Die Schönheit des verborgenen Ruhrgebiets

Ich fixiere das Motiv im Sucher der digitalen Spiegelreflexkamera. Blind huschen meine Finger über die Tasten und Regler der Kamera. Meine Sinne sind hellwach. Konzentriert registriere ich jede Regung meiner Umgebung. Es ist still. Nur das Pfeifen von Wind und aufprallende Wassertropfen sind zu hören. In der Luft liegt die leise Spannung des Verbotenen. Das Klicken des Auslösers meiner Kamera tönt durch die Halle. Von unserem Gastautor Daniel D.

Im Hintergrund formen die Hochöfen des Thyssen Werks in Bruckhausen wie Berge die Silhouette des Horizonts und Schlote speien unablässig weißen Dampf in den Himmel. So oder so ähnlich muss das Ruhrgebiet unserer Eltern und Urgroßeltern ausgesehen haben. So sieht es heute aus: Ich stehe inmitten einer hoch aufragenden Fabrikruine. Rot von rostigem Eisen und Backsteinen, grau von Staub und Beton, mit dem durchschimmernden Grün der hereinwuchernden Wildnis. Jeder meiner Schritte laviert mich vorbei an zerbrochenen Glas, Dreck und zehnmetertiefen Abgründen. Die meisten Maschinen im Inneren der Anlage wurden entfernt und mit ihnen auch die sichernden Geländer. Jeder unbedachte Schritt kann jetzt tödlich enden. Die Verbotsschilder, die das Betreten des Geländes verhindern sollen, warnen nicht zu Unrecht. Dass sich dennoch viele regelmäßig über das Verbot hinwegsetzen, beweist allein der überall geflickte Zaun. Wie durch ein Wunder blieb der Ort bislang jedoch von schweren Unfällen verschont. Es wirkt beinahe, als reiche die bloße Konfrontation mit der Gefahr aus, um wachsam zu bleiben… vermutlich war es aber reines Glück.

Raum vermittelt durch Zeiten – das Erleben der Gegenwart lässt die Vergangenheit eines Ortes nachfühlen und über seine Zukunft spekulieren.

Hier erzählt der Raum den Aufstieg und Verfall einer Sinteranlage im Duisburger Norden, die zugleich symbolisch für das Ruhrgebiet sein kann. Obwohl über die Geschichte der Sinteranlage nur wenige, stereotype Informationen zu finden sind. Gebaut wurde sie in den Wirtschaftswunder-Jahren der Nachkriegszeit, vermutlich um das Jahr 1956 herum. Irgendwann in den 70ern wurde sie dann modernisiert, bevor sich ihre Tore in den 90ern endgültig schlossen. Ihre Funktion bestand, vereinfacht gesagt, darin, pulveriges Eisenerz mit Konzentraten sowie Zuschlägen zusammenzubacken und zu sogenannten Pellets zu verarbeiten. Diese wurden anschließend in den Hochöfen zu Stahl weiterverarbeitet. Die Pellets konnten die Gase, die beim Stahlkochen entstehen, besser entweichen lassen und halfen so, die Qualität des Endprodukts zu verbessern. Mit dem Schließen der (inzwischen abgerissenen) Ruhrorter Hochöfen verlor auch die Sinteranlage ihren ökonomischen Nutzen und ist seitdem, dem Zahn der Zeit (und des Vandalismus) ausgesetzt. Auf dem Dach der Sinteranlage wachsen heute Bäume. Von hier kann man den, nur wenige Kilometer entfernten, Landschaftspark Duisburg Nord in seinen bunten Lichtern funkeln sehen. Während am Fuße der Ruine, Kupferdiebe von den letzten noch zu findenden Kabeln die Isolierungen abfackeln. Dieser Ort hat so gar nichts mit den Imagebildern der Hochglanz-Magazine und Städteführer zu tun. Hier ist der Strukturwandel gescheitert, ist die Arbeitslosigkeit hoch und die Luft dreckig. Und so hat man, obwohl er mitten in einer belebten Wohngegend liegt, das Gefühl, einen versteckten, vergessenen Ort zu betreten (wie es zugleich noch viele überall im Ruhrgebiet gibt – während nebenan Leuchtturmprojekte versuchen, der Welt die Existenz einer Metropole Ruhr zu verkünden).

Dabei ist die Ruine unter Abenteurern und Fotografen längst überregional bekannt. Von überall aus Deutschland kommen Interessierte, um die dunklen, dreckigen Seiten des Ruhrpotts zu sehen. Sogar aus dem Ausland kommen Besucher. Vor allem aus den benachbarten Benelux Staaten, aber auch Briten und Franzosen, die die Sinterei als Teil einer Art inoffiziellen „Route der Industriekultur“  besuchen. Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem man dort nicht auf Fotografen und andere Künstler trifft, die sich von dem Ort inspirieren lassen oder ihn als Kulisse für ihre Projekte zu nutzen –  in einem sonderbaren, aber friedlichen Nebeneinander mit Kupferdieben, Jugendlichen und Paintball-Spielern.

Einigen überaus begabten Fotografen kann man hier begegnen. Sie versuchen dem Ort seine Geheimnisse zu entlocken und sie festzuhalten. Es ist eine Form der Kunst, die sich dem Verfall verschrieben hat und versucht, dessen ganz eigene, widersprüchliche Ästhetik einzufangen. Die facettenreich von der Schönheit im Hässlichen, von der Harmonie im Chaos, von Faszination und Abscheu, Wachstum und Niedergang erzählt. Raum und Zeit sind die Kernthemen, die ihre Werke durchziehen. Sie zeigen, wie sich selbst Eisen und Stein im Lauf der Zeit in Nichts auflösen. Gebautes aber gleichzeitig, als ein Versprechen in die Zukunft, selbst Menschheitsepochen zu überdauern vermag und dessen Zustand etwas über die Gesellschaft der Vergangenheit und Gegenwart aussagt.

