manche leben Ruhrstadt, andere leben Hoch- oder Ehrenfeld, wieder andere leben New Babylon – das käme der Wahrheit näher.

Ruhrstadt ist ein nie eingelöstes, vor allem technokratisches Versprechen aus dem letzten Jahrhundert. Das zeigt das Vokabular, mit dem die Ruhrstadt begründet wird. Oder – auf der anderen Seite – die Hilflosigkeit, mit der sich Ruhrstadt-Initiativen regelmäßig im Symbolischen verlieren. Es ist altes, am Fordismus geschultes Denken („Groß hilft“; „Rationalisierung=alternativlos“). Vielleicht – das gestehe ich zu – gehört aber genau das zum Habitus dieser Gegend, der nicht so leicht abzulegen sein wird.

Will
12 Jahre zuvor

Woow – ohne die Kommentare vorher gelesen zu haben – Woow! Sehr gutes Plädoyer für die Ruhrstadt! Großartig – das gute ist ja, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis die neue Generation übernimmt und erkennt: Yeah, lasst uns die Aufgaben und Probleme gemeinsam anpacken, um anschließend gemeinsam vom Mehrwert profitieren zu können.

Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

@ Tortist

„Die Entwicklung zu zwei grossen Pottburgs ist aber auch eine Bankrotterklärung an uns Ruhrbürger. Anstatt offensiv eine Ruhrstadt zu gestalten krallen sich alle an ihre Scholle. Wir sind zuallererst arm in den Köpfen, leider.“

Städtezusammenschlüsse wie ich und andere sie mit der Idee der Ruhrstadt skizzieren sind viel zu komplex und langwierig als das sie alleine von unten durch- bzw. umgesetzt werden könnten. Räumliche Umwandlungen und Reorganisationen dieses Maßstabes müssen von den lokalen und regionalen Eliten mitgetragen , ja initiiert werden. Und genau daran scheitern bislang und unausweichlich alle bürgerschaftlichen Ruhrstadtinitiativen.

Die politische Elite der Agglomeration Ruhr ist, bis auf wenige Ausnahmen, einfach nicht gewillt die angestammten Machthöfe zu Gunsten eines Zusammenschlusses zu verlassen. Stattdessen redet man andauernd von Kooperation, die, wenn es ernst wird, sprich auch nur einer der Kooperanden einen Nachteil für seinen Einflussbereich sieht, nicht (mehr) stattfindet.

Viel wichtiger aber ist noch, dass ein Teil der regionalen Führungsriege stattdessen sehr wohl eine Vision über die Zukunft der Agglomeration hat, diese aber nicht öffentlich aussspricht, weil sie das Gegenteil von Kooperation ist, d.h. die mittel- bis langfristiger Übernahme bedeutet. Ob freundlich oder feindlich ist dabei noch nicht ausgemacht.

Die Zeit und die zunehmende Apathie der Betroffenen arbeitet für diese Gruppe. Deswegen müssen sich ihre Mitglieder auch gar nicht aus dem Fenster hängen. Im Gegenteil, sie sind es, die das Lied der Kooperation und der Multipolarität am allerlautesten singen, während sie sich im Stillen über die Misserfolge der Schwächeren amüsieren.

Das ist menschlich verständlich, denn Sieger sein ist einfach das bessere Gefühl, selbst wenn man dabei nur der Einäugige unter den Blinden ist. Für das Ruhrgebiet als Ganzes ist diese Strategie nach dem Motto „The Winners take it all“ allerdings katastrophal.

walter-stach
walter-stach
12 Jahre zuvor

Arnold Voss, dem Gastbeitrag habe ich in der Zielsetzung nichts hinzuzufügen. Ich teile Sie beanntermaßen ohne Wenn und Aber.Inhaltlich könnte Ergänzendes hinzugefügt werden. Und mein Aber? Auch das ist hinlänglich bekannt, weil auch hier bei den Ruhrbaronen x-mal wiederholt:“ Wir haben keine Erkenntnis- , sondern Umsetzungsprobleme!!“ Zu der Idee der „Entschilderung“: Ja, eine solche Aktion hätte uns, die wir „Mehr Ruhrgebietseinheit“ wollen, wie auch immer organsiert und kommunalrechtlich verfaßt, tatsächlich sehr geholfen. Zumindest wäre ´mal wieder über NRW hinaus über uns, über das Ruhrgebiet, über „Kreatives aus dem Revier“ berichtet worden -aus einer Metropole besonders kreativer, innovativer Menschen????.

