Duisburg, es reicht: Unendliche Wundervolligkeiten!

ElkesDuisburg

Als ich klein war, versprach der elterliche Satz “Heute musst Du aber früh schlafen gehen, denn morgen fahren wir nach Duisburg” unendliche Wundervolligkeiten.
Duisburg, das war fast so aufregend wie ans Meer zu fahren, wo man unter anderem den nervenden kleinen Bruder im Sand verbuddeln und den ganzen Tag herummatschen durfte.

Es ging schon damit los, dass Duisburg so schön war – gut, jetzt nicht im herkömmlichen Sinne schön, aber es gab so viel zu staunen. Zum Beispiel die riesigen Schornsteine. Aus jedem kam andersfarbiger Rauch, mancher war grünlich, mancher rosa, mancher apricot, und so sah es an manchen Stellen aus, als hingen Berge von Zuckerwatte über der Stadt.

Und dazu gab es den Zoo, die coolste Verwandtschaft der Welt, die fand, dass der Job eines Kindes ist, laut zu sein, sich schmutzig zu machen und zu essen, was es will – so sahen das auch die anderen Leute in der Straße, in der sie wohnte, weswegen dauerhafter Spaß garantiert war.

Irgendwas aber ist seither mit den Leuten dort passiert (und nein, ich rede nicht von meiner Verwandtschaft, ich weiß nichtmal, ob überhaupt dort noch welche wohnt, und wenn, dann würde sie ja auch ganz anders mit Nachnamen heißen als ich, was die Möglichkeit, dass sie sich meldet, sehr unwahrscheinlich macht).
Als ich nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in Duisburg war, war dort nichts und kaum jemand mehr bunt und lustig und zuckerwattig, nicht einmal mehr im übertragenen Sinne.
Oder sagen wir so: Das Berliner Motto “Arm aber sexy” wurde in Duisburg in “Arm aber trostlos” umgewandelt, und so dumpft die Stadt also, angefüllt mit Ödnis und Langeweile, vor sich hin.

Aber warum?

Wie kann es sein, dass wunderschöne, sehr alte Wohnhäuser abgerissen werden, damit ein neues Volksbank-Gebäude oder etwas ähnlich Austauschbares entstehen kann? Warum finden die Leute in Duisburg das anscheinend in Ordnung, dass ihre öde Fußgängerzone damit noch öder wird, weil dann dort nicht mehr rund um die Uhr gewohnt, also gelebt, sondern bloß noch tagsüber gearbeitet wird? Wie kann es einem so scheißegal sein, was in der eigenen Stadt passiert?

Mit Armut allein ist das alles jedenfalls nicht zu erklären, denn Armut macht Menschen zwar lethargisch und traurig, aber doch nicht blöd – und vieles von dem, was in Duisburg passiert, ist von ausgesuchter Blödigkeit.

Und nein, es geht natürlich nicht nur um die Fußgängerzone, sondern um alles: Abends in einem Duisburger Hotel zu sitzen und im dort ausliegenden Stadtmagazin nachzuschauen, was man denn vielleicht noch machen könnte, scheitert nicht nur daran, dass es gar kein Duisburger Stadtmagazin gibt, sondern auch daran, dass im mehrere Städte umfassenden Blättchen Duisburg gar nicht extra ausgewiesen wird – nicht in der Rubrik Konzerte, nicht in der Rubrik Vorträge, nicht in der Rubrik Filme. nirgendwo. Duisburg wird unter “nördliches Ruhrgebiet” abgehandelt. Was nicht weiter schlimm ist, denn es gibt so oder so kaum erwähnenswerte Veranstaltungen, wenn man von ein, zwei Filmvorführungen und irgendeinem Diavortrag über Fischefangen in Lappland sowie einem in drei Wochen stattfindenden Konzert einer abgehalfterten Schlagergröße absieht.

Warum ist das so? Warum berichten andere Reisende, dass sie am Vortag nicht einmal eine nette Kneipe gefunden hatten? Was, zur Hölle, ist da los?