Trotz ihres Talentes, bekommen die Künstler nur wenig Aufmerksamkeit. Sie sind es gewohnt, im Stillen und Verborgenen zu arbeiten. Ohne jemanden Schaden zuzufügen oder etwas zu beschädigen, umgibt sie dennoch das Stigma des Illegalen. Oft ist es unendlich schwer, Genehmigungen für das Betreten und Fotografieren der Gebäude zu bekommen. Oft sind die tragenden Strukturen marode und allein aus Sicherheitsgründen ist das Verbot zwingend erforderlich. In vielen Fällen haben aber auch die Eigentümer (sofern sie auszumachen sind) kein Interesse daran. Kommunen zeigen lieber die Vorzeigeviertel, als die „hässlichen“ und strukturschwachen Seiten ihrer Städte, die sie am liebsten verstecken würden. Ebenso zeigen Konzerne lieber ihre Erfolge, als ihre Niederlagen und Pleiten – Das Scheitern als gesellschaftliches Tabu.

Um dennoch Zeit- und Raumzeugen werden zu können, gehen die Künstler ihrer Passion heimlich nach. Bereit die Konsequenzen zu tragen, aber (trotz guter Vorbereitung) in ständiger Sorge vor Strafen und Unfällen. Die Werke gewinnen so auch dokumentarischen Wert; als eine Art Seismograph zeigen sie die alten und neuen Wunden der Region. Die Künstler sind daher immer auf der Jagd nach diesen urbanen Schandflecken, solange sie noch existieren. Ruinen der Montanindustrie, wie die Sinteranlage, gibt es immer weniger. Zugleich stehen, durch die Folge von Sparzwängen, Rationalisierungsbestrebungen sowie des demographischen Wandels, vermehrt Wohnblöcke, Theater, Schulen, Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen leer.

Arbeiten die Künstler auch ohne Erlaubnis, ohne Verwertungsrechte, Sponsoring oder irgendeine Art der Förderung, so sind ihre Werke doch einzigartig, unabhängig und rein aus sich selbst motiviert. Und wo, wenn nicht ins Ruhrgebiet, passt eine Kunst, die dreckig und ehrlich ist, besser hinein?

So zeigen die Fotoaufnahmen, in ihrer bildgewaltigen Authentizität, vermutlich mehr vom dem Ruhrgebiet zwischen Vergangenheit und Gegenwart, als Museen und Weltkulturerben es je könnten.

 

Noch ein Link-Tipp

http://beocay.de/

und eine Auswahl meiner Fotos

http://500px.com/Stoerfaktor

Villa Freud

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7 Kommentare

  1. #1 | Eva Horstick-Schmitt sagt am 29. Januar 2012 um 11:39 Uhr

    Schon 1997-2003 bin ich auf alten Industrieanlagen herumgelaufen,über Zäune geklettert und habe mit der Kamera und meiner eigenen Sicht dort unendlich viele Fotoserien erstellt.damals haben diese Fotos niemanden der kulturverantwortlichen interessiert. 2010 hing ein Teil meiner Fotoarbeiten dann im Hoeschmuseum, was mich sehr gefreut hat. Es sind Fotos voller Melancholie begleitet mit einem Text“Aschenpuettel-5Minuten für ein Mädchen von morgen“ u.a.geschrieben von der Journalistin julia Emmerich. Es ist sehr schwierig für Kulturschaffende uns als Kuenstler zu unterstützen, weil viele mit der Industrie in der Form abgeschlossen haben! Ich hoffe trotzdem meine Bilder noch anderswo präsentieren zu dürfen. unser Text und meine Fotografien handeln von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Reviers .Gruss Eva

  2. #2 | Arnold Voss sagt am 29. Januar 2012 um 12:25 Uhr

    Ihre künstlerische Arbeit in Ehren, aber es gibt solche Fotos zu Hunderten beim Pixelprojekt Ruhr:

    https://pixelprojekt-ruhrgebiet.de/index.php?id_language=1

  3. #3 | G.Arnold sagt am 31. Januar 2012 um 09:52 Uhr

    da kennen sie aber nicht die Arbeiten der Künstlerin , denn die gibt es sicher nicht doppelt in der ART. Sie
    haben wahrscheinlich die Ausstellung im Hoesch Museum nicht gesehen namens“Missing Steel“, sonst würden Sie das so nicht schreiben.
    MFG aus Selm

  4. #4 | AAron sagt am 31. Januar 2012 um 14:12 Uhr

    Ich würde gerne mal die Fotos von Eva Horstick-Schmitt sehen, auf ihrer Website sind leider nur andere Aufnahmen. Auch ich sehe Unterschiede zum pixelprojekt und denn Linktipps aus den Artikel. Glaub für Ausstellungen und offizieller Kunst braucht man immer Genemigungen der Eigentümer und das deswegen der Welt vieles verborgen bleibt…

  5. #5 | G.Arnold sagt am 31. Januar 2012 um 14:39 Uhr

    ein kleiner link
    http://www.unretuschiert.de

  6. #6 | Daniel Dank sagt am 1. Juni 2012 um 00:24 Uhr

    Jetzt mit eigener Website 🙂

    https://www.daniel-dank.com

  7. #7 | Dirk M. sagt am 31. Dezember 2012 um 12:53 Uhr

    Ein sehr schön geschriebener Artikel! Ich selbst war bereits 2x in Duisburg und bin von der Sinterei begeistert. Leider hat auch hier der Vandalismus bereits Einzug erhalten!! So stirbt Stück für Stück ein Teil der Ruhrgebietsgeschichte – LEIDER

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