Mir
Mir
12 Jahre zuvor

Es wird keine eine Ruhrstadt geben! Die Ruhrstadt gibt es nur in Plural.
Mit der futuristischen Eingemeindung wird der (Stadt)Name beim Beispiel Dortmund auch bleiben. Es gibt keine Stadt die für das gesamte Ruhrgebiet steht, auch nicht Essen. Genauso wird die Region Ruhrgebiet bleiben. Geschwächt oder Gestärkt.
Das Ruhrgebiet ist ein freiwilliger Verbund von Städten, in der ein- und ausgetreten und eingemeindet wird. Vor dem Kulturjahr wußte noch keiner wo die Pottgrenzen sind.
Einzig der Versuch diese Region mit ihrer Besonderheit politisch, wirtschaftlich, kulturell zu stärken ist nicht utopisch. Und das ist seit zehn Jahren gelungen und kann nur besser werden. Ganz sicher.

Torti
Torti
12 Jahre zuvor

@ Arnold Voß
Danke, wieder was gelernt. Und die real existierenden Widersprüche schön auf den Punkt gebracht.
Als jemand der in Wattenscheid geboren ist, in Bochum zur Schule gegangen und studiert hat, in Hagen Zivildienst gemacht und nun in Dortmund lebt, ist die „Ruhrstadt“ gelebte Realität. Welches Ortsschild ich passiere oder was für ein Nummernschild an meinem Auto ist, ist mir mehr als egal.

Ich kenne viele Leute hier, die die einen ähnlichen Lebenslauf haben. Umso mehr überrascht es mich das viele unbedingt Bochumer oder Dortmunder sein wollen, sich für die Wiedereinführung von CAS einsetzten und schon das zuammenlegen zweier Stadtbezirke in einen Kulturkampf zwischen Eving und Huckarde ausartet.

Ich fasse es nicht….

Mir
Mir
12 Jahre zuvor

#15
Ich bin auch über soviel Lokalpatriotismus erstaunt. Entsetzlich, wie die Hip-Hopper -alle Migrantenkinder- in dem Dortmunder Schauspielhaus Uraufgeführten Theaterstück „Heimat uner Erde“ vor und am Ende des Theaterstücks eine alberne Hymne auf die Dortmunder Nordstadt sangen. Lächerlich. Ich dachte solche Musiker gibt es nur nur in den französischen Vorstädten.

DH
DH
12 Jahre zuvor

„Größe muss eben nicht mehr Moloch und Zentralisierung muss nicht mehr totale Vereinheitlichung sein.“

Arnold, ich warte immer noch auf das Argument, das erklärt, warum ausgerechnet „Größe“ eine notwendige Voraussetzung für „Vielfalt, Differenz und ständige Lernprozesse“ sein soll – also ein Argument, das mir erklärt, dass die Halbmillionenstädte des Ruhrgebiets für Vielfalt, Differenz und Lernprozesse zu klein wären.

Ein 300.000 EW-Ort wie Utrecht bekommt das locker hin, und zwar ohne dass er sich mit A’dam zusammenschließen müsste (oder nimm Maastricht, gerade mal etwas über 100.000 EW.).

Oder anders herum: Würden Braunschweig, Hannover und Wolfsburg fusionieren, wäre das mit Ach und Krach eine Millionenstadt. Ein Ausweis für mehr Urbanität, Vielfalt, Differenz?

Du erklärst: Hier, im Ruhrgebiet, sind die Leute in vielen Städten unterwegs. Ich sage: Jeden Abend eine andere Stadt – das ist die gefühlte Urbanität dieser Gegend.

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Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

@ DH # 17

Im Gegensatz zu Braunschweig, Hannover und Wolfsburg liegen Herne, Bochum, Gelsenkirchen, Castrop-Rauxel usw. usw. so nahe beieinander, dass niemand der nicht genau die Stadtgrenzen kennen würde, auch nur merken könnte dass er von einer in die anderen Stadt wechselt. Die Anzahl der Gemeinden und auch die Stadtgrenzen im Ruhrgbiet sind für die urbane Wahrnehmung des Raumes absolut irrelvant und historisch eher zufällig bzw. äußerst willkürlich und künstlich.

Natürlich gibt es keinen generellen Automatismus in der positiven Relation zwischen Größe und Vielfalt. Gerade das kann man ja am Ruhrgebiet gut studieren. Es gibt kleinere Agglomerationen die mehr an urbaner Abwechslung auf engerem Raum bieten. Ich kenne die holländischen Städte sehr gut, und die kann man genau deswegen nicht mit den Städten an Ruhr und Emscher vergleichen.

Ich sehe auch nicht die großen Unterschiede zwischen den Städten des Ruhrgebietes. Sie sind sich, im Gegensatz zu ihrer Selbstdarstellung ähnlicher als sie häufig tun. Zum Teil sogar ähnlich bis zur Unkenntlichkeit, was natürlich auch an ihrer gemeinsamen Entstehungsgeschichte liegt. Die Vielfalt ergibt sich im Ruhrgebiet, und das ist genau das besondere und unvergleichliche, überhaupt erst durch die Größe der Agglomeration und durch die Mobilität die man haben muss, um eben diese im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren.