Vielleicht gibt es auf die vielen Fragen rund um die Duisburger Zustände Antworten. Vielleicht gibt es auch keine. In den nächsten Wochen werden hier jedenfalls einige Interviews mit Leuten zu lesen sein, denen die Stadt nicht egal ist.

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6 Kommentare

  1. #1 | Rouven sagt am 9. Mai 2016 um 14:59 Uhr

    Keine Ahnung in welchem Hotel der Autor war. Fast überall in der Stad liegt "Der Duisburger" aus oder man schaut einfach mal im Internet auf duisburgnonstop.de, das Innenhafen Portal oder duisburg-tonight.de. Ja es mag sein, dass seit eingen Jahren ein Dämon (der Loveparade) über der Stadt liegt. (Alles) Vieles lähmt. Und dennoch gibt es viele kleine Leuchttürme, die diese Stadt kulturell dennoch lebenswert machen. Leider und da muss ich dem Autor zustimmen, für Nichtduisburger nicht sofort erkennbar. Ich glaube fest an meine Stadt und ich lebe gern hier. Auf die Interviews mit denen die etwas bewegen wollen bin ich gespannt. Glück Auf.

  2. #2 | Udo Höppner sagt am 9. Mai 2016 um 15:36 Uhr

    Ja, da bin ich doch mal gespannt! Klar, mit Gestank ab Walsum, Milchtüte und MSV in Liga 1 war Duis burg aufregender, aber wir guckten ja auch mehr von unten rauf, Ich aus dem Ruhrgebietsdorf Dinslaken kommend. Mittlerweile habe ich in etlichen deutschen Großstädten gelebt und gearbeitet und meine Wahlheimat ist seit `89 Bochum. Aber: Ich habe auch 5 Jahre Kevelaer auf dem Buckel – und von dort aus entfloh ich mit meiner Ex, der Spargelkönigin, regelmäßig ins halbwegs nahegelegene Duisburg. Lehmbruck und Küppersmühle, Kantpark mit Life Musik Gastro (okay, verboten mittlerweile?), Galerie Kubus, Programmkino und Nuh`s Thai Restaurant, Graefen (alles am Dellplstz) ….
    Okay, Duisburg hat keine Theaterszene und die Fußgängerzone ist später abends fad (wie aber im Ruhrgebiet oft zu finden) – doch ich mag es nach wie vor, auch das schimmige daran. Ich werde, aneregt durch Deine Reihe hier, diesen Sommer wieder verstärkt nach Duisburg schauen und hoffe inständig, ich kann Dich teilweise widerlegen!
    Vom Landschaftspark Nord mit O.A. Kino und einigen Festivals (oder haben sie "Traumzeit" kaputtgespart?) will ich hier gar nicht erst anfangen. Der war, als ich ganz jung war und ich da "auf eigene Gefahr" rumkletterte mindestens ebenso spannend 😉

  3. #3 | Reinhard Matern sagt am 9. Mai 2016 um 19:34 Uhr

    Ich lernte Duisburg in den 80ern allmählich kennen, während des Studiums, nachdem ich von Gelsenkirchen nach Duisburg gezogen war. Meine ersten Erkundungen betrafen die Neudorfer Kneipen in Uninähe, die überwiegend von Studenten besucht wurden (insbesondere Finkenkrug, Bürgerhof), den Stadtwald hinter der Uni, der bis nach Mülheim reicht, und einige spezielle Lokalitäten Richtung Innenstadt (am Dellplatz / in der Steinschen Gasse). Von außen hätte ich diese Entdeckungen kaum alle machen können. – Gelsenkichen war und ist übrigens noch trostloser. Deshalb fiel mir der Umzug leicht.

    In den 90ern gründete ich meinen Verlag (AutorenVerlag Matern) und engagierte ich mich in der städtischen 'Kultur', über das damalige Jugendkulturbüro, das so hieß, weil es aus den Töpfen für Jugend finanziert wurde. Die damalige Kulturpolitik der Stadt war primär auf die eigenen Institute zugeschnitten, zu denen aber auch Errungenschaften wie die Atelierhäuser gehörten, die bereits früher entstanden waren. Das neu entstehende Soziokulturelle Zentrum entwickelte ich konzeptionell mit, stieg nach dem positiven Ratsbeschluss jedoch aus. Aufbau und einige wenige Jahre Betrieb verfolgten andere – und scheiterten: interne Misswirtschaft!