Ganz persönlich gesprochen: Wenn das Ruhrgebiet nur aus meiner Heimatstadt Wanne-Eickel und zwei drei Anliegergemeinden namens Herne, Bochum, Castrop-Rauxel und Gelsenkirchen bestanden hätte, zusammen in meiner Jugend schon fast eine Millionenstadt, dann wäre ich spätestens nach dem Studium aus dieser Gegend für immer verschwunden.Bzw. wäre ich aus Berlin nicht wieder ins Ruhrgebiet zurückgekommen.Wobei ich Berlin bis heute eng verbunden geblieben bin.

Aber da gab und gibt es eben noch Dortmund, und Essen und Duisburg und Mühlheim und die kleineren Städte an der Lippe wie z.B. Haltern am See. Alle Städte nicht mehr als 2o Minuten mit dem Zug vom Wanne-Eickeler oder Bochumer Hbf entfernt.

Das ermöglicht mir bis heute, vor allem in der Kombination mit dem Fahrrad, das, was man das Reisen in die Nähe nennt. Dabei habe ich über Jahrzehnte! immer wieder etwas Neues entdeckt. In diesem Fall also eindeutig ein Vorteil durch Größe bzw. Ausdehnung bei gleichzeitiger überdurchschnittlicher Besiedlungsdichte.

Mit einem Satz: Das Kern-Ruhrgebiet ist eine sehr große Stadt deren Bezirke so tun, als wären sie selbstständige Gemeinden. Oder in Anlehnung an deine letzten Satz: Jeden Abend eine ander Gemeinde, aber immer dieselbe Stadt, das ist für mich die reale Urbanität dieser Gegend.

Franzica
Franzica
12 Jahre zuvor

Die SPD wird die Ruhrstadt schon zu verhindern wissen, man erinnert sich nur an Jo Rau.. die Bangebuchse. 😛

DH
DH
12 Jahre zuvor

@#19: Stadtgrenzen sind immer künstlich – es gibt keine natürlichen Stadtgrenzen (Braunschweig und Utrecht haben genauso willkürliche Stadtgrenzen wie Bochum und Herne). Und auch die Wiesen und Felder links und rechts der Hannoveraner Stadtgrenze sehen genauso gleich aus wie es die Häuserzeilen links und rechts einer beliebigen Stadtgrenze im Ruhrgebiet tun). Auch jede neue Grenzziehung im Ruhrgebiet wäre so willkürlich wie es die alten Grenzziehungen waren.

Dass die Städte im Ruhrgebiets eine in weiten Teilen ähnlich verlaufende Siedlungsgeschichte haben; dass gerade bei den Eingemeindungen 1929 Gebietsansprüche munter hin- und her verhandelt wurden – alles richtig, aber nach wie vor kein Argument für den Glauben, die wie auch immer zugeschnittene Ruhrstadt würde genau jene Urbanitätsdefizite beseitigen, die mit dieser besonderen Siedlungsgeschichte verbunden sind. Und diese andere, weitläufige Form von Vielfalt und Differenz, von der Du schreibst …

„Aber da gab und gibt es eben noch Dortmund, und Essen und Duisburg und Mülheim und die kleineren Städte an der Lippe wie z.B. Haltern am See. Alle Städte nicht mehr als 20 Minuten mit dem Zug vom Wanne-Eickeler oder Bochumer Hbf entfernt.
Das ermöglicht mir bis heute, vor allem in der Kombination mit dem Fahrrad, das, was man das Reisen in die Nähe nennt. Dabei habe ich über Jahrzehnte! immer wieder etwas Neues entdeckt. In diesem Fall also eindeutig ein Vorteil durch Größe bzw. Ausdehnung bei gleichzeitiger überdurchschnittlicher Besiedlungsdichte.“

… sie ist entstanden, ohne dass es dafür je eine Ruhrstadt gebraucht hätte.

Es mag sein, dass vor 100 Jahren, in den 1910er und 1920er Jahren, so etwas wie eine Ruhrstadt hätte entstehen können (der Urbanisierungsdruck war groß genug); seinerzeit wurden jedoch just jene regionalen Grünzüge erfunden, die das Zusammenwachsen verhindern sollten; jene Grünzüge, die das Ruhrgebiet heute im Hinblick auf seine „urbanen“ Raumqualitäten als eine seiner größten Errungenschaften genießt. Das ist eines der vielen Paradoxa dieser Gegend.

Mir
Mir
12 Jahre zuvor

Ergänzung zu #16
Dieses Theaterstück ist so konzipiert, dass Fakt und Fiktion nebeneinander spielen (sog. Rimini Protokoll). Diese Hiphopper im Schauspiel sind jedenfalls authentisch, aus der Nordstadt! Deshalb muß ich kopfschütteln über so einen dummen Stadtteilpatriotismus. Zumal die Nordstadt gerade für Migrantenkinder absolut Nachteil bedeutet. Im Stück sollte das wohl als Integration (identifizieren, nächste Generation, blabla) gemeint sein. Hab ich so verstanden. Das ist blödsinn, das identifizieren mit einem heruntergekommenen Stadtteil führt in die falsche Richtung!

Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

@ DH # 21

Ich möchte mich erstmal bedanken, dass du mit mir hier so ausführlich diskutierst, obwohl dich, wie ich weiß, dieses Thema eigentlich nervt. Nicht nur weil du dazu ein andere Position hast , sondern auch weil es sich seit Jahren wiederholt und letztlich zu nichts geführt hat.

Spannend bleibt für mich diese Diskussion allerdings trotzdem, denn die Frage was das Ruhrgebiet eigentlich aus urbanistischer Sicht ist, wird dabei ja immer mitverhandelt. Was wir beide und andere hier machen ist deswegen zwar politisch hoffnungs- sachlich aber nicht sinnlos.

Du hast recht, ist gibt in städtischen Agglomerationen keine natürlichen Stadtgrenzen mehr. Nicht mal im klassischen ländlichen Raum sind sie immer auszumachen. Aber gerade am Beispiel Hannover wird klar, dass man bei vielen Städten auch heute noch zwischen Stadt und städtischen Umland unterscheiden kann. Genau das kann man im Ruhrgebiet aber nicht. Selbst die regionalen Grünzüge bilden hier keinen ernst zu nehmenden Zwischenraum.

Da trotz Bevölkerungschwund ja auch in den Gemeinden des Ruhrgebietes munter weiter gebaut wird, um sich gegenseitig Einwohner wegzuschnappen, und das wenn möglich als alleinstehende oder, in Ermangelung der Flächen, als höchstens anderhalbgeschossige Reihenhäuser, werden die noch vorhandenen Zwischenräume unausweichlich immer noch weiter verstädtert werden.

Trotzdem behandeln die Kommunen hier die jeweiligen Nachbargemeinden wechselseitig als Umland, mit dem man zwar im Einzelfall auch kooperiert, aber eben auch immer wieder in Konflikt, ja im Rechtsstreit liegt und permanent um Einwohner und Investitionen konkurriert, weil es keine gemeinsame Steuerkasse gibt und die Bürgermeister nun mal nur von den Bürgern ihrer Stadt gewählt werden können.

Völlig irrational wird das z.B. bei den städtischen Sparkassen, bei denen man, wenn man z.B. in Herne sein Konto hat, in keinem der anliegenden Gemeinden in denen man sich in der Regel täglich aufhält, en passant eine Überweisung tätigen kann, denn die Sparkassen sind nun mal kommunale Einrichtungen. Vom Nahverkehr will ich hier gar nicht weiter reden.

Das Ruhrgebiet ist trotz unterschiedlicher ökonomischer Teilentwicklungen und Außenbeziehungen von der Flächen- und Verkehrsinfrastruktur auch immer noch und weiterhin ein eng zusammenhängender Wirtschaftsraum. Von den gemeinsamen Problemen der Arbeitslosigkeit und des Strukturwandels ganz zu schweigen.

Alle die damit verbunden Probleme lassen sich nicht nur nach meiner Einschätzung sondern auch derer vieler anderer Experten als gemeinsame Einheit besser lösen als mit zig Einzelverwaltungen. Das trotzdem kaum noch einer von ihnen die Ruhrstadt empfiehlt und sich stattdessen auf die Bügermeisterfloskel “ Mehr Kooperation“ einlässt, ist der zähneknirschenden Anerkennung der politischen Machtkonstellation geschuldet und nicht besserer Einsicht.

Dass das alles den Normalbürger des Ruhrgebietes nicht sonderlich kümmert, liegt nicht an seiner Dummheit sondern daran, dass er im täglichen Hader mit der Welt steht und damit genug zu tun hat. Er regt sich -wie die meisten Bürger dieser Nation – zwar gerne auf, aber er wird deswegen nicht auf die Barrikaden gehen, so lange die Sache noch irgendwie funktioniert.

Was allerdings auch empirisch immer wieder bestätigt wird, ist, dass er sich eben nicht nur mir seiner Gemeinde oder seinem Kiez identifiziert sondern mit der gesamten Agglomeration, und das obendrein in relativ klaren Grenzen. Das kann man als Paradoxon sehen. Es ist aber keins sondern der Beweis, dass die Mehrzahl der Durchschnittsbürger dieser Agglomeration die Ruhrstadt wirklich lebt.