    Das Ruhrgebiet ist nicht arm wie Berlin, sondern mehr als Pleite. Berlin hat eindeutig Hauptstadtvorteile, auch Fördertöpfe, an die das Ruhrgebiet niemals herankommen könnte. Viele Städte des Ruhrgebiets unterliegen der Haushaltsaufsicht der jeweiligen Bezirksregierungen. Ins Ruhrgebiet ragen drei verschiedene Regierungen hinein. Die Städte haben den Industriewandel bislang nicht geschafft, die sozialen Kosten wuchsen.

    Es gibt durch die weiterhin hohe Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet nicht genügend Kaufkraft, um Innenstädte und alle Dörfer am Leben zu erhalten: Das Centro in Oberhausen kann nur durch auswärtigen Tourismus überleben. Selbstverständlich wird besonders im Dienstleistungssektor jede Chance genutzt (Versicherungen, Banken usw.), Betriebe anzusiedeln, das kann aber auch leicht schiefgehen; speziell unter Duisburg, in direkter Konkurrenz, liegt die Landeshauptstadt.

    Soweit ein knapper Überblick … Es gibt übrigens etliche Texte auf den Ruhbaronen, besonders über die wirtschaftliche und politische Entwicklung bzw. Nichtentwicklung des Ruhrgebiets.

  4. #4 | Jens Schmidt sagt am 9. Mai 2016 um 22:42 Uhr

    Duisburg hat in seiner Geschichte immer wieder schwere Schicksalsschläge erlitten und sich langsam von seinen Krisen regeneriert. Und die Love Parade hat die Stadt wieder einmal aus ihrem zurückeroberten Optimismus herausgerissen und liegt bis heute wie Mehltau über Duisburg. Das mit einem tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplex vermischte Gefühl, dass es nicht gerecht zugeht, dass Duisburg nicht mehr aus den Problemen rauskommt und "die da oben eh machen, was sie wollen", hat sich durch die sehr ernüchternde Zwischenbilanz des Adolf-Sauerland-Nachfolgers Sören Link und die gescheiterten Anklagen im LoPa-Strafprozess leider selbst verstärkt. Duisburg muss nicht cool sein; kaum eine Stadt steht weniger unter diesem Erwartungsdruck der mobilen Hipsters als wir, und das ist eine gute Chance für uns. Aber Duisburg muss fair, sozial und ehrlich sein; da ist die Duisburger Stadtgemeinschaft unerbittlich, und diese Erwartung wurde leider von den verfilzten Polit-Bonzen in den letzten Jahren bitter enttäuscht. Damit dass gelingt, muss die Duisburger Politik sich endlich davon frei machen, den Segen in jener Art von Investoren zu suchen, die die Stadt doch nur für kurzfristige eigene Ziele aussaugen wollen, und allen auf Augenhöhe und mit gesunder Skepsis begegnen, die uns wie Sektenführer die ganz große Lösung versprechen.

  5. #5 | André sagt am 10. Mai 2016 um 16:45 Uhr

    Liebe Elke Wittich,

    dass es auch anders gehen kann… lässt sich z.B. hier nachlesen:
    http://continentalbreakfasttravel.com/2015/03/02/discovering-duisburg-in-a-day-what-to-see-and-do/

    LG aus dem schönen Duisburg,
    André W.

  6. #6 | MrO. sagt am 15. Mai 2016 um 19:16 Uhr

    Ob Duisburg oder Oberhausen, ob Gelsenkirchen oder Mülheim – das Ruhrgebiet is over! Leerziehen und die Pumpen unter Tage abstellen. Das gibt zumindest optisch dann noch was her. Und billiger als die Kosten der Ewigkeitskosten und weitere sinnlose Fördermillionen für ein urbanes Ballungszentrum, das keinem Zweck mehr dient, ist das allemal.

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