Käme sie denn, bzw. wäre sie von der Mehrheit der regionalen politischen Eliten ernsthaft gewollt, würde sich die Mehrheit deswegen auch genauso wenig dagegen wehren wie sie jetzt dafür aktiv wird. Würde jetzt schon das Regionalparlament direkt gewählt werden können, würde der größte Teil der Ruhrgebietsbürger an die Wahlurnen gehen und mit viel größerem Interesse als momentan verfolgen was dort entschieden wird.

Es gibt nämlich nicht nur eine gefühlte sondern eine reale Ruhrstadt und es wird sie am Ende sogar als Verwaltungseinheit oder besser -zweiheit geben. Als Städtetandem, bestehend aus zwei Sädten Namens Essen und Dortmund mit jeweils über eine Millionen Einwohnern. Und die Bürgermeister dieser Städte werden sich ein Ast lachen, wenn ihnen Jemand erzählt, das wären viel zu große und zu bügerferne Einheiten.

Ulrich Sierau wird das wahrscheinlich nicht mehr erleben. Aber wenn er jetzt das Angebot bekäme, der Chef einer Mehrmillionen Stadt zu werden, würde er diesen Job sehr wahrscheinlich ohne mit der Wimper zu zucken annehmen.

Wir würden kein Wort mehr von ihm hören, ob man diese Stadt nicht lieber in mehrere kleinere Einheiten zerlegt, weil freiwillige räumliche Kooperation doch soviel besser ist. Weil viele Gesichter viel mehr aussagen als nur eins. Er weiß nämlich, dass er den Job besser als manch anderer hinkriegen und auch noch wiedergewählt werden würde.

DH
DH
12 Jahre zuvor

Arnold, kein Grund sich zu bedanken; ich war gerade wieder einmal ein wenig am Thema dran, weil ich gestern mit meinem gemeinen Verein einen Gebietsreformfeierabend veranstaltet habe. Auch dort wurde, wie zu erwarten war, intensiv über die richtige Körnigkeit von Gebietseinheiten debattiert.
https://legendista.wordpress.com/2011/11/03/fruher-waren-das-wir-selber/

Zur Sache mit den Grenzen:
Auch im ländlichen Raum gibt es kein natürlichen Stadt- oder Gemeindegrenzen. Ob Waldstück A, Wiese B, Bachlauf C oder Weiler D zur Gemeinde X oder zur Gemeinde Y gehören, ist keine Frage der Natur, sondern immer das Ergebnis eines oft konfliktreichen Aushandlungsprozesses. Mit den kommunalen Gebietsreformen aus 1975 sind die Mehrheit der vielen kleinen Gemeinden ganz einfach verschwunden bzw. firmieren nun als neue, größere Gemeinden – „natürlich“ war an diesen neuen Gebietsabgrenzungen gar nichts.

Zur These von den Krisengewinnlern Essen und Dortmund:
Du behauptest, das demografische Downsizing und die strukturelle Finanzkrise der Kommunen liefen über kurz oder lang auf ein Zweistädtemodell hinaus, wenn weiterhin nur (freiwillig) „kooperiert“ und nicht „gesteuert“ würde. Am Ende bestünde das Ruhrgebiet aus zwei Städten, flächenmäßig jeweils so groß wie London, aber wegen der sehr viel geringeren Bevölkerung wohl eher zwei riesige Landbürgermeistereien mit einer stattlichen Zahl größerer und kleinerer Kerne.

Vorstellbar ist jedoch auch das Gegenteil, denn gerade in Krisenzeiten finden eben auch Zerfallsprozesse statt: Anstelle von Eingemeindungen treten Ausgemeindungen, Sezessionen: Da werden „problematische“ oder „fremd gebliebene“ Stadtteile ausquartiert, sich selbst überlassen; andere Stadtteile wollen sich lieber selbst regieren anstatt sich weiter als Teil einer hochgradig defizitären, handlungsunfähigen Großstadt lähmen zu lassen. Umso mehr, wenn diese Großstadt zum Zwecke der eigenen Konsolidierung solche Stadtteile auch noch abzuwickeln gedenkt.

Und ob Sierau irgendwann zum Adenauer des Ruhrgebiets wird, werden wir sehen. Adenauer hatte als Kölner OB 1945, die ganze Stadt in Trümmern, nichts Eiligeres zu tun, als die alten Pläne von Großköln, das die gesamte Kölner Bucht umfasste, herauszukramen und den Alliierten zur Unterzeichnung vorzulegen. Von den Briten wurde er kurzerhand abgesetzt. Wegen Unfähigkeit im Amt.

Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

@ DH #24

Danke für den Link. Habe ihn gerade abonniert.

Zu deiner These des möglichen Zerfallsprozesses:

Ich halte das keineswegs für unmöglich, denn es gibt ja auch dafür Symptome. Bei der letzten Reform des Regionalverbandes sind sie ja als konkrete Austrittsdiskussionen bzw. Wünsche in einzelnen Gemeinden deutlich geworden. Die Generaldebatte dahinter war die Frage der Zwangsmitgliedschaft bzw. der Frage, in welchen Zeiträumen Austritte aus dem Regionalverband möglich sind. Aber sie betrafen nur die Randgemeinden und nicht den urbanen Kern des Ruhrgebietes.

Wer sollte denn da von den kleineren Gemeinden, in der Hoffnung die Krise aus eigener Kraft zu bewältigen, desertieren? Und selbst wenn man einzelne Stadtteile dem sozialen und baulichen Verfall anheim geben würde, die Probleme dieser Gegenden würde sich unaussweichlich in den Nachbargebieten auswirken bzw. darüber hinaus ausstrahlen, ja sie tun es ja schon bei den momentan problematischen Stadtteilen.

Nehmen wir das Beispiel des mittleren Ruhrgebietes bzw. die Städte die um das Oberzentrum Bochum verwaltungsmäßig das Einzugsgebiet der dortigen Industrie- und Handelskammer ausmachen. Sie könnten praktisch weder gemeinsam noch einzeln aus der Stadtregion austreten, selbst wenn sie den Regionalverband verlassen dürften.

Ebenso würde ein völliger öknomischer und sozialer Niedergang dieses Gebietes, ja auch nur größeren Teilen davon, an den beiden großen Anrainerstädten Essen und Dortmund spurlos vorübergehen. Mit einem Satz: Die Städte des Kernruhrgebiets hängen einfach Infrastruktur- und siedlungsbezogen zu stark zusammen, als das hier ein Zerfallsprozess, wie du ihn skizzierst, nicht mehr Probleme schaffen als lösen würde.

Heiko Holtgrave
12 Jahre zuvor

1. “Manche leben Ruhrstadt, andere leben Hoch- oder Ehrenfeld, wieder andere leben New Babylon – das käme der Wahrheit näher.” (@ DH #9)

Ich glaube, Arnold, dass da mehr dran ist, als Du gerne zugeben möchtest. Selbst wenn die Empirie aussagen sollte, dass die „überwiegende Mehrheit der Ruhrgebietsbewohner (…) sich alltäglich innerhalb des urbanen Kernruhrgebietes“ (#12) bewegt, so dürfte das doch im wesentlichen auf 3 Faktoren zurückzuführen sein:
1.die berufliche bzw. ausbildungsbezogene Pendlerei
2.das gelegentliche, oder auch regelmäßige, „Shoppen“ in einem der großen Einkaufszentren mit überörtlicher Strahlkraft und
3.(schon sehr viel unbedeutender) das Wandern der gebildeteren Ruhris („die Kulturinteressierten“) zwischen den diversen Kulturstätten und Events.

Der Rest der Mobilität – die täglichen Besorgungen, der Schulbesuch, der Kindergarten, Behördenbesuche, Ärzte, etc. – spielt sich größtenteils im Umkreis von wenigen Kilometern ab – nicht unbedingt in der eigenen Stadt, aber doch in der Nähe. Insofern stimmt das sicherlich mit dem „subjektiven Stadtplan“, der sich nicht an Stadtgrenzen stört, doch sind diese Stadtpläne vom Maßstab her sehr unterschiedlich geschnitten und bestehen häufig genug auch nur aus „Versatzstücken“ realer Pläne (richtig zur Deckung kommen eigentlich nur die Trassen der regionalen Pendlerströme).

2. Hat wirklich „fast jeder von uns (…) Gebäude oder sogar ganze Ensembles, Stadt- oder Landschaftsteile außerhalb seiner Wohngemeinde, die ihm besonders am Herzen liegen und die er deswegen auch entsprechend häufig besucht“?
Nein, Arnold, das ist eine Erfindung – die Einbildung eines kulturpolitisch oder stadtpolitisch interessierten Intellektuellen. Oder würdest Du das CentrO als ein solches Ensemble bezeichnen? Doch wohl kaum.

Ich z.B. gehöre wohl – trotz beendeter Berufstätigkeit – zu denen, die verhältnismäßig oft und mit großer Regelmäßigkeit städteübergreifend unterwegs sind. Aber es ist eine Frage von Gelegenheiten, die mich dazu bewegt: bestimmte Dinge/Aktivitäten, die ich so – oder auch nur in ähnlicher Form – in meiner eigenen Stadt (Dortmund) nicht finde bzw. gefunden habe. Alles andere also als eines der von Dir angeführten „Highlights“ mit „Strahlkraft für alle Ruhris“ – nicht Gebäudeensemble, keine bestimmte City, kein Landschaftsbauwerk, kein Aalto-Theater und auch keine Schalker Arena.

Was bleibt von den regelmäßig besuchten anderen Städten in meinem mentalen Stadtplan hängen? Eigentlich nur die Bahnhöfe und ihre Vorplätze, die jeweilige Anordnung der Stadtbahnanlagen bzw. ZOBs. Bilder von ein paar Stationen. Vielleicht noch der kurze Weg zu einer nahen Kneipe, für das Bier danach. Viel mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Um es noch genauer zu sagen: Bevor ich in Bochum oder Oberhausen einen neuen Ort aufsuche, konsultiere ich den jeweiligen Falkplan – genauso wie ich es bei einem Besuch etwa in Münster oder Köln tun müsste.

3. Und schließlich: Erreichbarkeiten sind nicht nur eine Frage des mehr oder weniger passenden Verkehrsangebots, sondern auch eine Frage des Portemonnaies. Gerade wurde im VRR-Raum ein sog. Sozialticket eingeführt, für das knapp 1,2 Mio. der hier lebenden Menschen bezugsberechtigt wären. Darunter fast 1 Million Erwerbslose und Rentner, die ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise aus staatlichen Sozialleistungen bestreiten (müssen). Das neue VRR-Angebot wird bislang kaum angenommen. Was uns nicht sehr überrascht hat. Warum? Weil die 30 Euro, die die Monatskarte kosten soll (ohnehin nur Preisstufe A), für diesen Kreis immer noch um einiges zu viel sind. Das Geld aus dem gesetzlichen Regelsatz langt eben vorn und hinten nicht. Und für den ÖPNV (Stadt- und Regionalverkehr) sind darin gerade mal 18,41 € im Monat vorgesehen. Wohlgemerkt: Nur für einen alleinlebenden Erwachsenden – bei Ehepartnern, Lebenspartnerschaften, Kindern und Heranwachsenden sogar noch weniger!

Richtig passend zum Thema wird der Verkehrsverbund zum 1. Januar 2012 im Rahmen der sog. Tarifneuordnung unter seinen Kunden ein 2-Klassen-System bezüglich der erlaubten Reise-Reichweiten installieren. InhaberInnen des genannten SozialTickets dürfen – anders als die Inhaber aller anderen VRR-Monatskarten – nur das „kleine“ Zusatzticket hinzuerwerben, was dann nur noch zur Fahrt in die unmittelbar angrenzenden Städte bzw. Gemeinden berechtigt. Das geplante „große“ Zusatzticket zum Preis von 3,50 €, das den Geltungsbereich der Karte auf den gesamten Verbundraum ausdehnt, bleibt ihnen versagt. Es soll in Kombination mit einem „SozialTicket“ nicht gelten. Der Traum von der revierweiten Mobilität ist für diese Personengruppen spätestens mit dieser Änderung ausgeträumt.

Fazit:
Auch wenn ich persönlich der Ruhrstadt-Idee einiges abgewinnen kann, sollten wir uns davor hüten, die Wirklichkeit zurechtzubiegen, wie es uns gerade beliebt.

Das Revier ist – bislang – eben weder die große, zusammenhängende Stadt, noch ausschließlich eine Ansammlung von Dörfern. Die Wirklichkeit, auch im Erleben der Menschen, liegt irgendwo dazwischen. Das lässt sich nicht zuletzt an den individuellen Mobilitätsmustern ablesen, die – was Reichweite und Frequenz angeht – eine große Streuung aufweisen. Nicht jeder ist „Ruhrstädter“ (bzw. „Ruhrstädterin“) – und nicht jedem ist es erlaubt, ein solcher zu werden.

Zusammengenommen wird die Mobilität im Revier – bis auf einige zentrale Pendlertrassen – vermutlich ein recht amorphes Bild abgeben. Polyzentrisch zwar, aber ohne klare Identifizierbarkeit von Stadtgrenzen wie auch einer Abgrenzung des Gesamtraums nach außen. Erst aus der Summe aller Bezüge entsteht ein komplexer Zusammenhang. Der sicherlich eigene politische Strukturen – und Problemlösungskapazitäten – verlangt und verdient.

Heiko Holtgrave

VanBebber
VanBebber
12 Jahre zuvor

@Arnold Voß, @DH, Der Kreis Wesel wollte Mehrheitlich austreten. Um so weniger ist der Zwangsweise verbleib in der Ruhrstadt und der Audtritt aus dem Rheinland wünschenwert.

Von einem desertieren kann aber nicht die Rede sein. Der Kreis Wesel ist in dem Sinne nicht freiwillig eingetreten. Was den Austritt berifft, jede Stadt, auch Bochum und Mülheim, wie auch die Kreise, können alle 10 Jahre Austreten, wenn sie die 2/3 Mehrheit zusammen bekommen. Finanziell werden sie aber von RVR beim Austritt unter Druck gesetzt.

Arnold Voß
Arnold Voß
12 Jahre zuvor

@ Heiko Holtgrave # 26

Hallo Heiko, schön dass du dich mal wieder hier zu Wort meldest.

Ich stimme dir zu wenn du sagst, dass das individuelle überstädtische Mobilitätsverhalten im Ruhrgebiet sehr unterschiedlich ist und deswegen keineswegs bei jedem das Ruhrstadtgefühl entsteht, wie ich es in meinem Posting beschreibe. Auch denen, die sich sehr viel innerhalb dieser Stadtregion bewegen ist ihr Nahbereich wichtiger als andere Ort im Ruhrgebiet.

Aber, wie du selber in deinem eigenen Fall konstatieren must, ist selbst dieser alltägliche Nahbereich gemeindeübergreifend, und das gilt im Ruhrgebiet, im Gegensatz zu anderen Agglomerationen, für sehr viele Bewohner, weil nirgendwo sonst in Europa so viele dichtbesiedelte Städte so nahe beieinander liegen bzw. direkt aufeinander folgen.

Nicht umsonst hat das urbane Kern-Ruhrgebiet in Ost-West-Richtung für jeden ICE mindestens 4 Haltebahnhöfe in je gerade mal 10 Minuten Zeitabstand. Dazu ein Autobahnnetz das in seiner Dichte und Länge mit Los Angeles vergleichbar ist, und das im Dauerstau, weil nicht nur der regionale Durchgangsverkehr sondern auch der zwischenstädtische Verkehr im Ruhrgebiet vor allem mit dem privaten Automobil stattfindet.

Alle die da fahren erleben das urbane Kern-Ruhrgebiet als nichts anderes als eine große Stadt, auch wenn sie von ihr nicht viel konkretes wahrnehmen. Das gleiche gilt für die, die ökologisch korrekter, mit dem Zug durch diese Agglomeration düsen. Sie erleben, dass die Bebauung jeder Art einfach nicht aufhört, bzw. immer nur kurz untebrochen wird, selbst wenn sie fast durchgehend, im Sommer, grün eingepackt ist.

Da muss natürlich nicht gleich ein Identifikationsgefühl auftauchen, erst recht nicht im mobilen Stau- und Dichtestress. Aber was gibt es sonst für eine Erklärung für das große Zugehörigkeitsgefühl zur Gesamtregion, als dass es es diese objektive Wahrnehmung einer Gesamtheit gibt, die auch dann entsteht, wenn man eben einfach nur auf dem Weg von einem Ort zum anderen durch diese spezielle Stadtlandschaft hindurchfährt.

Viel deutlicher wird die Sache, wenn man das gleiche, bei genügend Zeit, mit dem Fahrrad tut, und das wird in den kommenden Jahrzehnten auch im Ruhrgebiet immer mehr geschehen. Dann kommt sehr wohl auch das Bewusstsein für die strukturelle ästhetische Ähnlichkeit zum Vorschein, die zusammen mit der Übergangslosigkeit zwischen den Städten und dem überall hörbaren ähnlichen Dialekt das Ruhrstadtgefühl zu erzeugen in der Lage ist.

Nicht für alle und immer, aber für immer mehr immer häufiger. Für viele ist es allerdings schon lang da. Sie nennen das Ganz nicht unbedingt Ruhrstadt, sondern Ruhrpott oder nur Pott, oder Metropole Ruhr, Ruhrgebiet, Ruhrland usw. Der Name ist dabei nicht das entscheidende, sondern dass es bei allen um viel mehr als nur die Stadt geht in der sie ihren Wohnsitz haben.
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Saretzki
Saretzki
12 Jahre zuvor

@ Heiko Holtgrave, die Ruhrstadt muss kommen, der Name ist egal. Ruhrpott oder oder Metropole Ruhr, Ruhrgebiet, Ruhrland, die Einheit muss muss kommen.

1. Dazu benötigen wir Leuchttürme, die die Strahlkraft des Doms überstrahlt.
2. Der Wiederstand der Rheinländer und Westfalen muss gebrochen werden.

Die Ruhrstadt ist die große Deutsche Stadt und die Grenzen, die alles Teilen müssen alle Beseitigt werden. Besonders, die Grenzen zwischen dem Rheinland und Westfalens.

Heiko Holtgrave
12 Jahre zuvor

>>Das Ruhrgebiet kann man hingegen – ein bisschen despektierlich – als Haufendorf oder Strassendorf bezeichnen.<< VRR-Vorstand Martin Husmann bei einem Versuch, den Unterschied zwischen Ruhrgebiet und einer echten, monozentrisch aufgebauten Stadt wie Köln herauszuarbeiten. (entnommen aus: Protokoll der gemeinsamen Sitzung von Verkehrs- und Sozialausschuss des Landes NRW am 8. Nov. 2011, APr 15/317, S. 25)

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